Blockade

Vom 27. Januar zum 23. Februar: Gedenken und Blockieren

afademosoliblockactionDer 27. Januar ist seit Jahrzehnten, unter anderem in Großbritannien und Israel, ein Gedenktag für die Opfer des deutschen Faschismus. Seit 1996 wird dieser Tag der Mahnung und Erinnerung auch in der BRD offiziell duchgeführt.
Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus muss jedoch durch das aktive Eintreten gegen wiederaufkeimenden Rassismus und Faschismus ergänzt werden.

Aus diesem Grund begehen Initiativen, Gruppen und Organisationen aus ganz Baden-Württemberg nicht nur das Gedenken an die Opfer des Faschismus, sondern wehren sich auch aktiv gegen faschistische Umtriebe.

Aktuell bedeutet das die Verhinderung der sogenannten „Fackelmahnwache“ von Nazis am 23. Februar in Pforzheim. Der Geschichtsrevisionismus, den rechte Gruppierungen dort anlässlich des alliierten Bombardements der Stadt zum Ende des 2. Weltkrieges propagieren, dient einzig der Relativierung und Verdrängung von Gedenktagen wie dem 27. Januar.

Ein Sprecher des Stuttgarter Mobilisierungsbündnisses gegen den Naziaufmarsch erklärt zu den geplanten Aktionen: „Unser Ziel ist es, den Naziaufmarsch zu blockieren! Aus ganz Baden-Württemberg werden Nazigegnerinnen und Nazigegner zu Protestaktionen anreisen. Ziviler Ungehorsam ist für uns genauso wie kreative Aktionen und symbolische Demonstrationen ein legitimes Mittel, um unser Ziel zu erreichen. Eine antifaschistische Demonstration mit dem Bahnhof als Startpunkt soll den Auftakt dafür bilden.“

Weitere Infos hier:  nichtlangefackeln.tk oder hier einpoesiealbum.de


DIE LINKE: Schluss mit der Kriminalisierung der Anti-Nazi-Proteste in Dresden – Solidarität mit Tim

Beschluss des Parteivorstandes vom 20. und 21. Januar 2013

die linkeAm 19. Februar 2011 blockierten Tausende engagierte AntifaschistInnen zum zweiten Mal erfolgreich den größten Naziaufmarsch Europas in Dresden. DIE LINKE hat das Bündnis “Dresden-Nazifrei” von Anfang an unterstützt. An dem bundesweiten Bündnis beteiligten sich zahlreiche Organisationen der sächsischen Zivilgesellschaft, Künstler, Gewerkschaften, die Jusos, die Partei Bündnis 90/Die Grünen. Zahlreiche Abgeordnete der SPD, Grünen und DIE LINKE, unter anderem Petra Pau, Claudia Roth und Wolfgang Thierse unterstützten das Bündnis. Dank dem Engagement von Tausenden Dresdnerinnen und Dresdnern und Antifaschisten aus der ganzen Bundesrepublik konnten die Neonazis ihren Aufmarsch zwei Jahre in Folge nicht durchführen und wurden dadurch erheblich politisch geschwächt.

Nun ereilte uns die Nachricht, dass unser Genosse Tim vom Amtsgericht Dresden wegen seiner Beteiligung an der Anti-Nazi-Blockade zu einer Haftstrafe von einem Jahr und 10 Monaten ohne Bewährung verurteilt wurde.

Das Urteil gegen Tim ist eine juristische Farce und eindeutig politisch motiviert. Die Vorwürfe gegen Tim sind nicht bewiesen, sondern basieren auf Vermutungen und Unterstellungen. Das Urteil reiht sich ein in eine lange Liste von Skandalen der Dresdner Justiz und Behörden rund um die Blockaden vom Februar 2010 und 2011: Das vollständige Demonstrationsverbot für Antifaschisten 2010 mit Beschlagnahmen von Dresden-Nazifrei-Plakaten durch das Gericht; das Strafverfahren gegen den sächsischen Fraktionsvorsitzenden der LINKEN André Hahn wegen Rädelsführerschaft auf den Blockaden, das schließlich 2012 eingestellt wurde; die noch laufenden Verfahren gegen die linken Landtagsfraktionsvorsitzenden von Hessen und Thüringen Willi van Ooyen, Bodo Ramelow und Janine Wissler sowie gegen die MdB Caren Lay und Michael Leutert und den Landtagsabgeordneten Falk Neubert wegen der Blockade 2011. Die illegale Funkzellenabfrage von 1,4 Millionen Handy-Daten in Dresden am 19. Februar 2011; die Stürmung und Zerstörung der Landesgeschäftsstelle der Partei DIE LINKE in Dresden durch die Polizei im selben Jahr gehören dazu, um nur eine Auswahl zu nennen.

