Oskar Lafontaine

Wer bringt die Stimmen?

Was die Wissenschaft zur Linke vor dem Göttinger Parteitag sagt? Nun: Zwei Parteienexperten haben sich in Interviews geäußert – und dabei ziemlich viel über den Mann gesprochen, der die Partei polarisiert. „Oskar Lafontaine steht für den Erfolg bei Wahlen“, sagt Tim Spier. „Er spricht besonders große Gruppen in der Bevölkerung an, ist charismatisch, bekannt und greift immer auch SPD-Wähler ab.“ Dass er nicht als Vorsitzender kandidieren wollte, ist das eine. Das andere ist: Tritt er noch einmal zu Wahlen für die Partei an? Spier hat es so verstanden, dass Lafontaine es „noch nicht endgültig ausgeschlossen“ hat, als Spitzenkandidat 2013 anzutreten. Man kann das auch anders sehen, immerhin hat der Saarländer erklärt, sein „Angebot, wieder bundespolitische Aufgaben zu übernehmen“ zurückzuziehen – was man auch als Absage mit Blick auf 2013 ansehen kann. Spier verweist aber auf die überragende Rolle, die Lafontaine im Wahlkampf spielt. „Für die letzte Bundestagswahl gibt es eine Studie, bei der die Bedeutung des Kandidaten für die Wahlentscheidung ausgewertet wurde. Normalerweise spielt der Kandidatenfaktor vor allem bei den großen Parteien eine übergeordnete Rolle. Es zeigte sich aber, dass bei keiner anderen Partei die Kandidatenfrage so wichtig für die Wahlentscheidung war wie bei der Linken.“ Die Zukunft der Partei, so der Düsseldorfer Poliitkwissenschaftler, entscheide „sich nicht am Wochenende, sondern im nächsten Jahr: Sie muss die Landtagswahl in Niedersachsen gewinnen und sie muss bei der Bundestagswahl ein ordentliches Ergebnis erzielen.“ Für Spier steht die Partei vor folgender Alternative: „Entwickelt sie sich eher nach dem Modell Lafontaine, wo es darum geht, Wähler zu gewinnen und den Stimmanteil zu maximieren, oder eher nach den Vorstellungen von Dietmar Bartsch, der auf Regierungsverantwortung setzt und für eine Rückentwicklung zur PDS steht.“ Auch der Göttinger Parteienforscher Robert Lorenz erklärt die Krise der Linken damit, dass es „an einer Führungsfigur“ fehle, „die plausible Antworten auf brisante Fragen parat hat“. Das war bisher Lafontaine – und obwohl sich erste Bruchstellen zwischen den verschiedenen Lagern ja schon frühzeitig abzeichneten, seien die Reformsozialisten bereit gewesen, „Lafontaine als Parteivorsitzenden zu tragen, so lange er die Wähler mobilisierte und Stimmen brachte“. Auch trotz seines doppelten Rückzugs – zunächst aufgrund seiner Erkrankung, nun auf dem Höhepunkt der Personalkonflikte – bleibe „ein politisches Alpha-Tier“. Allerdings habe sich der Saarländer „in den Jahren seines Vorsitzes verändert. Er wurde immer selbstbewusster. Am Ende war er dann wieder der Lafontaine, der auch in der Lage war, sich mit einem Gerhard Schröder zu überwerfen. Und womöglich hat er die zunehmende Konkurrenz wahrgenommen.“ (vk, Foto: Benjamin-Christopher Krüger)

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Linke will Belegschafts-SZ

Die Verlagsgruppe Holtzbrinck verkauft ihre Anteile an der Saarbrücker Zeitung – gut 52 Prozent sollen bis 2014 an den Mitgesellschafter gehen. Und hier wird die Sache mehr als ohnehin schon zu einer politischen. Denn die nämliche Gesellschaft für staatsbürgerliche Bildung wird getragen von den parteinahen Stiftungen von CDU, SPD und FDP. Diese waren 1969 zum Zeitpunkt der Privatisierung der Zeitung im Landtag vertreten – inzwischen sitzen dort noch andere Parteien: die Piraten, die Grünen und die Linke. Deren Fraktionsvorsitzender Oskar Lafontaine hat die Pläne zum Anteilsverkauf einerseits begrüßt. Es sei gut, wenn die Saarbrücker Zeitung, an der auch eine Beteiligungsgesellschaft der Belegschaft Anteile hält, „wieder zu einem saarländischen Unternehmen wird“. Problematisch sei aber, wenn nun die Parteistiftungen von CDU, SPD und FDP Mehrheitsgesellschafter werden. „Es zeigt sich wieder einmal, dass es notwendig ist, an der GSB die Stiftungen aller im Landtag vertretenen demokratischen Parteien zu beteiligen“, so Lafontaine. „Gleichzeitig muss mit der Übertragung der Gesellschafteranteile eine neue Vertragsgrundlage geschaffen werden, welche die politische und redaktionelle Unabhängigkeit der Zeitung sichert. Ein geeignetes Instrument dazu wäre die Aufstockung des Anteils der Belegschaft.“

Der GSB-Vorstand Friedel Läpple, der unter Lafontaine einmal saarländischer SPD-Innenminister war, hat aber andere Pläne: Die Aufagbe der Stiftung könne „nicht langfristig in der unternehmerischen und verlegerischen Führung der Saarbrücker Zeitung liegen“, sagte er dem Blatt. Man suche nach einem neuen Gesellschafter. Die Unternehmensgruppe Saarbrücker Zeitung beschäftigt nach Angaben von kress.de rund 2.700 Mitarbeiter und hatte 2011 einen Umsatz von 330 Millionen Euro sowie eine zweistellige Umsatzrendite. Zu ihr gehören auch der Pfälzische Merkur, der Trierische Volksfreund und die Lausitzer Rundschau sowie weitere Unternehmungen jenseits des Zeitungsgeschäfts. (tos)

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Riexinger und Kipping

Kurz vor dem Göttinger Parteitag wirbt das Lager um den früheren Vorsitzenden Oskar Lafontaine für eine Doppelspitze aus Katja Kipping und Bernd Riexinger. Klaus Ernst bezeichnete dies neben einem reinen Frauenduo als „integrative Lösung“ und verwies auf laufende Gespräche. „Wir brauchen eine Lösung, die die Wurzeln der Partei in Ost und West repräsentiert“, wird der Linkenchef in den Zeitungen der WAZ-Gruppe zitiert. Zuvor hatte sich Sahra Wagenknecht bereits für die Variante Kipping und Riexinger ausgesprochen: „Das wäre ein Integrationsangebot für die gesamte Partei. In einer solchen Führung möchte ich gern als stellvertretende Vorsitzende mitarbeiten“, sagte sie einer Nachrichtenagentur.

Riexinger selbst sieht seine Bewerbung als einen „Beitrag zur Integration der verschiedenen Strömungen“, die Kandidatur solle „einer weiteren Polarisierung entgegenwirken“. Auf der Website des Landesverbandes Baden-Württemberg heißt es, der Gewerkschafter habe sich zu dem Schritt entschlossen, nachdem er von „mehreren Landesvorständen, aber auch von Oskar Lafontaine, Sahra Wagenknecht und Ulrich Maurer“ dazu aufgefordert worden sei. Auf dem Wunschzettel der Antikapitalistischen Linken steht Riexinger nicht. Als Geschäftsführer des Stuttgarter ver.di-Bezirks und langjähriger Aktivist bei Anti-Agenda-Protesten bringt Riexinger sozusagen doppelte Anschlussfähigkeit mit – ins Gewerkschaftslager und in die sozialen Bewegungen.

Wie stark sich allerdings die Integrationskraft des 56-Jährigen nach Innen ausprägen kann, bleibt abzuwarten. Riexinger hat das Problem vieler, die nun im Kandidatenkarussell sitzen: Er war Teil von strömungspolitisch grundierten Konflikten, die in der Linken nun überwunden werden sollen. Riexinger hatte im Winter 2009/2010 einen von zwei Briefen verfasst, in denen seinerzeit von Gregor Gysi die Entmachtung von Dietmar Bartsch als Bundesgeschäftsführer gefordert wurde. In den Schreiben wurde unter anderem der Vorwurf erhoben, Bartsch habe dem Spiegel Details über Lafontaines Privatleben gesteckt – den anderen Brief hatte seinerzeit übrigens auch Katharina Schwabedissen unterzeichnet.

Der stark personalisierte Konflikt des Januars 2010 ist eine Säule der seither laufenden Auseinandersetzungen in der Linken, vor allem auch was die hohe Emotionalität des Streits angeht (der freilich andere, politische und strukturelle Gründe hat). Diesen zu überwinden hat nun noch einmal Katja Kipping gefordert: „Verantwortlich für den Abwärtstrend der Linken ist das Einnisten der verschiedenen Parteiströmungen in Schützengräben. Wir müssen weg vom Lagerdenken, hin zu mehr Teamgeist“, sagte sie dem Hamburger Abendblatt. Für „eine Partei, die die Solidarität auf ihre Fahnen schreibt, geht es darum, Solidarität auch in den innerparteilichen Auseinandersetzungen zu leben“, forderte auch Dietmar Bartsch. Der Neuen Westfälischen sagte er, die kulturlosen Debatten über Personen müssten „sofort aufhören, weil wir sonst abstoßend wirken“. (vk)

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Zwei Aufgaben

Die Linke hat nur eine Überlebenschance, wenn sie zwei Probleme bewältigt: Sie muss sich erstens der Auswirkungen der schärfsten Krise seit der Großen Depression auf das Alltagsbewusstsein vergegenwärtigen und zweitens Rahmenbedingungen für ihre Politik schaffen, die eine Parallelität von Einheit in den Kernzielen und Pluralität und Offenheit in der Debatte um ihre Vertiefung und Aktualisierung gewährleisten. Ein GASTBEITRAG von HORST ARENZ

 

DIE LINKE am Scheideweg
Zur Lage der Partei DIE LINKE nach Lafontaines Rückzug
Von Horst Arenz

Bei aller Anerkennung seiner großen Verdienste für DIE LINKE und die deutsche Linke insgesamt ist festzuhalten: Oskar Lafontaine ist gescheitert. Es ist an der Zeit, über die Gründe zu sprechen.

Ab auch der sogenannte „linke“ und „rechte“ Flügel sind gescheitert. Es ist daher auch dringendst an der Zeit, der Beherrschung der öffentlichen Wahrnehmung der Partei durch den Strömungsstreit aus der Partei selbst heraus ein Ende zu setzen.

Die Lage ist dramatisch. Nach Lafontaines Rückzug, der erst recht die Strömungskämpfe hat aufbrechen lassen, steht die Partei am Abgrund. Alle Flügel tragen zu gleichen Teilen dafür Verantwortung. Und es geht um mehr als die DIE LINKE. Sollte sie scheitern, ist die gesamte deutsche Linke auf Jahre zurückgeworfen. Exakt das sollte uns alle umtreiben. Jede/r von uns ist betroffen, jede/r von uns muss sich fragen, was er falsch gemacht hat, wir alle müssen uns ändern. So wie jetzt kann es nicht weitergehen.

Jede/r von uns muss jetzt die Bereitschaft und Fähigkeit an den Tag legen, sich auf wenige wesentliche Punkte zu konzentrieren, die die Partei jetzt ändern muss. Dabei hilft es nicht, aus taktischen Gründen die harten facts unter den Tisch zu kehren. Hierzu im Folgenden einige Vorschläge. Es kann dabei nicht darum gehen, die ungemein engagierte und wichtige Arbeit tausender Genossen/innen schlecht zu reden, natürlich auch nicht die Verdienste der hier kritisierten Akteure. Es geht gerade darum, den Blick für differenzierte Kritik zu schärfen, die bei uns verbreitete Haltung abzubauen, Kritik in Einzelpunkten als Pauschalkritik zu nehmen. Ausgeblendet werden auch die häufigen, rein persönlichen Auseinandersetzungen auf unsäglichstem Niveau und unter Missachtung der Grundregeln des menschlichen Umgangs, die im Rahmen des „Aufbau West“ in den Landesverbänden Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein jahrelang zu beobachten waren, wozu frühzeitig vorgebrachte Warnungen aber stets beiseite geschoben wurden.

