Die Debatte über Mitgliederentscheid und Kandidaturen zum Linken-Vorsitz geht weiter, ohne dass man sagen könnte, es sei eine bloße Personaldiskussion. Edith Bartelmus-Scholich hat auf scharf-links.de einige Vertreter des linken Flügels der Partei für ihr „instrumentelles Verhältnis zur Demokratie“ kritisiert. Zugleich lehnt sie Dietmar Bartsch als Vorsitzenden strikt ab – mit ihm würden „Niederlagen wiederholt werden bis zur Bedeutungslosigkeit der Partei“. Was unter (Wahlkampf-)Führung von Oskar Lafontaine, so Bartelmus-Scholich, anders wäre. Ihr hat Alban Werner geantwortet – in seiner persönlichen Eigenschaft als besorgtes Mitglied und nicht als Repräsentant einer Strömung oder seines Kreisverbandes. Wir dokumentieren beide Texte:
Die Linke: Wer hat Angst vor der Mitgliedschaft?
Kommentar von Edith Bartelmus-Scholich, 2.12.2011
2006 erklärte Sahra Wagenknecht auf die Nachricht hin, dass Katina Schubert vom Netzwerk Reformlinke zur Stellvertretenden Vorsitzenden der Linkspartei.PDS vorgeschlagen worden sei, gegen diese antreten zu wollen. Gregor Gysi sagte seinerzeit: “Wenn sie klug ist, tut sie es nicht.” Wagenknecht war “klug”, sie zog ihre Ankündigung zurück.
Dietmar Bartsch sollte jemand einen ähnlichen Ratschlag erteilen. Er kann bei seinem Vorstoß nur verlieren. DIE LINKE ist nicht mehr die Linkspartei.PDS von 2006. Seinerzeit kontrollierte das Netzwerk Reformlinke die Partei und besetzte alle wichtigen Positionen. Die Parteilinke Sahra Wagenknecht hätte nicht gegen diese realpolitische Phalanx in den Vorstand einziehen können.
Heute ist das Forum Demokratischer Sozialismus (fds) nur noch eine von mehreren Strömungen in der Linkspartei – zwar stark im Osten, aber in der Gesamtpartei nicht führend. Positionen setzt das fds bundesweit nun nur noch mit viel Druck durch. In der Linkspartei gibt es bis jetzt keine ständige Zusammenarbeit des fds mit der zweitstärksten Strömung, der ‚Sozialistischen Linken’ (SL). Vielmehr haben sich in den vier Jahren seit Gründung der Partei die Gegensätze zwischen den Funktionseliten der ehemaligen PDS und den westdeutschen Gewerkschaftern vertieft. Die ‚Sozialistische Linke’ bezieht in vielen Fällen heute linkere Positionen als 2007 und einigt sich auf Bundesparteitagen eher mit der Strömung ‚Antikapitalistische Linke’ (AKL).
Im Zusammenwirken der beiden linken Strömungen AKL und SL können die nicht strömungsgebundenen Teile der Delegiertenbasis auch aus den neuen Ländern durchaus für antikapitalistische und anti-imperialistische Positionen gewonnen werden. Beim Europa-Parteitag der Linkspartei 2009 konnte dies beobachtet werden – und zudem, dass nach den programmatischen Entscheidungen eine Reihe von Personalentscheidungen analog fielen. Die Europaabgeordneten André Brie und Sylvia Kaufmann wurde wegen ihrer abweichenden Positionen nicht mehr auf die Liste gewählt.
Dietmar Bartsch wird – einen renommierten Gegenkandidaten vorausgesetzt – ebenso wie Brie und Kaufmann an der Parteitagsmehrheit scheitern. Sollte Oskar Lafontaine sich zu einer Kandidatur entscheiden, hat Bartsch eine krachende Niederlage zu erwarten. Lafontaine steht bei den Delegierten für die Westausdehnung der Partei, für den Wiedereinzug in den Bundestag und ein Rekordergebnis 2009. Bartsch steht für zahlreiche gescheiterte Versuche im Westen Fuss zu fassen, für das Ausscheiden aus dem Bundestag 2002 und die untaugliche Kampagne zur Europaparlamentswahl – mit Plakaten in der Signalfarbe der FDP.