Mit dem drakonischen Urteil gegen Tim sollen offenbar engagierte Bürgerinnen und Bürger eingeschüchtert und davon abgehalten werden, sich wieder an den bevorstehenden antifaschistischen Protesten am 13. Februar 2013 zu beteiligen. DIE LINKE wird jedoch dieses Jahr wieder zu den Anti-Nazi-Protesten in Dresden aufrufen.

DIE LINKE ist solidarisch mit Tim und allen anderen Antifaschisten, die durch ihren berechtigten Protest gegen Nazis in Dresden kriminalisiert werden. Auch in den Auseinandersetzungen mit höheren Instanzen werden wir weiterhin an der Seite unserer Genossinnen und Genossen stehen.

Statt Haft gebührt Tim und vielen anderen der Dank aller Demokratinnen und Demokraten, die Rassismus und Faschismus heute bekämpfen.

Ein Poesiealbum fährt nach Magdeburg

Das Team steht, das Wochenende ist verplant, die Akkus sind geladen, die Objektive geputzt. Auf geht’s!
DemobeobachterInnen, BerichterstatterInnen und FotografInnen aus Stuttgart und Umgebung, machen sich auf den Weg nach Magdeburg. Gemeinsam dokumentieren und beschreiben wir den 12. Januar aus unserer Sicht. Als gestandene AntifaschistInnen wissen wir genau auf welcher Seite wir stehen. Gerade auch die Dokumentation von Polizeigewalt sehen wir als unsere Aufgabe. Da wo andere Medien wegsehen, fangen wir an zu berichten.

Also dann bis zum 12. Januar.

Aktuelle Infos zu Magdeburg findet ihr hier: Magdeburg Nazifrei

 

 


Zum Prozess gegen Dr. André Hahn: Es gibt in Sachsen und Thüringen kein Antifa-, sondern ein Nazi-Problem

Erklärung anlässlich des zweiten Verhandlungstages am Dresdner Amtsgericht im Prozess gegen den früheren Vorsitzenden der sächsischen Linksfraktion, Dr. André Hahn, wegen der Blockade des Naziaufmarsches am 13. Februar 2010 in Dresden, heute in Erfurt:

Was sich derzeit vor dem Amtsgericht Dresden im Prozess gegen André Hahn abspielt, ist eine Farce. Die Kriminalisierung des friedlichen Protestes gegen Nazi-Umtriebe auf Straßen und Plätzen muss beendet werden. Dies gilt für dieses wie für alle anderen Verfahren, die wegen des erfolgreichen zivilgesellschaftlichen Widerstandes gegen den größten Naziaufmarsch Europas geführt werden. Wer sich Nazis friedlich und couragiert entgegenstellt, darf dafür nicht bestraft werden.

Oberstaatsanwalt Schär hatte am 10. Oktober im Gerichtssaal seine Freude darüber zum Aus-druck gebracht, dass die Marschpläne der Nazis in den Jahren 2010, 2011 und 2012 in Dresden vereitelt worden sind. Dazu passt nicht die von der Staatsanwaltschaft angezettelte Prozessflut insbesondere auch wegen des 19. Februar 2011.

Es gibt in Sachsen und auch Thüringen kein Antifa-, sondern ein Nazi-Problem. Wir fordern daher die Staatsanwaltschaft als Ermittlungs- und Anklagebehörde auf, ihre Aufmerksamkeit auf die Verfolgung der von Nazis begangenen Verbrechen zu konzentrieren. Dass von unserer Region aus der „Nationalsozialistische Untergrund“ ein Jahrzehnt lang unbehelligt morden konnte, zeigt, dass es hierbei noch erheblichen Nachholbedarf gibt.