Die Vorschläge sind verbunden mit dem Appell, nicht gleich wieder das Fallbeil des Pappkameraden der Zuordnung von Kritik zu einzelnen Strömungen niedergehen zu lassen. Es ist für die Partei zur Existenzfrage geworden, sich in solidarischer und sachbezogener Auseinandersetzung unter Wahrung des gegenseitigen Respekts unter zivilisierten Menschen kritischen Argumenten zu stellen. Die hier formulierte Kritik ist in solidarischer Absicht formuliert, egal welcher Flügel betroffen ist. Eingedenk der gegebenen Wahrnehmungsstrukturen ist es aber notwendig, sich auf konkrete Akteure/innen zu beziehen, Ross und Reiter zu nennen, ist doch die Haltung bei uns zu verbreitet, auf keinen Fall sich selbst von Kritik angesprochen zu fühlen. Im Fokus sollen dabei die beiden exponiertesten Flügel, die „Antikapitalistische Linke (AKL)“ und das „Forum Demokratischer Sozialismus (fds)“ stehen. Dabei unterliegt die Hoffnung, durch die Konfrontation mit eigenen Schwächen die Flügel zu motivieren, sich über die Defizite auszutauschen und so den vollkommen blockierten innerparteilichen Diskussionsprozess wieder in Gang zu bringen.

Die strategischen Schwächen Lafontaines und seiner Unterstützer/innen

In seiner Rücktrittserklärung vom 22. Mai reklamiert Lafontaine für sich die Intention eines „Neuanfangs jenseits der bisherigen Konfrontationslinien“. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Das ist in der Tat der einzige Ausweg aus der Krise, es gibt keinen anderen. Vorweg sei bemerkt, dass es Versuche in dieser Richtung gegeben hat, die aber in der Zuspitzung im Zusammenhang mit Bartschs erzwungenem Rücktritt als Bundesgeschäftsführer abrupt eingestellt wurden.

Lafontaine blendet bei der präzisen Benennung des notwendigen Kurswechsels zwei Dinge aus: Erstens war er stets aktiver Teil der Konfrontationslinien. Er bzw. seine Unterstützer/innen, allen voran die AKL, haben den sogenannten Reformerflügel über Jahre massiv bekämpft. Lafontaine betrieb die Entlassung von Bartsch als Bundesgeschäftsführer, er u.a. beschuldigten die Reformer öffentlich, sie wollten eine SPD-light und letztlich keine linke Politik. Das Lafontaine-/Ernst-Lager verfolgte jahrelang das Ziel, die maßgeblichen Kräfte des Reformerlagers zu schwächen.

Zweitens: Dass Lafontaine mit seinem Rückzug bezweckte, „einen solchen Neuanfang zu ermöglichen“ (Zitat Erklärung), ist vorsichtig gesprochen verwegen. Lafontaine hinterlässt die Partei in einem Zustand, in dem der Machtkampf zwischen den Strömungen erst recht losbricht. Die AKL und andere blasen zur Entscheidungsschlacht auf dem Parteitag: Der Aufruf zur Lafontaine-Unterstützung ist weiter im Netz, führende AKL-Vertreter wie Martin Hantke erklären erstmalig ihre Kandidatur zum Parteivorstand, Sahra Wagenknecht wird nun als Kandidatin für den Parteivorsitz lanciert. Mit seinem Rückzug hat Lafontaine exakt das Gegenteil dessen erreicht, worauf er mit der Ablehnung einer Kampfkandidatur abzielte: die Verhinderung der Zuspitzung der Konfrontation auf dem Parteitag.

Drittens sind angesichts der angebotenen Ursachen für die Krise der Partei Zweifel angebracht, ob der intendierte Neuanfang in die richtige Richtung geht. Eine zentrale Schwäche des „Lafontaine-Lagers“ besteht in einer völlig oberflächlichen Analyse der Gründe des Niedergangs. Als Erklärungsmuster dafür, warum die Partei trotz einer behaupteten richtigen Analyse der Finanzkrise mehr als die Hälfte der Wählerstimmen verloren hat, wird von Lafontaine und seinen Unterstützer/innen nur eines angeboten: die jahrelange Beschädigung der eigenen Partei durch den Reformerflügel. Nicht nur, dass der eigene Anteil beim „Schießen auf das Eigentor“ kein Thema ist. Es wird tatsächlich vorgegeben, die Reformer bräuchten nur ihre öffentliche Kritik einstellen, dann ginge es wieder aufwärts. Eine solche niveaulose Deutung von Krisenursachen und Gruppenkonflikten sollten wir überwinden.

Hinzukommt, dass die Ursachenerklärung zutiefst widersprüchlich ist. Im ZDF hat Sahra Wagenknecht jetzt erstmalig, überraschend deutlich und zu recht von „grundlegenden strategischen Differenzen“ als Grund der Konflikte gesprochen. Demnach haben wir es also nicht – wie bei uns vielfach behauptet, so auch soeben wieder von Ulrich Maurer – um einen rein persönlichen Machtkampf zu tun, in dem Inhalte angeblich keine Rolle spielen, weshalb der ständig wiederholte Appell, diesen zu beenden, ausreichen solle, um die Krise zu stoppen. Nein: Grundlegende strategische Differenzen können nicht einfach per Schweigedekret bereinigt werden, sondern nur durch einen Prozess der Auseinandersetzung in der Sache. Wagenknecht macht allerdings keinerlei Angebote, wie diese zudem von ihr nicht näher beschriebenen grundlegenden Differenzen bereinigt werden können.

Die Gründe, warum die Partei nicht von der in 2007 ausgebrochenen Krise profitieren konnte, können nicht auf persönliche Machtkämpfe reduziert werden, sondern haben zu tun mit einer ganzen Reihe von höchst komplexen Prozessen, die aber von Lafontaine, Wagenknecht, Ernst sowie den sie unterstützenden Flügel nicht oder nur marginal thematisiert werden. Dabei geht es zum Beispiel darum, dass angesichts des Versagens der Politik die Menschen nicht mehr daran glauben, dass die Finanzmärkte von der Politik geregelt werden können (Franz Walter). Es geht darum, dass in der mit der Prekarisierung grassierenden Unsicherheit vor allem die unteren Schichten leichter nach rechtspopulistischen und autoritären Lösungsmustern suchen. Und es geht zum Beispiel ganz wesentlich auch darum, dass in Deutschland die Krise einen deutlich anderen Verlauf hat als in anderen Ländern der Eurozone. Dass diese Länder im Vergleich zur hiesigen Situation eine gegensätzliche Entwicklung durchlaufen, z.B. die Arbeitslosigkeit von 2007 bis 2011 um rund 30 Prozent gestiegen ist, während sie in Deutschland (nach offiziellen Zahlen) um 30 Prozent gesunken ist, dass die IG Metall mit 4,5 Prozent Plus den höchsten Abschluss seit 20 Jahren erkämpft hat – und welche Folgen dies für das Alltagsbewusstsein in jeweiligen Ländern hat, wird ignoriert.

Die innerparteilichen „grundlegenden Differenzen“ drehen sich letztlich um die Einschätzung des gegenwärtigen Zustands des Alltagsbewusstseins breiter Teile der lohnabhängig Beschäftigten. Unübersehbar liegt bei der Pro-Lafontaine-Strömung eine zivilisationskritische Bewertung der Natur des heutigen Kapitalismus vor. Damit sind angesprochen: das Niveau des erreichten Lebensstandards und der Individualitätsentwicklung/Subjektivierung, damit verbunden neue, gegen top-down-Prozesse gerichtete Ansprüche an Kommunikations- und Beteiligungsstrukturen, das höhere Bildungsniveau und die „Wissensgesellschaft“, der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft, das entwickeltere Gesundheitsbewusstsein, die mit der Arbeitszeitverkürzung gewachsene Bedeutung des Bereichs der Nicht-Erwerbsarbeit, also des sog. Alltagsbereichs, die wachsenden Probleme im Wohnungssektor in den Ballungsräumen etc. – und die qualitativ neuen Ansprüche an und neuen Konflikte mit den kapitalistischen Verwertungsinteressen, die aus diesen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft sich abspielenden Prozessen resultieren. Es ist doch symptomatisch, dass die Bundestagsfraktion fast sieben Jahre gebraucht hat, um sich dem explosionsartigen Anstieg des Arbeitsausfalls wegen psychischer Erkrankung, bedingt durch erhöhten Arbeitsdruck und durch zunehmenden Konflikt zwischen entwickelterer Emotionalität und autoritären Entscheidungsstrukturen in Betrieb und Verwaltung, zu widmen. Auch die Frage (relevant nicht zuletzt auch im saarländischen Wahlkampf), welche Auswirkungen der bei unzureichendem Monatseinkommen unvermeidliche Zwang zur privaten Verschuldung auf die Haltung zum Thema Schulden hat, wird nicht gestellt. So wichtig das Thema Prekarisierung als Charakteristikum des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus ist, die Partei muss sich auch dem Wandel auf dem Feld der Normalarbeit stellen. Ausgeblendet wird schließlich auch, welche Konsequenzen aus der dramatisch wachsenden Distanz der Menschen gegenüber politischen Parteien für DIE LINKE zu ziehen sind.

Symptomatisch für die grundsätzlichen Leerstellen in der Bewertung des Alltagsbewusstseins ist die Kommentierung des NRW-Wahldesasters durch die der AKL nahestehende NRW-Spitzenkandidatin Schwabedissen: Völlig überraschend erklärt sie am Wahlabend im Fernsehen nicht nur, die Partei müsse sich mehr dem Alltag der Menschen zuwenden, das sei im Osten gut gelungen und müsse nun im Westen angegangen werden(!). Nicht zuletzt mit Verweis auf die Stärkung der Linken in Griechenland und Frankreich sei die Partei sogar „auf dem Weg nach vorne“.

Bei Lafontaine und dem linken Flügel werden die Folgen dieser Entwicklungen auf die Bewusstseinsformen entweder gravierend unterschätzt bzw. komplett ignoriert oder sogar negativ bewertet – mit dem Ergebnis gravierender Fehleinschätzungen des Alltagsbewusstseins. Auf dieser Grundlage sitzt Lafontaine dann auch fast zwangsläufig einer Verkennung der öffentlichen Wirkung seiner Rückkehrbedingung auf, die ihm schließlich die Unterstützung von Gysi kostete: Es ist in der politischen Landschaft hierzulande einfach nicht vermittelbar, zu einer Kandidatur nur ohne Gegenkandidaten bereit zu sein. Für diese folgenschwere Fehleinschätzung trägt Lafontaine die Verantwortung.

Der Reformerflügel – von der Annäherung an die Wirklichkeit zur Anpassung

Auch der sog. Reformerflügel betreibt – sicherlich noch heftiger – die Selbstbeschädigung der Partei, zum Teil im offen demonstrierten Desinteresse für die Belange der Gesamtpartei. Die Reformer, überwiegend organisiert im Forum demokratischer Sozialismus (fds), reklamieren für sich zu Recht, näher an der aktuellen Realität des Kapitalismus zu sein. Zeugnis davon legen etwa die richtigen Hinweise auf die großen Veränderungspotentiale des Kapitalismus und ihre Folgen für Bewusstseinsformen ab, die zentraler Gegenstand der Marxschen Analysen sind. Andererseits wird die Seite des „great civilizing influence of capital“ (Marx) verabsolutiert und verkommt so zur Ausblendung der von mehreren Untersuchungen bestätigten wachsenden Systemkritik im Alltagsbewusstsein. Im Resultat landet der Flügel – bei allen wichtigen Leistungen insbesondere auf dem Feld der Kommunalpolitik – schließlich bei einer resignativen Systemakzeptanz, bei einer Unterschätzung der auch in der bundesdeutschen Gesellschaft gerade in der Großen Krise zunehmenden Widersprüche und Widerstandspotentiale – und in der Folge bei einer Überbetonung der parlamentarischen Arbeit und einer weitgehenden Abstinenz gegenüber den hierzulande stattfindenden sozialen Kämpfen.

