Vietnam

Offener Brief zu Dow Chemical und den Olympischen Spielen bzw. Paralympics

Freundschaftsgesellschaft Vietnam

Düsseldorf, 20.06.2012

 

An das Olympische Komitee, IOC
Château de Vidy, route de Vidy 9,
CH-1007 Lausanne

Offener Brief zu Dow Chemical und den Olympischen Spielen bzw. Paralympics

 

Sehr geehrter Herr Jaques Rogge,
Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großem Befremden haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass Dow Chemical zu den Sponsoren der Olympischen Sommerspiele und der Paralympics 2012 gehört und dass dadurch das Olympische Stadion mit riesigen Werbeplakaten dieser Firma umgeben sein wird.

Dow Chemical ist nicht irgendeine Firma; Dow Chemical hat Tod, Verwüstung und unsägliches Leid über Millionen von Menschen gebracht – ein Verhalten, das dem olympischen Gedanken zutiefst widerspricht.

Dow Chemical ist eine der Herstellerfirmen des Entlaubungsmittels Agent Orange, das von 1961-1971 durch die US-Armee in der ungeheuren Menge von 80 Millionen Litern über dem Süden Vietnams sowie Teilen von Laos und Kambodscha versprüht wurde. Darin waren fast 400kg Dioxin enthalten. Die Studien der Forschergruppe um Professorin Jeanne Stellman an der Columbia Universität belegen, dass 4,8 Millionen Menschen mit der giftigen Substanz besprüht wurden. Bei 3 Millionen hat dies schwere Folgen wie Krebserkrankungen und Geburtsschäden bewirkt, und noch heute werden in der dritten Generation missgebildete Kinder geboren. Die verursachten Umweltschäden sind gigantisch.

Dow Chemical war auch der Hersteller von Napalm. Die Feuerwalzen der mit Napalm gefüllten Brandbomben haben in Vietnam, Laos und Kambodscha sowie in weiteren von Kriegen verheerten Ländern Verwüstung, Tod und schreckliche Verbrennungen verursacht. Viele von uns erinnern sich noch mit Entsetzen an diese Bilder.

Und schließlich ist Union Carbide, die Verursacherin der riesigen Chemiekatastrophe von 1984 in Bhopal, von Dow Chemical gekauft worden und so seit 2001 eine Tochtergesellschaft dieses Konzerns.

Dow Chemical weigert sich beharrlich, Verantwortung zu übernehmen. Weder die Opfer der Kriege noch jene der Chemiekatastrophen haben vom Konzern je eine Entschädigung erhalten. Nichts wurde getan, um verseuchtes Land zu entgiften.

Millionen von Menschen rund um den Globus sind empört über die Skrupellosigkeit von Dow Chemical und ihresgleichen. Sie verlangen endlich Gerechtigkeit für die Opfer. Auch die unterzeichnenden Organisationen fordern dies.

Gleichzeitig erwarten wir von den Fackelträgern des olympischen Gedankens Rücksicht und Mitgefühl gegenüber den Opfern. Wir laden sie ein, sich jenen anzuschließen, welche sich für die berechtigten Forderungen der Opfer engagieren. Dies beinhaltet auch, Dow Chemical keine Werbeplattform zu bieten, solange diese Firma den Opfern in keiner Weise entgegen kommt.

Wir die unterzeichnenden Organisationen erleben in unserer täglichen Arbeit mit Kindern und Erwachsenen in Vietnam, Indien und anderswo, wie sich Kriegsfolgen und Chemiekatastrophen auf Kinder und Erwachsene auswirken. Wir unterstützen deshalb Aktivitäten, die sich für eine gesunde Umwelt und Gerechtigkeit einsetzen

Mit freundlichen Grüßen
Herr Prof. Dr. Günter Giesenfeld
Freundschaftsgesellschaft Vietnam

