Erfurter Programm

Zwei Aufgaben

Die Linke hat nur eine Überlebenschance, wenn sie zwei Probleme bewältigt: Sie muss sich erstens der Auswirkungen der schärfsten Krise seit der Großen Depression auf das Alltagsbewusstsein vergegenwärtigen und zweitens Rahmenbedingungen für ihre Politik schaffen, die eine Parallelität von Einheit in den Kernzielen und Pluralität und Offenheit in der Debatte um ihre Vertiefung und Aktualisierung gewährleisten. Ein GASTBEITRAG von HORST ARENZ

 

DIE LINKE am Scheideweg
Zur Lage der Partei DIE LINKE nach Lafontaines Rückzug
Von Horst Arenz

Bei aller Anerkennung seiner großen Verdienste für DIE LINKE und die deutsche Linke insgesamt ist festzuhalten: Oskar Lafontaine ist gescheitert. Es ist an der Zeit, über die Gründe zu sprechen.

Ab auch der sogenannte „linke“ und „rechte“ Flügel sind gescheitert. Es ist daher auch dringendst an der Zeit, der Beherrschung der öffentlichen Wahrnehmung der Partei durch den Strömungsstreit aus der Partei selbst heraus ein Ende zu setzen.

Die Lage ist dramatisch. Nach Lafontaines Rückzug, der erst recht die Strömungskämpfe hat aufbrechen lassen, steht die Partei am Abgrund. Alle Flügel tragen zu gleichen Teilen dafür Verantwortung. Und es geht um mehr als die DIE LINKE. Sollte sie scheitern, ist die gesamte deutsche Linke auf Jahre zurückgeworfen. Exakt das sollte uns alle umtreiben. Jede/r von uns ist betroffen, jede/r von uns muss sich fragen, was er falsch gemacht hat, wir alle müssen uns ändern. So wie jetzt kann es nicht weitergehen.

Jede/r von uns muss jetzt die Bereitschaft und Fähigkeit an den Tag legen, sich auf wenige wesentliche Punkte zu konzentrieren, die die Partei jetzt ändern muss. Dabei hilft es nicht, aus taktischen Gründen die harten facts unter den Tisch zu kehren. Hierzu im Folgenden einige Vorschläge. Es kann dabei nicht darum gehen, die ungemein engagierte und wichtige Arbeit tausender Genossen/innen schlecht zu reden, natürlich auch nicht die Verdienste der hier kritisierten Akteure. Es geht gerade darum, den Blick für differenzierte Kritik zu schärfen, die bei uns verbreitete Haltung abzubauen, Kritik in Einzelpunkten als Pauschalkritik zu nehmen. Ausgeblendet werden auch die häufigen, rein persönlichen Auseinandersetzungen auf unsäglichstem Niveau und unter Missachtung der Grundregeln des menschlichen Umgangs, die im Rahmen des „Aufbau West“ in den Landesverbänden Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein jahrelang zu beobachten waren, wozu frühzeitig vorgebrachte Warnungen aber stets beiseite geschoben wurden.

Die Vorschläge sind verbunden mit dem Appell, nicht gleich wieder das Fallbeil des Pappkameraden der Zuordnung von Kritik zu einzelnen Strömungen niedergehen zu lassen. Es ist für die Partei zur Existenzfrage geworden, sich in solidarischer und sachbezogener Auseinandersetzung unter Wahrung des gegenseitigen Respekts unter zivilisierten Menschen kritischen Argumenten zu stellen. Die hier formulierte Kritik ist in solidarischer Absicht formuliert, egal welcher Flügel betroffen ist. Eingedenk der gegebenen Wahrnehmungsstrukturen ist es aber notwendig, sich auf konkrete Akteure/innen zu beziehen, Ross und Reiter zu nennen, ist doch die Haltung bei uns zu verbreitet, auf keinen Fall sich selbst von Kritik angesprochen zu fühlen. Im Fokus sollen dabei die beiden exponiertesten Flügel, die „Antikapitalistische Linke (AKL)“ und das „Forum Demokratischer Sozialismus (fds)“ stehen. Dabei unterliegt die Hoffnung, durch die Konfrontation mit eigenen Schwächen die Flügel zu motivieren, sich über die Defizite auszutauschen und so den vollkommen blockierten innerparteilichen Diskussionsprozess wieder in Gang zu bringen.

Die strategischen Schwächen Lafontaines und seiner Unterstützer/innen

In seiner Rücktrittserklärung vom 22. Mai reklamiert Lafontaine für sich die Intention eines „Neuanfangs jenseits der bisherigen Konfrontationslinien“. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Das ist in der Tat der einzige Ausweg aus der Krise, es gibt keinen anderen. Vorweg sei bemerkt, dass es Versuche in dieser Richtung gegeben hat, die aber in der Zuspitzung im Zusammenhang mit Bartschs erzwungenem Rücktritt als Bundesgeschäftsführer abrupt eingestellt wurden.

Lafontaine blendet bei der präzisen Benennung des notwendigen Kurswechsels zwei Dinge aus: Erstens war er stets aktiver Teil der Konfrontationslinien. Er bzw. seine Unterstützer/innen, allen voran die AKL, haben den sogenannten Reformerflügel über Jahre massiv bekämpft. Lafontaine betrieb die Entlassung von Bartsch als Bundesgeschäftsführer, er u.a. beschuldigten die Reformer öffentlich, sie wollten eine SPD-light und letztlich keine linke Politik. Das Lafontaine-/Ernst-Lager verfolgte jahrelang das Ziel, die maßgeblichen Kräfte des Reformerlagers zu schwächen.

