Stefan Reinecke

Dauerndes Abreißen

In der Tageszeitung hat Stefan Reinecke mit Michael Wildenhain über seinen Gang in der Linkspartei gesprochen. „Soziale Bewegung und parlamentarische Linke stärker zu verknüpfen“, sagt der Autor, das habe ihn überzeugt. Gefragt danach, ob es nicht „merkwürdig“ sei, dass jemand aus der Hausbesetzerbewegung der 1980er Jahre in „eine linkssozialdemokratische, langweilige Partei“ eintritt, verweist Wildenhain auf einen Perspektivenwechsel: „Mein Blick auf die radikalen Bewegungen hat sich verändert. Diese Bewegungen sind Durchlauferhitzer. Leute engagieren sich dort zwei, drei Jahre, dann hören sie auf. Es gibt dort ein dauerndes Abreißen von Zusammenhängen, das äußerst unproduktiv ist.“ Gerade aber in Krisenzeiten wie diesen müsse die „gesellschaftliche Linke kontinuierlich vertreten sein“ – als parlamentarische Kraft und als breite, außerparlamentarische Bewegung.

Wildenhains Anmerkungen setzen eine Diskussion fort, die zugegebenermaßen nicht recht in Gang kommt. Nach dem Eintritt von Raul Zelik in die Linkspartei hat es einige Ansätze dazu gegeben, noch einmal und unter neuen Bedingungen über das Verhältnis radikaler, unabhängiger Linker und linker Parteien nachzudenken, darüber, was eine Mitgliedschaft in der Linken bedeuten kann, welche Chancen sich daraus ergeben und an welche Grenzen man stößt. Doch die Fäden scheinen irgendwie unverbunden, hier hat sich Linkspartei zu einem „Ratschlag Gewerkschaften und soziale Bewegungen“ getroffen, da hat man auf Einladung der Gruppe Soziale Kämpfe mehr oder weniger erfolgreich versucht, „die bisherige Arbeitsteilung von linker Partei und linker Bewegung auf den Prüfstand zu stellen”.

Gelungen ist das aber bisher noch nicht in dem Maße, das den gesellschaftlichen Verhältnissen angemessen wäre. Was vielleicht auch daran liegt, dass es zu selten gelingt, das Verhältnis von Bewegung und Parteien inhaltlich zu bestimmen – statt auf der Ebene von Bündnispolitik und Parlamentarismuskritik stehen zu bleiben. In ihrem Text über “Finanzdominierte Akkumulation und die Krise in Europa” (um nur ein Beispiel herauszugreifen) haben Alex Demirović und Thomas Sablowski der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass es innerhalb der fragmentierten Linken “vielleicht einzelne oder Gruppen” gibt, “die sich mit ähnlichen Fragen und Problemen wie wir beschäftigen” – in diesem Fall Fragen der Bestimmung der gegenwärtigen Krisemomente, von Einstiegsprojekten in eine Transformation, einer sozialistischen Perspektive und einer “linken” Europapolitik. Letzteres hätte angesichts der aktuellen Lage, der Zuspitzung von Widersprüchen und des Auseinanderlaufens von Krisenerfahrungen das Zeug dazu, auch über den bisherigen, eher begrenzten Rahmen hinaus für Interesse zu sorgen: “In der Krise ist es nicht die Aufgabe der Linken, den Euro zu verteidigen oder umgekehrt gegen den Euro zu mobilisieren. Hauptaufgabe der Linken ist es, zur besseren Verteidigung der subalternen Klassen gegen die Austeritätspolitik beizutragen”, schreiben Demirović und Sablowski.

Wer dabei welche Rolle übernimmt, damit aus der Summe der einzelnen Teile mehr wird als ein zum hundertsten Mal ausgebliebener “heißer Herbst”, was für Lernerfahrungen wo gemacht werden könnten und wie das, was Wildenhain “ein dauerndes Abreißen von Zusammenhängen” nennt, verhindert werden könnte (also wo welche Erfahurngen, zum Beispiel mit “zentralen Aktiontagen” schon gemacht wurden), das wären Fragen, die zu beantworten man das Verhältnis von Partei und Bewegung “auf den Prüfstand” stellt – aber eben nicht nur im Labor, sondern unter konkreten Praxisbedingungen. Das schließt mögliche Enttäuschungen selbstverständlich mit ein, würde aber erst einmal voraussetzen, dass es überhaupt etwas gibt, was man – und zwar ganz konkret – enttäuschend finden kann. Bisher ist der Stand der Diskussion dort noch kaum angekommen: Viele verharren in Grundsatzkritik über das (Veränderungen blockierende) Wesen von Parteien im bürgerlichen Staat, andere langweilen das Publikum mit offiziellen Erklärungen, nach denen man in einer “sehr konstruktiven und solidarischen Debatte wurden gegenseitige Erwartungen, Herausforderungen und Planungen diskutiert” habe. Und wieder andere lassen den Begriff der Mosaiklinken hochleben, der einem mehr und mehr wie eine Ausrede vorkommt, wenn man sich klar macht, dass die Steinchen sich bisher nicht zu einem Bild fügen.

