Die Linke in Baden-Württemberg zieht mit Michael Schlecht und Heike Hänsel als Spitzenkandidaten-Duo in den Bundestagswahlkampf. Der Mannheimer Wirtschaftspolitiker Schlecht sei bei der Landeswahlversammlung in Stuttgart mit 81,4 Prozent der Stimmen.
Presseecho & Interviews
Südwest-Presse: Linke ziehen mit Schlecht und Hänsel in Bundestagswahlkampf
»Kleiner Erfolg, Euphorie ist nicht angebracht« – Interview mit der jungenWelt
jungeWelt: Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat gestern grünes Licht für die deutsche Beteiligung am europäischen Rettungsschirm ESM und am Fiskalpakt gegeben und damit einen Antrag Ihrer Fraktion zurückgewiesen. Die Börse freut sich – Ihre Partei eher nicht. Können Sie dem Urteil dennoch einen positiven Aspekt abgewinnen?
Michael Schlecht: Das einzig Positive ist, daß beim ESM Bremsen eingebaut wurden: Der Parlamentsvorbehalt wurde abgesichert und die Beteiligung des deutschen Steuerzahlers auf maximal 190 Milliarden Euro begrenzt. Die europaweite Finanzkrise wird sich aber mit einiger Sicherheit weiter zuspitzen – die Herrschaften in der Finanzwelt und der ihnen zuarbeitenden Politik werden sich dann schon etwas einfallen lassen, um auch diesen Finanzrahmen de facto auszuweiten. Es ist ja schließlich ein Rettungsschirm für die Banken.
Viel brisanter ist, daß neben dem ESM der Fiskalpakt durchgewinkt wurde – ohne Wenn und Aber.
Der CSU-Politiker Peter Gauweiler, der ebenfalls in Karlsruhe geklagt hatte, wertet das Urteil aber als »riesigen Erfolg der Kläger« und als »rechtliche Sensation« …
Wenn ich Apologetik betreiben wollte, würde ich mich auch zu solchen Bewertungen versteigen. Der Gerichtsentscheid ist ein kleiner Erfolg, Euphorie dieser Art ist aber nicht angebracht. Gauweiler dürfte sich vor allem nicht am Fiskalpakt stören.
Sie betrachten das Urteil also eher mit gemischten Gefühlen?
»Gemischt« ist übertrieben, ich sehe vor allem, daß der Fiskalpakt bestätigt wurde – damit wird die deutsche Schuldenbremse in verschärfter Form auf ganz Europa ausgeweitet. Das läuft darauf hinaus, daß den Menschen ein massiver Sozialabbau droht.
Mit Hilfe des Fiskalpakts ist es jetzt Vorschrift – nicht nur für Deutschland, sondern auch für alle anderen EU-Staaten! –, daß die Staatshaushalte konsolidiert werden müssen, es dürfen also nur noch minimal Schulden gemacht werden. Vorschrift ist auch, daß der Schuldenstand entsprechend den Maastricht-Kriterien in den nächsten 20 Jahren auf 60 Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsproduktes zurückgeführt werden muß.
Es wird sich also die Frage stellen, woher dann das Geld genommen wird, das im Staatshaushalt fehlt. Merkel und Konsorten werden es durch Kürzung von Sozialausgaben einsparen wollen – wir hingegen fordern, daß die Besserverdienenden und Vermögenden zur Kasse gebeten werden müssen.
Wir können dieses Urteil auch als Ouvertüre für den 29. September betrachten – an diesem Tag wird es im Rahmen der Aktion »Umfairteilen« auch darum gehen, eine massive Besteuerung der Reichen in Deutschland und in anderen europäischen Ländern zu fordern.
Das Verfassungsgericht hatte der Bundesregierung schon mehrfach Grenzen aufgezeigt – hat es in diesem Fall dem Druck der Politik und der Konzernmedien nachgegeben?
Hin und wieder haben unsere Verfassungsrichter durchaus mutige Urteile gefällt – jetzt haben sie sich jedoch der sogenannten Marktlogik und dem Druck der Finanzmärkte gebeugt.
Der Fiskalpakt hat darüber hinaus eine eingebaute Ewigkeitsgarantie – er ist völkerrechtlich verbindlich und kann selbst von einer Zweidrittel-Mehrheit im Bundestag nicht mehr geändert werden. Damit werden künftige Parlamentsmehrheiten gebunden. Das ist ein eklatanter Verfassungsbruch – die Richter haben ihn leider so akzeptiert. Da wurde Souveränität zugunsten der Interessen der Finanzindustrie aufgegeben.
