Auf ein Büro der Linken in Gera ist in der Nacht zum Dienstag ein Anschlag verübt worden – offenbar von Rechtsradikalen, jedenfalls geht die Thüringer Landespartei davon aus. Das ist schlimm genug, in diesem Fall sind die Täter aber noch einen Schritt weiter gegangen als bei vielen der zahlreichen Attacken auf Büros in der Vergangenheit: Nach Angaben der Linken wurden „Böller oder sprengstoffhaltige Patronen“ benutzt, eine Nachrichtenagentur spricht bereits von einem Sprengstoffanschlag. In dem Haus, in dem sich die Wahlkreisbüros der Landtagsabgeordneten Margit Jung und Dieter Hausold sowie des Bundestagsabgeordneten Ralph Lenkert befinden, gingen Fenster zu Bruch, eine Tür würde beschädigt. Verletzt wurde zum Glück niemand. Der Landeschef der Linken, Knut Korschewsky, sprach inzwischen von einer „weiteren Stufe der Eskalation bei der Bedrohung und Einschüchterung“ von Abgeordneten der Linken. Eingeworfene Scheiben und Schmierereien mussten in der Vergangenheit immer wieder registriert werden, im März wurde bei einem Anschlag auf ein Linken-Büro in Sondershausen Feuer gelegt. Im Frühjahr hatte die Linksfraktion im Thüringer Landtag von der Landesregierung offizielle Zahlen über die Attacken verlangt: 2011 zählten die Behörden im Freistaat 24 Attacken auf Politikerbüros, 19 davon ordnete man der politisch motivierten Kriminalität zu. Betroffen waren alle im Landtag vertretenen Parteien – vor allem und weit am häufigsten aber die Linke. (vk)
Knut Korschewsky
Anschlag in Gera
Vier Bürgermeister
Bei den Wahlen der Landräte und Bürgermeister hat die Linke in Thüringen landesweit im Vergleich zu 2006 leicht an Boden verloren – sie kam hinter CDU (33,8 Prozent) und SPD (23,8 Prozent) auf 15,2 Prozent, vor sechs Jahren waren es noch 17,8 Prozent (alle Ergebnisse hier). In Bad Blankenburg, Gräfenroda und Neuhaus verteidigten Amtsinhaber der Linken ihre Bürgermeisterposten, in Sömmerda bleibt der Stadtchef ebenfalls links, hier trat Ralf Hauboldt neu für die Partei an. In Eisenach geht die Linke Katja Wolf am 6. Mai gegen einen parteilosen CDU-Bewerber in die Stichwahl. Eine Entscheidung in der zweiten Runde gibt es auch in den Landkreisen Nordhausen (siehe hier), Altenburg (siehe hier) und Ilmkreis (siehe hier) – damit sei die Partei „weiter auf Kurs, um in Thüringen eine erste Landrätin zu stellen“, sagte Landeschef Knut Korschewsky am Sonntagabend. Jetzt werde „noch einmal richtig Gas gegeben“. Insgesamt haben CDU, SPD und Linke bei den Kommunalwahlen Stimmen vor allem an Bewerber verloren, die nicht von einer einzelnen Partei vorgeschlagen wurden, man könnte hier von einem Trend zur Entparteilichung der Kommunalpolitik sprechen. Andererseits stieg die Wahlbeteiligung deutlich, was Knorschwesky als einen „großen Erfolg für die Demokratie“ bezeichnete. „Wenn die Bürgerinnen und Bürger sich dafür interessieren wer Ihre Interessen wahrnimmt, dann haben sie gewonnen.“ (vk)
„Eine echte Alternative“
„Mir wurde gerade berichtet, dass die Nominierung einstimmig war; das ist wunderbar, das war mir sehr wichtig. Ich hoffe, dass ich jetzt auch bei der CDU und der CSU einige Stimmen bekommen kann.“ Beate Klarsfeld, Kandidatin der Linken für die Bundesversammlung am 18. März 2012, unmittelbar nach ihrer Nominierung
“Wir haben uns im Parteivorstand (…) in einer sehr kritischen, selbstkritischen Diskussion gegeneinander, miteinander gesagt, dass bestimmte Dinge ein bisschen besser hätten laufen können. Aber wir sind letztendlich einstimmig zu einer Entscheidung gekommen, und zwar zu der Entscheidung, dass wir Beate Klarsfeld bitten, auf unseren Vorschlag für das Amt der Bundespräsidentin zu kandidieren.“ Linken-Chefin Gesine Lötzsch am Montag auf einer Pressekonferenz
“Die Tatsache, dass der Beschluss zu ihrer Nominierung im Parteivorstand einstimmig gefasst wurde, hat mich sehr gefreut.” Knut Korschewsky, Landesvorsitzender der Linken in Thüringen in einer Erklärung