Auch bei einer Urwahl Lafontaine gegen Bartsch würde letzterer wohl den Kürzeren ziehen. Nicht nur, weil Bartsch die Ausstrahlung eines Technokraten hat, sondern auch, weil er an der gescheiterten Strategie des ‚linken Lagers’ und der Regierungsbeteiligung ohne Beachtung ‚roter Linien’ festhalten will. Mit Bartsch werden Niederlagen wiederholt werden bis zur Bedeutungslosigkeit der Partei. Wie man Wahlergebnisse halbiert, haben die GenossInnen seiner Strömung in den ostdeutschen Ländern ausreichend oft bewiesen. Die Unzufriedenheit mit der Anbiederung an die SPD und die Mitgestaltung von Politik zu Lasten der eigenen Klientel, der Armen, Erwerbslosen, Beschäftigten und Rentner, ist auch an der Basis in den ostdeutschen Landesverbänden groß. Bartsch hat nicht die ostdeutsche Basis, sondern vor allem die FunktionärInnen hinter sich.
Auch, wenn die Chancen von Bartsch Vorsitzender der Linkspartei zu werden, dürftig sind, hat er Eines schon erreicht. Er hat die linken Strömungen in der Demokratiefrage gestellt und vorgeführt.
Wie viele Funktionsträger der Partei DIE LINKE hat er erkannt, dass nach mehreren Parteitagen mit strikter Regie und Mitgliederentscheiden, die diese Bezeichnung nicht verdienen, die kommende Parteispitze nicht wieder in einer nächtlichen Klüngelrunde einiger Granden bestimmt werden kann. Die scheindemokratischen Institutionen der Linkspartei bedürfen einer neuen Legitimation oder sie werden gar keine Autorität mehr besitzen. Von daher ist die zunächst von Klaus Ernst vorgeschlagene Mitgliederbefragung zur zukünftigen Doppelspitze ein dringend notwendiges Angebot an die sich immer mehr abwendende Parteibasis.
Es ist beschämend, dass Vertreter der linken Strömungen, als Reaktion auf die Bartsch-Kandidatur ein instrumentielles Verhältnis zur Demokratie offenbart haben. Die AKL hat getrieben von Bartsch sich als autoritäre Strömung profiliert und ihrem Profil mit vielen Scheinargumenten die Facette ‚Bedenkenträgerin gegen mehr innerparteiliche Demokratie’ hinzugefügt. “Wenn mehr Demokratie vielleicht nicht die uns genehmen, die linkeren, Ergebnisse bringt, ist sie verzichtbar”. Das ist die Botschaft, die hinter vielen Stellungnahmen von AKL und SL- Mitgliedern durchscheint. Der emanzipatorische Anteil demokratischer Prozesse wird offenbar nicht genügend geschätzt.
Umgekehrt würde ein Schuh draus. Die Mitgliederbefragung zur Kandidatur für die Doppelspitze bietet die Möglichkeit nach dem Parteitag die verschiedenen strategischen Konzepte für die unterschiedliche KandidatInnen stehen, bis in jede Gliederung zu diskutieren und Klarheit darüber zu gewinnen, hinter welchem Konzept die Mehrheit der Mitglieder steht. Die linken Strömungen haben sehr gute Chancen dabei zu überzeugen.
***
Wichtige Kernpunkt fallen unter den Tisch
aus der Antwort von Alban Werner, 3.12.2012
Liebe Edith,
[…]
Deinem aktuellen Kommentar kann ich in mehrfacher Hinsicht zustimmen; ich hoffe, dass er von vielen GenossInnen gelesen wird und dass er die Diskussion um das >wie< unserer Führungsauswahl versachlicht. Denn eines ist für mich glasklar: Auch eine linkssozialistische Partei wie die DIE LINKE kommt nicht um das Problem herum, fähiges Führungspersonal zu benötigen. Die von Dir zu Recht kritisierten Reaktionen zeigen, dass wir mit diesem Grundproblem noch keinen angemessenen Umgang gefunden haben.
Dein Kommentar zeigt zweitens, wie stark wir uns innerparteilich – ohne es zu wollen – in eine Situation manövriert haben, die angesichts der gesellschaftlichen Situation nicht besonders glücklich ausfällt.
Du schreibst: >Auch, wenn die Chancen von Bartsch Vorsitzender der Linkspartei zu werden, dürftig sind, hat er Eines schon erreicht. Er hat die linken Strömungen in der Demokratiefrage gestellt und vorgeführt.