Rettungsschirm und Fiskalpakt sind damit Gesetz, der Bundespräsident kann unterzeichnen, mit der Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt tritt es in Kraft. Wohl kaum ein Normalbürger durchblickt noch dieses Finanzgeschiebe – können Sie uns sagen, wie sich dieses Urteil auf unser aller Leben auswirken wird?
Mit Fiskalpakt droht: „Sozialstaatsmodell hat ausgedient“,
so der EZB-Präsident Mario Draghi jüngst in einem Interview des Wall Street Journals. Oberstes Ziel müsse es sein das „Vertrauen der Finanzmärkte“ wieder herzustellen. Dies sei nur möglich mit einer Politik der harten Haushaltskonsolidierung, also weiteren massiven Kürzungen. Dabei könne auf den Sozialstaat keine Rücksicht genommen werden.
Vor mehr als zehn Jahren haben SPD und Grüne den verschärften Abbau des Sozialstaates eingeleitet. Einerseits wurden die Steuern für Reiche und Vermögende massiv gesenkt. Jährlich gäbe es heute Mehreinnahmen von 50 bis 60 Milliarden Euro, hätten wir noch die Steuergesetze von 1998. Andererseits wurde mit den berüchtigten „Maastricht-Kriterien“, die eine jährliche Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes erlauben, der Druck zur Kürzungspolitik verschärft. CDU und SPD haben in der großen Koalition mit der im Grundgesetz verankerten „Schuldenbremse“ das finanzpolitische Korsett noch enger geschnürt. Ab 2019 dürfen die Länder überhaupt keine Schulden mehr machen und der Bund im Grundsatz nur noch 0,35 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.
Die Auswirkungen sind bereits heute vor allem in den Ländern und Kommunen Alltagsrealität. Der Kürzungsdruck ist brutal und zwingt vielerorts den handelnden Mandatsträgern eine unsoziale Politik auf. Insbesondere CDU- und FDP-Politikern mag dies ein Herzensanliegen sein, für linke Bürgermeister führt der Kürzungsdruck immer wieder zu einer Verkehrung ihrer eigentlichen politischen Ziele.
Mit dem bereits von den EU-Ministerpräsidenten – ausgenommen Großbritannien und Tschechien – sowie der Bundesregierung beschlossenen Fiskalpakt soll die Schuldenbremse europaweit Gültigkeit erhalten. Die Mitgliedstaaten dürfen in der Regel nur noch Schulden in Höhe von 0,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes machen.
Die jeweilige nationale Haushaltssouveränität wird massiv beschnitten. Perfide ist insbesondere, dass die Schuldenbremse in den jeweiligen Verfassungen nicht mehr veränderbar sein soll – sie erhält eine „Ewigkeitsgarantie“. Selbst wenn in zehn Jahren eine deutsche Regierung mit zweidrittel Mehrheit die Schuldenbremse wieder streichen wollte, wäre dies verbaut. Die Demokratie verkommt so immer mehr zur Farce. Dies ist verfassungswidrig; DIE LINKE wird dagegen klagen.
Mit dem Fiskalpakt drohen Kürzungsorgien in Europa ohne Vorbild. Alleine in den Eurostaaten sind in den nächsten fünf Jahren weitere Kürzungen von über 1,5 Billionen Euro zu befürchten. Dies droht zu einem brutalen Angriff auf Löhne und Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst, einem systematische Druck auf Renten und Sozialleistungen sowie die flächendeckenden Privatisierungen führen.
Der Fiskalpakt wird die Krise nicht stoppen, sondern nur noch weiter verschärfen. Die Kürzungen führen zur massiven Beschneidung der Binnennachfrage vor allem der europäischen Partnerländer und damit in die Rezession. Die deutschen Exporte nach Europa werden so zurückgehen und die deutsche Wirtschaft treffen. Spätestens dann werden auch die Menschen in Deutschland verstärkt empfindlich getroffen. Wer dem Fiskalpakt im Bundestag zustimmt versündigt sich an Europa und an den Lebensinteressen der Menschen in unserem Land. DIE LINKE wird mit Nein stimmen.
Die wirklichen Ursachen der Krise der Eurostaaten liegen in der Rettung der Banken in den letzten Jahren, die viele Milliarden gekostet haben. Hinzu kommt der Anstieg der Verschuldung in vielen Staaten, der durch die aggressive deutsche Außenhandelspolitik entstanden ist. Wenn Deutschland seit 2000 einen Außenhandelsüberschuss von 1,4 Milliarden Euro erzielt hat, dann ist die Gegenfinanzierung nur möglich gewesen durch wachsende Verschuldung der Defizitländer Italien, Spanien, Frankreich, Griechenland, Portugal usw.
