Gregor Gysi

Zensur des Verkehrsministeriums gegen Lärm-Gutachten ist eine Unverschämtheit

Gregor Gysi

Gregor Gysi

10.01.2012 – Pressemitteilung – Gregor Gysi

„Es ist eine Unverschämtheit, dass das Verkehrsministerium dem Umweltbundesamt de facto untersagt, das Lärm-Gutachten zum Flughafen Schönefeld öffentlich vorzustellen. Offenkundig sollen die dem Verkehrsministerium nicht genehmen Ergebnisse unterdrückt und damit dafür gesorgt werden, dass sie keinen Einfluss auf die Festlegungen der Flugrouten und des Flugbetriebs haben.

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Gregor, Helmut, Peer

Normalerweise gehört es zu den Standards für Politiker der Linken, genau das nicht zu tun, was Sozialdemokraten machen. Gregor Gysi bricht nun mit der goldenen Regel und schafft es sogar, den Steinbrück und den Schmidt gleichermaßen zu geben. „Ich bin bereit, zur nächsten Bundestagswahl wieder als ein Spitzenkandidat anzutreten“, bringt sich der Fraktionschef in der Superillu erst wie der frühere SPD-Finanzminister selbst ins Spiel, um dann, wie der frühere SPD-Kanzler, noch eine Nominierung auszusprechen: „Ich nehme an, Oskar ist dazu auch bereit.“ Keine Frage, Gysi und Lafontaine sind die Zugpferde der Linken. Aber warum man in einer Situation, in der die eigene Partei schon eine Personaldebatte am Hals hat gleich noch die nächste aufmacht, lässt schon grübeln. Wer hat eigentlich in der Linken das berühmte „Vorschlagsrecht“? Und wäre es nicht zumindest klug, die Wahl der nächsten Parteispitze abzuwarten? Aus der gegenwärtigen Kandidatenfindung für den Vorsitz, so geht die Meldung weiter, wolle sich Gysi „weitestgehend“ heraushalten. Da haben wir hier herzhaft gelacht. Und sind uns sicher: Die Helmut-Schmidt-Plakette und das Peer-Steinbrück-Banner sind ihm trotzdem sicher. (tos, Foto: Ausriss Wahlplakat der Linken 2005)

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LINKE 2012

Während sich einige LINKE-Bundestagsabgeordneten als Kämpfer gegen den Imperialismus mit den Regimen im Iran sowie Syrien solidarisieren [Link], darüber gestritten wird, ob man die Basis zur zukünftigen Parteiführung befragen will [Link] oder lieber alles wieder in “gewissen Kreisen” ausklüngelt (das Modell Gregor Gysi) [Link], verpasst es die Partei wichtige strategische und inhaltliche Entscheidungen zu treffen [...]

„Liebe Mitmenschen“

Dank Internet findet die eigenwillige Tradition, Reden zum Jahreswechsel zu veröffentlichen, immer größere Verbreitung. Was man auch als Vorteil sehen kann, denn so ist immerhin Widerspruch möglich. Schließlich behauptet Angela Merkel, dass es Deutschland gut geht. Die Linken-Politikerin Tina Flauger erklärt hingegen, warum für viele das Gegenteil richtig ist und was man dagegen machen kann – zum Beispiel Protestbriefe schreiben. Dabei will es Klaus Ernst nicht bewenden lassen, der Parteichef kündigte an, dass linke Parteien in Europa im kommenden Jahr den Kampf gegen Sozialabbau in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen wollen. Es werde in allen Ländern gegen die Kürzung von Löhnen, Renten und Sozialleistungen zu kämpfen sein. „Das wird das Markenzeichen der Linken in ganz Europa“, so Ernst. Linksfraktionschef Gregor Gysi hat den Gewerkschaften Unterstützung bei ihrem Engagement zugesichert, wobei sich das in den vergangenen Monaten vor allem auf verbale Hinweise beschränkte. „Arbeit muss in unserem Land endlich wieder den Wert bekommen, den sie verdient“, sagte Gysi. Das sei „nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein Gebot der wirtschaftlichen Vernunft“. Er forderte „eine Lohn-, Renten- und Sozialoffensive in Deutschland und Europa“ im kommenden Jahr. „Ich setze darauf, dass die Gewerkschaften auch und gerade in Deutschland ihre Zurückhaltung aufgeben. Es reicht ja nicht, Abwehrkämpfe zu führen, wir brauchen endlich einen nachhaltigen Anstieg der Reallöhne und -renten.“