Zweitens: Dass Lafontaine mit seinem Rückzug bezweckte, „einen solchen Neuanfang zu ermöglichen“ (Zitat Erklärung), ist vorsichtig gesprochen verwegen. Lafontaine hinterlässt die Partei in einem Zustand, in dem der Machtkampf zwischen den Strömungen erst recht losbricht. Die AKL und andere blasen zur Entscheidungsschlacht auf dem Parteitag: Der Aufruf zur Lafontaine-Unterstützung ist weiter im Netz, führende AKL-Vertreter wie Martin Hantke erklären erstmalig ihre Kandidatur zum Parteivorstand, Sahra Wagenknecht wird nun als Kandidatin für den Parteivorsitz lanciert. Mit seinem Rückzug hat Lafontaine exakt das Gegenteil dessen erreicht, worauf er mit der Ablehnung einer Kampfkandidatur abzielte: die Verhinderung der Zuspitzung der Konfrontation auf dem Parteitag.

Drittens sind angesichts der angebotenen Ursachen für die Krise der Partei Zweifel angebracht, ob der intendierte Neuanfang in die richtige Richtung geht. Eine zentrale Schwäche des „Lafontaine-Lagers“ besteht in einer völlig oberflächlichen Analyse der Gründe des Niedergangs. Als Erklärungsmuster dafür, warum die Partei trotz einer behaupteten richtigen Analyse der Finanzkrise mehr als die Hälfte der Wählerstimmen verloren hat, wird von Lafontaine und seinen Unterstützer/innen nur eines angeboten: die jahrelange Beschädigung der eigenen Partei durch den Reformerflügel. Nicht nur, dass der eigene Anteil beim „Schießen auf das Eigentor“ kein Thema ist. Es wird tatsächlich vorgegeben, die Reformer bräuchten nur ihre öffentliche Kritik einstellen, dann ginge es wieder aufwärts. Eine solche niveaulose Deutung von Krisenursachen und Gruppenkonflikten sollten wir überwinden.

Hinzukommt, dass die Ursachenerklärung zutiefst widersprüchlich ist. Im ZDF hat Sahra Wagenknecht jetzt erstmalig, überraschend deutlich und zu recht von „grundlegenden strategischen Differenzen“ als Grund der Konflikte gesprochen. Demnach haben wir es also nicht – wie bei uns vielfach behauptet, so auch soeben wieder von Ulrich Maurer – um einen rein persönlichen Machtkampf zu tun, in dem Inhalte angeblich keine Rolle spielen, weshalb der ständig wiederholte Appell, diesen zu beenden, ausreichen solle, um die Krise zu stoppen. Nein: Grundlegende strategische Differenzen können nicht einfach per Schweigedekret bereinigt werden, sondern nur durch einen Prozess der Auseinandersetzung in der Sache. Wagenknecht macht allerdings keinerlei Angebote, wie diese zudem von ihr nicht näher beschriebenen grundlegenden Differenzen bereinigt werden können.

Die Gründe, warum die Partei nicht von der in 2007 ausgebrochenen Krise profitieren konnte, können nicht auf persönliche Machtkämpfe reduziert werden, sondern haben zu tun mit einer ganzen Reihe von höchst komplexen Prozessen, die aber von Lafontaine, Wagenknecht, Ernst sowie den sie unterstützenden Flügel nicht oder nur marginal thematisiert werden. Dabei geht es zum Beispiel darum, dass angesichts des Versagens der Politik die Menschen nicht mehr daran glauben, dass die Finanzmärkte von der Politik geregelt werden können (Franz Walter). Es geht darum, dass in der mit der Prekarisierung grassierenden Unsicherheit vor allem die unteren Schichten leichter nach rechtspopulistischen und autoritären Lösungsmustern suchen. Und es geht zum Beispiel ganz wesentlich auch darum, dass in Deutschland die Krise einen deutlich anderen Verlauf hat als in anderen Ländern der Eurozone. Dass diese Länder im Vergleich zur hiesigen Situation eine gegensätzliche Entwicklung durchlaufen, z.B. die Arbeitslosigkeit von 2007 bis 2011 um rund 30 Prozent gestiegen ist, während sie in Deutschland (nach offiziellen Zahlen) um 30 Prozent gesunken ist, dass die IG Metall mit 4,5 Prozent Plus den höchsten Abschluss seit 20 Jahren erkämpft hat – und welche Folgen dies für das Alltagsbewusstsein in jeweiligen Ländern hat, wird ignoriert.

Die innerparteilichen „grundlegenden Differenzen“ drehen sich letztlich um die Einschätzung des gegenwärtigen Zustands des Alltagsbewusstseins breiter Teile der lohnabhängig Beschäftigten. Unübersehbar liegt bei der Pro-Lafontaine-Strömung eine zivilisationskritische Bewertung der Natur des heutigen Kapitalismus vor. Damit sind angesprochen: das Niveau des erreichten Lebensstandards und der Individualitätsentwicklung/Subjektivierung, damit verbunden neue, gegen top-down-Prozesse gerichtete Ansprüche an Kommunikations- und Beteiligungsstrukturen, das höhere Bildungsniveau und die „Wissensgesellschaft“, der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft, das entwickeltere Gesundheitsbewusstsein, die mit der Arbeitszeitverkürzung gewachsene Bedeutung des Bereichs der Nicht-Erwerbsarbeit, also des sog. Alltagsbereichs, die wachsenden Probleme im Wohnungssektor in den Ballungsräumen etc. – und die qualitativ neuen Ansprüche an und neuen Konflikte mit den kapitalistischen Verwertungsinteressen, die aus diesen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft sich abspielenden Prozessen resultieren. Es ist doch symptomatisch, dass die Bundestagsfraktion fast sieben Jahre gebraucht hat, um sich dem explosionsartigen Anstieg des Arbeitsausfalls wegen psychischer Erkrankung, bedingt durch erhöhten Arbeitsdruck und durch zunehmenden Konflikt zwischen entwickelterer Emotionalität und autoritären Entscheidungsstrukturen in Betrieb und Verwaltung, zu widmen. Auch die Frage (relevant nicht zuletzt auch im saarländischen Wahlkampf), welche Auswirkungen der bei unzureichendem Monatseinkommen unvermeidliche Zwang zur privaten Verschuldung auf die Haltung zum Thema Schulden hat, wird nicht gestellt. So wichtig das Thema Prekarisierung als Charakteristikum des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus ist, die Partei muss sich auch dem Wandel auf dem Feld der Normalarbeit stellen. Ausgeblendet wird schließlich auch, welche Konsequenzen aus der dramatisch wachsenden Distanz der Menschen gegenüber politischen Parteien für DIE LINKE zu ziehen sind.