Um die europäische Krise zu beenden müssen die Ursachen bekämpft werden. Banken müssen unter öffentliche Kontrolle, der Terror der Finanzmärkte muss beendet werden. Und wir brauchen wieder knackige Lohnerhöhungen um das Lohndumping, das die Grundlage des aggressiven Außenhandels des deutschen Kapitals ist, zu stoppen. Der gesetzliche Mindestlohn mit zehn Euro und eine erfolgreiche Tarifrunde ist das Gebot der Stunde.
Für die schnelle Sanierung der Staatshaushalte in Europa gibt es eine schnelle Lösung: Eine einmalige Abgabe für Vermögensmillionäre. Würde man diese mit 50 Prozent ansetzen, dann wären die gesamten europäischen Staatsschulden von rund zehn Billionen Euro halbiert.
Dieser Text ist am 31. März 2012 im “Neuen Deutschland” erschienen.
“SPD will Tarifeinheit” – Gastkommentar in der jungenWelt
“In dieser Woche streiken die Beschäftigen des öffentlichen Dienstes. Ein Plus von 6,5 Prozent wird gefordert, mindestens jedoch 200 Euro mehr im Monat. Es gibt einen deutlichen Nachholbedarf. Die Warnstreiks müßten Anlaß sein im Bundestag zu diskutieren, wie dieser Arbeitskampf unterstützt werden kann. Und wie die Regierung gedrängt werden könnte, die Gelder für die Lohnerhöhung bereitzustellen. Bei Bankenrettungen werden die Milliarden schließlich auch im Blitztempo zur Verfügung gestellt.
Diese Debatte will die SPD nicht führen. Fraktionschef Steinmeier setzt lieber die Tarifeinheit auf die Tagesordnung und fordert, daß die Regierung diese gesetzlich regelt. Wenn zwei Gewerkschaften in einem Betrieb vertreten sind, dann soll nur einer das volle Streikrecht zustehen. Für die andere laufen alle Modelle auf eine Einschränkung, ja auf ein Verbot des Streiks hinaus.
Gerade weil es Gewerkschaften immer schwerer fällt, zu guten Ergebnissen zu kommen, ist nicht die Einschränkung, sondern die Ausweitung des Streikrechtes erforderlich. Wir brauchen die Klarstellung, daß Solidaritätsstreiks unbeschränkt legal sind. Kein Arbeitsrichter soll mehr über die Verhältnismäßigkeit richten. Auch politische Streiks gehören unbeschränkt legalisiert. In vielen anderen entwickelten Ländern ist das selbstverständlich. Ausgerechnet Deutschland hinkt hier hinterher. Für gewerkschaftliches Handeln ist es wichtig, daß sich die Stärkeren für die Schwächeren mit einsetzen. Daß Fluglotsen, Ärzte, Piloten und Lokführer für ihre Interessen eintreten und streiken, ist ihr gutes Recht. Aber gleichzeitig ist es auch problematisch, weil sie ihre besondere Kampfkraft nur für sich und nicht gleichzeitig auch für die Krankenschwester, die Stewardeß und den Zugbegleiter einsetzen.
Aber die Zusammenführung der verschiedenen Gruppen zu gemeinsamem gewerkschaftlichen Handeln muß politisch vorangebracht werden und nicht durch die gesetzliche Beschränkung des Streikrechtes.
Es ist zunehmend schwieriger geworden, eine einheitliche gewerkschaftliche Interessenvertretung zu organisieren. Dies hat viel damit zu tun, daß SPD und Grüne die Handlungsmacht der Gewerkschaft geschwächt haben. Wer befristet arbeitet oder gar verliehen ist, hat es viel schwerer zu streiken. Weil so die Verhandlungsergebnisse immer schlechter wurden, fühlten sich manche Beschäftigtengruppen benachteiligt und kamen in die Versuchung, ihren Vorteil im isolierten Kampf zu suchen.
Die Hauptverantwortliche für die Schwächung der Gewerkschaften – die SPD – will die Folgen der verhängnisvollen Politik der Agenda 2010 mit der Einschränkung des Streikrechtes beantwortet. Das ist zynisch und menschenverachtend.”
Quelle: http://www.jungewelt.de/2012/03-09/026.php?sstr=Michael|Schlecht
»Sie kennen die Kunden besser« – Interview mit der Zeitung jungeWelt
Schlecker in Arbeiterhand? Über Chancen einer Genossenschaftsbildung und die Ideen der Belegschaft. Gespräch mit Michael Schlecht
Interview: Johannes Schulten, junge Welt, 2.2.2012
Michael Schlecht ist Chefvolkswirt der Linksfraktion im Bundestag sowie gewerkschaftspolitischer Sprecher im Vorstand seiner Partei
In ver.di und der Linkspartei wird seit kurzem intensiv über ein Genossenschaftsmodell für die insolvente Drogeriekette Schlecker debattiert. Was stellen Sie sich genau darunter vor?