Die Sozialpolitikerin Diana Golze sagte, „die Themen Rente, Mindestlohn und Arbeitsmarktpolitik, aber auch Gesundheit und Pflege“ stünden weiterhin für die Linke im Mittelpunkt. Es brauche Konzepte „für eine sozialere Politik“ – und „dafür sind wir gut aufgestellt“. Unterdessen hat auch der Bundesausschuss Friedensratschlag sein „friedenspolitisches Aktionsprogramm“ vorgelegt. Im Mittelpunkt stehen dabei der Krieg in Afghanistan, die Warnung vor neuen Kriegen und die Kritik an NATO und Bundeswehr. Bereits Anfang Dezember hatte die Spitze der Linken eine Reihe von Vorhaben für das kommende Jahr angekündigt – unter anderem, dass „die Aktivitäten zum Thema Euro-Krise“ auch im nächsten Jahr „fortgesetzt werden“. Konkretere Vorschläge will der Vorstand im Januar diskutieren. Vize Heinz Bierbaum soll den Linkenvorstand zudem im Bündnis “Wir zahlen nicht für eure Krise!” vertreten. Begrüßt hat das geschäftsführende Gremium auch, „dass die Rosa-Luxemburg-Stiftung einen ,Ratschlag‘ mit außerparlamentarischen Kräften organisieren wird“. Im Frühjahr und Frühsommer sollen „drei bis vier regionale“ Veranstaltungen mit Vertretern aus Gewerkschaften, Verbänden sowie sozialen Bewegungen und Initiativen stattfinden. Die Linkspartei selbst will im Herbst 2012 zu einem Zukunftskongress einladen, mit dem versucht werden soll, „die gesellschaftliche Debatte über notwendige und sinnvolle Veränderungen zu beleben“. Auch soll „in einem offenen, beteiligungsorientierten Verfahren über Erwartungen an ein linkes Bundestagswahlprogramm 2013 und darüber hinaus“ diskutiert werden. (vk, Foto: sxc.hu)

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Russland und die Linke

Die russische Regierung hat den USA die Verletzung der Menschenrechte vorgeworfen. „Die Lage in den Vereinigten Staaten ist weit von den Idealen entfernt, die von der Regierung in Washington proklamiert werden“, heißt es im ersten Menschenrechtsbericht des Moskauer Außenministeriums. Das Papier wird eine öffentliche Reaktionen auf die nicht zuletzt amerikanische Kritik am Zustand der Demokratie in Russland sein – wo in dieser Woche abermals Zehntausende gegen Ministerpräsident Wladimir Putin, Wahlfälschung und die Einschränkung politischer Rechte demonstriert haben. Die größten Demonstrationen seit dem Ende der Sowjetunion sind für die Linke hierzulande bisher kein großes Thema.

Erklärungen zur Entwicklung an der Moskwa sind jedenfalls seltener als etwa zu den Ereignissen des Arabischen Frühlings. Nun sollte man mit solchen Vergleichen sicher vorsichtig sein, es sind freilich auch schon Solidaritätserklärungen mit Bewegungen in aller Welt abgegeben worden, bei denen die Nachrichtenlage über die oppositionellen Akteure, die politische Dimension des Konflikts und seine historische Tendenz noch schlechter war, als anfangs in Nordafrika oder jetzt im Falle Russlands. Dass die dortigen Proteste auf eine gewisse Skepsis stoßen, dürfte mit mit mehreren Faktoren begründet sein, dazu gehören sicher der soziale Charakter der Demonstrationen und die politische Ausrichtung der Opposition.