Im Herbst entscheidet Karlsruhe über den ESM, die parteipolitische Debatte in der Bundesrepublik oszilliert ohnehin weitgehend um die Frage der “Krisenreparatur” herum – demokratiepolitische Fragen eingeschlossen. Die Dynamik der Krise büßt an Geschwindigkeit nicht ein, die Frage “wer dafür bezahlt”, wird zu einer ganz praktischen. Dass sie quasi automatisch “von links” aufgegriffen wird, wird man nicht erwarten können. “Es gibt in Europa mehr Erwerbslose, die soziale Kluft wird tiefer, um zwei Beispiele zu nennen”, hat Wildenhain im Taz-Gespräch gesagt. Und: “Um dafür Lösungen zu finden, ist eine parlamentarische Linke notwendig – und eine breite, europäische, außerparlamentarische Bewegung.” Die Suche geht weiter. (tos)

 

flattr this!

Ein Aufbruch?

18 Uhr: “Die Linke durchlebt die schwerste Krise ihrer fünfjährigen Geschichte”, schreibt Sahra Wagenknecht in einem Gastbeitrag für die Financial Times Deutschland. “Was hat sich verändert? Sind die Programmpunkte der Linken obsolet geworden? Oder haben die Piraten und die wieder in der Opposition befindliche SPD sie überflüssig gemacht? Für beides spricht wenig. Es gibt keine andere politische Kraft, die auch nur ansatzweise für jene politischen Ziele eintritt, die im Zentrum der Politik der Linken stehen.”

17.45 Uhr: In der Frankfurter Rundschau schreibt Holger Schmale, “im Kern ist Oskar Lafontaine immer ein Oppositioneller gewesen, selbst in seinen Regierungszeiten – im Saarland gegen die Bundesregierung von Helmut Kohl, in der Bundesregierung gegen den Kanzler Gerhard Schröder. Er hat seine Erfolge nie durch Anpassung, sondern in der Auseinandersetzung, im Widerspruch erzielt. Dazu gehörte immer Mut und die Bereitschaft, große Risiken einzugehen, hohe Preise zu zahlen, Ämter und Privilegien aufzugeben.”

17 Uhr: Das Forum demokratischer Sozialismus erinnert in einem Newsletter an den Aufruf „Wir sind die Linke“, den inzwischen über 1.000 Leute unterzeichnet haben und in dem von Kandidaten für die Parteispitze gefordert wird, „dass sie willens sind, in ihrer Vorstandstätigkeit Solidarität und Toleranz im Umgang mit unterschiedlichen Positionen zur Grundlage ihres Handelns zu machen”. Der reformsozialistische Flügel findet den Appell „aufklärerisch und sinnvoll“ – weniger dagegen, wenn Schwabedissen eine  Doppelspitze mit Bartsch ausschließt, oder  die Sozialistische Linke sich gegen Bartsch, Kipping und Schwabedissen positioniere. „Beide Aussagen sind nicht geeignet, den Blick nach vorn zu richten, sondern parzellieren die Linke im Gestus kleingärtnerischer Ordnungsvorstellungen – um jedes Beet wird ein Zäunchen errichtet.“ In Richtung Kipping und Co. heißt es beim Forum, „diejenigen, die mit dem Versprechen eines ,Dritten Weges‘ bewusst Erwartungen durch Anknüpfungen an eine ebenso hervorragende, wie leider zu oft gescheiterte Konzeption der politischen Linken geweckt haben, stehen hier in einer besonderen Verantwortung, an der wir sie mit aller Sympathie messen werden“.