„Beate Klarsfeld steht für eine Staatsräson, die aus Verantwortung vor der deutschen Geschichte handelt. Sie hat im Gegensatz zu anderen niemals einen Zweifel an der Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit der deutschen Verbrechen gelassen. Sie hat ohne zu zögern daran erinnert, dass Deutschland eine besondere Verantwortung für Israel und die Verteidigung des Existenzrechts des jüdischen Staates hat – übrigens genau so, wie es im Parteiprogramm der Linken formuliert ist, um da jedem Zweifel sofort zu begegnen.“ Linken-Vorsitzender Klaus Ernst auf derselben Pressekonferenz
“Eine Linkskandidatin ist die Links-Kandidatin nicht. Sie steht für den Kampf gegen alte und neue Nazis. Ihre Haltung zu Israel wird bei Teilen der Linken Widerspruch auslösen. (…) Die Garantie der staatlichen Existenz Israels ist laut Bundeskanzlerin Angela Merkel Staatsräson. Die Linke hat sich mit ihrer Entscheidung ein kleines bisschen regierungsfähiger gemacht, und ihre Kandidatin ein ganz schönes bisschen wählbarer auch für Nicht-Linke.” Aus einem Kommentar von Manfred Bleskin auf ntv.de
„Ohne seriöse Gegenkandidatur wäre die Bundesversammlung zu einer Farce geworden. Deshalb ist es richtig, dass die Linkspartei, die mal wieder demonstrativ außen vor gelassen wurde, sich durchgerungen hat, trotzdem mitzuspielen. Es gibt auch im rot-grünen Lager manche, die an dem designierten Bundespräsidenten zweifeln. Sie haben nun die Möglichkeit, abzuwägen und sich zu entscheiden. Es wäre ein Zeichen von Souveränität und der oft beschworenen Überparteilichkeit, wenn auch Sozialdemokraten und Grüne Klarsfeld nicht als bloße Agitpropkandidatin der Linkspartei sehen würden. So weit das Positive. Andererseits wirkt Klarsfeld als Kandidatin etwas retro. Produktiver für die Debatte wäre eine Kandidatur gewesen, die mehr für die Kritik am sozialen Auseinanderdriften steht.“ Aus einem Kommentar von Stefan Reinecke in der Tageszeitung
„Diese Kandidatur ist ein starkes Zeichen für Freiheit und Demokratie, sie ist ein authentisches Zeichen gegen Neonazismus und Geschichtsrelativismus.“ Matthias Höhn, Landesvorsitzender der Linken in Sachsen-Anhalt in einer Erklärung
“Ich freue mich außerordentlich, dass Frau Klarsfeld ihre Bereitschaft zur Kandidatur bekundet und die Linke sie als ihre Kandidatin nominiert hat. Es würde mich freuen, wenn sie auch aus den Reihen anderer Parteien Zuspruch findet.” Berlins Linkenchef Klaus Lederer laut einer Nachrichtenagentur
“Mir imponiert ihre Haltung, dass man nie aufgeben dürfe.” Kerstin Kaiser, Vorsitzende der Linksfraktion in brandenburg laut Nachrichtenagentur
“Ich hoffe auf ein gutes Ergebnis in der Bundesversammlung für sie.” Stefan Ludwig, Linkenchef in Brandenburg laut dpa
“Ich sehe in der Nominierung dieser mutigen Frau vor allem auch ein Signal gegen die Kriminalisierung antifaschistischen Engagements. Vertreter von Grünen und Sozialdemokraten, mit denen ich gemeinsam nicht nur auf der Straße gegen Neonazis aktiv bin, haben jetzt in der Bundesversammlung eine Wahl. (…) Wenn ich die Thüringer Programme von SPD und Bündnis 90/ Grüne richtig in Erinnerung habe, dürften Frau Klarsfeld die Stimmen der SPD und Grünen Vertreter, neben den Unseren, in der Bundesversammlung sicher sein.” Sandro Witt, stellvertretender Landeschef der Linken in Thüringen in einer Erklärung
“Nein, Beate Klarsfeld ist keine Kandidatin mit Parteibuch. Und auch wenn sie sich heute sehr positiv über die Bedeutung sozialer Themen und des Antifaschismus in der LINKEN geäußert hat, dürfte sie für meine Partei nicht immer nur bequem sein. Aber darum geht es auch gar nicht, das brauchen wir gar nicht. Beate Klarsfeld steht mit ihrem ganzen Leben für ein anderes, besseres, antifaschistisches, aufklärerisches Deutschland.” Aus einer Erklärung von Michael Leutert, Bundestagsabgeordneter der Linken