Exemplarisch dafür steht etwa die konkrete Politik des im fds eine dominierende Rolle spielenden Berliner Landesverbands in der rot-roten Koalition auf dem Feld der Wohnungspolitik und der Rekommunalisierung der Wasserwirtschaft, verbunden jeweils mit einer schroffen Abgrenzung gegen Bürgerinitiativen. Bei allem berechtigten Bezug auf das Alltagsbewusstsein hat der Reformerflügel an analytischer Substanz ganz überwiegend nur Leerformeln zu bieten – und praktiziert in der konkreten Regierungspolitik übertriebene Anpassung an Systemzwänge. Dass die Vorschläge der Partei zur Lösung der Finanzkrise eine mobilisierende Wirkung für die Wählerschaft hat, wird bestritten. Führende Berliner Vertreter des fds lehnen auf öffentlichen Veranstaltungen einen Zusammenhang von Finanzmärkten und Immobilieneigentum entschieden ab. Thomas Falkner, einer der Theoretiker des fds, verkündet auf der April-Tagung des Forums: „So hat Siegmar Gabriel die richtige Alternative aufgemacht: demokratiekonforme Märkte vs. Merkels ‚marktkonforme Demokratie’“. Er scheut sich auch nicht, Merkel gegen Hollande zu stützen: „Der Wahlkämpfer François Hollande überzieht …., wenn er den Fiskalpakt wütend versenken will … Wer auf Handeln setzt und ggf. auch mal vorprescht, verdient unsere Unterstützung – auch, wenn der Name Merkel ist.“ Der Unterschied zur SPD verschwimmt, wenn er in der gleichen Rede fordert, den Fiskalpakt durch einen Wachstumspakt zu ergänzen.

Hinzukommt, dass der Reformerflügel konträr zu ständigen Appellen an moderne, nicht-autoritäre Kommunikationsformen innerparteilich in extenso top-down-Prozesse und ausgrenzende Praktiken gegen Kritiker/innen an den Tag legt und damit einen nicht unwichtigen Beitrag zur Vertiefung der Grabenkämpfe leistet. So demonstriert der Reformflügel zum Beispiel im Parteivorstand allein schon durch non-verbale Gesten sein Sektierertum durch demonstrativen Ekel, sobald die Gegenseite das Wort Finanzkrise in den Mund nimmt. Gerade auch der Reformerflügel hat Nachholbedarf bei der Bewältigung der Vergangenheit in Punkto Pluralität, Respekt, Toleranz, Konfliktlösungskompetenz und Offenheit gegenüber Kritik hart an der Sache.

Konzeptioneller Verfall

Ein Kernpunkt des Zustands der Partei liegt darin, dass trotz aller Appelle es beiden Teilen an einer zivilisierten und solidarischen Kultur der Auseinandersetzung mangelt. Nicht nur in der aktuellen Situation, sondern seit Jahren sind die Flügel nicht in der Lage, eine rationale Bewegungsform für die Austragung grundsätzlicher analytischer und politischer Differenzen zu finden. Auch Sahra Wagenknecht bietet außer Schuldzuweisung an die andere Seite keine Hinweise, wie die „grundlegenden strategischen Differenzen“ aufgelöst werden können.

Das Niveau an analytischer Substanz der Gesamt-Partei hat gelitten. Beiträge hierzu werden komplett ignoriert. Es dominiert immer mehr eine Pappkameraden-Kultur nach dem Motto: Relevant sind nicht die vorgetragenen Argumente, sondern die Frage, auf welche Seite sie einzuordnen sind. Kritik wird ganz überwiegend eingeordnet als Angriff auf die Person und/oder als Angriff auf das eigene Lager. Eine Bereitschaft, organisierte Formen zu finden, in denen die Flügel ihre gegensätzlichen Sichtweisen mit dem Ziel ihrer Annäherung auszutauschen, ist nicht in Sicht.

Neuanfang als politischer Kurswechsel

Nicht nur Lafontaine ist gescheitert, das gesamte Fusionsprojekt steht im Vorfeld des Parteitags vor dem Scheitern.

Ein desaströse Niederlage der Partei bei den Bundestagswahlen ist aus aktueller Sicht mehr als wahrscheinlich. Dies hätte über Jahre hinaus dramatische Folgen für die Zukunft der deutschen Linken insgesamt. Abgesehen von dem nicht kalkulierbaren Fall der Implosion des Kapitalismus hat DIE LINKE nur eine Überlebenschance, wenn sie zwei Probleme bewältigt: Sie muss sich erstens der Auswirkungen der schärfsten Krise seit der Großen Depression auf das Alltagsbewusstsein vergegenwärtigen und zweitens diese organisatorisch durch die Schaffung von Rahmenbedingungen umsetzen, die eine Parallelität von Einheit in den Kernzielen und Pluralität und Offenheit in der Debatte um ihre Vertiefung und Aktualisierung gewährleisten. Dabei muss sie sich elementare Erkenntnisse der Kommunikationsforschung zu Eigen machen und die zivilisatorischen Errungenschaften des Kapitalismus in ihre Auseinandersetzungsformen einfließen lassen.

Das Projekt DIE LINKE als eigenständige Partei links von SPD, Grünen und Piraten ist trotz deren verbaler Kurskorrekturen weiterhin uneingeschränkt unverzichtbar. Nicht zuletzt die praktizierte Ausrichtung auf Große Koalitionen seitens der SPD macht dies überdeutlich. Dennoch hat DIE LINKE in ihrem gegenwärtigen Zustand keine Zukunft. Ein politischer Kurswechsel ist überfällig. Lafontaine hat in doppelter Weise recht: Wir brauchen erstens einen Neuanfang – das ist schon ein Riesenbrocken, der zu bewältigen ist. Zweitens brauchen wir einen „Neuanfang jenseits der bisherigen Konfliktlinien“ – das ist noch ein Riesenbrocken drauf. Beides ist existenziell. Die Hoffnung sollten wir nicht aufgeben.

Horst Arenz ist Mitglied der Basisorganisation Kreuzberg der Partei DIE LINKE und Abgeordneten-Mitarbeiter der Bundestagsfraktion DIE LINKE. Eine pdf-Version dieses Textes mit zusätzlichen Fußnoten gibt es hier.

 

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Berliner Runde

In Berlin kommen am Mittwoch der geschäftsführende Vorstand der Linken und die Landesvorsitzenden zusammen, um, wie es eine Nachrichtenagentur formuliert, „Kompromisschancen im Machtkampf um den Parteivorsitz auszuloten“. Derweil geht die Debatte über mögliche Anwärter auf die Führungsposten weiter: Bei der Regionalkonferenz im Hamburg hat sich Niedersachsens Landessprecherin Giesela Brandes-Steggewentz gegen Dietmar Bartsch und für Sahra Wagenknecht ausgesprochen. Für die Fraktionsvize wirbt auch weiterhin Klaus Ernst. Wagenknecht selbst schließt eine Kandidatur nicht mehr aus, sagte aber: „Ich möchte einen Showdown auf dem Parteitag vermeiden, also eine Kampfkandidatur mit knappem Ergebnis“, sagte sie dem dem Neuen Deutschland, und forderte zugleich Bartsch indirekt auf, seine Bewerbung zurückzuziehen. Der frühere Bundesgeschäftsführer wies Wagenknechts Kritik, es fehle ihm an Integrationskraft, gegenüber der Zeitung zurück. „Dieser Vorwurf wird als Instrument in der Auseinandersetzung missbraucht. Ich habe viele Jahre als Bundesgeschäftsführer, Schatzmeister, Wahlkampfleiter und Fraktionsvize im Bundestag unter Beweis gestellt, dass ich integrieren kann.“ Bei der Spitzenrunde am Mittwoch in Berlin lässt sich dieser Dissens wohl nicht überbrücken, das künftige Personaltableau wird sich erst bei den Wahlen in Göttingen zeigen. Einige Kandidaturen sind inzwischen wieder zurückgezogen worden, einige werden wohl noch dazukommen. Offenbar ist inzwischen auch der baden-württembergische Landesvorsitzende Bernd Riexinger als Bewerber für den Vorsitz im Gespräch. Linkenvize Heinz Bierbaum erwartet, dass auch Oskar Lafontaine in Göttingen auftreten wird: „Ganz aus der Politik und seiner Partei kann er sich nicht rausziehen.“ (vk)

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Wahl statt Kampf

Die Woche vor dem Göttinger Parteitag beginnt, wie die vergangenen endeten: mit medialem Krisengeläut. Es herrsche „Hauen und Stechen um den Parteivorsitz“, schreibt die Bild und der Spiegel, der den „erbitterten Machtkampf“ noch einmal in düsteren Farben ausmalt, meint, „ein Drama“ vor sich zu haben, „in dem es bislang nur Verlierer gibt“. Etwas weniger aufgeregt aber nicht minder daneben liegt eine Nachrichtenagentur, die über die Diskussion in der Linken berichtet, als habe diese eine unheilbare Krankheit: „ Die Umfragen sind im Keller. Die letzten Wahlen gingen verloren. Doch die Linkspartei befasst sich weiter mit sich selbst.“ Ganz und gar nicht fassen können viele offenbar, dass der Parteitag, immerhin so etwas wie die Hauptversammlung des Souveräns der Organisation, wirklich die Wahl haben soll: „Für die beiden Vorsitzendenposten gibt es inzwischen neun Bewerber.“

In Wahrheit sind es wohl mehr, nicht jeder, der sich erklärt hat, taucht in der offiziellen Kandidatenliste. Die müsste eigentlich ein Symptom demokratischer Normalität sein: Dora Heyenn, Sabine Zimmermann, Katja Kipping, Katharina Schwabedissen, Dietmar Bartsch, Bernd Horn, Norbert Pultermann, Ralph Böttcher, Jürgen Stange, Karsten Krampitz … Ob bis zum Samstag oder auf dem Parteitag selbst noch Namen dazukommen, wird man sehen. Nachdem Oskar Lafontaine sich wohl endgültig aus der Bundespolitik der Linken zurückgezogen hat, ist nicht mehr von einer „Kampfkandidatur“ die Rede, die sich viele, auch mancher Linkenpolitiker selbst, nur als Ausnahmefall vorstellen können, etwas, das nicht zur „Krönung der Karriere“ taugt.

Schon der Begriff verrät die Distanz zur Idealidee von innerparteilichen Demokratie: Kampfkandidatur. In den meisten Parteien konnte man eine Parteitagswahl um den Bundesvorsitz schon länger nicht mehr erleben. Aber so selten sind konkurrierende Kandidaturen, also solche, die nicht schon vorher von „gewissen Kreisen“ entschieden, machtpolitisch austariert, mit Gegengeschäften abgesichert und dann bloß noch den Delegierten zum Abnicken vorgelegt werden, nun auch wieder nicht. Um den CSU-Vorsitz wetteiferten 2007 zum Beispiel Horst Seehofer, Erwin Huber und Gabriele Pauli; bei den Piraten sind Wahlen, die den Namen verdient haben, auch üblich. Und auf Landesebene kommen „Kampfkandidaturen“ bei der Rekrutierung des politischen Spitzenpersonals, sei es um Vorsitz oder Spitzenkandidaturen, auch öfter vor. Sogar immer öfter.