15 Uhr: Der Vorstand der Brandenburger Linken fordert in einer Erklärung, “Politik machen – Streit beenden!” Der Streit um den künftigen Parteivorsitz drohe, “die Partei zu spalten und damit in die bundespolitische Bedeutungslosigkeit zu befördern”. Daher begrüßen die märkischen Genossen den Vorschlag einer Frauendoppelspitze – vor allem aber “den Teamcharakter, der in der Erklärung”, die von Kipping, Schwabedissen aber auch dem früheren Brandenburger Landesvorsitzenden Thomas Nord unterzeichnet wurde, zum Asudruck kommt. “Ein personeller Neuanfang und die Lösung vom vorherrschenden Lagerdenken wäre nun möglich”, heißt es in der Erklärung weiter.

13 Uhr: “Oskar Lafontaine ist eine Reizfigur, er ist herrisch, populistisch, laut” – so wird bei Spiegel online ein Text von Franz Walter anmoderiert: “Sein Auftreten hat ihn zu einem der meistgehassten Politiker der Republik gemacht. Doch er hat mehr bewirkt als die meisten seiner Gegner – vor allem in der Sozialdemokratie.”

11.15 Uhr: Kleine Rückblende – gestern Abend saß Oskar Lafontaine bei Anne Will, es sollte um den Euro gehen, aber natürlich wurde der Saarländer auch zum Personalstreit in der Linken befragt. Bild schreibt: “Lafontaine lüftet Rückzugs-Geheimnis”. Er wisse, so der frühere Linken-Chef in der TV-Runde, “dass viele enttäuscht sind, aber auf der anderen Seite bin ich selbst etwas erleichtert, dass ich diese Bürde nicht mehr tragen muss.” Mehr O-Töne gibt es hier und die ganze Sendung hier.

9.15 Uhr: Katharina Schwabedissen hat eine Doppelspitze gemeinsam mit Dietmar Bartsch abgelehnt: “Das habe ich schon vor einem halben Jahr ausgeschlossen, und das schließe ich jetzt auch wieder aus”, sagte sie im Morgenmagazin der ARD.

9 Uhr: “Dieses Führungsduo wäre nicht nur weiblich und jung, sondern auch viel stärker an außerparlamentarischen Bewegungen, an Arbeitsloseninitiativen und dem Prekariat orientiert als je zuvor”, meint Stefan Reinecke in der Tageszeitung über Kipping und Schwabedissen. “Diese Linkspartei wäre im besten Falle in der Lage, den Piraten wieder Wähler abspenstig zu machen.” Misstrauisch mache jedoch, “wie schroff dieser Signalwechsel wäre. Größer könnte die Differenz zu dem Duo aus dem Westgewerkschafter Klaus Ernst und der Alt-PDSlerin Gesine Lötzsch kaum sein. Für die Linkspartei, die vor allem im Westen männlich, gewerkschaftlich und grauhaarig ist, wäre diese Führung eine Kulturrevolution. Aber eine, die aus Verlegenheit geboren wurde.”

8.30 Uhr: Im Neuen Deutschland sieht Jürgen Reents, nun also den Blick nach vorn gefordert, “den die Initiative für eine weibliche Doppelspitze freigelegt hat. Ob und mit welcher Besetzung der Göttinger Parteitag diesem Vorschlag folgt, wird letztlich seine Entscheidung bleiben. Die Initiator(inn)en haben ihr Angebot klugerweise nicht mit einer neuen Vorbedingung verknüpft, andere müssten zuvor ihren Hut aus dem Ring nehmen. Insofern irren jene, die darin vor allem einen zweiten Aufguss sehen (wollen?), ‘Dietmar Bartsch mit allen Mitteln zu verhindern’. Der Parteitag kann sich im Gegenteil von dem Eindruck befreien, bei der Vorsitzendenwahl gehe es um Sieg oder Niederlage von Personen oder Strömungen. Die Initiator(inn)en haben ihm mit der Kontur einer ‘nicht-autoritären Linken’ das Handwerkszeug zur Selbstemanzipation zurückgegeben.”

8 Uhr: Die Junge Welt trägt ihren Teil dazu bei, dass die Lage in der Linken konfrontativ bleibt. Werner Pirker äzt gegen die Kandidatur von Kipping und Schwabedissen, die “die Aufgaben, die sich aus dem Kampf gegen Sozialabbau und Kriegsgefahr ergeben, erst gar nicht mehr” erwähnen würden und stattdessen einen “Wohlfühl-Sozialismus” offerierten, und Bartsch wünsche sich “eine Partei mittendrin” im neoliberalen Horrorszenario, den Appell “Wir sind die Linke” nennt Pirker einern”rechten Aufruf”.