„Wir stehen an der Seite der Wählerinnen und Wähler, die sich eine Politik wünschen, die sich an den Sorgen der Menschen orientiert und nicht nach den Bedürfnissen von Unternehmen richtet. Deswegen war es für uns auch eine logische Folge, eine eigene Kandidatin zu nominieren, die gegen die neoliberale Allianz für eine soziale Politik steht.“ Ulrich Maurer, Vizechef der Linksfraktion im Bundestag in einem Interview
„Wir stellen Beate Klarsfeld nicht als eine Kandidatin der Linkspartei, der Linken auf. Wir stellen Beate Klarsfeld als eine Kandidatin auf, die von uns vorgeschlagen wird, die nicht in jedem Punkt mit uns übereinstimmt, aber die mit ihrer Persönlichkeit eine echte Alternative zu Herrn Gauck darstellt.“ Klaus Ernst auf besagter Pressekonferenz des Linken-Vorstandes
„Ob Klarsfeld nun regelrecht Wahlkampf machen will, ließ sie vorerst offen. Sie wolle sich erst mit der Linken in Berlin abstimmen, sagte sie. Zugleich hob sie aber hervor, dass sie als ,moralische Person‘ und als ,Nicht-Politikerin‘ antrete. Sie wolle sich auch nicht zu Themen wie der Euro-Krise äußern, denn sie sei keine Wirtschaftsfachfrau.“ Aus einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP vom Montag
„Frau Klarsfeld steht in überzeugender Weise für die Menschenrechte ein, sie setzte und setzt immer wieder klare und unmissverständliche Zeichen gegen eine Renaissance des Faschismus in Europa. Schließlich – und auch das ist gegenwärtig von großer Bedeutung – ist Beate Klarsfeld eine überzeugte Europäerin.“ Wulff Gallert, Vorsitzender der Linksfraktion in Sachsen-Anhalt, in einer Erklärung
„Sie ist eine Kandidatin aus Versehen. Eine Kandidatin des Zufalls, der Verlegenheit.“ Timo Stein in einem Kommentar auf Cicero online
„Die Linken, die sich von den anderen Parteien bei der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten ausgegrenzt fühlten, haben die Chance, sich eindrucksvoll in Szene zu setzen, nicht genutzt. (…)Es wurde bei allem Hickhack eine sehr präsentable Kandidatin gefunden. Beate Klarsfeld, eine Frau, die schon gegen Nazis gekämpft hat, als dies noch keinen gesellschaftlichen Beifall fand, hätte jedoch ein würdigeres Verfahren verdient gehabt.“ Aus einem Kommentar der Märkischen Oderzeitung
“Offensichtlich hat die Linkspartei nicht die Kraft gefunden, über ihren Schatten zu springen und mit einer Unterstützung von Joachim Gauck ihre Fehler aus 2010 zu korrigieren.” SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann laut einer Nachrichtenagentur
“Die SPD scheint über ihren Ärger, dass sie nun mit einem Präsidentenkandidaten leben muss, den sie nie wirklich wollte, demokratische Tugenden vergessen und die Grundrechenarten verlernt zu haben.” Linksfraktionsvize Ulrich Maurer in einer Reaktion auf Oppermann
Ein Viertel der Mitglieder
„Spitzenpolitiker der Linken haben sich mehrheitlich gegen ein Mitgliedervotum zur Entscheidung über den neuen Parteivorstand ausgesprochen.“ So beginnt die Meldung bei einer Nachrichtenagentur, die – das soll hier nicht weiter vertieft werden, die öffentliche Wahrnehmung auf eine Weise bestimmen dürfte, welche der Linken in Sachen Basisdemokratie kein gutes Zeugnis ausstellt. Eine Entscheidung hat es freilich in Elgersburg noch gar nicht gegeben. „Der Bundesvorstand sowie die Landes- und Fraktionsvorsitzenden wollen noch einmal mit der Basis diskutieren und im Januar 2012 entscheiden, wie sie weiter vorgehen.“ In der offiziellen Mitteilung der Partei ist zu erfahren, dass das Thema „von der Mehrheit der Landesverbände zurückhaltend oder ablehnend beurteilt“ wurde. Der Thüringer Landesvorsitzende Knut Korschewsky wird mit den interessanten Worten zitiert, „bei einem solchen Votum können sich die Kandidaten gar nicht richtig vorstellen, nicht ihre Argumente in Diskussionen vorbringen“.