An anderer Stelle war das aber nicht unbedingt in gleichem Maße Anlass für Zurückhaltung, weshalb der Gedanke nahe liegt, dass die in Moskau Herrschenden bisweilen eine Art heimlichen, antiimperialistischen Kritikschutz genießen: Das Land ist einer der wenigen echten politischen und militärischen Konkurrenten der USA, diese relative Stärke ist manchem offenbar wichtiger als politische Forderungen, die man sonst gern an andere richtet. (Im Aufruf zur Luxemburg-Liebknecht-Demo heißt es: „Unsere Sympathie gilt allen Bestrebungen, den US-amerikanischen Hegemonieanspruch einzudämmen.“ Wirklich alle?) Ein historisches Moment wird man dabei nicht übergehen können: Moskau war über Jahrzehnte einer der Sterne am linken Firmament, und selbst für jene, die sich kritisch von der realsozialistischen Autokratie in Moskau absetzten, lag das Heil dann meist ein paar Tausend Kilometer südlich: in Peking. Auch mit oppositionellen Bewegungen in China, um diesen Bogen zu schließen, tun sich Linke hierzulande oft schwerer als mit politischem Aufbegehren anderswo.

Nicht selten wird dabei übrigens genauso argumentiert, wie es nun die russische Regierung tut: Sie verweist auf die Menschenrechtslage in den USA und den Widerspruch, der sich zwischen den Forderungen des Demokratie-Exportweltmeisters und der von ihm selbst verantworteten politischen Realität auftut. Das Argument ist zugleich eine Kritik an der Instrumentalisierung von Menschenrechten – und Teil einer in sich selbst kreisenden Diskurslogik, bei der auf die Kritik, in der DDR habe es gravierend an politischen Rechten gefehlt, entweder der Hinweis auf die soziale Spaltung in der Bundesrepublik folgt oder der, man könne dort zwar fast alles sagen aber es interessiere ja niemanden mehr. Damit lässt sich beinahe jede Debatte durch den Sprung auf eine andere Ebene erledigen.

Zurück nach Russland. Was sagt eigentlich die Linkspartei? Die hat immerhin gerade ein Programm beschlossen, in dem alternativ zur NATO “ein kollektives Sicherheitssystem unter Beteiligung Russlands” angestrebt wird. Fraktionschef Gregor Gysi hat Neuwahlen gefordert. „Klug wäre es“, zitiert ihn die Welt, dabei „die ausgeschlossenen Parteien zuzulassen und eine strikt ehrliche Auszählung in jeder Hinsicht zu garantieren. Mit dem Ergebnis müssen und können dann alle leben.“ Gysi geht außerdem davon aus, dass die Proteste anhalten. Der außenpolitische Sprecher der Fraktion, Wolfgang Gehrcke, hat eine Aufklärung der Vorwürfe der Wahlmanipulation angemahnt und an die russische Führung appelliert, „jetzt einen anderen Umgang mit den Protesten an den Tag“ zu legen. Direkte Solidarität mit den Protestierenden äußerte der Abgeordnete Stefan Liebich bei einer die Ereignisse in Russland betreffenden Debatte im Bundestag: „Wir stehen an der Seite der Hunderttausenden Russinnen und Russen auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau, in Sankt Petersburg und Perm, die sich für freie und faire Wahlen und mehr Demokratie in ihrem Lande aussprechen.“

Liebich verweist auf ein Moment an, das eine der Dreh- und Angelpunkte der linken Betrachtungsweise zu sein scheint: „Im Wahlergebnis zeigt sich weiter – das hat mein Kollege Wolfgang Gehrcke vorhin schon erwähnt –, dass auch die wachsende soziale Spaltung immer weniger akzeptiert wird.“ Die soziale Dimension der Proteste wird anderswo dagegen bestritten: „Nicht sozialer Niedergang treibt sie auf die Straße, sondern das Fehlen politischer Emanzipation. In welchem Sinn sie größere politische Freiheiten zu nutzen gedächten, ist wiederum eine ganz andere Frage“, kommentiert die Junge Welt die Proteste. Damit sind zugleich Vorbehalte gegen die so unterschiedlichen Akteure verbunden, deren politische Agenda unscharf ist und die sich offenbar in der Gegnerschaft zur Doppelspitze Putin und Dmitri Medwedjew schon weitgehend erschöpft.