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Naziaufmarsch in Göppingen – LÄUFT NICHT!

Am 6. Oktober wollen Nazis in Göppingen wieder demonstrieren, das wäre dieses Jahr dann schon das vierte Mal. Bei solchen Demos werden rassistische und faschistische Inhalte verbreitet, die darauf abzielen Bevölkerungsgruppen auszugrenzen, zu unterdrücken und zu vernichten. Unter dem Schutz der Meinungsfreiheit propagieren Nazis einen gleichgeschalteten Führerstaat, in dem dann keine Meinungsfreiheit mehr gelten wird. Seit 1990 wurden mehr als 200 Menschen durch Nazis ermordet. Die aufgedeckten Morde der rechten Terrorgruppe NSU verdeutlichen einmal mehr die aktuelle tödliche Konsequenz der neonazistischen Ideologie.
Bereits mehrmals versuchten Nazis hier in Göppingen ihre rassistische und menschenverachtende Propaganda mit Kundgebungen unter die Leute zu bringen. Immer wieder schlug ihnen dabei Widerstand entgegen – Ihr letzter Kundgebungsversuch wurde mit vielfältigen und entschlossenen Protesten beantwortet – eine weitere Niederlage. Deshalb mobilisieren die Göppinger Nazis nun zu einem größeren Aufmarsch, bei dem mehrere hundert Faschisten_innen aus verschiedenen Regionen erwartet werden.
Es stößt bei Menschen quer durch die Bevölkerung auf vollkommenes Unverständnis, dass die Kundgebungen der Faschisten_Innen stattfinden dürfen. Wir kommen aus der Region Göppingen und haben uns zusammengeschlossen, um gemeinsam zu handeln. Wir fühlen uns in unseren Pflichten als verantwortungsbewusste Menschen angesprochen und wollen nicht nur von Zivilcourage reden, sondern rufen zu Mut, Einigkeit und zivilem Ungehorsam auf. Wenn die Verwaltung den Nazis Vortritt lässt, wenn die Politiker_innen sich verstecken und wenn Gerichte zustimmen, wollen wir gemeinsam auf die Straßen gehen und uns den Nazis in den Weg stellen.
Eine erfolgreiche Blockade und Verhinderung der Nazidemo ist das Gebot der Stunde. Göppingen darf nicht das Aufmarschgebiet der Faschisten_innen in der ganzen Region werden!
Nehmen wir es selbst in die Hand: Mit friedlichen Sitzblockaden, an denen sich eine Vielzahl von Menschen beteiligen kann, wollen wir nicht nur Zeichen setzen, sondern den Aufmarsch der Nazis stoppen. Solche Blockaden in anderen Städten wie Dresden, Wunsiedel, Lübeck und Köln haben bewiesen, dass es vielen Menschen gemeinsam gelingt, Naziaufmärsche zu verhindern.

Im Zusammenspiel mit unterschiedlichen kreativen und ausdrucksstarken Protestformen werden wir den 6. Oktober zu einem Tag des Zusammenhaltes für ein solidarisches Miteinander machen. Nur wenn viele Ideen und viele Menschen zusammen wirken, werden wir erfolgreich sein.

Erstunterstützer_innen:

AABS – Antifaschistisches Aktionsbündnis Stuttgart und Region
ADGH – Demokratische Jugendbewegung in Europa
ADHF – Föderation für demokratische Rechte in Deutschland
Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart
Antifaschistische Aktion (Aufbau) Tübingen
Antifaschistische Gruppe Göppingen
Autonome Antifa Nürtingen
Demokratischer Kulturverein Schwäbisch Gmünd
DIDF Jugend Baden-Württemberg (Jugendverband der Föderation demokratischer Arbeitervereine)
DIDF Göppingen
Die Linke im Stadtrat Göppingen
Die Linke Kreisverband Göppingen
DKP Gruppe Göppingen/Geislingen
FAU – Freie ArbeiterInnen Union Stuttgart
Frauenverband Courage Göppingen
Halkevi Volkshaus Kirchheim/Teck
Libertäres Bündnis Ludwigsburg (LB)²
Linksjugend ['solid] Baden-Würtemmberg
Linksjugend ['solid] Stuttgart
Migrantinnenverein Göppingen
MLPD Göppingen
SJD – Die Falken Stuttgart
Sozialistische Alternative Stuttgart
VVN Baden-Württemberg
VVN-BdA Göppingen
VVN-BdA Kreisvereinigung Esslingen
VVN Kreisvereinigung Stuttgart
Zusammen Kämpfen (Stuttgart)

Stand 09.092012

Quelle: laeuft-nicht


Komitee für Grundrechte und Demokratie: Riesiger Dank den Demonstrierenden auf dem Paulsplatz!

17.05.2012

Die Bürger und Bürgerinnen auf dem Paulsplatz in Frankfurt, unmittelbar neben der Paulskirche, der Wiege der Demokratie, haben heute gezeigt, dass sie sich die Grundrechte nicht einfach nehmen lassen. Trotz verbotener Versammlung in einer polizeilich abgesperrten und kontrollierten Stadt haben sie Stunden auf dem Platz gestanden und sich von allen staatsgewaltigen Einschüchterungen und Drohgesten nicht abhalten lassen. Ihrer guten Laune, ihrer Friedfertigkeit und ihrer freiheitlichen Unerschrockenheit hat dies keinen Abbruch getan.

Die Polizei forderte sogar auf, die hochgehaltenen Grundgesetzbücher herunterzunehmen. In der Stadt Frankfurt werden die Grundrechte nicht hochgehalten, sondern den Macht- und Kapitalinteressen untergebuttert.

Allen wünschen wir weiterhin den Mut zum eigenen Denken und die Kraft den Provokationen zu widerstehen.

Ihr Demonstrierenden ward großartig!

gez. Elke Steven

Im Schatten von Dresden

4.200 Polizisten sollen am Montag in der sächsischen Landeshauptstadt zum Einsatz kommen, weil sich Tausende Nazigegner angekündigt haben, gegen Rechtsradikale und den Missbrauch des Gedenkens an den 13. Februar 1945 zu protestieren. Am Nachmittag findet ein Gedenkgang von Kommunalpolitikern statt, das Bündnis Dresden nazifrei organisiert die Mahnroute „Täterspuren“. Zu 18 Uhr ist eine Menschenkette geplant, zudem weitere Demonstrationen. Ein Fackelzug der Nazis wurde für den frühen Abend angesagt. Über deren mögliche Route hat nun das Gegen-Bündnis informiert. Liveticker wird unter anderem hier und bei der Taz geben.

Dresden Nazifrei via Twitter: hier
Coloradio Dresden – Livestream: hier
Eine Bilanz von Dresden von Avanti: hier

Dresden Nazifrei als Ticker: hier
Die Lügen von Dresden in der Taz: hier
Dresden Speciale 2012 von ak und DRR: hier
Infos und Links bei Annalist – hier
Leitfaden sicheres Demonstrieren in der Taz: hier

Man kann inzwischen einen gewachsenen Konsens ausmachen, demzufolge auch jene antifaschistischen Aktionen richtig und geboten sind, welche mit zivilem Ungehorsam einhergehen. Zu diesem Konsens gehört Kritik an den staatlichen Reaktionen, die als überzogen und politisch falsch zurückgewiesen werden. Die Süddeutsche zum Beispiel spricht heute in einem Kommentar von „erschreckender Einseitigkeit der sächsischen Behörden“, bei denen „mancher auf dem rechten Auge blind“ sei. „Anders ist jedenfalls kaum zu erklären, wieso die Beobachtung und Verfolgung von Rechtsextremen bislang derart lax betrieben wurde, während Menschen, die gegen Rechtsdemonstranten auf die Straße gingen, mit solch ungebremster Wut verfolgt werden.“