Es gibt auch andere Argumente, die gegen eine Basisbefragung vorgetragen wurden. Abgesehen von formalen Gründen, etwa was die Kosten angeht, wurde gegen einen Mitgliederentscheid unter anderem vorgebracht, ein solche würde die mediale Logik nähren, die Politik personalisiert. Sogar der Vorwurf der “Entdemokratisierung” wurde gegen ein solches Verfahren vorgebracht. Die Frage „eines transparenten Prozesses zur Findung der gesamten künftigen Parteiführung“ wird auf der Website der Partei nach der Elgersburger Runde als eine der Aufgaben bezeichnet, denen sich die „erweiterte Führung der Linken stellen muss, um gemeinsam erfolgreich in die kommenden politischen Auseinandersetzungen und Wahlkämpfe zu ziehen“. Hier klingt zumindest die Frage durch, in welcher Weise die Personaldebatte die Wahlen in Schleswig-Holstein beeinflussen könnte.
Die Elgersburger Vertagung ist das eine. Die Positionen einiger Landesverbände das andere. Selbst wenn diese in der Minderheit sind, aber gerade für diese gibt es ja per Satzung einen Schutz. Nach den Vorständen der Partei in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein hat sich nun nämlich offenbar auch die Sächsische Linke dazu entschieden, einen Mitgliederentscheid zu fordern. Damit rückt das in der Ordnung für Mitgliederentscheide geforderte Quorum näher, nach dem eine solche Basisbefragung stattfindet, wenn ein entsprechender Antrag von Landesverbänden gestellt würde, „die gemeinsam mindestens ein Viertel der Mitglieder repräsentieren“. Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Schleswig-Holstein kommen zusammen – nach den Ende 2010 ermittelten Zahlen – auf über 30 Prozent der Gesamtmitglieder.
Ein wenig offen ist noch die Haltung des Landesvorstands Sachsen-Anhalt, der beschlossen hatte, vor der Elgerbsurger Runde “keine abschließende Entscheidung über die Beantragung eines Mitgliederentscheids” herbeizuführen. Der Beschluss von voriger Woche war aber allgemein als Votum für eine Basisbefragung interpretiert worden. Wenn die entsprechenden Beschlüsse vorliegen, wäre zu erwarten, dass die Forderung nach einem Mitgliederentscheid jetzt auch dem Geschäftsführenden Parteivorstand zugehen, der diese zu prüfen und „spätestens vier Wochen nach Eingang“ über die Zulässigkeit zu entscheiden hat. Das wäre dann im Januar, wenn die Bundes- und Landesspitzen nach derzeitigem Stand „erneut zusammen kommen, um gemeinsame Verabredungen für das weitere Verfahren zu treffen“. (tos)
(Die Passage zum Landesvorstand Sachsen-Anhalt wurde nachträglich ergänzt, es gibt dort noch “keine abschließende Entscheidung”. Die drei genannten Länder ohne Sachsen-Anhalt kommen nach den Mitgliederzahlen Ende 2010 zusammen auf 24,45 Prozent. Zu einer interessanten Frage könnte es nun also auch werden, wie sich die Mitgliederzahlen bis Ende 2011 entwickelt haben. vk)
„Fünfzig zu fünfzig“
Die Thüringer Linke kürt am Wochenende ihren Landeschef neu und die Delegierten haben tatsächlich eine Wahl. Herausforderer Steffen Harzer sieht seine Chancen bei „fünfzig-fünzig“, aus dem Umfeld des aktuellen Vorsitzenden Knut Korschewsky wird berichtet, dieser sei sich inzwischen recht sicher, dass es auf dem Parteitag in Sömmerda für eine weitere Amtszeit reicht. Das Rennen verläuft nicht in den üblichen Strömungsregistern der Linkspartei, Korschewsky und Harzer, der auch Mitglied des Linken-Bundesvorstandes ist, repräsentieren eher unterschiedliche Politikertypen. Gleichwohl geht es bei der Kandidatur auch um Inhalte, die Strategie des Landesverbandes und die Lösung von Problemen, mit denen die Linkspartei im Osten konfrontiert ist.
