In der Tageszeitung hat Stefan Reinecke mit Michael Wildenhain über seinen Gang in der Linkspartei gesprochen. „Soziale Bewegung und parlamentarische Linke stärker zu verknüpfen“, sagt der Autor, das habe ihn überzeugt. Gefragt danach, ob es nicht „merkwürdig“ sei, dass jemand aus der Hausbesetzerbewegung der 1980er Jahre in „eine linkssozialdemokratische, langweilige Partei“ eintritt, verweist Wildenhain auf einen Perspektivenwechsel: „Mein Blick auf die radikalen Bewegungen hat sich verändert. Diese Bewegungen sind Durchlauferhitzer. Leute engagieren sich dort zwei, drei Jahre, dann hören sie auf. Es gibt dort ein dauerndes Abreißen von Zusammenhängen, das äußerst unproduktiv ist.“ Gerade aber in Krisenzeiten wie diesen müsse die „gesellschaftliche Linke kontinuierlich vertreten sein“ – als parlamentarische Kraft und als breite, außerparlamentarische Bewegung.
Wildenhains Anmerkungen setzen eine Diskussion fort, die zugegebenermaßen nicht recht in Gang kommt. Nach dem Eintritt von Raul Zelik in die Linkspartei hat es einige Ansätze dazu gegeben, noch einmal und unter neuen Bedingungen über das Verhältnis radikaler, unabhängiger Linker und linker Parteien nachzudenken, darüber, was eine Mitgliedschaft in der Linken bedeuten kann, welche Chancen sich daraus ergeben und an welche Grenzen man stößt. Doch die Fäden scheinen irgendwie unverbunden, hier hat sich Linkspartei zu einem „Ratschlag Gewerkschaften und soziale Bewegungen“ getroffen, da hat man auf Einladung der Gruppe Soziale Kämpfe mehr oder weniger erfolgreich versucht, „die bisherige Arbeitsteilung von linker Partei und linker Bewegung auf den Prüfstand zu stellen”.
Gelungen ist das aber bisher noch nicht in dem Maße, das den gesellschaftlichen Verhältnissen angemessen wäre. Was vielleicht auch daran liegt, dass es zu selten gelingt, das Verhältnis von Bewegung und Parteien inhaltlich zu bestimmen – statt auf der Ebene von Bündnispolitik und Parlamentarismuskritik stehen zu bleiben. In ihrem Text über “Finanzdominierte Akkumulation und die Krise in Europa” (um nur ein Beispiel herauszugreifen) haben Alex Demirović und Thomas Sablowski der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass es innerhalb der fragmentierten Linken “vielleicht einzelne oder Gruppen” gibt, “die sich mit ähnlichen Fragen und Problemen wie wir beschäftigen” – in diesem Fall Fragen der Bestimmung der gegenwärtigen Krisemomente, von Einstiegsprojekten in eine Transformation, einer sozialistischen Perspektive und einer “linken” Europapolitik. Letzteres hätte angesichts der aktuellen Lage, der Zuspitzung von Widersprüchen und des Auseinanderlaufens von Krisenerfahrungen das Zeug dazu, auch über den bisherigen, eher begrenzten Rahmen hinaus für Interesse zu sorgen: “In der Krise ist es nicht die Aufgabe der Linken, den Euro zu verteidigen oder umgekehrt gegen den Euro zu mobilisieren. Hauptaufgabe der Linken ist es, zur besseren Verteidigung der subalternen Klassen gegen die Austeritätspolitik beizutragen”, schreiben Demirović und Sablowski.
Wer dabei welche Rolle übernimmt, damit aus der Summe der einzelnen Teile mehr wird als ein zum hundertsten Mal ausgebliebener “heißer Herbst”, was für Lernerfahrungen wo gemacht werden könnten und wie das, was Wildenhain “ein dauerndes Abreißen von Zusammenhängen” nennt, verhindert werden könnte (also wo welche Erfahurngen, zum Beispiel mit “zentralen Aktiontagen” schon gemacht wurden), das wären Fragen, die zu beantworten man das Verhältnis von Partei und Bewegung “auf den Prüfstand” stellt – aber eben nicht nur im Labor, sondern unter konkreten Praxisbedingungen. Das schließt mögliche Enttäuschungen selbstverständlich mit ein, würde aber erst einmal voraussetzen, dass es überhaupt etwas gibt, was man – und zwar ganz konkret – enttäuschend finden kann. Bisher ist der Stand der Diskussion dort noch kaum angekommen: Viele verharren in Grundsatzkritik über das (Veränderungen blockierende) Wesen von Parteien im bürgerlichen Staat, andere langweilen das Publikum mit offiziellen Erklärungen, nach denen man in einer “sehr konstruktiven und solidarischen Debatte wurden gegenseitige Erwartungen, Herausforderungen und Planungen diskutiert” habe. Und wieder andere lassen den Begriff der Mosaiklinken hochleben, der einem mehr und mehr wie eine Ausrede vorkommt, wenn man sich klar macht, dass die Steinchen sich bisher nicht zu einem Bild fügen.
Im Herbst entscheidet Karlsruhe über den ESM, die parteipolitische Debatte in der Bundesrepublik oszilliert ohnehin weitgehend um die Frage der “Krisenreparatur” herum – demokratiepolitische Fragen eingeschlossen. Die Dynamik der Krise büßt an Geschwindigkeit nicht ein, die Frage “wer dafür bezahlt”, wird zu einer ganz praktischen. Dass sie quasi automatisch “von links” aufgegriffen wird, wird man nicht erwarten können. “Es gibt in Europa mehr Erwerbslose, die soziale Kluft wird tiefer, um zwei Beispiele zu nennen”, hat Wildenhain im Taz-Gespräch gesagt. Und: “Um dafür Lösungen zu finden, ist eine parlamentarische Linke notwendig – und eine breite, europäische, außerparlamentarische Bewegung.” Die Suche geht weiter. (tos)