Hier hat sich im Vergleich zu den neunziger Jahren etwas verändert: breiter werdende Risse, die den alten Block aus Gedenkpolitik, Kriminalisierung des Widerstands und Scheißegal-Stimmung aufbrachen. Dresden ist hier ein wichtiger Motor geworden, es macht sich zuvörderst die jahrelange Arbeit des Bündnisses bemerkbar, welche die erfolgreichen Blockaden der vergangenen Jahre ermöglicht hat und politische Partner zusammenbrachte, die sich sonst teils aus dem Weg gehen. Dass Vertreter von SPD, Grünen und Linken gemeinsam zu den Aktionen aufrufen ist davon ebenso Ausdruck wie der Schulterschluss von linken Gruppen, Gewerkschaftern, Künstlern, Antifa und Glaubensgemeinschaften. Mit der Orientierung auf die Blockade als Mittel der gezielten aber friedlichen Regelübertretung einerseits und den gemeinsamen Trainings im Vorfeld andererseits ist von Dresden auch ein Signal für andere Protestbewegungen ausgegangen, nicht nur für zahlreiche andere, inzwischen erfolgreich abgelaufene Aktionen gegen Naziaufmärsche. Es lassen sich Linien ziehen zu den Protesten gegen Stuttgart 21 oder den „Castor-Schottern“-Aktionen. Die Blockaden selbst sind dabei natürlich nicht neu, wohl aber hat sich die Art und Weise gewandelt, in der sie organisiert werden, wie über sie gesprochen wird und welche integrative Rolle praktischer Ungehorsam spielen können. Kultur und Praxis des friedlichen Widerstands gegen zahlenmäßig und technisch hochgerüstete Polizeikontingente, welche Entscheidungen durchsetzen, die formal richtig sein mögen aber von einer Mehrheit als falsch betrachtet werden, sind von den Dresdner Blockaden verändert worden.

Der Erfolg von Dresden (lässt sich sagen, hier schreibe der Osten erstmals nach dem Aufbegehren von 1989 und den Montagsdemonstration gegen Hartz IV wieder ein eigenes Kapitel in der bundesdeutschen Bewegungsgeschichte?) macht aber auch sichtbar, wo es an vergleichbaren Mobilisierungen und Bündnispolitiken fehlt. Was gegen Nazis möglich ist, bleibt auf dem Feld des sozialen Widerstands offenbar aus. Es ist wohl auch so, dass in Dresden sich Menschen den Rechtsradikalen und dem Missbrauch des Gedenkens entgegenstellen, die aus anderen sozialen und kulturellen Milieus kommen als die von jahrelanger „Sozialpolitik“ an den gesellschaftlichen Rand Gedrängten. Ein ähnliches Muster wie in Stuttgart und bei den großen Anti-Atomprotesten der vergangenen Jahre: vor allem die politisch aufgeschlossene Mitte demonstriert, unterstützt von Gewerkschaften, Parteien, Verbänden – und den vielen linken Aktiven, die unabhängig von ihrer sozialen Herkunft auch dann noch vor der Bahnhofsbaustelle stehen, wenn sich wie in Stuttgart nach den Landtagswahlen die „hegemoniale Minute“ des Widerstands schon wieder verflüchtigt.

Ein mit Dresden vergleichbares Bündnis von dieser politischen Breite, thematischen Zuspitzung und friedlichen Konfrontation ist im Kampf um Bessere Lebensbedingungen für Armutsrentner, Prekarisierte oder Flüchtlinge derzeit offenbar nicht möglich, ja nicht einmal in der Friedensbewegung, die diese Qualität in den achtziger Jahren noch hatte. Zur Akzeptanz des bunten Widerstand von Dresden haben auch die allgemeine Empörung über die „sächsische Demokratie“, über das tödlichen Nichtstun der Sicherheitsapparate gegen die Zwickauer Nazizelle und nicht zuletzt eine noch relativ neue, über alte politische Lagergrenzen hinausgehende Alltagsfront gegen die massenhafte Rasterfahndung beigetragen. Wenn man so will: der zivilgesellschaftliche Modus von Bewegungspolitik auf Themenfeldern wie Antifa, Bürgerrechte, Ökologie und Demokratiefragen funktioniert, der klassenpolitische Modus tut dies nicht. Das mag einerseits an der uns aufgeherrschten Konkurrenz liegen, auch an einem durch Ausgrenzung beförderten Rückzug der Betroffenen ins politische Unpolitische, wo sie zwar als “Unterschicht” zum Thema öffentlicher Auseinandersetzung werden, diese aber nicht mehr selbst führen und so selbst noch der Chance benommen sind, Solidarität zu erfahren.