Vor ein paar Jahren entbrannte deshalb eine kleine Debatte unter Politikwissenschaftlern: Stärkt das die innerparteiliche Demokratie, ist es gut für die Basis und vor allem gut für die Parteien? Oder hat das machtpolitische Königsmachertum „gewisser Kreise“ vielleicht sogar Vorteile? Der Politologe Peter Lösche jedenfalls meinte seinerzeit, die Zunahme von innerparteilicher Wahlen im offenen Wettstreit sei ein „Ausdruck der nachlassenden Homogenität der Parteien“, ein Zeichen der nachlassenden Integrationskraft und Signal für den Wandel der Parteien von Weltanschauungsgemeinschaften zu Interessenverbänden – nicht innerparteiliche Demokratisierung zeige sich hier also, sondern eine wachsende Konkurrenz zwischen interessenorientierten Netzwerken.

Für eine optimistischere Variante trat damals der Politologe Karl-Rudolf Korte ein: Mehr offener Wahl-Wettstreit in Parteien sei ein „Zeichen für veränderte Führungsressource“ und „neues Partizipationsverhalten“. Mit der letztlich auf den Vorwurf inhaltlicher Entleerung hinauslaufenden Kritik Lösches konnte Korte nicht viel anfangen – im Gegenteil: Offene innerparteiliche Wahlen wiesen nicht auf zunehmende Personalisierung hin, sondern auf eine Art Re-Politisierung. Kandidaten seien keineswegs nur Teil von Patronage-Systemen, sondern auch „Programmträger“, wenn es öfter zu wirklichen Kandidatenrennen komme, zeige sich darin auch „die Suche der Parteien nach eigenen Identitätskernen“. Korte sprach allerdings von einer „Aura der Beteiligung“, welche die „Mentalität des Auskungelns“ zurückdränge, also nicht von einer tief manifestierten Re-Demokratisierung von Parteien, sondern erst einmal nur von einem Hauch, einer Ausstrahlung. „Gewisse Kreise“ werden auf die neuen Beteiligungsbedürfnisse reagieren – sie tun es bereits. Nicht nur bei der Linken. (tos)

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Von Oskar lernen

Die Strategie, die Oskar Lafontaine in den Jahren 2005 bis 2009 für die Linkspartei entwickelte, war gut und richtig. Leider wurde sie oft als etwas anderes dargestellt, als sie war – auch von ihm selbst. Ein BEITRAG von CHRISTOPH SPEHR

 

Von Oskar lernen, heißt siegen lernen
Die Strategie, die Oskar Lafontaine in den Jahren 2005 bis 2009 für die LINKE entwickelte, war gut und richtig. Leider wurde sie oft als etwas anderes dargestellt, als sie war – auch von ihm selbst.

Vorweg: Der Partei geht es gar nicht so schlecht. Nach wie vor ist sehr viel Platz links von der SPD, auch links von Grünen und Piraten. Viele der Landesverbände der LINKEN haben es geschafft, sich nach der turbulenten Gründungsphase ein Stück weit zu konsolidieren. Die Partei hat eine Menge guter Leute, wichtiger Inhalte, interessanter Ideen. Sie hat – das demonstriert die Endfassung des Grundsatzprogramms ebenso wie viele der Änderungs- und Ergänzungsanträge dazu – eine Menge inhaltlicher Kompetenz. Sie hat in den letzten Jahren Erfahrungen mit Opposition, Regierung, Tolerierung und punktueller Regierungszusammenarbeit gemacht. Sie hat eine Reihe von Leuten aus Gewerkschaften und sozialen Bewegungen gewonnen, und sie verfügt inzwischen über eine „dritte Generation“: junge Mitglieder, die weder über andere Parteien noch über die beiden Quellparteien politisch sozialisiert wurden und neuere Politikstile verkörpern.

Die Partei hat auch eine Reihe sehr akuter Probleme. Innere Konflikte, die sie seit ihrer Gründung begleiten, sind in den letzten Jahren, Monaten und Wochen immer wieder „von oben“ angeheizt worden, um innerparteiliche Machtkämpfe zu führen. Die strategische Ausrichtung ist unklar und, was schlimmer ist, undiskutiert. Sie hat in der zurückliegenden Zeit wenig bundespolitische Initiative gezeigt. Und sie hat bislang keine Einstellung auf die Bundestagswahl 2013 vorgenommen, für welche die Uhr bereits tickt.

Es handelt sich um gemeinsame Probleme, in denen – bei unterschiedlicher Situation und Ausgangslage – manche Ost-West-Erfahrungen sich annähern oder zumindest vergleichbar werden. Das ist eine große Chance. Die im Westen dominierende Strategie der Jahre nach 2005, einen schnellen Wachstumskurs zu erreichen durch maximale Ausbeutung der Schwäche der SPD, hat sich abgenutzt. Auch die im Osten seit 2003 dominierende Strategie, die Ausgrenzung und Diffamierung als „DDR-Partei“ zu durchbrechen durch maximale Orientierung auf Anerkennung und Normalisierung (die ihren finalen Ausdruck in der Regierungsbeteiligung findet), hat sich über 20 Jahre nach der „Wende“ überlebt. Ebenso sind die jeweiligen Durchsetzungsstrategien ins Stocken geraten. Im Osten und im Saarland verweigert sich die SPD rot-roten Regierungskoalitionen, so stark die LINKE auch wird. Im Westen und bundesweit setzt die Kritik der rot-grünen Politik 1998-2005 die SPD nicht mehr unter Druck, weil sie bei Wahlen keine Punkte mehr bringt.

Nicht alle Probleme sind hausgemacht. Es ist in der Partei nicht beachtet worden, dass im Herbst 2010 eine Trendwende in der öffentlichen Meinung und in den Umfragen geschah, die weit über die LINKE hinausgeht. Im September 2010 schloss die SPD zur CDU auf, rot-grün erreichte eine Mehrheit. Danach setzte sich die CDU wieder nach oben ab, die grünen Umfragewerte sanken wieder – später überdeckt durch die Nuklearkatastrophe von Fukushima, deren Wirkung auf die Umfragen sich im Herbst 2011 wieder verbraucht hatte. Die Dominanz der CDU in der öffentlichen Meinung war die Folge der Krise, und zwar insbesondere der Verarbeitung der Griechenland-Krise als vermeintlicher Beleg für die Folgen übermäßiger Staatsausgaben. Die BILD erfasste und steuerte den Prozess: Am 27.10.2010 erschien die denkwürdige Ausgabe „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen“. Die  Disziplinierung der Bevölkerung und die Rechtfertigung der neoliberalen Zerstörung des Sozialstaats durch das „warnende Beispiel“ Griechenland brach auch der Skandalisierung von Sozialabbau und Prekarisierung durch die LINKE die Spitze, die öffentliche Verschuldung galt seither als das primäre politische Problem. Soziale Ansprüche und die LINKE selbst wurden als Teil des Problems wahrgenommen, nicht der Lösung.

In der heutigen Situation gilt: Von Oskar lernen, heißt siegen lernen. Die Erfolge der LINKEN in den Jahren 2005-2009 waren in der Tat wesentlich auch ein Ergebnis der Strategie, die Oskar Lafontaine in und mit der neuen Partei durchsetzte. Diese Strategie war gut und richtig, und es lohnt sich, sie sich heute zu vergegenwärtigen und davon zu lernen. Allerdings war diese Strategie eine andere, als sie oft dargestellt wird – teilweise auch von ihm selbst.

Die Oskar-Strategie 2005-2009

Erstens: Der gemeinsame Wahlantritt 2005 und die Gründung der Partei gingen zurück auf die öffentliche Erklärung Oskar Lafontaines am 24.Mai 2005, im Falle eines gemeinsamen Wahlantritts von WASG und PDS als Spitzenkandidat zur Verfügung zu stehen. Das erste Element der Oskar-Strategie war: Nur eine gemeinsame, bundesweite Linkspartei nach dem Vorbild anderer europäischer Länder hat die Chance, die Verhältnisse ernsthaft aufzumischen. Dies muss ein dynamischer Prozess sein, der Attraktivität und Wachstum der Partei herstellt und eine neue Kraft anbietet, die über ein Zweckbündnis der Quellparteien hinausgeht.

Zweitens: Lafontaine stellte die Partei mit einer klaren machtpolitischen Perspektive auf. Ins Zentrum der Kampagne rückten die bekannten zentralen Forderungen, auf deren Durchsetzung sich die Existenz der Partei öffentlich begründete: Einführung eines Mindestlohns, Abschaffung von Hartz IV, Abzug aus Afghanistan. Später kam die Abschaffung der Rente mit 67 zum Kanon hinzu. Für diese vier Ziele würde die LINKE jederzeit einen sozialdemokratischen Kanzler wählen – ein Angebot, das Lafontaine öffentlich 2005 Schröder und 2007 Kurt Beck unterbreitete. Lafontaine bot damit den WählerInnen die Hebelwirkung einer kleinen Partei in klassischer Weise an und setzte die SPD mit klassisch sozialdemokratischen Forderungen maximal unter Druck.

Drittens: Lafontaine stellte das besondere Verhältnis der LINKEN zur SPD und zu den Gewerkschaften in den Mittelpunkt. Er betonte wiederholt die Nähe der LINKEN zu den „ursprünglichen Werten“ der SPD. Trotz scharfer Kritik an der aktuellen Parteiführung der SPD legte er die LINKE nie als anti-sozialdemokratische Partei aus und knüpfte damit  an den Erwartungen breiter Teile der Wählerschaft und der Gewerkschaften an. Der strategische Kunstgriff war die ständige Präsentation einer „virtuellen SPD“, mit der eine Kooperation jederzeit möglich wäre. Das Verhältnis der LINKEN zu den Gewerkschaften war dabei kein abbildendes, sondern ein forderndes. Der Mindestlohn, eine der stärksten von Lafontaine pointiert hervorgehobenen Forderungen der LINKEN, war 2005 noch keineswegs mehrheitliche Position der Gewerkschaften. Die LINKE griff damit auch in die gewerkschaftliche Debatte ein und bot sich linken GewerkschafterInnen als ein Instrument an, nicht nur die SPD, sondern auch die Gewerkschaftsspitze unter Druck zu setzen.

Viertens: Lafontaine widmete sich beharrlich der Arbeit der Zuspitzung und Vermittlung. Seine starke öffentliche Wirkung beruhte – darin ähnlich wie Gysi – auf der Fähigkeit, für die zentralen Forderungen der LINKEN immer neue verständliche, überzeugende, an allgemeine Erfahrungen und die aktuelle Debatte anknüpfende Argumente zu bieten. Forderungen müssen populär gemacht werden. Lafontaine hatte niemals Probleme damit, mit den „Interessen des Volkes“, den „Notwendigkeiten der Volkswirtschaft“, den „kleinen Leuten“ und der „Zukunft Deutschlands“ zu argumentieren und sich von der BILD bis zum Handelsblatt die Argumente zu holen, die er brauchte.

Fünftens: Lafontaine erkannte die Gefahr für die LINKE, als „Verhindererpartei“ diskreditiert zu werden, und  wirkte ihr beständig entgegen. Er befürwortete die Tolerierung in Hessen ebenso wie die punktuelle Regierungszusammenarbeit in NRW. Die „Haltelinien“ waren der Weg, die Westlinke an die Option einer Regierungsbeteiligung heranzuführen. Der Druck der Opposition beruht auf der Drohung, zu regieren – wer „sowieso nicht will“, kann keinen Druck ausüben, das war Lafontaine immer klar. Ebenso erkannte Lafontaine die Gefahr für die LINKE, als bloße „Machtbeschaffungspartei“ für die SPD abgelehnt zu werden. Deshalb beharrte er darauf, dass jederzeit öffentlich abrechenbar sein muss, welchen Unterschied ein machtpolitischer Einfluss der LINKEN macht, nicht nur im Unterschied zu einer CDU-geführten Regierung, sondern gerade auch im Unterschied zur SPD „allein“.