Die Initiative zur Debatte kommt vor allen von den Schlecker-Frauen. Die haben gesagt, sie hätten für das Unternehmen in den letzten zehn bis 20 Jahren drei Milliarden Euro erarbeitet. Und jetzt sei die Geschäftsführung nicht mal in der Lage, den Laden am Laufen zu halten und die Arbeitsplätze zu sichern. Eigentlich, meinten sie, müßte man den Schlecker rausschmeißen und den Laden alleine übernehmen. Der Hintergrund ist, daß momentan vieles nach derselben Entwicklung aussieht, die solche Insolvenzen in den vergangenen 20 Jahren genommen haben. Da kommt irgendein privater Investor, oder Schlecker schafft es sogar, die Läden zu behalten, dann fließen Staatsgelder hinein, und am Ende müssen doch erhebliche Teile der Belegschaft gehen.
Das Unternehmen hat in den letzten Jahren extrem viele Kunden an die Konkurrenz verloren. Was macht sie so sicher, daß ein Schlecker in Belegschaftshand erfolgreicher funktioniert als bisher?
Weil die Schlecker-Frauen nach meinem Eindruck viel bessere Ideen haben als die Geschäftsführung, die nur an Profiten interessiert ist. Sie kennen ihre Kunden besser. Die Stärke von Schlecker ist die enorme dezentrale Verbreitung in kleinen und kleinsten Orten. Die Idee ist, diese Läden viel stärker auszubauen und das Sortiment deutlich zu erweitern. Das würde sich lohnen, weil es häufig die einzigen Geschäfte in diesen Ortschaften sind. Und für Leute, die kein Auto haben oder Ältere ist das die einzige Möglichkeit, überhaupt einkaufen zu können.
Also ein Tante-Emma-Laden auf dem Land anstatt XXL-Geschäften in den Großstädten?
XXL-Läden mögen in den Großstädten auch sinnvoll sein als dritte große Kette neben Rossmann und DM. Die Großmärkte laufen ganz gut, die sind nicht das große Problem.
Das Unternehmen ist hochverschuldet, eine Sanierung wird Millionen kosten, wo soll das Geld dafür herkommen?
Die zentrale Frage ist erst einmal nicht die Finanzierung, sondern die Bereitschaft der Kolleginnen, eine Genossenschaft zu gründen. Gibt es unter den 35000 Schlecker-Frauen genügend, die aus ihrer Angst und ihrer Wut heraus einen Impuls in sich spüren, sich für ein solches Modell stark zu machen. Die Betroffenen müssen selbst in Bewegung kommen, erst dann können verschiedene Konzepte diskutiert werden. Sie müssen massenhaft sagen, wir wollen jetzt unser eigenes Schicksal in die Hand nehmen.
Wie ist die Stimmung unter den Kolleginnen?
Das ist sehr schwierig zu sagen. Deshalb gebe ich solche Interviews, um das Modell bekannter zu machen. Im übrigen gab es schon vor zwei Jahren, als die XXL-Läden hochkamen und massenhaft Filialen geschlossen wurden, in Nordrhein-Westfalen Initiativen der Beschäftigten, die zugemachten Läden in Eigenregie zu übernehmen. Dieser Impuls schlummert also schon in den Menschen.
Aber brauchen die Beschäftigten nicht zumindest die Aussicht auf eine Finanzierung?
Wenn 20000 Schlecker-Frauen auf die Barrikaden gehen, dann sehe ich auch Chancen, daß wir zum Beispiel einen Wulff-Kredit bekommen.
Einen was?
Die Formulierung stammt von den Schlecker-Frauen. Die sagen, wenn sogar dieser Typ in Berlin einen günstigen Kredit bei einer Tochter der Landesbank von Baden-Württemberg bekommt, dann wir doch erst recht. Wir wollen die gleichen Konditionen wie Wulff haben. Nur brauchen wir vielleicht 200, 300 oder 400 Millionen.
Genossenschaftsgründungen vor allem bei größeren Unternehmen waren in Deutschland in den letzten Jahren eher die Ausnahme. Auch in den Gewerkschaften stieß das Thema auf wenig Gegenliebe.