Einfache Antworten liegen zwar nahe: Warum sollte die Hartz-SPD gegen Erwerbslosenschikane mobilisieren? Antifa ist Mehrheitskonsens, verteilungspolitisch wird der in Zeiten eines beinahe totalitären Austeritätsparadigma schon brüchiger und wo es so ausssieht, als ob man konkurrierende Interessen hat (weil da sgemeinsame Interesse nicht mehr erkannt werden will), hört es mit dem guten Willen zur gemeinsamen Politiok offenbar ganz auf. Selbst unterhalb der Ebene der Apparate, die zusätzlich noch vopn strategischen Eigeninteressen geleitet werden, gelingt es zum Beispiel kaum, die durchaus bestehenden Gemeinsamkeiten der Linken in den Parteien, Gewerkschaften usw. etwa gegen den Dauerskandal der Hartz-Sanktionen in Bewegungsenergie zu transformieren. Man wird weiter darüber diskutieren müssen, warum das nicht gelingt (Ansätze gibt es ja, etwa gemeinsame Aktionen vor und in Arbeitsagenturen) und welche diskurs- und konstellationspolitischen Gründe dem entgegenstehen. (tos)

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Gründlich verfehlt

Der Immunitätsausschuss des Bundestags hat am Donnerstag den Weg für ein Strafverfahren der sächsischen Justiz gegen die linken Abgeordneten Caren Lay und Michael Leutert freigemacht. In der Partei stieß das auf heftige Kritik – nicht zuletzt, da die Ermittlungen auf Grund einer NPD-Anzeige in Gang gesetzt wurden und offenbar auch die SPD-Vertreter in dem Ausschuss für die Aufhebung der Immunität stimmten, was in Kontrast zu den sozialdemokratischen Aufrufen steht, sich an den auch dieses Jahr geplanten Blockaden von Nazi-Aktionen in Dresden zu beteiligen. Linken-Chef Klaus Ernst erklärte, er sei „besonders vom Abstimmungsverhalten der SPD enttäuscht“; der Ausschuss habe „der Demokratie einen Bärendienst erwiesen“. Ernst nannte die Ausschuss-Entscheidung ein „Signal der Einschüchterung“ und forderte, „wir müssen ernsthaft darüber nachdenken, wie wir künftig sicher stellen, dass das Demonstrationsrecht friedliche Demokraten schützt und nicht rechtsextreme Verfassungsfeinde“.

Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Linksfraktion, Dagmar Enkelmann, sagte, der Immunitätsausschuss habe „die ihm vom Bundestag anvertraute Verantwortung dafür, einen wirksamen Schutz von Abgeordneten vor ungerechtfertigter politischer Verfolgung zu gewährleisten, gründlich verfehlt“. Zudem sei beiden Abgeordneten „die ausdrücklich vorgesehene Möglichkeit verweigert“ worden, „zu den Umständen und Hintergründen ihrer strafrechtlichen Verfolgung wegen der Teilnahme an einer friedlichen Blockade zur Verhinderung des Nazi-Aufmarsches in Dresden“ im Jahr 2010 Stellung zu nehmen. Enkelmann fürchtet, dass nun für die Staatsanwaltschaft der Weg frei sei, „an den beiden Bundestagsabgeordneten ein juristisches Exempel gegen praktizierte Zivilcourage im Kampf gegen Rechtsextremismus zu statuieren“. Zuvor hatte Gregor Gysi in einem Brief an den Ausschuss-Vorsitzenden Thomas Strobl (CDU) und die anderen Fraktionschefs um Unterstützung gebeten. Es sei unstrittig, dass von Lay und Leutert “nicht die geringste Gewalt angewandt wurde, sie leisteten lediglich passiven Widerstand”. Solche Aktivitäten müssten unterstützt und “keinesfalls strafrechtlich verfolgt werden”. Es sei “erforderlich, dass der zuständige Ausschuss die Immunität beider Abgeordneten wieder herstellt bzw. im Falle eines Antrages ihre Aufhebung ablehnt”.