Die Moskauer Böll-Stiftung rekapituliert nach den ersten drei Wochen der Proteste, Russland sei „zwar noch kein anderes Land, aber eines, das sich, wie es der Zivilgesellschaftsrat beim Präsidenten am vergangenen Freitag ausdrückte, ,in einer neuen Realität‘ wieder findet. Das ist umständlich aber durchaus fein gesagt. Es ist etwas ins Rollen gekommen. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Das Russland nach den Präsidentenwahlen wird anders aussehen.“ Im Neuen Deutschland wird eine Umfrage des als unabhängig geltenden Moskauer Lewada-Zentrums zitiert. Danach bekannten sich 70 Prozent der Teilnehmer einer der bisher größte Demonstrationen in Russland zu liberalen Werten, 25 Prozent bezeichneten sich als Kommunisten, Sozialdemokraten und Linke, fünf Prozent als Nationalisten.

Währende des Arabischen Frühlings war es für die Diskussionen hierzulande nicht zuletzt entscheidend, politischen Einschätzungen aus der Nähe zu vertrauen – Berichten von den Demonstrationen, den Debatten in den Gewerkschaften, unter den Intellektuellen. In der Tageszeitung kommt die Jungautorin Alisa Ganijewa zu Wort, die Sorgen hat, es könne eine Revolution geben – „was das für ein Aufstand wird – rot oder braun –, ist nicht klar.“ Der Soziologe Boris Kagarlitzki hat hingegen in einem Beitrag darauf hingewiesen, dass eine auf politische Freiheitsrechte beschränkte Bewegung nicht erfolgreich sein werde, sondern es einer Klammer bedarf, welche die sozialen Forderungen der Bevölkerungsmehrheit integriert. (tos)

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Drei nach Neun

Joachim Bischoff, Bernhard Müller und Björn Radke machen sich auf sozialismus.de Gedanken über die „Neuerfindung der Linkspartei – aber wie?“ und zeigen, dass man die Bewerbung von Dietmar Bartsch auf eine politische Weise diskutieren kann, die sich nicht schon vorher zwischen Gefolgschaft und Feindschaft entscheiden muss, sondern erst einmal danach fragt, unter welchen Bedingungen die Linke wieder in die Offensive kommen könnte: „Schon seit Anfang 2011 wird in der Partei und Teilen der Öffentlichkeit auf die Herausforderung verwiesen, dass nur über eine Veränderung in der politischen Strategie und eine selbstkritischen Überprüfung der Organisation der schleichende Niedergang beendet werden könnte. Bislang haben die Parteiführung, aber auch die Bundestagsfraktion, wenig Neigung zu einer selbstkritischen Korrektur erkennen lassen“, schreiben die drei Hamburger. „Dietmar Bartsch will die Partei ,neu erfinden‘. Diese Überlegung verdient Respekt, gleichwohl ist auch Bartsch bisher nicht durch inhaltliche Vorstöße zur Veränderung der politischen Praxis hervorgetreten.“ Einiges ist vom Mecklenburger inzwischen skizziert worden, nicht zuletzt entsteht ein gewisses Bild durch den Hinweis auf Dieter Kleins Anmerkungen zum „Viereck“. Aber, schreiben Bischoff, Müller und Radke, „völlig offen“ bleibe bislang, „mit welchen Inhalten, Organisationsreformen oder mit welchem Team die gesellschaftspolitischen Ziele deutlicher in der Öffentlichkeit präsent gemacht werden könnten“. Auf einige Schwierigkeiten des asymmetrischen Wahlkampfes, in dem nun vor allem von Bartsch ein inhaltliches Programm erwartet wird, sich die anderen Aspiranten für die „kooperative Führung“ aber bedeckt halten können, weil „gewisse Kreise“ sie noch gar nicht auf das Schachbrett der kommenden Führung gesetzt haben, ist hier schon verwiesen worden. Die Kollegen vom Sozialismus könnten dem dennoch etwas abgewinnen: „Neue Überlegungen und Positionen in den Parteidiskurs zu tragen, ist eine begrüßenswerte Initiative, wenn sie sich dabei nicht nur auf die Vorstellung eines ,Kandidaten-Profils‘ beschränken, dem nur zuzustimmen bzw. eben nicht zuzustimmen ist. Wenn sie als Impuls für eine offene Debatte verstanden werden sollen, könnten in diesem Zusammenhang Überlegungen zum gesellschaftspolitischen Handlungsprofil und Einladungen zur Mitarbeit an der praktischen Umsetzung eine Entwicklung eröffnen, die sich später als Neuerfindung der Partei herausstellt.“