Viele haben die Erfahrung, daß die nötige gesellschaftliche Unterstützung für eine Genossenschaftsgründung nicht zu haben ist. Daher sind die Gewerkschaften ein bißchen vorsichtiger oder sagen, Genossenschaften seien utopisch. Eins ist jedoch klar. So wie es jetzt läuft, kann es auf Dauer nicht weitergehen. Seit 20 Jahren unterschreiben wir einen Notlagentarifvertrag nach dem anderen. Wir müssen versuchen, auch weitergehende Modelle zu entwickeln.
“Lohndumping gefährdet Europa”
Deutsche Exportüberschüsse und Agenda 2010 sind Auslöser hoher Staatsschulden.
„Wir haben in Europa eine Staatsschuldenkrise, weil in vielen Ländern unsolide gewirtschaftet wurde“, behauptet Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Deshalb müssen aus ihrer Sicht Schuldenabbau ebenso wie die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit auf der Tagesordnung der Euro-Länder stehen. Deutschland solle als Vorbild dienen: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Um Schuldenabbau und Wettbewerbsfähigkeit zu erzielen, sind nach Merkels Auffassung massive Einschnitte bei Lohn-, Renten- und Sozialleistungen erforderlich. Deshalb macht sie sich für den Export der Agenda 2010 stark.
Bislang wurde Griechenland, aber auch Irland und Portugal eine die Krise nur verschlimmernde, von strengen Kürzungszwängen diktierte Finanzpolitik aufgezwungen. Jetzt will Merkel die europäischen Verträge ändern, in die nationale Souveränität anderer Länder eingreifen und sie auf die deutsche Spar- und Ordnungspolitik verpflichten.
Sofern die Euro-Zone in den nächsten Monaten nicht ohnehin kollabiert, droht mit Merkels Kurs der ökonomische Niedergang Europas: Deflation und Depression.
Dabei ist die Politik der Agenda 2010 selbst die zentrale Ursache der europäischen Krise. Mit der Deregulierung des Arbeitsmarktes wurden die Gewerkschaften in Deutschland geschwächt und ein gigantisches Lohndumping eingeleitet. Fakt ist: Die Löhne sind seit 2000 preisbereinigt um 4,5 Prozent gesunken. Fair wäre ein Lohnzuwachs um mindestens zehn Prozent gewesen; wie er in vielen anderen Ländern Europas realisiert worden ist. Wenn Löhne sinken, schwindet die Kaufkraft der Menschen. Davon sind auch die importierten Güter betroffen, sodass viele Staaten es schwer haben, Waren nach Deutschland zu exportieren. Lohndumping ist gut für die Profite der Unternehmer, auch für ihre Wettbewerbsfähigkeit im Ausland. Kein Wunder, dass die deutschen Exporte seit dem Jahr 2000 massiv ansteigen. In der Schere zwischen ausgebremsten Importen und steigenden Exporten explodierte der Außenhandelsüberschuss. Seit 2000 haben deutsche Unternehmer für 1,2 Billionen Euro mehr ins Ausland verkauft als sie an Gütern und Dienstleistungen von anderen Ländern einkauften. In den ersten drei Quartalen 2011 betrug der Überschuss knapp 120 Milliarden Euro, davon 65 Milliarden in der Eurozone.
Keine schulden-, sondern Lohnkrise
enn ein Land fortwährend erhebliche Exportüberschüsse erzielt, verschulden sich die anderen Länder fast zwangsläufig. Nur so sind sie in der Lage, die Exporte zu bezahlen. Das deutsche Lohndumping und die Schulden der europäischen Krisenländer sind zwei Seiten derselben Medaille: Wir haben keine Schulden-, sondern eine Lohnkrise! Wenn der Euro kollabiert, käme es zu einer neuen deutschen Währung, aufgewertet gegenüber anderen Währungen um 40 Prozent. Die Folge: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft nähme rapide ab, Millionen Arbeitsplätze in der Exportindustrie wären bedroht.
Was ist die Alternative? Erstens muss die Bundesregierung in Deutschland das Lohndumping beenden, indem sie einen gesetzlichen Mindestlohn von zehn Euro einführt und sich von der Agenda 2010 verabschiedet sowie die Tarifflucht der Unternehmer gesetzlich unterbindet.
Zweitens muss die Europäische Zentralbank (EZB) weiterhin massiv eingreifen bei der Stabilisierung der Finanzmärkte (s. S. 15). Notwendig ist darüber hinaus die direkte Finanzierung der Krisenstaaten. Sie würde niedrigere Zinssätze, orientiert am EZB-Leitzins, ermöglichen. Vor allem wäre dann die Finanzierung der Euro-Staaten der Willkür privater Finanzmärkte entzogen; Spekulanten, Zocker und Rating-Agenturen könnte man auf diese Weise ausschalten. Zahlten Millionäre und Multimillionäre europaweit zudem einmalig eine Vermögensabgabe von 50 Prozent, ließen sich die Staatsschulden halbieren.