Die Angelegenheit ist zudem juristisch höchst fragwürdig: Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags war zu dem Ergebnis gekommen, dass “nach der Nichtigerklärung des Sächsischen Versammlungsgesetzes die Einleitung eines Strafverfahrens für Taten für den Zeitraum zwischen Verkündung und Nichtigerklärung wegen der dargestellten Strafbarkeitslücke nicht möglich sein” würden. Der sächsische Verfassungsgerichtshof hatte das betreffende Gesetz im April 2011 kassiert.

Lay zeigte sich „empört“ und verwies auf eine gemeinsame Erklärung alle Fraktionen, die mit Blick auf die Mordserie der Zwickauer Zelle gefordert hatten, rechtsradikalen Gruppen uind ihrem Umfeld den gesellschaftlichen und finanziellen Boden zu entziehen. „Diese Erklärung darf keine Sonntagsrede bleiben“, so Lay. Michael Leuter nannte die Entscheidung des Ausschusses „ein verheerendes politisches Signal an alle, die sich gegen Nazis engagieren“. Er selbst werde, wie auch viele andere Abgeordneten der Linken, der SPD und der Grünen, dennoch auch in diesem Jahr in Dresden bei den Protesten dabei sein. (hier beide im Audio) Zuvor war bereits die Immunität der hessischen Linke-Abgeordneten Janine Wissler und Willi van Ooyen (hier) und des sächsischen Fraktionschef André Hahn (hier) aufgehoben worden. Auch die sächsische Grünen-Landtagsabgeordnete Eva Jähnigen soll wegen der Teilnahme an der Blockade ihre Immunität verlieren. (vk)

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Demokraten können erstmals gemeinsame Sprache gegenüber geplanten Nazi-Aufmärschen in Dresden finden

Zur Landtagsdiskussion um den Umgang mit Nazi-Umtrieben am 13. Februar in Dresden:

Die Voraussetzungen sind so gut wie nie noch nie, dass die Demokraten eine gemeinsame Sprache gegen die geplanten Aufmärsche der Nazis finden. Endlich wurde in der Stadt Dresden die Sprachlosigkeit überwunden, es gab einen Runden Tisch mit dem Moderator Frank Richter, vor dem ich großen Respekt habe, angesichts dessen, was er geleistet hat. Dabei waren noch nicht mal alle relevanten Gruppen Teilnehmer/innen an den Gesprächsrunden, ich denke insbesondere an das Aktionsbündnis „Dresden Nazifrei“. Hier sind also noch Reserven.
Deshalb ist die Videobotschaft von Innenminister Ulbig zum gemeinsamen Agieren gegen Rechtsextremismus missglückt. Er grenzt einen Teil von Menschen aus, die seit vielen Jahren gegen Nazis Gesicht zeigten und oft alleine gelassen wurden. Der Innenminister versuchte in einem Interview den Satz: „Antifaschismus ist nicht die richtige Antwort, sondern Demokratie“, zu erläutern. Hätte er gesagt: Allein Antifaschismus ist nicht die richtige Antwort, würde ich sagen: Ja, da hat der Minister nicht unrecht. Jedoch: Antifaschisten sind zwar nicht die besseren Menschen, aber sie sind Demokraten. Wir dürfen hier keine Spaltung zulassen. Denn das führte in den letzten Jahren zu immensen Problemen: Weil dadurch der Konsens der Demokraten gegen Nazis gefährdet wird. Uns eint die Verteidigung demokratischer Kultur, ob dies aus antifaschistischer, wertkonservativer, christlicher oder anderer Motivation heraus erfolgt!
Bei Aufmärschen und Aktionen des selbsternannten „Nationalen Widerstandes” handelt es sich nicht um eine abweichende politische Position. Die Bestrebungen dieser Gruppierungen zielen geradezu auf die Abschaffung von Verfassung und Demokratie, und das bedeutet – auch auf die Abschaffung des  Demonstrationsrechtes! Der Pfarrer Michael Kleim aus Gera schreibt nach dem 19. Februar 2011 hier in Dresden: „Einen besonderen Schutz des Grundgesetzes für Verfassungs- und Demokratiefeindlichkeit kann ich nicht erkennen, wohl aber das Recht der Zivilgesellschaft auf gewaltfreien Widerstand gegen solche Bestrebungen.“
Der Konsens, es wird friedlich blockiert, wurde leider von einer Minderheit gebrochen. Brennende Barrikaden, Autos und Gebäude sind keine antifaschistische Tat; dahinter steckt kriminelle Energie. Deshalb haben wir uns mehrfach und eindeutig davon distanziert. Deswegen müssen  Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte handeln. Jedoch ist es völlig unverhältnismäßig, wenn Tausende Gegendemonstranten unter Generalverdacht gestellt und Hunderttausende Handydaten gesammelt und ausgewertet werden.