Symptomatisch für die grundsätzlichen Leerstellen in der Bewertung des Alltagsbewusstseins ist die Kommentierung des NRW-Wahldesasters durch die der AKL nahestehende NRW-Spitzenkandidatin Schwabedissen: Völlig überraschend erklärt sie am Wahlabend im Fernsehen nicht nur, die Partei müsse sich mehr dem Alltag der Menschen zuwenden, das sei im Osten gut gelungen und müsse nun im Westen angegangen werden(!). Nicht zuletzt mit Verweis auf die Stärkung der Linken in Griechenland und Frankreich sei die Partei sogar „auf dem Weg nach vorne“.

Bei Lafontaine und dem linken Flügel werden die Folgen dieser Entwicklungen auf die Bewusstseinsformen entweder gravierend unterschätzt bzw. komplett ignoriert oder sogar negativ bewertet – mit dem Ergebnis gravierender Fehleinschätzungen des Alltagsbewusstseins. Auf dieser Grundlage sitzt Lafontaine dann auch fast zwangsläufig einer Verkennung der öffentlichen Wirkung seiner Rückkehrbedingung auf, die ihm schließlich die Unterstützung von Gysi kostete: Es ist in der politischen Landschaft hierzulande einfach nicht vermittelbar, zu einer Kandidatur nur ohne Gegenkandidaten bereit zu sein. Für diese folgenschwere Fehleinschätzung trägt Lafontaine die Verantwortung.

Der Reformerflügel – von der Annäherung an die Wirklichkeit zur Anpassung

Auch der sog. Reformerflügel betreibt – sicherlich noch heftiger – die Selbstbeschädigung der Partei, zum Teil im offen demonstrierten Desinteresse für die Belange der Gesamtpartei. Die Reformer, überwiegend organisiert im Forum demokratischer Sozialismus (fds), reklamieren für sich zu Recht, näher an der aktuellen Realität des Kapitalismus zu sein. Zeugnis davon legen etwa die richtigen Hinweise auf die großen Veränderungspotentiale des Kapitalismus und ihre Folgen für Bewusstseinsformen ab, die zentraler Gegenstand der Marxschen Analysen sind. Andererseits wird die Seite des „great civilizing influence of capital“ (Marx) verabsolutiert und verkommt so zur Ausblendung der von mehreren Untersuchungen bestätigten wachsenden Systemkritik im Alltagsbewusstsein. Im Resultat landet der Flügel – bei allen wichtigen Leistungen insbesondere auf dem Feld der Kommunalpolitik – schließlich bei einer resignativen Systemakzeptanz, bei einer Unterschätzung der auch in der bundesdeutschen Gesellschaft gerade in der Großen Krise zunehmenden Widersprüche und Widerstandspotentiale – und in der Folge bei einer Überbetonung der parlamentarischen Arbeit und einer weitgehenden Abstinenz gegenüber den hierzulande stattfindenden sozialen Kämpfen.

Exemplarisch dafür steht etwa die konkrete Politik des im fds eine dominierende Rolle spielenden Berliner Landesverbands in der rot-roten Koalition auf dem Feld der Wohnungspolitik und der Rekommunalisierung der Wasserwirtschaft, verbunden jeweils mit einer schroffen Abgrenzung gegen Bürgerinitiativen. Bei allem berechtigten Bezug auf das Alltagsbewusstsein hat der Reformerflügel an analytischer Substanz ganz überwiegend nur Leerformeln zu bieten – und praktiziert in der konkreten Regierungspolitik übertriebene Anpassung an Systemzwänge. Dass die Vorschläge der Partei zur Lösung der Finanzkrise eine mobilisierende Wirkung für die Wählerschaft hat, wird bestritten. Führende Berliner Vertreter des fds lehnen auf öffentlichen Veranstaltungen einen Zusammenhang von Finanzmärkten und Immobilieneigentum entschieden ab. Thomas Falkner, einer der Theoretiker des fds, verkündet auf der April-Tagung des Forums: „So hat Siegmar Gabriel die richtige Alternative aufgemacht: demokratiekonforme Märkte vs. Merkels ‚marktkonforme Demokratie’“. Er scheut sich auch nicht, Merkel gegen Hollande zu stützen: „Der Wahlkämpfer François Hollande überzieht …., wenn er den Fiskalpakt wütend versenken will … Wer auf Handeln setzt und ggf. auch mal vorprescht, verdient unsere Unterstützung – auch, wenn der Name Merkel ist.“ Der Unterschied zur SPD verschwimmt, wenn er in der gleichen Rede fordert, den Fiskalpakt durch einen Wachstumspakt zu ergänzen.

Hinzukommt, dass der Reformerflügel konträr zu ständigen Appellen an moderne, nicht-autoritäre Kommunikationsformen innerparteilich in extenso top-down-Prozesse und ausgrenzende Praktiken gegen Kritiker/innen an den Tag legt und damit einen nicht unwichtigen Beitrag zur Vertiefung der Grabenkämpfe leistet. So demonstriert der Reformflügel zum Beispiel im Parteivorstand allein schon durch non-verbale Gesten sein Sektierertum durch demonstrativen Ekel, sobald die Gegenseite das Wort Finanzkrise in den Mund nimmt. Gerade auch der Reformerflügel hat Nachholbedarf bei der Bewältigung der Vergangenheit in Punkto Pluralität, Respekt, Toleranz, Konfliktlösungskompetenz und Offenheit gegenüber Kritik hart an der Sache.