Der Hildburghausener Bürgermeister Harzer hat das Rennen seinerzeit mit dem Hinweis eröffnet, die Thüringer Linke arbeite zu wenig inhaltlich, es kämen nur selten Impulse aus der Landesspitze und bei der Personalsuche herrsche das Zufallsprinzip. Korschewsky, der zuletzt mit nur knapp 56 Prozent als Vorsitzender bestätigt worden war, sei es zu wenig gelungen, der Partei im Freistaat ein Gesicht zu geben – und damit auch ein politisches Gegengewicht zur starken Thüringer Landtagsfraktion aufzubauen. „Ich will schon, dass der Landesvorsitzende für die Menschen erkennbar ist“, so Harzer im September. „Es ist die Partei, auf deren Ticket die Abgeordneten im Landtag sitzen. Nicht umgekehrt.“ Das Signal wird Bodo Ramelow, der vor ziemlich genau einem Jahr die Aufgabe der Landtagsfraktion als „Dienstleister“ beschrieben hat, gehört haben. Der Fraktionschef in Erfurt hat sich aus dem Wahlkampf um die Landesspitze weitgehend herausgehalten, zum Programmparteitag der Bundes-Linken gemeinsam mit Korschewsky allerdings eine „Erfurter Wortmeldung“ initiiert, die man als eine Art Nebenprogramm lesen kann: Es geht um „zehn gesellschaftliche Hauptprojekte“, welche die Linke „in den Mittelpunkt“ rücken solle, „um an solchen Hauptlinien auch mögliche gesellschaftliche Bündnispartner messen zu können“. Korschewsky hat sich gerade skeptisch zu rot-roten Bündnissen bei kommunalen Wahlkämpfen geäußert und mancher mag seinen Wunsch nach einer Rückkehr Oskar Lafonatine als Positionierung verstanden haben – nicht alle in der Linken sehnen eine solche Rückkehr herbei. Angesprochen darauf, warum er eine vierte udn letzte Amtszeit anstrebe, hat Korschewsky auf ein Strategiepapier hingewiesen, das er umsetzen wolle, zudem gelte es den Generationswechsel zu moderieren und die Parteistrukturen “effektiver” zu gestalten, wo der Landeschef seine “Erfahrungen einbringen” will.
Der Zweikampf an der Landesspitze steht auf seine Art symbolisch für „eine riesige Baustelle“ der Landeslinken, wie es im Bericht des Vorstands formuliert ist: die Gleichstellung von Frauen und Männern. „Große Sorge müssen uns die zurückgehenden Kandidaturen von Frauen als Kreisvorsitzende machen, die Männerrunden in Führungsriegen oder bei Veranstaltungen oder auch die geringen Kandidaturen von Frauen im Bereich der Landesgremien“, heißt es in dem Papier. „Ein Alarmzeichen der jüngsten Vergangenheit ist auch, dass auch die Anzahl von Neueintritten von Frauen zurück geht.“ Und das bei insgesamt zurückgehender Basis. „Mitgliedergewinnung, Werbung und Pflege stellt das größte Problem unserer Partei dar“ – was sich in den Zahlen ausdrückt, die Landeslinke hat von über 7.000 Mitgliedern Ende 2007 auf gut 6.300 Ende 2010 verloren. „Herausforderungen in diesem Zusammenhang sind die demografischen Faktoren, der damit verbundene Mitgliederrückgang und die Tatsache, dass die Zahl der Neueintritte nicht die Zahl der verlorenen Mitglieder deckt.“