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Erkenntnisresistent

Während die politische Klasse und die Öffentlichkeit unter dem Eindruck der von Neonazis verübten Mordserie stehen und ein demokratisches Bündnis zum Protest gegen den Naziaufmarsch im Februar in Dresden ruft, geht die Dresdner Staatsanwaltschaft weiter gegen Teilnehmer der Antinazi-Proteste aus dem Jahre 2010 vor. Im Visier der sächsischen Strafverfolger befinden sich die vier Linke-Fraktionschefs André Hahn (Sachsen), Bodo Ramelow (Thüringen) sowie Janine Wissler und Willi van Ooyen (Hessen).

Am 1. Februar will der hessische Landtag die Immunität der beiden Linksfraktionsvorsitzenden aufheben – der Hauptausschuss des Parlaments sprach sich kürzlich dafür aus, was darauf hindeutet, dass CDU und FDP sich gegen die Linken einig sind. Die CDU erklärte offen, für die Aufhebung der Immunität einzutreten. Geschieht das, dann könnte die Dresdner Staatsanwaltschaft Anklage gegen Wissler und van Ooyen erheben. Janine Wissler, die auch Kandidatin der Linken bei der Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt am Main ist, nannte es in einem ND-Interview unglaublich, „dass nun Menschen strafrechtlich verfolgt werden sollen, die sich Nazis in den Weg stellen“.

Etwas weiter sind bereits die Verfahren gegen Hahn und Ramelow. André Hahn wurde wegen der Teilnahme an der Naziblockade 2010  in der letzten Woche vom Dresdner Amtsgericht zu einer Geldstrafe von 3000 Euro verurteilt – wegen “Störung von Aufzügen gemäß dem Versammlungsgesetz”. Hahn bezeichnete den Vorwurf zum wiederholten Mal als absurd und hat gegen das Urteil Einspruch eingelegt. Der Thüringer Bodo Ramelow erhielt wegen der gleichen Angelegenheit vom Dresdner Amtsgericht Anfang des Jahres einen Strafbefehl über 3400 Euro. Auch er hat Einspruch eingelegt.

Dass die sächsische Justiz in ihrem Verfolgungseifer nicht nachlässt, zeugt von erheblicher Erkenntnisresistenz. Nachdem im Zuge der Ermittlungen über die von Neonazis verübten Morde an Türken und einem Griechen sowie weitere Anschläge immer mehr Zusammenhänge der NPD mit der rechtsterroristischen kriminellen Szene bekannt geworden sind, steht doch die Frage: Muss eine Stadt, muss eine Demokratie sich Aufmärsche von solchen Leuten gefallen lassen? Muss die Justiz Gegner dieser Neonazis verfolgen, die gewaltlos demonstriert haben? Und was sind unter solchen Umständen die Aufrufe des sächsischen Ministerpräsidenten wert, in diesem Jahr  wieder gegen die Neonazis zu demonstrieren? (wh)

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