Wie viele Funktionsträger der Partei DIE LINKE hat er erkannt, dass nach mehreren Parteitagen mit strikter Regie und Mitgliederentscheiden, die diese Bezeichnung nicht verdienen, die kommende Parteispitze nicht wieder in einer nächtlichen Klüngelrunde einiger Granden bestimmt werden kann. Die scheindemokratischen Institutionen der Linkspartei bedürfen einer neuen Legitimation oder sie werden gar keine Autorität mehr besitzen. Von daher ist die zunächst von Klaus Ernst vorgeschlagene Mitgliederbefragung zur zukünftigen Doppelspitze ein dringend notwendiges Angebot an die sich immer mehr abwendende Parteibasis.<
In der polemischen Pauschalität, die Du anbringst, würde ich den Kritikpunkt nicht vollständig mittragen. Die Aushandlung des Personaltableaus in der berühmten >langen Nacht< des Gregor Gysi Anfang 2010 diente auch dem nachvollziehbaren Ziel, das durch Oskar Lafontaines Kandidaturverzicht aufkommende Macht- und Führungsvakuum schnell zu schließen und aufreibende Richtungs- und Personalauseinandersetzungen zu verhindern. Dadurch und durch den seinem Namen kaum gerecht werdenden Leitantrag wurde beim Rostocker Parteitag bereits im Vorhinein sämtliche >Luft rausgenommen<.
Jürgen Reents schrieb dazu im >Neuen Deutschland< vom 17.5.2010: >In Rostock wurde erledigt, was zu erledigen war: Die LINKE hat ihre Parteispitze runderneuert. Und dies auf eine reibungslose Art und Weise, die man ein bisschen erschreckend nennen kann. Wo es so gut wie keine Reibung gibt, entsteht kein Wärmestrom. Den aber hätte die LINKE benötigt nach allem, was diesem Parteitag vorausgegangen war – einen Wärmestrom durch eine rationale politische Auseinandersetzung, die auf größere Klarheit über den künftigen Kurs und besseres Verständnis (auch weniger schmählichen Umgang) untereinander aus ist. Die von Rostock ausgehende Botschaft eines spannungsfreien »Weiter so«, nur mit anderen Gesichtern an der Spitze, ist nicht plausibel. Im Grunde wissen das alle, und doch haben fast alle an diesem Trugbild mitgezeichnet. (…)
Im Kern wurde in Rostock nichts entschieden, was zuvor nicht bereits entschieden worden war, und nichts thematisiert, was die Parteitagsregie, die Managementkurse als perfekt bezeichnen mögen, nicht thematisiert haben wollte. Nun war dies sicher kein Programmparteitag, sondern »nur« der eines Führungswechsels. Für eine Partei, die wie keine andere das allgemeine politische Geschwätz von den Alternativlosigkeiten als Verdummung kritisiert, ist es dennoch nicht sehr überzeugend, wenn sie den eigenen Delegierten, dem höchsten Souverän, so wenig Raum für die Artikulation, Diskussion und Entwicklung von Alternativen lässt. Aber es war eben nur ein Parteitag, darunter ist die Wirklichkeit eine andere.<
Reents und Du sprechen das Erste von m.E. zwei schwerwiegendsten Probleme der LINKEN an: Es ist nachvollziehbar, dass wir als junge parteipolitische Formation noch unerfahren und zerbrechlich sind- das gilt selbst für die GenossInnen der früheren PDS wie die jahrzehntelangen SPD-Mitglieder und KleingruppenaktivistInnen unter uns, weil niemand von uns Erfahrung hat mit einer Partei, die so heterogen ist und historisch so unwahrscheinlich war wie DIE LINKE. Um dieses fragile historische Geschenk zu schützen, greifen wir allerdings immer wieder zu ähnlichen Methoden wie Mitglieder der etablierten Parteien, wie bspw. Gregor Gysi in der von Dir heftig kritisierten >langen Nacht<.
Auch ich habe mich an so einem Vorgehen beteiligt, als ich im Herbst darin einwilligte, den alternativen Leitantrag zum Antrag des NRW-Landesvorstandes fallen zu lassen zugunsten eines gemeinsamen Antragstextes. Der schlussendlich beschlossene Text enthält zwar alle wichtigen Forderungen, die mir wichtig waren. Aber sein schierer Umfang und sein Charakter als Zusammenfügung zweier stilistisch und inhaltlich völlig unterschiedlicher Quelltexte sorgten letztlich dafür, dass jede(r) genau das darin fand, was sie oder er gerne finden wollte. Kaum verwunderlich, dass am Ende der Landesparteitag an dieser entscheidenden Stelle völlig konfliktarm ausfiel, es dominierte >Mülheimer Harmonie< (siehe hier).