Konzeptioneller Verfall

Ein Kernpunkt des Zustands der Partei liegt darin, dass trotz aller Appelle es beiden Teilen an einer zivilisierten und solidarischen Kultur der Auseinandersetzung mangelt. Nicht nur in der aktuellen Situation, sondern seit Jahren sind die Flügel nicht in der Lage, eine rationale Bewegungsform für die Austragung grundsätzlicher analytischer und politischer Differenzen zu finden. Auch Sahra Wagenknecht bietet außer Schuldzuweisung an die andere Seite keine Hinweise, wie die „grundlegenden strategischen Differenzen“ aufgelöst werden können.

Das Niveau an analytischer Substanz der Gesamt-Partei hat gelitten. Beiträge hierzu werden komplett ignoriert. Es dominiert immer mehr eine Pappkameraden-Kultur nach dem Motto: Relevant sind nicht die vorgetragenen Argumente, sondern die Frage, auf welche Seite sie einzuordnen sind. Kritik wird ganz überwiegend eingeordnet als Angriff auf die Person und/oder als Angriff auf das eigene Lager. Eine Bereitschaft, organisierte Formen zu finden, in denen die Flügel ihre gegensätzlichen Sichtweisen mit dem Ziel ihrer Annäherung auszutauschen, ist nicht in Sicht.

Neuanfang als politischer Kurswechsel

Nicht nur Lafontaine ist gescheitert, das gesamte Fusionsprojekt steht im Vorfeld des Parteitags vor dem Scheitern.

Ein desaströse Niederlage der Partei bei den Bundestagswahlen ist aus aktueller Sicht mehr als wahrscheinlich. Dies hätte über Jahre hinaus dramatische Folgen für die Zukunft der deutschen Linken insgesamt. Abgesehen von dem nicht kalkulierbaren Fall der Implosion des Kapitalismus hat DIE LINKE nur eine Überlebenschance, wenn sie zwei Probleme bewältigt: Sie muss sich erstens der Auswirkungen der schärfsten Krise seit der Großen Depression auf das Alltagsbewusstsein vergegenwärtigen und zweitens diese organisatorisch durch die Schaffung von Rahmenbedingungen umsetzen, die eine Parallelität von Einheit in den Kernzielen und Pluralität und Offenheit in der Debatte um ihre Vertiefung und Aktualisierung gewährleisten. Dabei muss sie sich elementare Erkenntnisse der Kommunikationsforschung zu Eigen machen und die zivilisatorischen Errungenschaften des Kapitalismus in ihre Auseinandersetzungsformen einfließen lassen.

Das Projekt DIE LINKE als eigenständige Partei links von SPD, Grünen und Piraten ist trotz deren verbaler Kurskorrekturen weiterhin uneingeschränkt unverzichtbar. Nicht zuletzt die praktizierte Ausrichtung auf Große Koalitionen seitens der SPD macht dies überdeutlich. Dennoch hat DIE LINKE in ihrem gegenwärtigen Zustand keine Zukunft. Ein politischer Kurswechsel ist überfällig. Lafontaine hat in doppelter Weise recht: Wir brauchen erstens einen Neuanfang – das ist schon ein Riesenbrocken, der zu bewältigen ist. Zweitens brauchen wir einen „Neuanfang jenseits der bisherigen Konfliktlinien“ – das ist noch ein Riesenbrocken drauf. Beides ist existenziell. Die Hoffnung sollten wir nicht aufgeben.

Horst Arenz ist Mitglied der Basisorganisation Kreuzberg der Partei DIE LINKE und Abgeordneten-Mitarbeiter der Bundestagsfraktion DIE LINKE. Eine pdf-Version dieses Textes mit zusätzlichen Fußnoten gibt es hier.

 

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Engels‘ Appell

Wütende Beschimpfungen, Unterstellungen und Verleumdungen – all das war in der Geschichte der Arbeiterbewegung immer wieder einmal an der Tagesordnung. Ein Blick zurück und eine Erinnerung an Friedrich Engels‘ Mahnung, „etwas weniger empfindlich und im Handeln etwas weniger – preußisch zu sein“. GASTBEITRAG von CHRISTIAN WIENERT

Die Stimmung in der Partei war nach der Vereinigung 1875 ähnlich der aktuellen. Wütende Beschimpfungen, Unterstellungen und Verleumdungen waren an der Tagesordnung. Insbesondere im Vorfeld des Erfurter Parteitags 1891 lagen die Nerven blank. Da wurde der Redakteur des Gothaer Programms von 1875, Wilhelm Hasselmann, in einem Brief von Friedrich Engels zum „Arschficker Hasselmann“, der „das faule Programm gezeugt hat[te]“. (Engels an F. Sorge, 11.2.1891) Nicht einmal der große Friedrich Engels, der von London aus im Parteienstreit kräftig mitwirkte, war also frei von niederen Charakterzügen, wenn es um so entscheidende Angelegenheiten wie die politisch-theoretische Ausrichtung der Partei ging, deren Mitglied er übrigens nie war.