7.30 Uhr:Kandidiert Sahra Wagenkencht nun doch für den Linkenvorsitz? Parteivize Heinz Bierbaum hat die stellvertretende Fraktionsvorsitzende darum jedenfalls gebeten. “Man muss mit ihr nochmal näher sprechen. Bisher hat sie sich meines Erachtens noch nicht entschieden”, sagte Bierbaum der  Mitteldeutschen Zeitung. Auch der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko “würde ihre Kandidatur begrüßen. Sahra Wagenknecht kann in der Euro-Krise finanzpolitisch Pflöcke einschlagen.” Wagenknecht hatte bisher immer erklärt, sich nicht für den Parteivorsitz bewerben zu wollen. Nach dem Rückzug von Oskar Lafontaine sagte sie nun einer Nachrichtenagentur, „ich hoffe, dass diese Variante nicht notwendig sein wird, und wir trotzdem eine gute Lösung finden“. Was dem Tagesspiegel so klingt, als würde sie eine Bewerbung nciht mehr ausschließen.

7.15 Uhr: Bodo Ramelow will Dietmar Bartsch keineswegs zum Rückzug bewegen, wie es gestern in vielen Nachrichtenzusammenfassungen hieß. Der Saarbrücker Zeitung sagte er, mehrere Kandidaturen zum Vorsitz der Partei seien “kein Kuddelmuddel, sondern Ausdruck von Demokratie und Stärke, wenn dabei am Ende alle in der Partei mitgenommen werden”. Die entscheidende Pesonalfrage sei nun, wer bei einer möglichen Frauendoppelspitze andere wichtige Posten wie etwa den des Bundesgeschäftsführers oder Bundesschatzmeisters besetze. “Ich kann mir Dietmar Bartsch an mehreren Stellen unserer Partei vorstellen, weil ich um seine Leistungsfähigkeit weiß.” Ramelow nannte es fatal, dass darüber seit Monaten nicht gesprochen worden sei. “Zu verdanken haben wir das in erster Linie dem amtierenden Vorsitzenden Klaus Ernst, der hier seiner Verantwortung nie nachgekommen ist.”

7 Uhr: Im Interview mit dem Deutschlandfunk sieht Berlins Linkenchef Klaus Lederer die Partei “in einer offenen Situation”, die von allen Kandidieren für die Spitze und allen anderen “ein großes Maß an Rationalität, an Weitblick und an Verantwortungsbewusstsein”. Lederer kritisierte Klaus Ernst für seine Rede auf der Berliner Regionalkonferenz, dort habe sich der Noch-Vorsitzende “selbst aus dem Rennen genommen”.

6.45 Uhr: Michael Schlecht, der am Dienstag Ulla Lötzer bei der Wahl zum wirtschaftspolitischen Sprecher der Linksfraktion im Bundestag mit 26 zu 36 Stimmen unterlag, kandidiert “für eine Funktion im geschäftsführenden Parteivorstand”. Es müsse “auch weiterhin gesichert sein, dass die Linke ein ausreichend gewerkschaftliches Gesicht hat”, heißt es in einer Erklärung. Schlecht ist gewerkschaftspolitischer Sprecher im Linkenvorstand und hatte sich unlängst dafür ausgesprochen, dass Dietmar Bartsch den Weg für eine Kandidatur Oskar Lafontaines freimacht.

6.30 Uhr: Katharina Schwabedissen blickt im NDR optimistisch auf die neuesten Wendungen in der Auseinandersetzung um Weg, Ziel und Personal der Linken: “Ich würde sogar sagen, der Aufbruch hat schon stattgefunden, weil einfach diese Debatte jetzt stattfindet, zu sagen, was wollen wir denn jetzt eigentlich.”