Um es klar zu machen: Viele Strategien in der Partei, die sich heute auf Lafontaine beziehen, haben mit seinem Kurs 2005-2009 wenig zu tun. Es gab niemals die Perspektive, den PDS-verwurzelten Teil der Partei abzusprengen – die WASG hatte auf Dauer keine Chance und hätte sie auch heute nicht. Es gab niemals die Strategie, mit Maximalforderungen (wir koalieren nur, wenn unser Grundsatzprogramm das Regierungsprogramm ist) jede Regierungszusammenarbeit zuverlässig auszuschließen. Es gab niemals eine Politik der „Äquidistanz“ zu allen anderen Parteien oder die „Erkenntnis“, dass man die SPD für alle Zukunft abschreiben müsse. Es gab niemals die Argumentation, ohne sofortige Abschaffung des Kapitalismus könne man eh nichts machen und auf die realpolitischen Probleme der Regierung müsse man sich gar nicht einlassen. Es gab niemals die Abwendung von der Ebene der parlamentarischen Politik als einem (von mehreren) Elementen der politischen Durchsetzung und einer zentralen Rechtfertigung für die Existenz der Partei.

Die Differenzen zum traditionellen PDS-Flügel beruhten auf anderen Punkten. Zum einen war die überstarke Bereitschaft der PDS, in Regierungskoalitionen Kompromisse zu schließen, eine Bedrohung für die oben geschilderte Strategie Lafontaines auf Bundesebene. Zum anderen sollte die westdeutsche Gewerkschaftslinke die Überzeugung gewinnen, in der LINKEN einen ebenso direkten Draht zur Parteispitze und zur Macht zu haben, wie sie ihn in der SPD hatte. Und drittens war der immer wieder auch offen inszenierte Machtkampf gegen die „alte PDS“ das Instrument, die LINKE in einer nach wie vor antikommunistisch geprägten westdeutschen Arbeiterschaft akzeptabel zu machen.

Die Oskar-Strategie, verallgemeinert für heute

Die Strategie Oskar Lafontaines aus den Jahren 2005-2009 ist nach wie vor richtig. Für die strategische Entwicklung und Positionierung der LINKEN müssen genau die Überlegungen zur Grundlage gemacht werden, die sich in Oskars Handeln niederschlugen:

  1. Die LINKE hat nur eine Chance als gemeinsame, gesamtdeutsche Linkspartei, die sich wieder als ein offenes Projekt einer Partei in Veränderung präsentiert – als Bewegungspartei. Nur dieser Aspekt einer neuen Kraft, die Orientierung und Selbstbewusstsein bietet, mobilisiert auch den Teil der Anhängerschaft, der unter den Erwerbslosen, Niedriglöhnern, Prekarisierten und Ausgegrenzten zu finden ist. Dabei gehört zur Oskar-Strategie durchaus auch ein Element der Volksaufklärung, der Repräsentation und der offensiven Einbringung der proletarischen Erfahrung im Kapitalismus – aber nicht die wenig beliebte Wortwahl des westlinken Seminarmarxismus.
  2. Die LINKE muss eine machtpolitische Perspektive anbieten. Haltelinien sind sinnlos, wenn man Regieren prinzipiell ausschließt; Regierungskoalitionen sind sinnlos, wenn der Unterschied zu einer Alleinregierung der SPD nicht deutlich wird. Die von Lafontaine geprägte Wenn-Dann-Formulierung „Wir sind bereit, einen sozialdemokratischen Kanzler zu wählen, der (oder die) das, das und das macht“ muss erneuert werden. Das ist der machtpolitische Hebel, der WählerInnen ein Angebot macht und Druck auf die SPSD ausübt.
  3. Wahlen gewinnt man weder mit „Haltelinien“ noch mit „Projekten“, sondern mit zentralen Forderungen – Dingen, die zu tun jetzt allgemein notwendig ist. Das ist nicht das Grundsatzprogramm, das ist nicht die Abschaffung des Kapitalismus. Es sind die Weichenstellungen, die in der Politik jetzt anstehen und auf die man jetzt Einfluss nehmen will. Die Debatte, welche allgemeinen Entscheidungen bei der Bundestagswahl 2013 anstehen, ist die Debatte, die wir längst hätten führen müssen.
  4. Die LINKE muss ihr besonderes Verhältnis zur SPD und zu den Gewerkschaften anerkennen, als Nähe und als Spannung. Sie darf keine Angst vor „sozialdemokratischen Werten“ haben, sie muss auch hier Ja zu der Hebelwirkung sagen, die SPD wieder ein Stück aus der neoliberalen Hegemonie herausdrängen zu wollen. Die LINKE muss das wirklich wollen, es ist Teil ihrer Aufgabe und ihrer Akzeptanz, sie muss sich eine bessere SPD aktiv wünschen und sie fordern. Das ist keine Verklärung des verheerenden Schröder-Kurses, der bis heute nicht aufgearbeitet ist, sondern die schlichte marxistische Erkenntnis: Wenn es irgendeine Partei gibt, in deren Mitgliedschaft, klassischen Werten und Teilen des Führungspersonals so etwas wie Klassenbezug überhaupt existiert, dann ist es die SPD. Darum wird die Veränderung der SPD für die LINKE immer ein wichtiges Element ihrer antikapitalistischen Strategie sein. Darum muss sie heute dringend bewerten, wie sie auf den Konflikt zwischen der „vorsorgenden Sozialpolitik“ Krafts und der Betonpolitik der „Stones“ (Steinmeier und Steinbrück) reagiert. Auch zu den Gewerkschaften muss die LINKE kein nachahmendes, sondern wieder ein forderndes Verhältnis gewinnen, das sie für die Gewerkschaftslinke attraktiv und nützlich macht. Zum Beispiel muss sie heute eine aktive gewerkschaftliche Solidarität mit den KollegInnen in Griechenland, Portugal und Spanien einfordern und dafür Vorschläge machen.
  5. Die LINKE muss an der gesellschaftlichen Debatte in ihrer ganzen Breite teilnehmen und dabei ihre innere Pluralität als Stärke nutzen. Politischen Einfluss gewinnt man nur durch diese Teilnahme an der öffentlichen Diskussion, in der die eigenen Anliegen argumentativ immer wieder neu präsentiert werden. Dabei ist das Verhältnis zwischen den sozialen Anliegen der LINKEN, der Wirtschaftskrise und der ökologischen Krise nach wie vor ein Schwachpunkt.
  6. Fundamentalopposition und die Politik des kleineren Übels haben Platz in der Partei, dürfen aber nicht die Mehrheitslinie werden. An diesem Punkt markierte Lafontaine wirklich die „Mitte der Partei“. Die LINKE ist keine Verhindererpartei und kein Steigbügelhalter. Ihre machtpolitische Perspektive bezieht sich auf Inhalte und aktuelle Forderungen. Die Linie zwischen den beiden falschen Extremen muss jeweils wieder neu bestimmt werden. Dies ist nicht mit einem Grundsatzprogramm erledigt, es ist die Aufgabe der strategischen Debatte und der strategischen Führung der Partei.
  7. Strategie heißt, die bestehenden Machtverhältnisse durch gemeinsames Handeln, Kampagnenfähigkeit und Konzentration auf richtig gewählte Zwischenziele zu verändern. Die Strategie der LINKEN muss davon ausgehen, dass sie keine Konzernspenden hat, dass ihr nicht die Mehrheit der Medienkonzerne gehört, dass es antikommunistische Vorurteile gibt, dass die meinungsbildenden Institutionen von der neoliberalen Hegemonie durchsetzt sind, dass wir im Kapitalismus leben. Eine Strategie, die Misserfolge mit diesen fünf Punkten begründet, ist keine. Und ein sechster Punkt sei ergänzt: Die Strategie der LINKEN muss auch davon ausgehen, dass sie eine vielgestaltige Partei ist, in der unterschiedliche Traditionen, Kulturen, Haltungen, Interessen zusammenkommen und in der es Konflikte und Machtrivalitäten gibt. Auch hier gilt: Eine Strategie, die Misserfolge mit der Uneinheitlichkeit der Partei und ihren inneren Konflikten begründet, ist keine.

Was jetzt notwendig ist

Egal, welchen Vorstand wir wählen, egal, welche Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2013 sich durchsetzen wird: Es sind Hausaufgaben zu machen. Wir haben viel Zeit verloren. Die LINKE muss ihre Strategie für die Bundestagswahl 2013 entwickeln, ab jetzt bis zum Herbst. Dazu gehört:

  1. Die aktuelle bundespolitische Entscheidungssituation und ihre Akteure müssen analysiert werden: Worum geht es bei der Wahl 2013? Konkret? Dafür muss bewertet werden, ob die Kraft’sche „vorsorgende Politik“ eine Chance ist, zur Aufsprengung des neoliberalen Konsenses beizutragen. Die Wahl 2013 wird sicherlich davon handeln, ob die Politik der Austerität nachgesteuert wird, mit Elementen von Umverteilung, Wachstum, Stärkung des Staates und des Öffentlichen – oder eben nicht. Sie wird auch davon handeln, ob ökonomischer Nationalchauvinismus und soziale Spaltung sich weiter beschleunigen oder Elemente von europäischer Solidarität und sozialer Gerechtigkeit wieder eine Rolle spielen. Die Entscheidungssituation wird davon abhängen, wie die SPD sich aufstellt, aber auch die Grünen und die Piraten, und was bis zum Herbst in Europa passiert.
  2. Die Auswirkungen dieser Entscheidungssituation auf diejenigen Gruppen, deren Interessen die LINKE in besonderer Weise vertritt, müssen analysiert werden: Drohen „Lösungen“ auf ihre Kosten? Gibt es Chancen für sie, in dieser Entscheidungssituation spezifische Interessen durchzusetzen? Werden Wachstumsprogramme in Europa durch noch mehr Sozialabbau auf Kosten der Erwerbslosen finanziert, oder gelingt es mit dem Einstieg in Vermögensteuer und Transaktionsteuer das Problem der Schulden von der Politik der Ausgabensenkung abzukoppeln? Muss sich die LINKE als notwendiges Korrektiv zur „besseren“ Lösung in der allgemeinen Entscheidungssituation einbringen, oder kann sie die „bessere“ Lösung durch Kopplung an die Interessen von Erwerbslosen, Prekären, Beschäftigten zuspitzen?
  3. Die Rolle und Funktion der LINKEN in der Wahl 2013 muss definiert werden: Welchen Hebel bietet die LINKE potenziellen WählerInnen an? Was gewinnt man, wenn man sie wählt? Immer bezogen auf die analysierte gesamtpolitische Entscheidungssituation, denn die möchten WählerInnen beeinflussen und dafür die Wirkung ihrer Stimme maximieren. So schlecht das Ergebnis der NRW-Wahl war, so wichtig ist die NRW-Erfahrung der punktuellen Regierungszusammenarbeit als ein mögliches Angebot für zentrale Forderungen. Diese müssen so gewählt und formuliert sein, dass sie den Druck auf die SPD erhöhen, sich in der gesamtpolitischen Entscheidungssituation festzulegen. Wir müssen entscheiden, ob wir offensiv kommunizieren: Mit einer SPD, die sich in die von Kraft angedeutete Richtung bewegen würde (ganz egal wen sie aufstellt), würden auch die Möglichkeiten der Zusammenarbeit besser – und das erhöht die Durchsetzungschancen linker und sozialdemokratischer Politik. Koalitionsaussagen macht heute niemand mehr, und die Frage, ob wir „würden“, muss man genauso lässig an die anderen zurückgeben wie es Oskar Lafontaine 2005 und 2009 gemacht hat.
  4. Die zentralen Forderungen der LINKEN in der Wahl 2013 müssen definiert werden: Was stellen wir in den Mittelpunkt unserer Kampagne? Was genau? In welcher Weise muss der Kanon der letzten Kampagnen beibehalten, ergänzt, verändert, zugespitzt werden, um auf die aktuelle Entscheidungssituation zu passen? Sicherlich werden eine Rolle spielen: (a) Vermögensteuer/Millionärssteuer (in welchem Verhältnis?), (b) solidarische Lösung der Euro-Krise (mit welchen Hauptforderungen?), (c) Recht auf Bildung, Ausbildung und Beruf (durch welche öffentlichen Programme und Gesetze?), (d) Entprekarisierung (durch Mindestlohn und was noch? brauchen wir einen Mindest-Tarif, ein Verbot der Leiharbeit, was ist das Wichtigste?).
  5. Für die zentralen Forderungen der LINKEN in der Wahl 2013 muss eine offensive Vermittlung gefunden werden. Das beinhaltet einerseits, eine geeignete Begrifflichkeit zu finden: Macht es Sinn, die Forderung nach der Millionärssteuer als heutige Form des „Lastenausgleichs“ zu präsentieren? Ist „Europa entschulden, nicht die Banken“ eine gute Formulierung, die sich allen erschließt? usw. Das beinhaltet ferner, die Forderungen argumentativ abzusichern und mit der aktuellen Debatte in unseren Zielgruppen zu verklammern. Und es beinhaltet drittens, jetzt in 1-2 Kampagnen einzusteigen, die bis zur Bundestagswahl tragen – allen voran eine Kampagne für die Millionärssteuer, die auf relativ breite Zustimmung bei vielen rechnen kann. Jetzt und in der Bundestagswahl werden Kampagnen nicht mehr damit auskommen, Plakate zu kleben (obwohl das auch schon ein Fortschritt ist), sondern gut designte öffentlichkeitswirksame Aktionen einschließen müssen, bei denen man idealerweise auch noch mitmachen kann. Seit der Schilder-Aktion zur Afghanistan-Debatte im Bundestag hatten wir keine solche Aktion mehr. Hier muss die Partei dringend von den sozialen Bewegungen lernen.
  6. Die LINKE muss an allen aktuellen gesellschaftlichen Debatten teilnehmen und dabei ihre Anliegen einbringen. Das ist vor allem der Job ihres Führungspersonals. Bei den Wahlplakaten muss man sich entscheiden, was wegfällt, aber in der Talkshow und am Stammtisch muss man über alles mitreden, was auf den Tisch kommt. Die Energiewende und Afghanistan werden voraussichtlich nicht die zentralen Themen der Wahl 2013 sein, aber es wäre schön, wenn unser Führungspersonal auch dazu etwas Fundiertes, Aktuelles und Sachkundiges sagen könnte, und zwar alle – aber eben auch alle Mitglieder. Letztlich ist es ein Ziel für die gesamte Partei, debattenfähig zu werden, ein Job für den diese aber beständig fit gemacht werden muss, durch gezielte Angebote und Unterstützung und durch ihre Praxis. Das Gros der Mitglieder ist derzeit nicht in der Lage, sich in einer Debatte um die Eurokrise angemessen zu behaupten – ein Jahr vor der Wahl kein guter Zustand.
  7. Die LINKE muss Souveränität gewinnen. Wir gewinnen oder verlieren die Bundestagswahl nicht wegen dem, was vor Ort in Berlin und Brandenburg, Düsseldorf oder Wanne-Eickel passiert. Die Arbeit an der Konsistenz der Partei auf allen ihren Ebenen ist eine beständige, und sie hat Grenzen, denn die Lage ist überall anders. Auch in anderen Parteien gibt es hier unterschiedliche Akzente und gewisse Widersprüchlichkeiten, auch Konflikte und gegenseitige Kritik. Es gibt keinen Grund, dass die LINKE damit nicht genauso lässig umgehen kann.

All das, die strategische Einstellung auf die Wahl 2013, kann und darf man nicht einem engen Kreis von Wahlkampfstrategen überlassen. Die Diskussion darum und die Entwicklung der Wahlstrategie muss die gesamte Partei ergreifen, muss über sie hinausreichen, muss mit Bündnispartnern und Interessenvertretungen geführt werden, muss als Teil einer allgemeinen linken Strategiedebatte und Einstellung auf die kommende Wahl und auf die kommenden Entscheidungssituationen verstanden werden. Es ist Teil einer breiteren linken Formulierung dessen, „was jetzt notwendig ist“ – je klarer die Linke insgesamt das formulieren kann, desto mehr kann sie darauf Einfluss nehmen.

Ist das schon die antikapitalistische Strategie der Partei?

Nein. Eine Wahlstrategie ist eine Strategie für ein konkretes Ziel und einen überschaubaren Zeitraum. Sie darf nicht mit der grundsätzlichen Strategiedebatte der Partei verwechselt werden, die bis zur Überwindung des Kapitalismus führt, welche 2013 nicht zu erwarten ist. Es ist aber auch keine 100-Jahre-Debatte, weil man historisch eh nur auf Sicht fahren kann – 20 Jahre sind gut.

Diese grundsätzliche Strategiedebatte ist keine um „Reform oder Revolution“, um „Fundis versus Realos“. Es ist die Diskussion um systemüberwindende Reformen und die Mobilisierung dafür, so wie sie seinerzeit auch bei den Jusos, in der marxistischen Sozialdemokratie, bei sozialistischen Grünen, in der Transformationsdebatte der PDS oder in der linksautonomen Bewegung geführt wurde. Sie handelt nicht nur von der aktuellen Lösung allgemeiner gesellschaftlicher Probleme, sondern von Machtfragen, Bündnisfragen und Fragen der Organisierung. An welchen Punkten können welche Verschiebungen der Kräfteverhältnisse bewirkt, verstetigt, institutionell gesichert werden? Welche Widersprüche zwischen welchen sozialen Gruppen, die Teil einer notwendigen linken Koalition sind, müssen ausgeräumt werden? An welchen Punkten kann wie die Eigentumsfrage angegriffen werden? In welchem Verhältnis stehen Machtverschiebungen auf der Ebene der politischen Mehrheiten, der Eigentumsverhältnisse, der betrieblichen Verhältnisse, der Familienverhältnisse, der Kulturrevolution im Alltag – wo lässt sich der nächste Schritt gehen, hier und heute?

Auch diese Debatte ist mit dem Grundsatzprogramm nicht erledigt, weil auch sie ständig konkret geführt werden muss. Auch hier hat Oskar Lafontaine wichtige Beiträge geleistet, die unaufgearbeitet sind – etwa mit dem Vorstoß für die strategische Rolle des Belegschaftseigentums, mit der Verbindung von Energiewende und Verstaatlichung der Energiewirtschaft oder mit der Vision einer erweiterten direkten Demokratie. Daran muss weiter gearbeitet werden, und daraus entsteht wirklich etwas, was als „Transformationsprojekte“ verstanden werden kann: Veränderungen der Vergesellschaftungsweise, der Selbstermächtigung und der Eigentumsverhältnisse, die sowohl Brücke als auch Vorschein sind und anhand derer die Lern- und Aneignungsprozesse entstehen, ohne die es keinen Weg aus dem Kapitalismus heraus gibt.

Ein paar Regeln

Die politische Demokratie ist aus der Erkenntnis der herrschenden Kräfte entstanden, dass ungeregelter Konkurrenzkampf untereinander die Durchsetzung ihrer Klasseninteressen schwächt. Hinter diese Erkenntnis sollten auch jene nicht zurückfallen, die sich der Durchsetzung der Klasseninteressen der abhängigen Klasse auf die Fahnen geschrieben haben. Die Partei ist zu all dem, was oben geschildert wurde, ohne weiteres in der Lage, wenn sie sich an ein paar Regeln untereinander gewöhnt. Es ist die Tragik Oskar Lafontaines, dass seine Leistungen in der Strategiefindung der Partei nicht immer davon begleitet waren, dass seine Rolle auch zu einer entsprechenden Entwicklung der innerparteilichen Kultur beigetragen hätte – ein Problem, das er mit vielen Größen der sozialistischen Geschichte teilt (aber nicht mit allen).

Regel Nr.1: Es ist die Verantwortung der Parteiführung, aber auch der Spitzen der Strömungen und Tendenzen, die Partei zusammenzuführen. Das heißt nicht Vereinheitlichung, und es ist nicht mit der Geschlossenheit im Handeln erledigt.

  • Zum Zusammenführen gehört, dass in der Partei nicht gedisst wird. Es ist tolerabel (wenn auch nicht besonders toll), wenn sich Teile der Partei als „linker Flügel“ bezeichnen. Es ist nicht tolerabel, andere in einer linken Partei als Rechte zu bezeichnen, denn das bedeutet nichts anderes, als dass sie darin nichts zu suchen hätten. Es ist tolerabel (wenn auch nicht besonders toll), wenn sich Teile der Partei als „Reformer“ bezeichnen. Es ist nicht tolerabel, andere in der Partei als Spinner, Naive, Fantasten zu bezeichnen, denn das ist eine fundamentale Aberkennung von widerständigen Haltungen und Positionen, ohne die diese Partei eine schale Hülle wäre. Dagegen muss man sich offensiv stellen, gerade wenn es aus dem eigenen Lager kommt.
  • Zum Zusammenführen gehört, dass gerade die führenden Köpfe in den verschiedenen Lagern und Tendenzen sich dafür einsetzen, falsche Positionen im eigenen Hinterland zu kritisieren. Es ist die Verantwortung der Spitzen des regierungskritischen Lagers darauf hinzuweisen, dass man auch als Opposition konkrete politische Vorschläge braucht und es kein Zeichen von linker Zuspitzung ist davon zu reden, „man müsse sich nicht den Kopf der Regierenden machen“. Es ist die Verantwortung der Spitzen des regierungsfreundlichen Lagers darauf hinzuweisen, dass linke Regierungsteilnahme durch linke Ergebnisse konkret legitimiert werden muss und es kein Zeichen von realpolitischer Leistungsfähigkeit ist davon zu reden, „Gestaltungsverantwortung“ wäre ein Wert an sich.

Diese Dinge sind nicht passiert. Wie in jedem Bürgerkrieg besteht die Versuchung, sich Unterstützung für die eigenen machtpolitischen Ambitionen dadurch zu suchen, dass man im eigenen Lager an die schlimmsten Vorurteile, politischen Urängste, ideologischen Vereinfachungen, Selbstgerechtigkeiten und vergangene Kränkungen appelliert. Dieser Versuchung muss man widerstehen. Wer das nicht tut, kann eine Partei nicht zusammenführen und keine zentrale Verantwortung in ihr übernehmen.

Regel Nr.2: Machtpolitische Positionen und Ressourcen werden nicht dazu missbraucht, Einfluss auf die innerparteiliche Willensbildung zu nehmen. Das heißt nicht Neutralität, und gerade auf herausgehobenen Positionen erwarten wir Beiträge zur inhaltlichen Orientierung und auch den Ruf zur Ordnung. Aber:

  • Fraktionen sind der Partei untergeordnet. Abgeordnete können und sollen sich in die innerparteiliche Auseinandersetzung einbringen. Aber ihre enormen Ressourcen (Personal, Öffentlichkeit, Freistellung, Geld) dürfen nicht dafür verwendet werden, politische und personelle Entscheidungen in der Partei zu manipulieren. Umgekehrt kann und muss die Partei fordern, dass die Fraktionen die politische Verwendung ihrer Ressourcen mit der Partei koordiniert, und dass die inhaltlichen Entscheidungen in der Partei fallen.
  • Arbeitgeberpositionen werden nicht missbraucht. In einer linken Partei haben alle das gleiche Recht, sich zu allen inhaltlichen und personellen Fragen zu äußern. Arbeitnehmerrechte werden eingehalten, Meinungsfreiheit besteht, Maulkörbe hat es nicht zu geben. Abweichende Meinungen und abweichendes Verhalten werden nicht organisationspolitisch abgestraft.