Klar ist: Nur mit einem grundlegenden Kurswechsel ist Europa zu retten. Nur so kann sich das Primat der Politik gegenüber dem Terror der Finanzmärkte durchsetzen.
Quelle: http://www.gew.de/Lohndumping_gefaehrdet_Europa.html
Mindestlohn: Auch Grüne werfen Nebelkerzen
Die nächste Bundestagswahl kommt in Sicht – jetzt finden auch die Grünen einen Mindestlohn von 8,50 Euro gut. Jedoch: Ebenso wie die CDU weigern sie sich gesetzlich einen festen Euro-Betrag festzulegen. Das sollen die Tarifvertragsparteien machen, danach erst käme die gesetzliche Absicherung. Wer sich so etwas ausdenkt, der hat von der Tarifwirklichkeit keine Ahnung oder will bewusst täuschen.
Die Gewerkschaften fordern den gesetzlichen Mindestlohn aus Notwehr. Weil sie mit der auch von den Grünen beschlossenen Agenda 2010 massiv geschwächt wurden.
Wenn immer mehr Menschen befristet beschäftigt sind und um die Verlängerung zittern, wenn immer mehr nur noch Leiharbeit haben, wenn vor allem Millionen von Frauen in Minijobs nur noch eine zerstückelte Arbeitswelt erleben, dann ist gewerkschaftliche Durchsetzungsmacht massiv beschädigt. Hinzu kommt die allgegenwärtige Angst vor dem Absturz in Hartz IV, die wie eine disziplinierende Peitsche über den Köpfen kreist.
Wenn Grüne und CDU Krokodilstränen über das Schicksal der Hunger- und Niedriglöhner vergießen, sich gleichzeitig weigern den Mindestlohn gesetzlich festzulegen, dann ist dies triefender Zynismus. Den schwarzen Peter den Tarifvertragsparteien zuzuschieben, ist so, als würde man einem Menschen die Beine brechen und dann von ihm verlangen hundert Meter zu laufen. Wie sollte der DGB mit dem BDA als Verhandlungspartner eine „Lohnuntergrenze“ von 8,50 durchsetzen? Ohne jeglichen Druck aus den Betrieben? Mit kollektivem Betteln?
Zum gesetzlichen Mindestlohn gehört zwingend die Festlegung durch den Gesetzgeber. Und dann nicht mit 8,50, sondern mit zehn Euro wie von der Linken gefordert!
Erschienen in der Braunschweiger Zeitung am 29. November 2011
“Michel, wach auf!” – Interview mit linkemeinung.blogspot.com
Weggeschoben der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou, ersetzt durch einen Abgesandten des Bankensystems. Weggeschoben der italienische Ratspräsident Silvio Berlusconi, durch einen anderen technokratischen Gesprächspartner des Finanzsystems ersetzt. Die Schuldenkrise hat mehr als diese zwei Opfer gefordert: in Spanien die Tagesordnung der Wahlen geändert, in Portugal haben die Parteien Reformen vorgegeben bekommen durch Internationalen Währungsfonds und Europäische Zentralbank, in Irland führte die Katastrophe in die gleiche Sackgasse. Die europäische Demokratie wurde zu einer Demokratie der Banken umgewandelt.
Der deutsche Wirtschaftler und Abgeordnete Michael Schlecht, Fraktionsmitglied der Partei Die Linke, analysiert in diesem Interview die Unterbrechung der europäischen Demokratien und prangert die Rolle an, die der deutsche Kapitalismus in dieser Mega-Krise spielt. Für Michael Schlecht ist die Demokratie auf dem Kontinent verblasst.
Die europäische Demokratie ist auf den Banken aufgebaut, nicht auf den Wählern durch eine entscheidende Mehrheit. Darüber hinaus denken wir, das Papandreou und Berlusconi die neuesten Opfer dieser neuen Doktrinen sind.
Michael Schlecht: Die Antwort ist sehr einfach. Die Demokratie verschwindet von Tag zu Tag aus Europa. Zum Beispiel, als die letzten Wahlen in Portugal am 5. Juni abgehalten wurden, hat die Troika (Internationaler Währungsfonds, Europäische Zentralbank, Europäische Union) die beiden portugiesischen politischen Parteien, die die Chance zu gewinnen hatten, gefragt, ob sie ein Abkommen unterzeichnen, das sie verpflichtet, die Bedingungen der Troika durchzuführen. Es geschah so mit Griechenland und jetzt ist Italien dran. Deshalb können wir sagen, dass die Portugiesen nicht wirklich freie Wahlen gehabt haben. Eine Waffe ist gegen sie verwendet werden. In der Tat, mit dieser EU-Politik verteidigt Deutschland heftig seine finanziellen Interessen, die Interessen des Marktes. Angela Merkels Regierung hat eine sehr aggressive Haltung an dieser Stelle. Es ist eine Aggression ohne Panzer. Aber das Ergebnis ist das gleiche.