Ob und wie die Partei eine derartige Einladung überhaupt als solche verstehen will, geschweige denn anzunehmen bereit ist, konnte man in den vergangenen Wochen bereits gut beobachten. Auch Dietmar Bartsch kommt darauf in einem Jahresrückblick zu sprechen: „Fakt ist, seit ich erklärt habe, im nächsten Jahr für die Wahl zum Parteivorsitz anzutreten, sehe ich mich neben der vielen Unterstützung auch heftiger Attacken von einigen ausgesetzt, Unterstellungen und Beleidigungen eingeschlossen. Aus der eigenen Partei wohlgemerkt!“, schreibt der Fraktionsvize. Widerspruch, auch Widerstand, in jedem Fall harte sachliche Kritik – das kam für Bartsch nicht überraschend und ist zudem „eine Selbstverständlichkeit, auch ich nehme mir das Recht heraus, im Meinungsstreit meine Positionen zu verfechten und die anderer anzugreifen“. Im Falle der Debatte über seine Kandidatur geht es für ihn aber deutlich darüber hinaus und ist Anlass, „über die politische Kultur in unserer Partei generell nachzudenken“.

Über die Frage der Außenwirkung der Linken wiederum hat sich Gregor Gysi in einem Interview mit dem Freitag gemacht und erklärt, man müsse „den Leuten klar machen, dass die Wirtschaft auch bei uns funktionieren würde. Weil wir zum Beispiel gelernt haben, dass wir den Markt für kleine und mittlere Unternehmen brauchen. Aber die Deutsche Bank kennt eben keinen Markt, ebenso wenig wie die großen Energiekonzerne. Wir müssen die Vertreter einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft sein. Banken und viele Großkonzerne stehen außerhalb dieser Marktwirtschaft, weil sie so dominant sind. Und deshalb dürfen sie nicht privat bleiben. Im Kern geht es noch nicht um die Frage, wie man den Kapitalismus überwinden kann – obwohl einige in der Linkspartei schon jetzt davon träumen –, sondern wie wir ihn bändigen können.“ Das wird man auf dem linken Flügel der Linken mit einer gewissen Skepsis gelesen haben. Auch Joachim Bischoff, Bernhard Müller und Björn Radke kommen darauf zu sprechen. Wenn Gysi „die Notwendigkeit der Übersetzung von programmatisch-strategischen Zielsetzungen in Alltagsbewusstsein und Alltagssprache“ betont, tue er das zwar ganz zu Recht, tappe aber „bei seinem Beispiel von der funktionierenden sozialen Marktwirtschaft in die selbst kritisierte politische Falle. Die Rede von einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft und der Bändigung des entfesselten Kapitalismus dürfte weder den AktivistInnen der Partei noch dem Großteil der WählerInnen weiterhelfen. Die Bändigung des ,Raubtierkapitalismus‘ ist seit längerem auch die erklärte Zielsetzung der Sozialdemokratie“, so Bischoff, Müller und Radke. Das allein wäre sicher kein Problem, die Umsetzung dieses Anspruchs in der Wirklichkeit ist es hingegen schon. „Faktisch herausgekommen ist eine mehr oder minder weitreichende Beteiligung und Förderung des Finanzkapitalismus“. (tos)