Auf Dauer wird aber die LINKE einen ihrer wichtigsten eigenen Ansprüche an sich selbst dauerhaft verletzen, wenn sie aus Angst um das eigene Wohlergehen – mal beim Parteivorstand, mal auf Landesebene, mal beim Parteitag zum Grundsatzprogramm – mögliche innerparteiliche Konflikte im Vorhinein soweit kleinarbeitet, dass beim entscheidenden Parteitag eigentlich schon nichts mehr >schiefgehen< kann. Denn letztendlich wäre eine Fortsetzung dieses Verhaltens seitens der Führung gleichbedeutend damit, der Mitgliedschaft die Fähigkeit zur politischen Reife abzusprechen und für sich zu beanspruchen, es selbst immer besser zu wissen. Irgendwann – und ich glaube bald – wird der Punkt kommen müssen, an dem die Parteiführung die >Kindersicherung< aufgibt und das Risiko eingeht, dass inhaltliche, strategische und – ja, natürlich – auch personalpolitische Konflikte auf einem Parteitag wirklich ausgetragen werden.
Zwischen den beiden Extrempolen von >wir bringen schon vor Parteitagsbeginn alles in trockene Tücher, und die Delegierten können das dann absegnen< (Methode der etablierten Parteien) und >wir lassen es immer auf die Kampfabstimmung ankommen, und im Zweifelsfall gewinnt halt die Seite mit den 50,1% Delegiertenstimmen, die anderen haben halt Pech gehabt< (alte Methode von Jusos und JungdemokratInnen) muss es doch auch die die Möglichkeit geben, dass auch auf Parteitagen selbst neue Lösungen und Kompromisse gefunden werden können. Ich glaube, dass man der Mitgliedschaft der LINKEN diese Kreativität und Verantwortung inzwischen durchaus zumuten kann und sollte. Auch dann, wenn dadurch keine Strömung sicher sein kann, >was hinten raus kommt< (Helmut Kohl).
Vielleicht ließe sich etwas von der Anziehungskraft der gewinnen, die derzeit die PIRATEN mit ihren interessanten Forderungen nach mehr Beteiligung ausstrahlen, wenn DIE LINKE endlich damit in den eigenen Reihen und in ihrer praktischen Politik ernst machte. Ich verstehe im Übrigen nicht, warum Dietmar Bartschs KritikerInnen ihn nicht genau hier angegriffen haben: Als die Berliner LINKE den Volksentscheid des Berliner Wassertischs nicht unterstützt hat, als sie die Volksabstimmung über den Ethik-Unterricht 2009 nicht terminlich mit der Europawahl zusammengelegt hat (trotz Mehrkosten in Millionenhöhe!) hörte man an Kritik von Dietmar Bartsch dazu: nichts. Deswegen habe ich auch meine deutlichen Zweifel daran, ob Dietmar Bartsch den Mitgliederentscheid über die Führungsspitze wirklich wegen möglicher emanzipatorischer Qualitäten schätzt. Es liegt tatsächlich nahe, dass taktische Vorteile zu seinen Gunsten ihm dieses Instrument attraktiv erscheinen lassen.
Ich bin wie Du gegen Dietmar Bartsch als Parteisprecher. Aber ich wäre doch gespannt auf die Argumente, mit denen er versuchen würde, eine Mehrheit der Parteimitglieder zu seiner Unterstützung zu gewinnen.
Kritisieren muss ich Deinen Artikel allerdings in folgender Hinsicht: Du lobst die Durchsetzungsfähigkeit der Parteiströmungen Antikapitalistische Linke (AKL) und Sozialistische Linke (SL) beim Europaparteitag 2009. Allerdings beschweigst Du in Deinem Text, dass DIE LINKE mit 7,5 % der abgegebenen Stimmen am Wahlsonntag deutlich unter den Erwartungen blieb (beim gemeinsamen Strömungstreffen von SL und AKL nannte ein anwesendes Parteivorstandsmitglied ein zweistelliges Ergebnis als wahrscheinlich), und dass dieses verhältnismäßig enttäuschende Ergebnis eingefahren wurde unter dem Co-Vorsitzenden Oskar Lafontaine.
