Nach dem Göttinger Parteitag werden auf dem linken Flügel der Linkspartei ein paar Risse sichtbar: Ein Teil aus dem bisher engeren Kreis der Antikapitalistischen Linken hat sich abgesetzt und wird sich künftig im Verein „Freiheit durch Sozialismus“ organisieren; die AKL ihrerseits will nicht von Spaltung sprechen – aber auch nicht mit der FdS-Gruppe verwechselt werden. In einer Erklärung des AKL-Sprecherrates heißt es, es gebe „selten Aufbrüche ohne Abschiede“, dies sei „bedauerlich“ und man hoffe weiterhin auf gute Zusammenarbeit, „zumal es inhaltlich zu diesen GenossInnen kaum Differenzen gibt“. Das klingt beim Verein Freiheit durch Sozialismus etwas anders: Abgesehen von organisationspolitischer Kritik am Kurs der AKL gebe es auch „aktuelle inhaltliche und strategische Differenzen“ – hier wird unter anderem auf die Unterstützung bestimmter Kandidaten auf dem Göttinger Parteitag verwiesen, außerdem wird eine „plumpe Abwertung linker Kommunalpolitik“ durch die AKL kritisiert und nicht zuletzt gerügt, dass gegen Oskar Lafontaine „agitiert“ worden sei.
Gemeint ist hier offenbar unter anderem ein Text von Thies Gleiss, der dem AKL-Sprecherrat angehört und in einem Text zur „zur angeblichen Führungskrise der Linken“ geschrieben hatte, dass die Probleme der Partei nicht „durch den Ruf, ein Erlöser aus dem Saarland solle zurückkommen“ korrigiert würden; stattdessen brauche es eine deutlich verjüngte Doppelspitze. Die Kritik an der AKL-Position zur Kommunalpolitik bezieht sich auf eine Erklärung der Strömung nach dem Göttinger Parteitag, in der linke Arbeit in Kommunen – „seit jeher das Herzstück von linkem Aktivismus“ – betont wird: „Erst wenn es das gibt, kann kommunale Parlamentsarbeit als Ergänzung wirken.“ Damit, heißt es beim FdS-Verein, „wollen wir nicht in Verbindung gebracht werden“. Nicht zuletzt wird davon ausgegangen, dass „die Differenzen in Zukunft voraussichtlich weiter zunehmen“ werden – weil die Sozialistische Alternative SAV empfohlen habe, der Bundesarbeitsgemeinschaft AKL beizutreten.
Die SAV hatte Ende März auf einer Bundeskonferenz „mit überwältigender Mehrheit“ beschlossen, ihre Mitglieder „aufzufordern“ in die Antikapitalistische Linken zu gehen. Das komme, wurde seinerzeit betont, jedoch „keiner Fusion oder einer Auflösung der SAV gleich“. Ein Hinweis, der offenbar verhindern sollte, dass falsche Parallelen zur Linksruck-Auflösung 2007 gezogen werden – eine weitere trotzkistische Gruppe, die heute als Netzwerk Marx21 in der Linkspartei aktiv ist. Die FdS-Kritik an der Einflussnahme der SAV in der AKL wird von deren Sprecherrat zurückgewiesen: „Das Gerücht“, die Strömung werde von der SAV „dominiert“, sei „eine gezielte Falschinformation, die die AKL schwächen soll“.
Auch wenn der Verein Freiheit durch Sozialismus „bewusst kein innerparteilicher Zusammenschluss“ sein will, und den Schwerpunkt auf die politische Bildungsarbeit und Programm-Impulse legt, und auch wenn die AKL ausdrücklich „nicht von Spaltung“ sprechen möchte, lässt sich der Riss auf dem linken Flügel der Linkspartei nicht wegreden. Beim FdS-Verein sind mit Martin Hantke, Nele Hirsch und Ida Schillen drei Linke federführend, die kürzlich noch dem Übergangs-Kokreis der AKL angehörten. Ruth Firmenich, die ebenfalls zur FdS-Redaktion gehört, ist Leiterin des Bundestagsbüros von Sahra Wagenknecht. Hirsch war Erstunterzeichnerin des Aufrufes „Für eine Antikapitalistische Linke“ – und es ist vielleicht mehr als ein Zufall, dass der FdS-Verein nun unter eben dieser Losung um Unterstützer wirbt, für ein Euro Monatsbeitrag.
Sechs Jahre nach Veröffentlichung des AKL-Aufrufes im März 2006 und fünf Jahre nach der Gründung der Linken wird das nicht die letzte organisatorische und politische Neuerung in der Partei bleiben. Die Entwicklung bei der AKL hat sich seit längerem abgezeichnet, die Debatten vor der Bundeskonferenz, welche im Frühjahr 2012 vor allem organistorische Weichen stellte, deuteten darauf hin. Mit dem Göttinger Parteitag gibt es zudem eine – zumindest gegenüber der strömungspolitischen Lage der vergangenen Jahre – offenere Situation in der Linken. Das wird neue Dynamiken in Gang setzen und alte Zöpfe abschneiden. Die Entwicklung bei AKL und dem FdS-Verein lassen sich zudem als Ausdruck einer Krise der Flügelorganisationen interpretieren: Innerhalb der Linkspartei sind viele die „Beutegruppen“ leid. Dabei richtet sich die Kritik nicht generell gegen programmatische Gruppenbildung, wohl aber gegen die von den Strömungen zuletzt ausgegangene Dominanz innerparteilicher Taktiererei gegenüber der politischen Arbeit.
Katharina Schwabedissen, übrigens auch sie dereinst Erstunterzeichnerin der AKL-Erklärung, hat dies in einem bemerkenswerten Text über das Scheitern des „dritten Wegs“ einer die Strömungspolitik überwindenden Frauendoppelspitze formuliert: Es habe vor dem Göttinger Parteitag „in Teilen eine Stimmung“ geherrscht, „die einer Mobilmachung gleichkam“. Die „prinzipienlose Taktiererei“ sei „abstoßend“ gewesen. Mit einer neuen Doppelspitze allein wird das nicht so ohne Weiteres aus der Welt sein. Ein gewisser Wille zu einem Neuanfang jenseits der strömungspolitischen Selbstblockaden der vergangenen Jahre ist aber durchaus erkennbar. Auch beim Forum demokratischer Sozialismus hat es deutliche und selbstkritische Signale in diese Richtung gegeben. “Auch bei uns”, hieß es in einem Antrag zur künftigen fds-Arbeit an das letzte Bundestreffen, habe sich eine “Hybris” gezeigt, “am ganz großen innerparteilichen Rad zu drehen und durch den Einsatz des taktischen Instrumentenkastens, die Geschicke der Partei zu bestimmen”. Das aber sei “nicht nur selbstüberschätzend, sondern erstickt die Lebhaftigkeit der Partei durch Proporzdenken, mehr oder weniger vorausgesetzte Fraktionsdisziplin und alleiniges Denken in den Kategorien der Mehrheitssicherung”. Der Göttinger Parteitag war davon noch ein Ausdruck – aber vielleicht auch der Beginn eines Neuanfangs, der künftig mehr das intellektuelle und programmatische Potenzial von Strömungen freisetzt und ihre machtpolitische Rolle zurückdrängt. (tos)