Das heißt, Deutschland ist heute die große finanzielle Polizei Europas. Deutschland ist zusammen mit Frankreich die Avantgarde des Austausches von Macht von den Wahlurnen zu den Technokraten der Banken geworden.
Deutschland gibt seine Zustimmung zu dem, was geschieht. Deutschland bereitet den Boden, weil es einen Exportüberschuss viel größer als die Importe hat. In den letzten zehn Jahren hat der deutsche Überschuss eine Billion Euro erreicht. Auf der anderen Seite führt dieser riesige Überschuss zu einem Gegenstück: es bringt die Schulden der Importländern zum Wachsen. Circa 50 bis 60 Prozent der Schulden, die durch die deutsche Politik erstellt wurden, treten in den Abrechnungen anderer europäischer Länder auf. Jeder spricht über die Schulden in Europa, aber niemand sagt etwas über das Land, das viel mit dieser Verschuldung gewinnt. Und dieses Land ist Deutschland. Die Schulden der europäischen Länder sind das Ergebnis der deutschen Politik auf dem Kontinent.
Der Kern dieser Politik sind die Dumping-Löhne in Deutschland. In den letzten zehn Jahren haben wir ein Lohndumping von 5 Prozent gehabt, und das ohne Berücksichtigung der Inflation. Kein anderes Land in Europa kennt eine ähnliche Situation mit so einem Lohndumping. Diese Politik des Dumpings ist gleichbedeutend mit einer Waffe in den Händen der deutschen Kapitalisten. Es ist eine sehr zerstörerische Waffe. Im letzten Jahrhundert wurde Europa von deutschen Panzern überrollt. Jetzt ist es durch die Politik der Angela Merkel am Boden zerstört.
Der Niedergang der Demokratie in Europa ist eine wichtige Tatsache. Der alte Kontinent ist die Wiege der Demokratie. Es ist ein schlechtes Beispiel für die Welt. Ist das nicht das Ende der Werte Europas auf dem Rest des Planeten?
Wir werden es sehen, was uns die Zukunft bringt. Ich denke, dass im nächsten Jahr die Menschen in Europa für die Interessen der Demokratie und gegen die Finanzmärkte kämpfen und marschieren können. Und so werden wir eine Chance haben, die Demokratie in Europa wiederherzustellen. Das ist der Kampf der deutschen Linken in der heutigen Zeit.
Glauben Sie wirklich, dass gestärkte Menschen bereit zum Kampf sind? Ist es nicht zu spät, hat vielleicht die Ideologie des Konsums nicht das Gewissen betäubt?
Ich glaube, unter den heutigen existierenden Bedingungen können wir die Entstehung von starken sozialen Bewegungen sehen, ähnlich wie in Griechenland. Die Situation in Deutschland reizt dazu. Die Geschichte ist offen dafür, von den Menschen geschrieben zu werden.
Was geschah mit der europäischen Sozialdemokratie? Trotz seinem ideologischen Feind, den extremen Liberalismus, der jeden möglichen Fehler gemacht und den Planeten ins Unglück geführt hat, hat der Diskurs der sozialen Demokratie kein Gewicht, kein Vertrauen. Ist es eine Krise der Sozialdemokratie oder eine der Wähler?
Beides. Ich bin überzeugt, dass wir in naher Zukunft eine Explosion in der Eurozone haben werden. Wir müssen in die Bücher der Geschichte schreiben, dass die deutschen Sozialdemokraten, zusammen mit den Grünen, die politische Macht waren, die die Maßnahmen generiert haben, die zum Ende des Euro geführt haben. Die Sozialdemokraten und die Grünen begannen das Lohndumping. Diese Politik ist verantwortlich für das, was heute geschieht. Ich erkenne das gesamte Drama, das wir in dieser Zeit in Europa erleben, basiert auf dieser Situation. Für viele, viele Jahre war es notwendig, dass es in Mitteleuropa Kriege und Tod gab. Nach 1945 hatten wir zum ersten Mal in der Geschichte 70 Jahre Frieden, was völlig anormal ist. Frieden ist auf diesem Kontinent eine Anomalie.