6 Uhr: Die Sozialistische Linke hat sich zur Personaldiskussion vor dem Göttinger Parteitag erklärt – mit einer Absage sowohl an Dietmar Bartsch als auch an den “dritten Weg”. “Der Vorschlag, Katja Kipping und Katharina Schwabedissen zu Vorsitzenden zu wählen”, werde den Anforderungen des Erfurter Parteiprogramms “nicht gerecht”, heißt es da. “Sie haben wenig Bezug zu den Erwartungen der lohnabhängigen Mehrheit der Menschen und unserer WählerInnen und stehen gegen ein gewerkschaftliches Profil der Linken.” Beide personifizierten zudem Forderungen, die “ausdrücklich nicht als Programm beschlossen wurden”, wie die Vier-in-einem-Perspektive und das bedingungslose Grundeinkommen). Bei ihrer Kandidatur wären “die antikapitalistische und sozialistische Linke” nicht vertreten. Zu Bartsch heißt es, er entspreche den “Anforderungen an Vorsitzende ebenfalls nicht. Das kämpferische Vertreten der Positionen der Linken gegenüber den anderen Parteien ist nicht sein Markenzeichen”. Stattdessen unterstützt die SL die Kandidatur von Sabine Zimmermann und andere, die “qualifiziert für ein sozialistisches Profil im Sinne des Erfurter Programms” stehen.

flattr this!

„Eine echte Alternative“

„Mir wurde gerade berichtet, dass die Nominierung einstimmig war; das ist wunderbar, das war mir sehr wichtig. Ich hoffe, dass ich jetzt auch bei der CDU und der CSU einige Stimmen bekommen kann.“ Beate Klarsfeld, Kandidatin der Linken für die Bundesversammlung am 18. März 2012, unmittelbar nach ihrer Nominierung

“Wir haben uns im Parteivorstand (…) in einer sehr kritischen, selbstkritischen Diskussion gegeneinander, miteinander gesagt, dass bestimmte Dinge ein bisschen besser hätten laufen können. Aber wir sind letztendlich einstimmig zu einer Entscheidung gekommen, und zwar zu der Entscheidung, dass wir Beate Klarsfeld bitten, auf unseren Vorschlag für das Amt der Bundespräsidentin zu kandidieren.“ Linken-Chefin Gesine Lötzsch am Montag auf einer Pressekonferenz

“Die Tatsache, dass der Beschluss zu ihrer Nominierung im Parteivorstand einstimmig gefasst wurde, hat mich sehr gefreut.” Knut Korschewsky, Landesvorsitzender der Linken in Thüringen in einer Erklärung

„Beate Klarsfeld steht für eine Staatsräson, die aus Verantwortung vor der deutschen Geschichte handelt. Sie hat im Gegensatz zu anderen niemals einen Zweifel an der Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit der deutschen Verbrechen gelassen. Sie hat ohne zu zögern daran erinnert, dass Deutschland eine besondere Verantwortung für Israel und die Verteidigung des Existenzrechts des jüdischen Staates hat – übrigens genau so, wie es im Parteiprogramm der Linken formuliert ist, um da jedem Zweifel sofort zu begegnen.“ Linken-Vorsitzender Klaus Ernst auf derselben Pressekonferenz

“Eine Linkskandidatin ist die Links-Kandidatin nicht. Sie steht für den Kampf gegen alte und neue Nazis. Ihre Haltung zu Israel wird bei Teilen der Linken Widerspruch auslösen. (…) Die Garantie der staatlichen Existenz Israels ist laut Bundeskanzlerin Angela Merkel Staatsräson. Die Linke hat sich mit ihrer Entscheidung ein kleines bisschen regierungsfähiger gemacht, und ihre Kandidatin ein ganz schönes bisschen wählbarer auch für Nicht-Linke.” Aus einem Kommentar von Manfred Bleskin auf ntv.de

„Ohne seriöse Gegenkandidatur wäre die Bundesversammlung zu einer Farce geworden. Deshalb ist es richtig, dass die Linkspartei, die mal wieder demonstrativ außen vor gelassen wurde, sich durchgerungen hat, trotzdem mitzuspielen. Es gibt auch im rot-grünen Lager manche, die an dem designierten Bundespräsidenten zweifeln. Sie haben nun die Möglichkeit, abzuwägen und sich zu entscheiden. Es wäre ein Zeichen von Souveränität und der oft beschworenen Überparteilichkeit, wenn auch Sozialdemokraten und Grüne Klarsfeld nicht als bloße Agitpropkandidatin der Linkspartei sehen würden. So weit das Positive. Andererseits wirkt Klarsfeld als Kandidatin etwas retro. Produktiver für die Debatte wäre eine Kandidatur gewesen, die mehr für die Kritik am sozialen Auseinanderdriften steht.“ Aus einem Kommentar von Stefan Reinecke in der Tageszeitung