Letztlich konnte sich im Erfurter Programm und auf dem Erfurter Parteitag die marxistische Fraktion um Bebel, Liebknecht, Kautsky und Bernstein durchsetzen. Dass dieser Sieg der einen Fraktion bis auf den Ausschluss der anarchistisch orientieren „Gruppe der Jungen“ ohne weitere schwerwiegende Konsequenzen blieb, lag auch an den gemeinsamen Erfahrungen der Genossinnen und Genossen beider großer Strömungen während der Illegalität unter dem „Gesetz wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemocratie“, welches wenige Jahre nach Gründung der gemeinsamen Partei in Kraft trat und bis 1890 immer wieder verlängert wurde. Unter dieser preußischen Knute wuchs die Partei zusammen. Die unterschiedlichen politischen Positionen und der Streit darum blieben freilich, aber sie waren wegen der grundsätzlichen Solidarität der Genossinnen und Genossen ein Gewinn für die inhaltliche Ausrichtung der sozialdemokratischen Partei und der Grundstein für ihre Erfolgsgeschichte bis 1914.

Unseren Erfurter Parteitag haben wir hinter uns. Damals wie heute gilt es, darauf aufzubauen und die persönlichen Verletzungen zu überwinden. Den meisten Genossinnen und Genossen heute fehlt glücklicher Weise die Erfahrung der Illegalität. Leider fehlt vielen auch der Sinn für Solidarität. Wir sind heute aber reif genug, um auf den Druck von außen zu verzichten, um Solidarität nach innen zu leben.

Im Übrigen ist auch der Streit Führungspersönlichkeiten alles andere als neu und ungewöhnlich. Der bereits erwähnte Friedrich Engels hatte hinter vorgehaltener Hand eine geringe Wertschätzung für Wilhelm Liebknecht, wenn er in einem Brief kurz nach dem Erfurter Parteitag formulierte: „Es war eine bittere Pille für den Liebk[necht], dass er den Bericht über das neue Programm machen musste, worin der letzte Rest nicht nur von Lassalleanismus, sondern auch von seinem vielgeliebten volksparteilichen Phrasen ausgemerzt war. […] Ich hoffe, es findet sich eine sanfte schiefe Ebene, worauf L[iebknecht] sich allmählich in die Pensionierung hineingleiten lässt – er ist merkwürdig veraltet in der Partei. (Engels an A. Bebel, 24.10.1891) Der „merkwürdig veraltete“ Wilhelm Liebknecht überlebte Engels um fünf Jahre, stritt leidenschaftlich bis zum Tode 1900 für die Partei und positionierte sie gegen den aufkommenden Revisionismus. Er blieb ein unangefochtener Führer und Reichstagsabgeordneter der SPD, was sicherlich nicht nur seiner ausgleichenden Persönlichkeit und Kompromissbereitschaft geschuldet war, die er bereits beim Parteizusammenschluss 1875 bewiesen hatte.

Die Beschimpfungen und Verleumdungen heute sind also nicht neu. Sie sind menschlich und zeugen zu einem gewissen Teil auch von Leidenschaft für die gemeinsame Sache. Doch es ist an der Zeit, inne zu halten, die Gedanken zu sortieren und Vernunft walten zu lassen. Treiben wir den momentanen Umgang auf die Spitze, werden wir die Partei konsequenter bekämpfen als das beste Sozialistengesetz es jemals vermochte.

Diesbezüglich soll Friedrich Engels das letzte Wort haben. Sein Appell ist aktuell und möge uns in der weiteren Debatte leiten. Er schrieb an August Bebel: „Wodurch unterscheidet Ihr Euch von Puttkamer, wenn Ihr in Euren eigenen Reihen ein Sozialistengesetz einführt? Mir persönlich kann das ja ziemlich einerlei sein, keine Partei in irgendeinem Land kann mich zum Schweigen verurteilen, wenn ich zu reden entschlossen bin. Aber ich möchte doch zu bedenken geben, ob Ihr nicht besser tätet, etwas weniger empfindlich und im Handeln etwas weniger – preußisch zu sein. Ihr – die Partei braucht die sozialistische Wissenschaft, und diese kann nicht leben ohne Freiheit der Bewegung. Da muss man die Unannehmlichkeiten in den Kauf nehmen, und man tut’s am besten mit Anstand, ohne zu zucken.“ (Engels an Bebel am 1.5.1891)

Christian Wienert ist Geschichtslehrer in Dortmund und Mitglied im Forum demokratischer Sozialismus

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Fragend wohin?

Lafontaine und Bartsch haben beide Wahlen gewonnen und verloren; Lafontaine und Bartsch stehen für Kooperationen mit SPD und Grünen unter bestimmten Bedingungen; Lafontaine und Bartsch sind pragmatische Linkspolitiker, machtpolitisch erprobte Parteimenschen. Die Linke führt nun seit Tagen eine Debatte, die das Bild erzeugt, mit den beiden Personen seien derart grundlegend unterschiedliche Strategien, Politikstile und Inhalte verbunden, dass sogar von Spaltungsgefahr die Rede ist. Aber worum geht es eigentlich bei dem Ganzen?

Erstens die Auslegung des Erfurter Programms: Den alternativen Leitantrag an den Göttinger Parteitag könnte man dabei als stellvertretend für das eine Moment ansehen, den Leitantrag des Vorstandes für ein anders akzentuiertes Moment. In beiden liest man eine mehr oder weniger präzise Analyse der Krise und eine Skizze politischer Ziele, in deren Zentrum Umverteilungspolitik und Demokratie stehen. Das eine Papier ist offener formuliert, das andere weniger; in beiden wird für die gleichzeitige Verfolgung verschiedener Strategien in und außerhalb von Parlamenten plädiert; mal ist der Appell zur Selbstveränderung stärker, mal die Aufforderung an andere Parteien, sich zu bewegen. Im Ersetzungsantrag taucht als zentraler Begriff die „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ auf, aber ist das schon eine programmatische Innovation? In beiden Papieren schwingt ein seltsamer Glaube ins „gute Regieren“ mit – mal haben sich die Regierungen „unter dem Druck internationaler Finanzmärkte von den Menschen abgewandt“, mal wird das Land „schlecht regiert“. Der Begriff Eigentum taucht zwei mal in dem Antrag auf, von dem manche seiner Kritiker behaupten, er gebe antikapitalistische Positionen auf; im Leitantrag des Vorstandes kommt er gar nicht vor. Lässt man einmal Sprache, Aufbau usw. außer acht – bleiben dann immer noch so furchtbar große Unterschiede?