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Den Mumm haben

„Linke rechnen mit Merkels Krisenmanagement ab. Gysi: Sparkurs verschärft Probleme. Wagenknecht setzt auf Protestbewegung.“ Es ist ja nicht so, dass die Partei ausschließlich mit ihren Personalfragen für Schlagzeilen sorgt. Jedenfalls haben die Nachrichtenagenturen am Dienstag ihre den kapitalistischen Kladderadatsch betreffenden Zusammenfassungen mit den Forderungen der Linken angefeatured. „Im Moment wird die europäische Idee nicht vertreten, sondern eher zerstört“, wird da zum Beispiel der Linksfraktionschef zitiert. Europas Regierungen müssten „den Mumm haben, den Finanzjongleuren Einhalt zu gebieten“. Auch Sahra Wagenknecht hat die dafür meist günstige Zeit zwischen den Jahren genutzt, um sich per Agentur-Gespräch bemerkbar zu machen. Sie forderte, Rettungsmechanismen wie dem EFSF oder dem ESM eine Banklizenz zu geben. So könnte sich die Einrichtung günstig Geld bei der Europäischen Zentralbank leihen und dieses Geld zu niedrigen Zinsen an die Staaten weiter geben. Von allein, so die Parteivize, werde das aber nicht geschehen. Sie hoffe daher auf eine Protestbewegung: „Man muss es den Regierungen unmöglich machen, ihren Kurs weiter zu verfolgen. Diesen Druck könnten nur breite Bewegungen erzeugen.“ Gysi setzt dagegen ein bisschen mehr auf Angela Merkel – die Kanzlerin solle die Gelegenheit der Neujahrsansprache nutzen, um eine neue Garantieerklärung für den Schutz aller Spareinlagen der Bundesbürger abzugeben und darüber hinaus zu versichern, dass Löhne, Renten, Sozialleistungen im Zuge der Krise nicht gekürzt würden. (vk, Foto: Linke)

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Gewisser Kreis

Nun wird Druck gemacht: Gregor Gysi will einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur zufolge eine Vorentscheidung über die künftige Linken-Spitze in den nächsten Tagen. „Wir haben noch bis Mitte Januar Zeit, eine entsprechende Lösung zu finden“, wird der Linksfraktionschef zitiert. Man solle sich dazu „in einem gewissen Kreis verständigen“, diese Verfahren ziehe er einem Mitgliederentscheid vor. „Wir kommen personell erst zur Ruhe, wenn der neue Parteivorstand gewählt ist“, äußerte er in dem Gespräch weiter. „Es sei denn, wir setzten vorher die Idee einer kooperativen Führung um, dann sind wir die Debatte auch los.“

Die Idee einer „kooperativen Führung“ wabert bereits sei Elgersburg als Gegenmodell zum Mitgliederentscheid durchs Parteigebälk, ins Gespräch gebracht von Oskar Lafontaine hatte es auf dem linken Flügel sogleich für Beifall gesorgt. Dabei spielte allerdings weniger das damit verbundene Konzept eine Rolle, von dem nicht viel mehr bekannt ist als dass ein Team gemeint ist, „dass charakterlich gut zusammenpasst und so in der Lage ist, etwaige politische Differenzen zu überbrücken“, wie es die dpa formuliert. Man könnte nun einerseits annehmen, dass dies eine übliche Voraussetzung für die kollektive Leitung politischer Organisationen ist, sogar für die Linke, die so gern streitet. Es also ihrer Anpreisung als Alternativmodell gar nicht bedurft. Und man fragt sich andererseits, wer eigentlich die charakterliche Eignung in einer Partei feststellt – der „gewisse Kreis“, von dem Gysi spricht? Oder allein er selbst, der damit schon Erfahrung sammelte, als er einem Vorstandsmitglied wegen Illoyalität die Bundesgeschäftsführungsfähigkeit absprach?