„Diese Kandidatur ist ein starkes Zeichen für Freiheit und Demokratie, sie ist ein authentisches Zeichen gegen Neonazismus und Geschichtsrelativismus.“ Matthias Höhn, Landesvorsitzender der Linken in Sachsen-Anhalt in einer Erklärung

“Ich freue mich außerordentlich, dass Frau Klarsfeld ihre Bereitschaft zur Kandidatur bekundet und die Linke sie als ihre Kandidatin nominiert hat. Es würde mich freuen, wenn sie auch aus den Reihen anderer Parteien Zuspruch findet.” Berlins Linkenchef Klaus Lederer laut einer Nachrichtenagentur

“Mir imponiert ihre Haltung, dass man nie aufgeben dürfe.” Kerstin Kaiser, Vorsitzende der Linksfraktion in brandenburg laut Nachrichtenagentur

“Ich hoffe auf ein gutes Ergebnis in der Bundesversammlung für sie.” Stefan Ludwig, Linkenchef in Brandenburg laut dpa

“Ich sehe in der Nominierung dieser mutigen Frau vor allem auch ein Signal gegen die Kriminalisierung antifaschistischen Engagements. Vertreter von Grünen und Sozialdemokraten, mit denen ich gemeinsam nicht nur auf der Straße gegen Neonazis aktiv bin, haben jetzt in der Bundesversammlung eine Wahl. (…) Wenn ich die Thüringer Programme von SPD und Bündnis 90/ Grüne richtig in Erinnerung habe, dürften Frau Klarsfeld die Stimmen der SPD und Grünen Vertreter, neben den Unseren, in der Bundesversammlung sicher sein.” Sandro Witt, stellvertretender Landeschef der Linken in Thüringen in einer Erklärung

“Nein, Beate Klarsfeld ist keine Kandidatin mit Parteibuch. Und auch wenn sie sich heute sehr positiv über die Bedeutung sozialer Themen und des Antifaschismus in der LINKEN geäußert hat, dürfte sie für meine Partei nicht immer nur bequem sein. Aber darum geht es auch gar nicht, das brauchen wir gar nicht. Beate Klarsfeld steht mit ihrem ganzen Leben für ein anderes, besseres, antifaschistisches, aufklärerisches Deutschland.” Aus einer Erklärung von Michael Leutert, Bundestagsabgeordneter der Linken

„Wir stehen an der Seite der Wählerinnen und Wähler, die sich eine Politik wünschen, die sich an den Sorgen der Menschen orientiert und nicht nach den Bedürfnissen von Unternehmen richtet. Deswegen war es für uns auch eine logische Folge, eine eigene Kandidatin zu nominieren, die gegen die neoliberale Allianz für eine soziale Politik steht.“ Ulrich Maurer, Vizechef der Linksfraktion im Bundestag in einem Interview

„Wir stellen Beate Klarsfeld nicht als eine Kandidatin der Linkspartei, der Linken auf. Wir stellen Beate Klarsfeld als eine Kandidatin auf, die von uns vorgeschlagen wird, die nicht in jedem Punkt mit uns übereinstimmt, aber die mit ihrer Persönlichkeit eine echte Alternative zu Herrn Gauck darstellt.“ Klaus Ernst auf besagter Pressekonferenz des Linken-Vorstandes

„Ob Klarsfeld nun regelrecht Wahlkampf machen will, ließ sie vorerst offen. Sie wolle sich erst mit der Linken in Berlin abstimmen, sagte sie. Zugleich hob sie aber hervor, dass sie als ,moralische Person‘ und als ,Nicht-Politikerin‘ antrete. Sie wolle sich auch nicht zu Themen wie der Euro-Krise äußern, denn sie sei keine Wirtschaftsfachfrau.“ Aus einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP vom Montag

„Frau Klarsfeld steht in überzeugender Weise für die Menschenrechte ein, sie setzte und setzt immer wieder klare und unmissverständliche Zeichen gegen eine Renaissance des Faschismus in Europa. Schließlich – und auch das ist gegenwärtig von großer Bedeutung – ist Beate Klarsfeld eine überzeugte Europäerin.“ Wulff Gallert, Vorsitzender der Linksfraktion in Sachsen-Anhalt, in einer Erklärung

„Sie ist eine Kandidatin aus Versehen. Eine Kandidatin des Zufalls, der Verlegenheit.“ Timo Stein in einem Kommentar auf Cicero online