Zweitens: die Kultur in der Partei und das Verständnis von ihr. Man hört jetzt oft Kritik an einem „sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen“ Politikstil, und das ist ganz sicher berechtigt. Aber für wen alles kann die Kritik Geltung beanspruchen? Sind Anflüge von Personenkult, über Jahre in den Körper der Partei eingeschriebene Top-Down-Kulturen, Formen des Bürokratismus und so weiter wirklich Eigenschaften, die nur einen Teil der Linkspartei ausmachen? Wo gibt es welche Erfahrungen mit welchen Modellen der Beteiligung, der Mitbestimmung? Wird etwa mit dem Internet schon alles anders? Und: Was ist die Linke? Volkspartei, Bewegungspartei, Oppositionspartei, Regierungspartei, Kümmererpartei, Gewerkschafterpartei, antineoliberales Bündnis, Strömungspartei, Karrierepartei und so fort. Was ist die Linke und wie viel von diesem oder jenem? „Die Aufgabe einer linken Partei ist es, überall dort, wo es Widerstand gegen eine unsoziale Politik gibt, präsent zu sein, die Menschen zu unterstützen, zu ermutigen und ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zur Veränderung zu stärken“, heißt es in einem der derzeit kursierenden Papiere. In einem anderen steht, dass „die Erwerbslosen, die unter Hartz IV und unter prekarisierten Arbeits- und Lebensbedingungen leidenden Menschen“ von der Linken „glaubhafte und ernsthafte Schritte zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen“ erwartet. Ist das schon ein Gegensatz oder ergänzt sich das?

Drittens und immer wieder gern der Aufreger: die Regierungsfrage. Es gebe eine starke Strömung in der Linken, hat Dagmar Enkelmann jetzt in einem Interview gesagt, „die die Linke von allen anderen Parteien abgrenzen will und die keine Annäherung an die SPD zulässt“. Müsste man dann aber nicht auch sagen, auf welchem Feld und mit welchem Ziel die Linke eine Annäherung an die SPD wollen sollte – und, bei realistischer Einschätzung der Lage, mit welcher Aussicht auf Erfolg das passieren soll? Und im Ersetzungsantrag heißt es, die Linke wolle „Merkel & Co. spätestens 2013 abwählen. Die GenossInnen in Spanien, Griechenland, Frankreich und in Dänemark haben vorgelegt. Nun ist es an der Zeit, auch in Deutschland mit einer linken Mehrheit unser Land und damit auch Europa weiter nach links zu rücken“. Welche Möglichkeiten gibt es dazu wirklich, wie lassen sich diese verbessern in Zeiten einer sozialdemokratischen Fiskalpakt-Troika? Die Linkspartei sei „bereit Regierungsverantwortung zu übernehmen“, so steht es im Leitantrag, „wenn wir uns in unseren Kernforderungen dort wiederfinden, ein grundlegender Politikwechsel eingeschlagen wird und wir damit eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen erreichen können“. Was ist, wenn nur das eine ginge oder sogar nur ein Teil davon, einer aber, der für Hunderttausende etwas bedeutet – lässt man das dann am anderen Scheitern? Auch „die besten Gesetzesinitiativen haben bei fehlenden parlamentarischen Mehrheiten und fehlenden außerparlamentarischen Bewegungen und Initiativen keine Chance auf Realisierung“, wird an anderer Stelle die NRW-Tolerierung bilanziert. Völlig richtig, aber die Linke wird die Bewegungen nicht „machen“ können oder auf sie warten wollen – was heißt das?

„Wir schreiten also“, so endet der alternative Leitantrag, „fragend voran.“ Kann diese Linke das? Und wohin geht es, wenn man vorangeht? (vk)

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Wendl wieder in der SPD

Wie die Süddeutsche berichtet, ist Michael Wendl, früherer Landesvorsitzender der Linken in Bayern, in die SPD zurückgekehrt. Der ver.di-Gewerkschafter hatte die Sozialdemokraten 2008 nach 36 Jahren verlassen – weil „die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich“ ein „Resultat der Politik der SPD“ ist, wie Wendl damals erklärte. Sein Wechsel zur Linken erfolgte kurz vor der Landtagswahl in Bayern, „jede Stimme für die Linke bewirkt inzwischen mehr als 100 Manifeste kritischer SPD-Mitglieder“, meinte Wendl seinerzeit. Es sei „für die erfolgreiche Veränderung der SPD viel wichtiger, dass die Linke auch in Bayern in den Landtag einzieht“. Doch die Partei verfehlte den Sprung und wird in aktuellen Umfragen nicht einmal mehr ausgewiesen.