Weitere Unterzeichner
Bundesausschuss Friedensratschlag Herr Dr. Peter Strutynski
CHÀO Hilfe für Agent Orange Opfer Herr Martin Borchert
Dorf der Freundschaft Frau Rosemarie Höhn-Mizo
Friedensdorf Oberhausen Herr Thomas Jacobs
Kinderhilfe Hyvong Herr Christoph Kunz
Naturfreunde Deutschland Herr Uwe Hiksch
SODI; Solidaritätsdienst Internat. Frau Sylvia Werther
Terre des hommes Frau Ursula Pattberg
Vietnamesische Fraueninitiative Frau Nguyen, Thi My Hanh

Glückliche Hand

Klaus Lederer ist sauer und Philipp Mißfelder schwer empört: Die Doppelspitze der Linkspartei hat Fidel Castro die „herzlichsten Glückwünsche“ zum 85. Geburtstag übermittelt. Nun könnte man sagen, was dem „politischen Establishment“ (Focus) der Hauptstadt neuerliche Gelegenheit gibt, die Linke als vorgestrig hinzustellen, ist eigentlich keiner größeren Rede wert. Anders herum stimmt aber auch: Wenn die Partei noch ein paar weitere Wochen ausschließlich mit Themen wie Mauerbau und Staatssozialismus in den Medien für Schlagzeilen sorgt, drohen nicht nur rot-rote Niederlagen, sondern die Verwandlung in ein historisches Kabinett. Daran ist die Partei nicht schuld, aber eben auch nicht ganz schuldlos: Man kann einen Brief an Fidel Castro bei allem Respekt vor dessen politischer Biografie schließlich auch anders formulieren. „Unverbrüchliche Freundschaft“ klingt ein bisschen sehr nach „uneingeschränkte Solidarität“, und wer schreibt, „nach Kräften dazu beitragen“ zu wollen, „dass das kubanische Volk frei und ohne Druck von außen über seine Entwicklung selbst entscheiden kann“, sollte nicht davon schweigen, dass es in Kuba auch Druck von innen gibt, den kein Sachzwang rechtfertigen kann. Die Widersprüchlichkeit – hier die unbezweifelbaren „Errungenschaften des sozialistischen Kuba“, da der realistische Spielraum und die Abhängigkeit von der internationalen Lage, dort die Anmaßungen eines von älteren Herren kommandierten politischen Systems – hätte man in einem Brief überdies wohl auch besser darstellen können, als es die mediale Logik des Reagierens nun gestattet: „Wir brauchen endlich Demokratie in Kuba“, wird Gregor Gysi zitiert und das hört sich dann an wie die üblichen Belehrungen eines sich immer und stets überlegen wähnenden Westens. Übrigens: Vor fünf Jahren hatte Lothar Bisky einen Brief nach Havanna geschickt und Castro zum 80. Geburtstag für seinen „unermüdlichen Einsatz für die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft“ gratuliert. Das „politische Establishment“ war natürlich auch damals empört – so wie heute. Die Verweise auf Berichte von Amnesty International, in denen kritisiert wird, dass auf Kuba elementare politische Rechte „nach wie vor beschnitten und zahlreiche Kritiker der Einparteienherrschaft (…) drangsaliert“ wurden, zeigen aber auch den doppelten Standard an, der hier angelegt wird. Als Angela Merkel vor ein paar Tagen dem Premierminister der Sozialistischen Republik Vietnam „herzliche“ Grüße zur Wiederwahl schickte, weiterhin „glückliche Hand“ wünschte und erklärte, die Bundesrepublik stehe einer „Politik, die dem Wohl des vietnamesischen Volks dient, weiterhin als zuverlässiger Partner zur Seite“, nahm niemand daran Anstoß. Bei Amnesty liest man über Vietnam: „Die Rechte auf freie Meinungsäußerung, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit unterlagen 2010 weiterhin erheblichen Einschränkungen. Es wurden neue Bestimmungen zur Überwachung des Internets eingeführt. Die brutale Unterdrückung von friedlichen Dissidenten und für die Menschenrechte engagierten Personen hielt an.“ (tos Foto: jim & me, CC BY 2.5)

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