„Die Linken, die sich von den anderen Parteien bei der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten ausgegrenzt fühlten, haben die Chance, sich eindrucksvoll in Szene zu setzen, nicht genutzt. (…)Es wurde bei allem Hickhack eine sehr präsentable Kandidatin gefunden. Beate Klarsfeld, eine Frau, die schon gegen Nazis gekämpft hat, als dies noch keinen gesellschaftlichen Beifall fand, hätte jedoch ein würdigeres Verfahren verdient gehabt.“ Aus einem Kommentar der Märkischen Oderzeitung

“Offensichtlich hat die Linkspartei nicht die Kraft gefunden, über ihren Schatten zu springen und mit einer Unterstützung von Joachim Gauck ihre Fehler aus 2010 zu korrigieren.” SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann laut einer Nachrichtenagentur

“Die SPD scheint über ihren Ärger, dass sie nun mit einem Präsidentenkandidaten leben muss, den sie nie wirklich wollte, demokratische Tugenden vergessen und die Grundrechenarten verlernt zu haben.” Linksfraktionsvize Ulrich Maurer in einer Reaktion auf Oppermann

flattr this!

Robuste Leidensfähigkeit

In der Tageszeitung macht sich Stefan Reinecke Gedanken über eine „erschöpfte Partei“, ohne deshalb gleich in den üblichen Ton der veröffentlichten Abgesänge zu verfallen, der mit dem parteiinternen Streitlevel in einer Art wechselseitigem Verstärkermodus steht. „Parteien sind in der Regel Organisationen, die den Anlass ihrer Gründung überlebt haben. Die Krise ist ihr normaler Betriebsmodus“, schreibt er. „Sogar mit ihrer überforderten, politisch instinktlosen Führung liegt sie in bundesweiten Umfragen bei acht Prozent. Das zeigt, dass ihre Klientel typisch sozialdemokratisch tickt. Sie bindet eine robuste Leidensfähigkeit an ihre Partei.“ In Zeiten, in denen schon mal für die „Auflösung einer Partei“ plädiert wird (Tagesspiegel-Casdorff), die Linken mindestens aber als „überflüssig“ gelten (SPD-Oppermann), oder doch jedenfalls als eine Truppe, die „ihren Zenit überschritten“ hat (Forsa-Güllner), bleibt hier noch ein Hoffnungsrest. Reinecke füllt ihn mit zwei Ratschlägen aus:

Erstens solle die Partei sich „als Motor eines rot-rot-grünen Lagers“ verstehen (man erinnert sich an ein Strategiepapier der Bundestagsfraktion). Wobei Reinecke in diesem Zusammenhang eine „neue Befassung mit dem autoritären Staatssozialismus“ als „zentralen Schritt“ ansieht – und nicht etwa zum Beispiel belastbare und visionäre Transformationsideen. Schon wieder DDR-Debatten? Sein Argument: Vollzieht die Linke nicht den „harten Schnitt“ (Reinecke spricht sogar von Abspaltung) gegenüber „Stasi-Nostalgikern und autoritären Linken“, nimmt „die Entfremdung rot-grüner Wechselwähler von der Linkspartei“ zu. Der zweite Rat: Die Linke solle „ein rationaleres Verhältnis zur SPD entwickeln“, was einerseits heißen würde, mit dem „rituellen Abgrenzungszwang“ Schluss zu machen und zugleich die Fähigkeit zu entwickeln, „sich mit der SPD mal lautstark anzulegen“, also „eine Art radikale Realpolitik zu versuchen“.

Ziemlich wahrscheinlich ist, dass der Text im Reformerlager als eine gewisse Bestätigung im parteiinternen Streit gelesen wird; bei einem Teil der sich links verstehenden Strömungen dagegen als Sprechpuppenkommentar, in dem ja doch bloß die Argumente der anpasslerischen Realos Verbreitung finden. Beides wäre eines nicht: Antwort auf das Problem, das Reinecke so formuliert: „Langfristig aber wird die Linkspartei als ewige Opposition im Bund Teile ihrer Wählerschaft nach und nach wieder an Rot-Grün verlieren. Vor allem die sozial Etablierten, die Akademiker und im öffentlich Dienst Beschäftigten, werden einer Partei den Rücken kehren, die außer Rechthaberei nichts zu bieten hat. Wenn der Daseinszweck der Linkspartei Fehler anderer Parteien bleiben, wird sie irgendwann untergehen.“ (tos)

flattr this!