Indem die „kooperative Führung“ als Gegenmodell zu einer per Mitgliederentscheid nominierten Linken-Spitze auf die Bühne geschoben wurde, soll auch der Eindruck entstehen, dass ein basisdemokratisches Verfahren womöglich eine unkooperative Führung hervorbringen könne. Vielleicht sollten jene, die sich in dem „gewissen Kreis“ wähnen, darüber nachdenken, sich eine neue Basis zu wählen? Gleichzeitig verschärft Gysi nun das Tempo: Es strebt offenbar vor dem 16. Januar eine Entscheidung an, also bis zu dem Datum, das bisher für die Klärung des Verfahrens genannt wurde. Die Not der Basisbefragung wird ihm dabei zur Tugend der Aushandelung im kleinsten Kreis: Dass die Partei für einen Mitgliederentscheid „noch keine Kandidatenstruktur“ habe, „zwingt uns ja noch mehr, über die kooperative Führung nachzudenken“. Nicht zuletzt wird die Personaldebatte selbst zum Argument für ihre rasche Entscheidung: Der (gänzlich unbewiesenen) Behauptung folgend, sie sei es, welche verhindere, dass die Linke mit ihren inhaltlichen Forderungen nicht durchdringe, müsse damit schnell Schluss sein – und die schnellste Variante sei nun einmal der “gewisse Kreis”.

Gysi hat sein Plädoyer für eine schnelle Entscheidung noch mit einem weiteren Argument versehen: die Vorbereitung der kommenden Bundestagswahl. Diese müsse schneller beginnen, als es der bisherige Zeitplan erlaubt. „Eine Bundestagswahl bereitet man länger vor, es ist sehr spät ab Mitte nächsten Jahres. Und vor allen Dingen weiß man ja noch gar nicht, ob die Bundestagswahl im Herbst 2013 stattfindet.“ Das lässt sich zugleich als ein Hinweis darauf verstehen, wen die Verständigung auf eine „kooperative Führung“ mit einbeziehen soll: Oskar Lafontaine. Nicht ganz zufällig wird der von Gysi in einem anderen Agentur-Gespräch für eine neuerliche „Führungsrolle“ in der Fraktion ins Gespräch gebracht: „Lafontaine ist wieder gesund, er ist fit und er ist ein bisschen unterfordert im Saarland.“

In der Diskussion ums künftige Personal sind damit nun fünf Mannschaften unterwegs: Erstens die Verfechter eines Mitgliederentscheids, vor allem aus ostdeutschen Landesverbänden und in der Parteizentrale, die ihre Neigung zum basisdemokratischen Verfahren nicht selten mit dem instrumentellen Gedanken verknüpfen, bei diesem könne Dietmar Bartsch bessere Chancen haben. Zweitens die Bartsch-Verhinderer, die meinen, eine Führungsrolle des Mecklenburgers würde die Linke binnen Sekunden in eine Art zweiten Seeheimer Kreis verwandeln, deren Verhältnis zur sonst gelobten Basisdemokratie ebenso instrumentell ist und die darauf setzen, dass notfalls auf dem Göttinger Parteitag Lafontaine seinen Hut unter großem Beifall in den Ring wirft. Drittens der Saarländer selbst, der sich seiner überragenden Bedeutung für die Linke bewusst sein kann und bei jeder Variante ganz oben mit auf der Rechnung steht. Viertens Gysi als Verkörperung eines machtpolitischen Zentrums, in dem die Sorge umgeht, die Auseinandersetzung der ersten beiden Gruppen könnte die Partei gefährden. Und fünftens schließlich die Basis, der eigentliche Souverän der Partei, der gern in Sonntagsreden gelobt und ebenso gern im politischen Alltag als Betreuungsfall angesehen wird. (tos, vk)

 

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Träume vom Boulevard

Was Linksfraktionschef Gregor Gysi so träumt? Ein bisschen zumindest von einer linken Boulevardzeitung, „denn es gibt so viele Leute, die können nicht so viel lesen, die brauchen das übersetzt, einfach, schnell und visuell“. Warum überlasse die Linke „das alles der Bild?“, fragt sich Gysi, meint, alle hätten sich damit abgefunden und sagt dann noch, „vielleicht sollten wir es doch mal versuchen“. Was er gleich wieder zurücknimmt, denn Linke seien wohl dazu nicht in der Lage: „Wir haben nicht den Hang zur Oberflächlichkeit. Und den muss man haben, sonst funktioniert eine Boulevardzeitung nicht, auch eine linke Boulevardzeitung nicht“, zitiert den Linksfraktionschef eine Nachrichtenagentur. Einen komplexen Sachverhalt auf drei Punkte zu reduzieren, könnten die Linken nicht. Die Rechten könnten es dagegen immer.