Alle diese Dinge, die es nicht geben dürfte, hat es in der Partei gegeben, und es hat ihr nicht gutgetan. An der strukturellen Ausformung entsprechender Regeln dagegen wird gearbeitet werden müssen. Gerade eine linke Partei hat eine besondere Verantwortung, der Verparlamentarisierung ihrer Willensbildung entgegenzuwirken. Gerade eine linke Partei hat eine besondere Verantwortung, innerorganisatorischem Konformitätsdruck zu widerstehen. (Allein deswegen gehört übrigens Halina Wawzyniak, die als eine der wenigen gegen das Grundsatzprogramm gestimmt hat, in den nächsten Vorstand.)

Regel Nr.3: Alle Diskussionen müssen sich letztendlich darauf richten, was die Partei tut. Nicht was sie denkt, wie sie spricht, was passieren könnte oder wer was gemacht hat, sondern was wir machen, ganz konkret, als Nächstes. Darüber klärt sich der Rest. Wenn wir so diskutieren, sind die Differenzen oft erstaunlich gering und die Auseinandersetzungen erstaunlich klärend.

  • Sprachkontrolle darf nicht mit Erkenntnisgewinn verwechselt werden. Es ist faszinierend, ein wie großer Teil der innerparteilichen „Debatte“ sich ausschließlich mit Wort-Magie befasst. Der bei weitem größte Teil aller Änderungsanträge schlägt nichts anderes vor, was zu tun ist, sondern möchte bestimmte Codewörter in der Darstellung der Verhältnisse rein- oder raushaben. Daran wird dann innerparteilicher Erfolg gemessen und darüber wird vergessen, dass damit nach außen überhaupt gar nichts passiert ist.
  • Mit konkreten Positionen muss man sich konkret auseinandersetzen. Argumentative Widerlegung besteht nicht darin, herauszuarbeiten, was ein Verfasser oder eine Verfasserin früher schon mal gesagt hat, was jemand anders macht der denselben Begriff gebraucht, wohin das alles womöglich auch noch führt, und dass auch Merkel schon mal „Hund“, „Demokratie“ oder „Energiewende“ gesagt hat.

Auch hier liegt eine Hauptverantwortung bei den Genossinnen und Genossen in führenden Positionen. Es ist normal, dass Teile der Basis, des Umfelds, der von uns vertretenen Gruppen empfänglich sind für Wort-Magie und für Pseudo-Argumente: In der Auseinandersetzung mit den alltäglichen Oberlehrern aller Institutionen schätzt man jedes Instrument, das einem Sicherheit verleiht. So wie es (siehe Regel Nr.1) normal ist, dass aus der Vielzahl der alltäglichen Kränkungen und Beschädigungen die Neigung entsteht, sich über das Dissen anderer wiederherzustellen. Aber gut ist es nicht. Deshalb haben gerade in einer linken Partei die MeinungsführerInnen die Verantwortung, sich untereinander ernsthaft auseinanderzusetzen. Auch hier kann man den Saal leicht mal rocken, wenn man mit wortmagischen und verschwörungstheoretischen Unterstellungen arbeitet. Aber es trägt zu einer Verdoofung der Partei bei, die wir uns alle gemeinsam nicht leisten können.

Und jetzt?

Am 2. und 3. Juni wählen wir einen neuen Vorstand, und wir werden damit leben. Er wird nicht wieder in einer langen Nacht ausgehandelt worden sein, und allein das ist ein Fortschritt. Wir werden einen Leitantrag verabschieden (geändert oder nicht), der nicht uns nicht richtig weiter hilft, aber auch nichts Falsches sagt. Es werden zwei GenossInnen (mit großem oder kleinem „i“) Vorsitzende geworden sein, aber die Frage der Spitzenkandidatur wird erst im Herbst entschieden werden. Die Medien werden so schreiben oder so, wir können es eh nicht beeinflussen. Wir werden ausschlafen.

Dann aber werden wir die Ärmel hochkrempeln und zu arbeiten beginnen. Der neue Vorstand wird eine Wahlstrategie ausarbeiten müssen, und er muss die Partei dabei mitnehmen. Das hätte alles schon viel früher passieren müssen, aber das nützt nichts. Der Vorstand wird der Partei unterbreiten, welche Entscheidungen sie dabei zu fällen hat, und er wird sie dabei unterstützen, diese Entscheidungen zu treffen. Er wird der Partei sehr bald eine oder zwei Kampagnen vorschlagen müssen, die sie ab sofort durchführt, um gemeinsam nach außen zu kommen. Er wird sich vor allem damit beschäftigen müssen, wie die Partei auf Bundesebene zu verschiedenen Punkten ständig mit Impulsen, Vorschlägen und Aktivitäten in die Öffentlichkeit kommt, so dass sie bundespolitisch wieder sichtbar wird, und er wird auf die Fraktion einwirken müssen, ihre Ressourcen in dieselbe Richtung einzusetzen. Er wird Fehler machen und vereinzelt öffentliche Äußerungen tun, mit denen wir nicht zufrieden sind, wie immer. Und er wird – und das ist das Entscheidende – der Partei das Gefühl vermitteln, dass sie jetzt arbeiten kann und muss, weil die Rettung nicht von oben kommt.

Die Lage ist (siehe oben) gar nicht so schlecht. Merkel hat keine Mehrheit und Rot-Grün auch nicht. In allen Parteien gibt es Unsicherheit und Bewegung, auch in der SPD. Für die Gewerkschaften und die sozialen Bewegungen gilt dasselbe. In Europa spitzen sich die Entscheidungen zu. Ein einfaches Weiter so wird es nicht geben. Die Dinge verändern sich schnell. Risiken und Chancen, auch für die LINKE, liegen nahe beieinander.

Nicht alles, was die Medien schreiben, ist falsch. Aber es gibt vieles, was sie nicht wissen. Die Partei hat in den letzten zwei Jahren eine Menge gegenseitige Vorurteile und Ängste abgebaut und Zusammenarbeit gelernt. Die machtpolitischen Auseinandersetzungen der letzten Monate waren der letzte Versuch, noch einmal frontal an diese Ängste zu appellieren. Aber sie waren nicht mehr so stark. Das ist ein positives Zeichen. Anders wäre ein Vorschlag wie der für die doppelte Frauenspitze undenkbar gewesen.

Wenn die gewöhnlich gut gerüsteten Teile der Partei den neuen Vorstand die oben beschriebenen Aufgaben machen lassen und wir alle sie daran hindern, die machtpolitischen Schaukämpfe der letzten Monate nochmal nachzuspielen, wird alles gut.

Christoph Spehr ist Sprecher des Landesverbandes Bremen
Der Text ist auch erschienen auf www.dielinke-bremen.de
(Foto: Die Linke)

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Heyenn steigt ein

Wenn die Linke so weitermacht, kommt sie noch ins Guinnessbuch der Rekorde. Es dürfte ziemlich lange her sein, dass sich auf einem Parteitag so viele Kandidaten um den Vorsitz beworben haben wie am kommenden Wochenende in Göttingen. Bisher treten Katja Kipping und Katharina Schwabedissen, Sabine Zimmermann sowie Dietmar Bartsch an – um nur die prominenten Namen zu nennen. Ein Teil der Linkspartei wartet sehnsüchtig auf ein Zeichen von Sahra Wagenknecht. Und auch für Dietmar Bartsch dürfte sich noch der eine oder andere ernsthafte Gegenspieler finden, denn die weibliche Doppelspitze findet keinen ungeteilten Anklang und falls Wagenknecht an den Start geht, werden die Karten ohnehin neu gemischt.

Der jüngste Neuzugang im Kandidatenrennen heißt Dora Heyenn. Die Hamburgerin ist ja schon hier und da ins Spiel gebracht worden, am Freitag hat sie sich aufgerafft. Ihr Antritt ist insofern bemerkenswert, als dass mit ihr einen den Parteigepflogenheiten entsprechende mögliche Ko-Vorsitzende für Dietmar Bartsch auftaucht, der bisher in einer taktischen Klemme steckte und von einigen Kandidatinnen mehr oder weniger offen abgelehnt wird. Heyenn bekennt  hingegen, mit allen in Frage kommenden Personen zusammenarbeiten zu können. Die Lehrerin gilt als sachlich und basisverbunden und würde neben Bartsch sowohl die vorgeschriebene Geschlechterquote als auch die bisher übliche Ost-West-Quote erfüllen. Hinzu kommt eine einigermaßen erfolgreiche Wahl: Anfang 2011 konnte die Hamburger Linke mit der Spitzenkandidatin Heyenn 6,4 Prozent einfahren – genau so viel wie 2008. Damals hatte man sich einen Zuwachs erhofft , mittlerweile wäre die Linke über stabile Zahlen überglücklich.

Dem Vernehmen nach hat Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi die Hamburgerin zur Kandidatur ermuntert. Gysi hatte zuvor schon Verständnis für Bartschs Kandidatur geäußert und sich vorsichtig von Oskar Lafontaines Bedingungen für dessen eventuelle Bewerbung distanziert. Bartsch stand bisher ziemlich einsam da, nun hat er mit Heyenn eine machbare Option, mit der er in den nächsten Tagen Wahlkampf machen wird. Schon heute allerdings können neue Namen im Spiel sein und die Lage wieder verändern. (wh)

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Kommt die Trendwende?

Zwei Umfrageinstitute wenden über die Sonntagsfrage (fünf bis sechs Prozent) hinaus den Blick auf die Linke: Die Partei habe „bei mehrere Landtagswahlen die Fünf-Prozent-Hürde nicht erreicht. Glauben Sie, dass die Linke die Trendwende schafft und wieder Anhänger hinzugewinnt?“, fragt Infratest – und 70 Prozent der Angesprochenen meinen, die Linke schaffe es nicht das Ruder herumzureißen, immerhin 22 Prozent meinen, die Linke schaffe die Trendwende. Etwas genauer schaut die Forschungsgruppe Wahlen auf die Partei. Ihrer Untersuchung nach halten 67 Prozent die Linke in wichtigen politischen Fragen für zerstritten und nur 15 Prozent für einig – 18 Prozent wissen nicht so recht. Den Rückzug von Oskar Lafontaine beurteilen 34 Prozent der Befragten im Westen eher für gut, 42 Prozent meinen, dass sei eher schlecht für die Linke (weiß nicht: 24 Prozent). Im Osten ein anderes Bild: Hier sehen 48 Prozent der Angesprochenen darin eher Vorteile für die Partei und 34 Prozent eher Nachteile (weiß nicht: 18 Prozent). „Weitgehend übereinstimmend ist jedoch die Wahrnehmung der Linken als eher ostdeutsche denn als gesamtdeutsche Partei“, schreibt die Forschungsgruppe: Das sahen in der Umfrage 62 Prozent der Befragten im Westen und 58 Prozent derer im Osten. (tos)

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Ein Aufbruch?

18 Uhr: “Die Linke durchlebt die schwerste Krise ihrer fünfjährigen Geschichte”, schreibt Sahra Wagenknecht in einem Gastbeitrag für die Financial Times Deutschland. “Was hat sich verändert? Sind die Programmpunkte der Linken obsolet geworden? Oder haben die Piraten und die wieder in der Opposition befindliche SPD sie überflüssig gemacht? Für beides spricht wenig. Es gibt keine andere politische Kraft, die auch nur ansatzweise für jene politischen Ziele eintritt, die im Zentrum der Politik der Linken stehen.”