Wendl wurde 2010 Landesvorsitzender in seiner neuen politischen Heimat, allerdings nur 77 Tage. Zwischen den früheren ver.di-Landesvize und die Linkspartei hatte sich bald gründliche Entfremdung geschoben – Wendl wurde für seinen eigenen politischen Kopf scharf kritisiert, und umgekehrt nahm der 61-Jährige kein Blatt vor den Mund, was andere nicht selten als barsche Attacke verstanden. Wendl, der die Zeitschrift Sozialismus mit herausgibt, arbeitete sich dabei aber stets auf einem theoretischen Niveau an manchen neuen Ideen und überkommenen Gewissheiten ab, das selten für Debatten in der Partei ist. Im November 2011 trat er aus der Linkspartei wieder aus: Als Grund nannte er das neue Programm der Linken, das Wendl in weiten Passagen als „theoretisch falsch und politisch desorientierend“ betrachtete. „Wir haben das Zeitfenster, das die SPD mit ihrer unsozialen Politik geöffnet hatte, nicht nutzen können. Mit diesem Programm werden wir sie nicht unter Druck setzen, die Gewerkschaften auch nicht.“

Jetzt hat der Münchner SPD-Vorsitzende Hans-Ulrich Pfaffmann die Rückkehr des „verlorenen Sohnes“ bekannt gegeben – und zwar „mit gewisser Genugtuung“, wie die Süddeutsche es formuliert. „Sein Engagement bei den Linken nennt Michael Wendl heute einen ‘Irrtum’, dennoch habe er viel gelernt in diesen Jahren.“ Von der SPD habe er den Eindruck, diese sei doch wieder bereit, wirtschaftspolitische Fragen zu diskutieren. Ambitionen auf Posten oder ähnliches habe Wendl nicht. (tos, Foto: Linke)

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Wendl wieder in der SPD

Wie die Süddeutsche berichtet, ist Michael Wendl, früherer Landesvorsitzender der Linken in Bayern, in die SPD zurückgekehrt. Der ver.di-Gewerkschafter hatte die Sozialdemokraten 2008 nach 36 Jahren verlassen – weil „die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich“ ein „Resultat der Politik der SPD“ ist, wie Wendl damals erklärte. Sein Wechsel zur Linken erfolgte kurz vor der Landtagswahl in Bayern, „jede Stimme für die Linke bewirkt inzwischen mehr als 100 Manifeste kritischer SPD-Mitglieder“, meinte Wendl seinerzeit. Es sei „für die erfolgreiche Veränderung der SPD viel wichtiger, dass die Linke auch in Bayern in den Landtag einzieht“. Doch die Partei verfehlte den Sprung und wird in aktuellen Umfragen nicht einmal mehr ausgewiesen.

Wendl wurde 2010 Landesvorsitzender in seiner neuen politischen Heimat, allerdings nur 77 Tage. Zwischen den früheren ver.di-Landesvize und die Linkspartei hatte sich bald gründliche Entfremdung geschoben – Wendl wurde für seinen eigenen politischen Kopf scharf kritisiert, und umgekehrt nahm der 61-Jährige kein Blatt vor den Mund, was andere nicht selten als barsche Attacke verstanden. Wendl, der die Zeitschrift Sozialismus mit herausgibt, arbeitete sich dabei aber stets auf einem theoretischen Niveau an manchen neuen Ideen und überkommenen Gewissheiten ab, das selten für Debatten in der Partei ist. Im November 2011 trat er aus der Linkspartei wieder aus: Als Grund nannte er das neue Programm der Linken, das Wendl in weiten Passagen als „theoretisch falsch und politisch desorientierend“ betrachtete. „Wir haben das Zeitfenster, das die SPD mit ihrer unsozialen Politik geöffnet hatte, nicht nutzen können. Mit diesem Programm werden wir sie nicht unter Druck setzen, die Gewerkschaften auch nicht.“

Jetzt hat der Münchner SPD-Vorsitzende Hans-Ulrich Pfaffmann die Rückkehr des „verlorenen Sohnes“ bekannt gegeben – und zwar „mit gewisser Genugtuung“, wie die Süddeutsche es formuliert. „Sein Engagement bei den Linken nennt Michael Wendl heute einen ‘Irrtum’, dennoch habe er viel gelernt in diesen Jahren.“ Von der SPD habe er den Eindruck, diese sei doch wieder bereit, wirtschaftspolitische Fragen zu diskutieren. Ambitionen auf Posten oder ähnliches habe Wendl nicht. (tos, Foto: Linke)

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Lesetipp: konkret

Wer alles über die Linke wissen will, muss dieses Blog hier lesen. Und natürlich all die vielen anderen linken Publikationen, die sich mehr oder weniger kritisch mit der Partei beschäftigen. Zum Beispiel die neue Ausgabe von konkret, in der Georg Fülberth die beiden Erfurter Programme vergleicht – das von 1891 und jenes von 2011. Das ist wie immer auf allerschönst trockene Weise formuliert. Die Mitglieder der Linken würden dem Programm „wohl zustimmen,und es gibt keinen Grund, weshalb sie das nicht tun sollten“, schreibt der Altmeister. „Gleichzeitig werden sie mit einem anderen Problem konfrontiert sein. Es gilt die Zweifel zu beheben, ob ihre Partei nach allem, wie sie sich in den vergangene zwölf Monaten dargestellt hat, noch von genügend vielen Menschen als eine Organisation angesehen wird, der sie praktische und erfolgreiche Politik im Sinne dieses Programms zutrauen.“ Daniel Dockerill blickt im selben Heft noch einmal zurück auf das Schicksal eines Änderungsantrages, der zwar ordentlich eingereicht, dann aber nicht behandelt wurde: Das Begehr, den „Schwur von Buchenwald“ im Programm korrekt zu zitieren. Der Vorstand habe die Behandlung des Antrags „dadurch scheinbar erledigt, dass er ihn in den Leitantrag einverleibt hatte – ohne allerdings die Verfälschung zu entfernen. Diese und ihre Korrektur stehen jetzt einträchtig nebeneinander. Die Linke wie sie leibt und lebt.“ Last not least: Einen nicht nur die Linkspartei betreffendes Problem bearbeitet Rainer Trampert unter der Überschrift „Deutsche Reformromantik“. Beantwortet wird hier nichts geringeres als die Frage, „warum eine auch von Linken propagierte keynesianische Lösung der Wirtschafts- und Finanzkrise nicht funktioniert“. Trampert setzt sich damit am Beispiel eines Vortrags von Heiner Flassbeck auseinander, den dieser auf der Rostocker Klausur der linken Bundestagsfraktion gehalten hat. Die Kritik an der Behauptung einer „globalen Lohnkrise“, dem omnipräsenten Nachfragebegriff, der falschen Unterscheidung von (bösem) Neoliberalismus und (gutem) Kapitalismus, der Skepsis am Modell eines kreditfinanzierten Aufschwungs und dem (Inflations-)Argument gegen die Finanztransaktionssteuer muss man nicht gleich zustimmen – wer es anders sieht, sollte sich allerdings auf gleichem sprachlichen und theoretischen Niveau munitionieren. (vk)