Nun könnte man durchaus der Meinung sein, dass sich die Linke doch im Gegenteil ganz gern damit begnügt, politische Probleme auf kurze Sätze zu bringen und Widersprüche in knalligen Parolen zu versenken. Und genauso könnte man Gysi darauf hinweise, dass die von ihm geleitete parlamentarische Abteilung der Linken – die übrigens hier von Bodo Ramelos kritisiert wird: „Die Partei ist nicht der Schwanz und die Bundestagsfraktion nicht der Hund.“ – seit geraumer Zeit eine Art linkes Boulevardblatt herausgibt: die Klar. Eine „Massenzeitung“, die jedenfalls mit den Mitteln des Boulevard arbeitet. Ob es einen linken Boulevard überhaupt geben kann, ob die Widersprüche zwischen Vereinfachung, Skandalisierung, Personalisierung auf der einen und Aufklärung, Komplexität, Diskursivität auf der anderen gelöst werden können, bleibt eine offene Frage. Versuche hat es auch in der Bundesrepublik gegeben, manchem galten gar die St. Pauli Nachrichten als linker Boulevard und in der Schweiz wurde der Blick so bezeichnet. (vk)

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Zug des Zeitgeistes

Gregor Gysi hat mit dem Freitag gesprochen – unter anderem über die Macht des Zeitgeistes. Es komme in der Politik, sagt der Linksfraktionschef, „auch darauf an, wie man eine Idee verpackt. Man muss dabei unbedingt den Zeitgeist beachten, sich ihm in der Form anpassen. Wenn man das tut und beim Inhalt bleibt, begeht man keinen Fehler.“ Gysi illustriert das mit einem Hinweis auf die FDP und sagt: „Ich jedenfalls achte immer auf den Zeitgeist. Mein Motto ist: flexibel in der Form, verlässlich im Inhalt.“ Das klingt, einerseits, nach oft geführten Debatten darüber, ob man die Leute dort abholen muss, wo sie stehen und was das für Linke heißt, die den Standplatz und die mit ihm verbundenen Ansichten vielleicht sehr kritisch sehen. Man erinnert sich, andererseits, bei Gysis Worten aber auch an einen anderen Zeitgeist-Begriff, der gern von Oskar Lafontaine ins Spiel gebracht wird – mit einem Goethe-Zitat: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.“ Der Ex-Vorsitzende bringt den Klassiker eher als Warnung ins Spiel, nicht mit dem Gedanken, es würde hilfreich sein, sich ihm „in der Form“ anzupassen. „Wir wollen uns als eine Partei gegen den Zeitgeist verstehen“, sagte der Saarländer zum Beispiel auf dem Cottbusser Parteitag im Jahr 2008. Die Linke habe „keine andere Wahl als die, dem Zeitgeist, der immer der Herren eigner Geist ist, zu widerstehen“. Ganz ohne den Zeitgeist betreffende Hoffnung ist aber auch Lafontaine nicht. Die Sozialdemokraten, meinte er einmal, hätten „sich dem Zeitgeist unterworfen. Weil dieser Mechanismus verlässlich ist und sich der Zeitgeist ändert“, könne sich auch die SPD wieder wandeln. Das zielt auf die Vorstellung einer politischen Hegemonie, welcher Schröder und Co. einst in die „neue Mitte“ folgten, die aber heute geprägt ist von der Allgegenwart unter anderem kapitalismuskritischer oder keynesianischer Argumente. Ist also links „der neue Mainstream, eine Begleiterscheinung des politischen Zeitgeists?“ Forsa-Chef Manfred Güllner meint: Nein, „die Zahlen geben das nicht her“. Was aber wiederum auch nicht viel heißen muss. Andererseits gehört die Orientierung an der demoskopischen Verzerrung der Wirklichkeit auf jeden Fall zum Zeitgeist – und wer würde widersprechen, dass sich Parteien dem mehr als nur „in der Form anpassen“? (tos, Foto: Linksfraktion, CC BY 2.0)

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