Ich glaube, dass Du Dich zu leichtfertig einlässt auf die Option, mit Oskar Lafontaine an der Spitze könne DIE LINKE dort weitermachen, wo sie bei der Bundestagswahl 2009 aufgehört hatte. Allerdings gab es vor dieser Bundestagswahl das o.g. enttäuschende Ergebnis bei den Europawahlen. Ich glaube auch nicht, dass sich die enttäuschenden Landtagswahlergebnisse von 2011 alleine mit den oftmals kritisierten Schwächen des Führungsduos Klaus Ernst und Gesine Lötzsch erklären lassen, auch nicht allein mit den Höhenflügen der Grünen und der PIRATEN, mit Fukushima oder der bösen Propaganda bürgerlicher Medien. Das ist nach meinem Eindruck neben der Demokratieproblematik das zweite große Problem der LINKEN.
Während wir uns über Nichtigkeiten wie Klaus Ernsts Porsche, Gesine Lötzschs kommunistischen ÖBS oder den problematischen Brief an Fidel Castro gestritten haben, während wir unfähig waren, eine vernünftige Umgangsweise mit der SED-Vergangenheit unserer Partei (Stichwort: Mauerbau) und dem Antisemitismus-Vorwurf zu finden, sind nach meinem Eindruck wichtige Kernprobleme unter den Tisch gefallen.
- warum haben wir es kaum geschafft, Widerstand gegen Merkels Kürzungspaket von 2010 zu organisieren?
- warum bleibt die Position der LINKEN zur Eurokrise so unsichtbar, obwohl wir mit deutlichem Abstand die einzige unter den Parteien sind, die eine Alternative zum brühning’schen Demokratie- und Sozialabbau in Europa vorschlägt und einfordert?
- warum geht unser WählerInnenpotential zurück, anstatt angesichts der Krisenauswirkungen zu steigen?
- warum fallen unsere Wahlergebnisse deutlich ab, sobald eine andere als die Bundestagswahl ausgezählt wird?
Die Antworten auf viele dieser Fragen hängen stark damit zusammen, dass wir sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen nicht so stark mobilisieren (oder überhaupt erreichen), wie wir es gerne hätten. Dieses Problem aber bliebe auch mit einem Parteisprecher Oskar Lafontaine, wir hatten es zumindest bei der Europawahl 2009- ganz gleich, um wie viele Lichtjahre Lafontaine dem Rest der politischen Klasse an Einsicht über die Fehlkonstruktion der Währungsunion überlegen war und ist. Ich befürchte allerdings, dass die Partei sich diesem Problem nicht genug wird zuwenden können. Viele aus der Parteielite sind schon jetzt zu stark damit beschäftigt, die Anzahl aussichtsreicher Listenplätze für die Bundestagswahl 2013 durchzurechnen oder personalpolitische Szenarien für den Bundesparteitag 2012. Das ist auch unvermeidlich, denn (s.o.) eine Partei braucht nun mal fähiges Spitzenpersonal- sowohl im Vorstand und erst recht im Bundestag.
Aber es ist schade, dass dieser unvermeidliche Auswahlprozess nicht verbunden werden kann mit einer produktiven Debatte darüber, wie wir aus dem größtenteils auch selbstverschuldeten Umfrage-, Stimmungs- und Umgangstief wieder herauskommen. Ich wäre sehr gespannt gewesen, wie alte und junge, weibliche und männliche GenossInnen geantwortet hätten auf die Fragen, die ich oben formuliert habe; was würde eine Kommunalpolitikerin aus Thüringen antworten, ein Landtagsabgeordneter aus Hessen, eine Landrätin aus Mecklenburg-Vorpommern, eine Betriebsrätin aus Hamburg, ein Ortsverbandssprecher aus Sachsen-Anhalt?. Gespannt wäre ich auch darauf, welche Fragen sie mir im Gegenzug gestellt hätten, die ich vielleicht gar nicht erahne, die aber nicht weniger wichtig sind.
Deswegen wünsche ich mir, dass alle diejenigen, die einen Mitgliederentscheid ablehnen sich zugleich auch dazu äußern, wie alternativ dazu ein emanzipatorischer Prozess der Führungs-, Inhalts- und Strategiewahl aussehen könnte. Wäre es nicht am Ende beschämend, wenn zwar die französische Sozialdemokratie wie jüngst Millionen mit ihrem Auswahlverfahren mobilisiert hat, die deutsche SPD Ähnliches zumindest diskutiert, die Grünen auf ihrem Bundesparteitag Arbeitsgruppen ausprobieren, um mehr Diskussionen zu ermöglichen – aber ausgerechnet DIE LINKE aus Angst vor sich selbst nur same procedure as every year abspult? Das kann es nicht sein. […]
Solidarische Grüße, Alban