ps. Hat zwar nicht direkt mit der Linken was zu tun, ist aber deren Aktionshorizont: die Krise. Über die sowie ihre historische Tendenz, herrschaftliche Bearbeitung und – ja, natürlich dann doch: falsche Hoffnungen und richtige Antworten der Linken haben Thomas Ebermann, Michael Heinrich, Robert Kurz und Joseph Vogl diskutiert. Einen Auszug gibt es in konkret, das ganze Streitgespräch gibts im Frühjahr 2012 als Buch.

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NRW folgt SL und AKL

Mülheimer Harmonie hat der WDR erlebt – und das liest sich dann doch ein bisschen enttäuscht. Statt einen „turbulenten Landesparteitag“ darzubieten, habe die Linke am ersten Tag „demonstrativ Geschlossenheit“ gezeigt. Wozu im Landesverband Nordrhein-Westfalen eben auch gehört, dass der Ex-Vorsitzende unter lautem Beifall ein paar Spitzen in Richtung der Reformer los wird. Die Rede Oskar Lafontaines war so gesehen eine Art Präludium für die folgende Abstimmung. Der Tagesordnungspunkt wurde in Mülheim schneller als erwartet absolviert, die NRW-Linke selbst fand es „fast einmalig“, dass eine Programm-Beschlussfassung rund „eine Stunde eher abgeschlossen war als im Zeitplan vorgesehen“. Angesichts der Strömungsverhältnisse im größten West-Landesverband ist das aber vielleicht doch nicht so überraschend, ebenso wenig, dass die Delegierten die NRW-Partei auf Änderungsanträge zum Leitantrag für den Erfurter Programmparteitag festlegten, die Formulierungsvorschlägen von Antikapitalistischer und Sozialistischer Linke folgen.

So wurde zum Beispiel ein Antrag angenommen, in Erfurt die Passage zum Öffentlichen Beschäftigungssektor zu ersetzen – der ÖBS sei „gänzlich ungeeignet. Er ist Ausdruck der Hartz-IV-Logik, der Spaltung der Erwerbslosen und wird daher abgelehnt“ (siehe auch hier). NRW wird sich beim Programmparteitag im Oktober zudem für eine Änderung der Kompromissformulierung zu den „Haltelinien“ einsetzen, ein entsprechender Antrag fand in Mülheim die Mehrheit. Man begrüße zwar „das Bemühen, in dieser Frage zu einem Kompromiss zu kommen“, heißt es in der Begründung. „Die Formulierung des 2. Entwurfs ist jedoch ein untauglicher Versuch. Solange keine bessere Formulierung gefunden wird, beantragen wir, zur Formulierung des 1. Entwurfs zurückzukehren.“ Statt „Kampfeinsätze“ soll nach dem Willen der NRW-Mehrheit künftig von „Einsätzen“ der Bundeswehr die Rede sein, was Beteiligungen der Bundeswehr an Missionen genereller ausschließen würde.

Bei der Frage der UNO-Reform setzte sich ein Änderungsantrag durch, der sich an einem Vorschlag der Sozialistischen Linken orientierte. Gleiches gilt für einen Antrag zur Antifa-Passage im Leitantrag. Eine von den NRW-Delegierten verlangte Ergänzung zum Thema Rechtspopulismus wurde aus einem Vorschlag der AKL übernommen. Mit der Forderung, die Linke solle in ihr Programm aufnehmen, künftig für den Aufbau einer neuen Internationalen zu streiten, folgte man in Mülheim ebenso der Antikapitalistischen Linken wie in der Frage der internationalen Polizeieinsätze. Über die zumindest schriftlich fixierten Änderungsbestrebungen von AKL und SL hinaus ging der NRW-Parteitag in der NATO-Frage: Heißt es im Leitantrag bisher, dass die Linke „unabhängig von einer Entscheidung über den Verbleib Deutschlands in der NATO (…) in jeder politischen Konstellation dafür eintreten“ wolle, „dass Deutschland aus den militärischen Strukturen des Militärbündnisses austritt und die Bundeswehr dem Oberkommando der NATO entzogen wird“, votierten die NRW-Delegierten für eine weitergehende Formulierung: „Um die Auflösung dieses aggressiven Militärbündnisses voran zu treiben, will die Linke die Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO kündigen.“

Interessanter Weise konnten sich zwar alle wichtigen Änderungsbegehren von SL und AKL durchsetzen, das gilt vor allem für den Bereich der internationalen Politik, zu dem man in Erfurt ohnehin engagierte Diskussionen erwarten konnte. Keinen Erfolg hingegen hatte der Vorstand der NRW-Linken bei dem Versuch, den Landesverband hinter die Forderung nach einer „Feministischen Eröffnung des Programms“ zu bringen – über eine „Politik um Zeit“ überschriebene Prä-Präambel wird schon länger debattiert, sie konnte sich schon bei der Abstimmung über den Leitantrag im Linken-Vorstand nicht durchsetzen. Hinter dem strömungsübergreifend unterstützten Vorschlag stehen mehrere Landesverbände – NRW nun nicht gewissermaßen nicht mehr. Die Delegierten in Mülheim wiesen einen entsprechenden Antrag knapp mit 99 Nein-Stimmen gegen 83 Ja-Voten zurück. (tos)

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