17.45 Uhr: In der Frankfurter Rundschau schreibt Holger Schmale, “im Kern ist Oskar Lafontaine immer ein Oppositioneller gewesen, selbst in seinen Regierungszeiten – im Saarland gegen die Bundesregierung von Helmut Kohl, in der Bundesregierung gegen den Kanzler Gerhard Schröder. Er hat seine Erfolge nie durch Anpassung, sondern in der Auseinandersetzung, im Widerspruch erzielt. Dazu gehörte immer Mut und die Bereitschaft, große Risiken einzugehen, hohe Preise zu zahlen, Ämter und Privilegien aufzugeben.”

17 Uhr: Das Forum demokratischer Sozialismus erinnert in einem Newsletter an den Aufruf „Wir sind die Linke“, den inzwischen über 1.000 Leute unterzeichnet haben und in dem von Kandidaten für die Parteispitze gefordert wird, „dass sie willens sind, in ihrer Vorstandstätigkeit Solidarität und Toleranz im Umgang mit unterschiedlichen Positionen zur Grundlage ihres Handelns zu machen”. Der reformsozialistische Flügel findet den Appell „aufklärerisch und sinnvoll“ – weniger dagegen, wenn Schwabedissen eine  Doppelspitze mit Bartsch ausschließt, oder  die Sozialistische Linke sich gegen Bartsch, Kipping und Schwabedissen positioniere. „Beide Aussagen sind nicht geeignet, den Blick nach vorn zu richten, sondern parzellieren die Linke im Gestus kleingärtnerischer Ordnungsvorstellungen – um jedes Beet wird ein Zäunchen errichtet.“ In Richtung Kipping und Co. heißt es beim Forum, „diejenigen, die mit dem Versprechen eines ,Dritten Weges‘ bewusst Erwartungen durch Anknüpfungen an eine ebenso hervorragende, wie leider zu oft gescheiterte Konzeption der politischen Linken geweckt haben, stehen hier in einer besonderen Verantwortung, an der wir sie mit aller Sympathie messen werden“.

15 Uhr: Der Vorstand der Brandenburger Linken fordert in einer Erklärung, “Politik machen – Streit beenden!” Der Streit um den künftigen Parteivorsitz drohe, “die Partei zu spalten und damit in die bundespolitische Bedeutungslosigkeit zu befördern”. Daher begrüßen die märkischen Genossen den Vorschlag einer Frauendoppelspitze – vor allem aber “den Teamcharakter, der in der Erklärung”, die von Kipping, Schwabedissen aber auch dem früheren Brandenburger Landesvorsitzenden Thomas Nord unterzeichnet wurde, zum Asudruck kommt. “Ein personeller Neuanfang und die Lösung vom vorherrschenden Lagerdenken wäre nun möglich”, heißt es in der Erklärung weiter.

13 Uhr: “Oskar Lafontaine ist eine Reizfigur, er ist herrisch, populistisch, laut” – so wird bei Spiegel online ein Text von Franz Walter anmoderiert: “Sein Auftreten hat ihn zu einem der meistgehassten Politiker der Republik gemacht. Doch er hat mehr bewirkt als die meisten seiner Gegner – vor allem in der Sozialdemokratie.”

11.15 Uhr: Kleine Rückblende – gestern Abend saß Oskar Lafontaine bei Anne Will, es sollte um den Euro gehen, aber natürlich wurde der Saarländer auch zum Personalstreit in der Linken befragt. Bild schreibt: “Lafontaine lüftet Rückzugs-Geheimnis”. Er wisse, so der frühere Linken-Chef in der TV-Runde, “dass viele enttäuscht sind, aber auf der anderen Seite bin ich selbst etwas erleichtert, dass ich diese Bürde nicht mehr tragen muss.” Mehr O-Töne gibt es hier und die ganze Sendung hier.

9.15 Uhr: Katharina Schwabedissen hat eine Doppelspitze gemeinsam mit Dietmar Bartsch abgelehnt: “Das habe ich schon vor einem halben Jahr ausgeschlossen, und das schließe ich jetzt auch wieder aus”, sagte sie im Morgenmagazin der ARD.

9 Uhr: “Dieses Führungsduo wäre nicht nur weiblich und jung, sondern auch viel stärker an außerparlamentarischen Bewegungen, an Arbeitsloseninitiativen und dem Prekariat orientiert als je zuvor”, meint Stefan Reinecke in der Tageszeitung über Kipping und Schwabedissen. “Diese Linkspartei wäre im besten Falle in der Lage, den Piraten wieder Wähler abspenstig zu machen.” Misstrauisch mache jedoch, “wie schroff dieser Signalwechsel wäre. Größer könnte die Differenz zu dem Duo aus dem Westgewerkschafter Klaus Ernst und der Alt-PDSlerin Gesine Lötzsch kaum sein. Für die Linkspartei, die vor allem im Westen männlich, gewerkschaftlich und grauhaarig ist, wäre diese Führung eine Kulturrevolution. Aber eine, die aus Verlegenheit geboren wurde.”

8.30 Uhr: Im Neuen Deutschland sieht Jürgen Reents, nun also den Blick nach vorn gefordert, “den die Initiative für eine weibliche Doppelspitze freigelegt hat. Ob und mit welcher Besetzung der Göttinger Parteitag diesem Vorschlag folgt, wird letztlich seine Entscheidung bleiben. Die Initiator(inn)en haben ihr Angebot klugerweise nicht mit einer neuen Vorbedingung verknüpft, andere müssten zuvor ihren Hut aus dem Ring nehmen. Insofern irren jene, die darin vor allem einen zweiten Aufguss sehen (wollen?), ‘Dietmar Bartsch mit allen Mitteln zu verhindern’. Der Parteitag kann sich im Gegenteil von dem Eindruck befreien, bei der Vorsitzendenwahl gehe es um Sieg oder Niederlage von Personen oder Strömungen. Die Initiator(inn)en haben ihm mit der Kontur einer ‘nicht-autoritären Linken’ das Handwerkszeug zur Selbstemanzipation zurückgegeben.”

8 Uhr: Die Junge Welt trägt ihren Teil dazu bei, dass die Lage in der Linken konfrontativ bleibt. Werner Pirker äzt gegen die Kandidatur von Kipping und Schwabedissen, die “die Aufgaben, die sich aus dem Kampf gegen Sozialabbau und Kriegsgefahr ergeben, erst gar nicht mehr” erwähnen würden und stattdessen einen “Wohlfühl-Sozialismus” offerierten, und Bartsch wünsche sich “eine Partei mittendrin” im neoliberalen Horrorszenario, den Appell “Wir sind die Linke” nennt Pirker einern”rechten Aufruf”.

7.30 Uhr:Kandidiert Sahra Wagenkencht nun doch für den Linkenvorsitz? Parteivize Heinz Bierbaum hat die stellvertretende Fraktionsvorsitzende darum jedenfalls gebeten. “Man muss mit ihr nochmal näher sprechen. Bisher hat sie sich meines Erachtens noch nicht entschieden”, sagte Bierbaum der  Mitteldeutschen Zeitung. Auch der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko “würde ihre Kandidatur begrüßen. Sahra Wagenknecht kann in der Euro-Krise finanzpolitisch Pflöcke einschlagen.” Wagenknecht hatte bisher immer erklärt, sich nicht für den Parteivorsitz bewerben zu wollen. Nach dem Rückzug von Oskar Lafontaine sagte sie nun einer Nachrichtenagentur, „ich hoffe, dass diese Variante nicht notwendig sein wird, und wir trotzdem eine gute Lösung finden“. Was dem Tagesspiegel so klingt, als würde sie eine Bewerbung nciht mehr ausschließen.

7.15 Uhr: Bodo Ramelow will Dietmar Bartsch keineswegs zum Rückzug bewegen, wie es gestern in vielen Nachrichtenzusammenfassungen hieß. Der Saarbrücker Zeitung sagte er, mehrere Kandidaturen zum Vorsitz der Partei seien “kein Kuddelmuddel, sondern Ausdruck von Demokratie und Stärke, wenn dabei am Ende alle in der Partei mitgenommen werden”. Die entscheidende Pesonalfrage sei nun, wer bei einer möglichen Frauendoppelspitze andere wichtige Posten wie etwa den des Bundesgeschäftsführers oder Bundesschatzmeisters besetze. “Ich kann mir Dietmar Bartsch an mehreren Stellen unserer Partei vorstellen, weil ich um seine Leistungsfähigkeit weiß.” Ramelow nannte es fatal, dass darüber seit Monaten nicht gesprochen worden sei. “Zu verdanken haben wir das in erster Linie dem amtierenden Vorsitzenden Klaus Ernst, der hier seiner Verantwortung nie nachgekommen ist.”

7 Uhr: Im Interview mit dem Deutschlandfunk sieht Berlins Linkenchef Klaus Lederer die Partei “in einer offenen Situation”, die von allen Kandidieren für die Spitze und allen anderen “ein großes Maß an Rationalität, an Weitblick und an Verantwortungsbewusstsein”. Lederer kritisierte Klaus Ernst für seine Rede auf der Berliner Regionalkonferenz, dort habe sich der Noch-Vorsitzende “selbst aus dem Rennen genommen”.

6.45 Uhr: Michael Schlecht, der am Dienstag Ulla Lötzer bei der Wahl zum wirtschaftspolitischen Sprecher der Linksfraktion im Bundestag mit 26 zu 36 Stimmen unterlag, kandidiert “für eine Funktion im geschäftsführenden Parteivorstand”. Es müsse “auch weiterhin gesichert sein, dass die Linke ein ausreichend gewerkschaftliches Gesicht hat”, heißt es in einer Erklärung. Schlecht ist gewerkschaftspolitischer Sprecher im Linkenvorstand und hatte sich unlängst dafür ausgesprochen, dass Dietmar Bartsch den Weg für eine Kandidatur Oskar Lafontaines freimacht.

6.30 Uhr: Katharina Schwabedissen blickt im NDR optimistisch auf die neuesten Wendungen in der Auseinandersetzung um Weg, Ziel und Personal der Linken: “Ich würde sogar sagen, der Aufbruch hat schon stattgefunden, weil einfach diese Debatte jetzt stattfindet, zu sagen, was wollen wir denn jetzt eigentlich.”

6 Uhr: Die Sozialistische Linke hat sich zur Personaldiskussion vor dem Göttinger Parteitag erklärt – mit einer Absage sowohl an Dietmar Bartsch als auch an den “dritten Weg”. “Der Vorschlag, Katja Kipping und Katharina Schwabedissen zu Vorsitzenden zu wählen”, werde den Anforderungen des Erfurter Parteiprogramms “nicht gerecht”, heißt es da. “Sie haben wenig Bezug zu den Erwartungen der lohnabhängigen Mehrheit der Menschen und unserer WählerInnen und stehen gegen ein gewerkschaftliches Profil der Linken.” Beide personifizierten zudem Forderungen, die “ausdrücklich nicht als Programm beschlossen wurden”, wie die Vier-in-einem-Perspektive und das bedingungslose Grundeinkommen). Bei ihrer Kandidatur wären “die antikapitalistische und sozialistische Linke” nicht vertreten. Zu Bartsch heißt es, er entspreche den “Anforderungen an Vorsitzende ebenfalls nicht. Das kämpferische Vertreten der Positionen der Linken gegenüber den anderen Parteien ist nicht sein Markenzeichen”. Stattdessen unterstützt die SL die Kandidatur von Sabine Zimmermann und andere, die “qualifiziert für ein sozialistisches Profil im Sinne des Erfurter Programms” stehen.

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