Mit den bisherigen Kandidaten für die kommenden Stellvertreterposten an der Landesspitze würde die Linke einen kleinen Generationswechsel vollziehen. Mit der Landtagsabgeordneten Susanne Hennig (34) und dem Gewerkschafter Sandro Witt (30) kandidieren jüngere Linke, die bisherigen Vize Ina Leukefeld und Jörg Kubitzki treten nicht erneut an. Auch die Landesgeschäftsführerin Katrin Christ-Eisenwinder hat ihren Hut nicht erneut in den Ring geworfen, für das Amt bewirbt sich Anke Hofmann. Landesschatzmeister Holger Hänsgen will erneut das Geld der Thüringer Linken verwalten. Die Vorstandswahl ist freilich nicht das einzige Thema in Sömmerda. Die Delegierten sollen unter anderem über die Wahlstrategie für das Jahr 2012 beraten – im Januar und April werden insgesamt 17 Landräte gewählt, außerdem werden jede Menge Bürgermeister-Posten besetzt. Auf Initiative von Harzer ist außerdem ein Antrag zur Frage der Kommunalfinanzen auf die Tagesordnung gerückt. Nicht zuletzt stehen Satzungsänderungen an. Am Samstag wird Linken-Chef Klaus Ernst auftreten, die Frage, ob es nicht langweilige werde, ständig nach Thüringen zu reisen, hat der Bayer gerade so beantwortet: „Ich fahre sehr gerne.“ (tos)
Kampfansage
Nicht nur in wahlkampfgeplagten Landesverbänden der Linken grummelt es derzeit. Auch die Thüringer Linke, die ein eher geruhsames Jahr erlebt, bekommt nun ihren Streit, in dem sich inhaltliche und personelle Fragen mischen. Anfang November findet der nächste Landesparteitag statt, bei dem der Parteivorstand gewählt werden soll. Landeschef Knut Korschewsky will wieder antreten, aber er muss sich möglicherweise warm anziehen. Denn die Thüringer Linke erlebt etwas in der Partei nicht Alltägliches: eine Konkurrenzkandidatur um den Spitzenposten. Korschewsky wird vom Bürgermeister von Hildburghausen, Steffen Harzer, herausgefordert. Und das mit einer klaren Kampfansage. Zwar kann die Thüringer Linke darauf verweisen, dass sie die besten Wahlergebnisse aller Landesverbände eingefahren hat, aber nach Harzers Ansicht herrscht dennoch Stagnation. Zuviel Selbstbeschäftigung, zu wenig Impulse aus dem Landesvorstand, zu geringes politisches Gewicht des Landesvorstands gegenüber der Landtagsfraktion, zu geringe Bekanntheit des Landesvorsitzenden – das ist Harzers herber Befund, und er kreidet diese Defizite offensichtlich in entscheidendem Maße Korschewsky an. Der wehrt sich unter anderem mit Hinweis auf ein Konzept zur Personalentwicklung, das vielen jungen Leuten Platz gibt – und auch ihm selbst. Korschewsky könne eben nicht loslassen, meint Harzer, der seit rund 15 Jahren Bürgermeister ist und im Bundesvorstand der Linken sitzt. Harzer sagt auch, wohin er den Landesverband führen will: Er soll so stark werden, dass es für eine SPD-CDU-Koalition gar nicht mehr reicht, sondern schon rein rechnerisch Rot-Rot zwingend wird. Auf der Internetseite des Landesverbandes stellen Korschewsky und Harzer in Interviews ihre Vorstellungen zur Debatte. (wh)
Kommt Harzer?
Der Thüringer Linken steht möglicherweise beim Parteitag im Herbst eine Kampfkandidatur um den Vorsitz ins Haus. Neben dem Landesvorsitzenden Knut Korschewsky, der seit 2006 amtiert, könnte auch der Oberbürgermeister von Hildburghausen, Steffen Harzer, antreten. Jedenfalls berichtet eine Thüringer Regionalzeitung, Harzer habe auf einer Vorstandssitzung eine Kandidatur angekündigt. „An jedem Gerücht ist etwas Wahres dran“, wird Harzers Antwort auf eine entsprechende Anfrage zitiert. Das klingt nicht unbedingt wie ein Dementi. Die Thüringer Linke war bei der Landtagswahl im Spätsommer 2009 mit gut 27 Prozent zweitstärkste Kraft hinter der CDU und deutlich vor der SPD geworden. Eine rot-rote oder rot-rot-grüne Regierung, für die eine Mehrheit existiert hätte, scheiterte letztlich an der Weigerung des SPD-Spitzenkandidaten Christoph Matschie, einen Ministerpräsidenten von der Linkspartei anzuerkennen. (vk)