Wenn wir durch die Geschichte Europas sehen, werden wir bemerken, dass wir nie zuvor 70 Jahre hintereinander Frieden erlebt haben. Aber dieser Friede ist das Ergebnis des Austausches von Ideen und Waren, die unter dem Dach der europäischen Konstruktion durchgeführt wurden. Aber wenn das Dach zusammenbricht und auf die Köpfen der Menschen fällt, ist die Situation sehr beunruhigend, gefährlich. Vielleicht kehren wir zu der früheren Situation zurück. Wir werden versuchen, die linke Bewegung unter diesen neuen Bedingungen zu verbessern, wir werden besser unsere Politik erklären, um den Kampf zu gewinnen.
Eduardo Febbro Quelle: Pagina 12 (Übersetzung aus dem Spanischen von Glória Leite / Überarbeitung: Günter Busse)
Interview mit der »Heilbronner Stimme«
Kommen wir gleich zur Kernfrage: Ist der Euro noch zu retten?
Michael Schlecht: Ganz kurze Antwort: Ja klar.
Prima. Und wie?
Schlecht: Die eigentliche Krisenursache ist bei uns zu verorten. Deutschland hat als einziges EU-Land in den letzten zehn Jahren Lohnsenkungen durchgedrückt. Die Löhne sind heute 4,5 Prozent niedriger als im Jahr 2000. So hat die deutsche Exportindustrie mit günstigen Preisen andere Märkte auch in der EU erobert. Gleichzeitig stagnierte die Kaufkraft in Deutschland. Damit sanken auch die Absatzchancen für Länder wie Griechenland. Deutschland hatte in den letzten zehn Jahren einen Außenhandelsüberschuß von 1,2 Billionen Euro erzielt. Das ist nur möglich, wenn andere Länder sich entsprechend verschulden. Das Lohndumping zu beenden ist der Schlüssel für die Euro-Rettung.
In Griechenland gibt es Massenproteste gegen die Reformpolitik. Was raten Sie dem sozialistischen Ministerpräsidenten Papandreou?
Schlecht: Er sollte sich den Lohn- und Sozialkürzungsauflagen der EU, maßgeblich vorangetrieben durch Kanzlerin Merkel, vehement widersetzen. Sie sind wie ein Rettungsring aus Blei, sie sind der entscheidende Grund, warum es Griechenland im Moment so schlecht geht. Das Land braucht vielmehr ein Aufbauprogramm, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Bilden nicht die Milliarden des Rettungsschirms schon die von Ihnen geforderte Aufbauhilfe? Schlecht: Es ist kein Hilfsprogramm für die Griechen, sondern eines für deutsche und französische Banken. Dem Volk wird überhaupt nicht geholfen. Die Gelder, die jetzt nach Athen fließen, gehen sofort retour für Tilgung und Zinszahlungen an ausländische Banken.
Wäre nicht ein harter Schnitt, eine geordnete Staatsinsolvenz, eine vernünftige Option?
Schlecht: Die Voraussetzung einer Umschuldung wäre, die Staatsfinanzierung von den Finanzmärkten abzukoppeln. Wenn Sie heute in Griechenland eine Umschuldung machen, würden die Finanzmärkte explodieren. In Italien oder Spanien würden die Zinsen dramatisch ansteigen. Insbesondere Italien kann niemand „retten“, das wäre das Ende des Euros. Eine neue deutsche Währung würde um 40 Prozent aufwerten. Dann wäre auch Baden-Württemberg eine Krisenregion wegen der starken Exportabhängigkeit. Deshalb: Die Staatsverschuldung müsste von den Finanzmärkten und Banken gelöst werden. Mit einer öffentlichen europäischen Bank, die sich bei der Europäischen Zentralbank (EZB) refinanziert, zu günstigen 1,5 Prozent, wäre das möglich. Heute holen sich die privaten Banken günstiges Geld von der EZB und vergeben es weiter mit einem drei- oder vierfachen Zinssatz. Wir Linke sind dafür, diese Banken bei der Staatsfinanzierung auszuschalten. Dann wäre es erstens viel günstiger und es wäre die Voraussetzung um mit einem Schuldenschnitt einen echten Schuldenabbau einzuleiten. Dann können keine Finanzmärkte mehr explodieren. Sie wären unter staatlicher Kontrolle.
In den USA formiert sich eine Bewegung von unten gegen die Macht der Banken. Für wie aussichtsreich halten Sie das?
Schlecht: Ich hoffe sehr, dass das Volk sich immer stärker wehrt. Es gibt ja bereits einen weltweiten Aktionstag zum Thema am 15. Oktober, mit Veranstaltungen auch in deutschen Städten.
Interview vom 11.10.2011