„Es gab schon angenehmere Momente für die Linke“, begann Klaus Ernst am Sonntagabend seine erste Bilanz des Ergebnisses der Wahlen in Schleswig-Holstein – und in dieser Frage dürfte in der Partei sogar Einigkeit herrschen: 29.868 Stimmen reichten gerade einmal für 2,2 Prozent. Erstmals ist die Linke im Westen wieder aus einem Landesparlament geflogen, und das wirft nun viele Fragen auf. Einige Antworten gab es bereits in den Stunden nach Schließung der Wahllokale, andere werden noch gefunden werden müssen.
Man habe das Wahlziel eindeutig verfehlt, sagt Ernst, das Ergebnis sei enttäuschend. Ähnlich äußerte sich Bundesgeschäftsführerin Caren Lay, die von einer „ganz bitteren Enttäuschung“ sprach. „Die permanente Selbstbeschäftigung muss enden“, forderte Lay und gab ihrer Erwartung Ausdruck, „dass alle diesen Warnschuss gehört haben“. Auch der Linkenvorsitzende hat noch am Sonntag die Konflikte in der Partei für das schlechte Abschneiden mitverantwortlich gemacht: „Wir haben uns in den letzten Monaten, eigentlich in den letzten zwei Jahren, viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt“, erklärt der Gewerkschafter – und kritisiert jene „in der Mannschaftsaufstellung“, die auf das „eigene Tor statt auf das gegnerische schießen“. Wen genau Ernst damit meint, sagt er nicht, aber es sind wohl auch solche Vorwürfe, die das Klima in der Linken auf ungemütlicher Temperatur halten.
“Wenn es danach ginge, wären die Grünen und vor allem die FDP schon längst weg”. Die Grünen, so Ernst, seien seit 1990 sieben Mal beziehungsweise die Liberalen sogar 19 Mal aus den Parlamenten geflogen. (aus der Leipziger Volkszeitung)
Der Parteichef versuchte zugleich Hoffnung für die Wahl am kommenden Sonntag zu machen: In Nordrhein-Westfalen gebe es eine andere Situation, der Landesverband dort sei „auch intern sehr gut aufgestellt“, was man durchaus so verstehen musste, dass dies für die Linken im Norden nicht gilt. Dort zeigte man sich selbstkritisch: Spitzenkandidatin Antje Jansen sagte, „wir waren nicht aggressiv genug“; in einem engagierten Wahlkampf sei es nicht ausreichend gelungen, zum Beispiel den Versprechen der SPD etwas entgegenzusetzen. Bundestagsfraktionsvize Cornelia Möhring forderte am Wahlabend, „es muss alles schnell aufgearbeitet und analysiert werden. Es darf keine Tabubereiche geben.“
Dass die Niederlage im Norden auf die Diskussionen ums Spitzenpersonal geschoben werden können, glaubt Möhring nicht. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir unsere klassischen Themen relaunchen“, wird die Bundestagsabgeordnete im Neuen Deutschland zitiert. Auch müsse man „mit Blick auf die Listenaufstellung (…) fragen, ob wirklich die Besten ins Rennen geschickt worden sind“. Dem Vernehmen nach wurden auf der Wahlparty in Kiel am Sonntag bereits Forderungen nach einer außerordentlichen Landesmitgliederversammlung laut. „Dafür werden bereits die nötigen Unterschriften gesammelt“, wird ein Genosse zitiert. Unter anderem die Kreisverbände Lübeck und Kiel würden Druck machen. Ein regulärer Parteitag ist erst für den 30. September angesetzt.
Der Freitag: Piraten ersetzen die Linke als Protestpartei – hier
Hamburger Abendblatt: Linke als Protestpartei abgelöst – hier
Nun wird man zunächst auch die Ergebnisse genauer anschauen. Überdurchschnittliche, wenn man davon in diesem Prozentbereich noch sprechen kann, schnitt die Linke unter Erwerbslosen, Arbeitern und – das könnte als Hoffnungsschimmer interpretiert werden – unter den 25- bis 34-Jährigen ab. Am Ergebnis änderte es freilich nichts. Für Benjamin Hoff und Horst Kahrs kommt die Wahlniederlage im Norden auch „nicht überraschend. Der Einzug in den Landtag gelang 2009 nur im Sog der am gleichen Tag stattfindenden Bundestagswahlen und war ein Resultat des bundespolitischen Rückenwindes für die Partei.“ Es sei zudem in der kurzen Legislaturperiode nicht gelungen, „personell und thematisch landespolitisches Profil zu entwickeln und so die Abhängigkeit von den politischen Stimmungen für die Bundespartei abzuschwächen“. Hinzu gekommen seien Probleme einer „schwachen und von (Ab-)Spaltungen bedrohten Parteistruktur“ sowie der weitgehend prekären kommunalen Verankerung.
Weiter heißt es in der Wahlnachtanalyse: „Wichtige personelle und strategische Fragen wurden frühzeitig auf die Zeit nach der Wahl in Schleswig-Holstein vertagt, prägten aber die öffentliche Berichterstattung über die Partei über Monate hinweg. Dabei gelang es wiederum nicht, die offenen Personalfragen mit inhaltlichen Positionen und Themen zu verbinden. Daher konnten die Differenzen nicht als Unterschiede in einer pluralen linken Partei wahrgenommen werden, die nach den besten Lösungen für gesellschaftliche Probleme und nach den erfolgversprechendsten strategischen Wegen für die Verbesserung der Lebenslage ihrer Anhänger_innen sucht, sondern nur als Gerangel zwischen Personen, die nicht mit einander können.“
Auch die Landessprecher der Linken in Bayern haben sich bereits zum Wahlausgang erklärt: „Bei aller Enttäuschung“, so Eva Bulling-Schröter, „das Ergebnis ist für die Linke besser als die Umfragen“. Und Xaver Merk sieht das Ergebnis „zwei Irrtümern der Wählerinnen und Wähler geschuldet. Irrtum 1 ist, mit einer sozialdemokratisch geführten Landesregierung werde es sozial gerecht zugehen in Schleswig-Holstein, und Irrtum 2 ist, dass die Piraten eine ernsthafte politische Alternative bieten – sie sind lediglich ein Auffangbecken für Protestwähler, die von der bisherigen Landespolitik enttäuscht wurden“.
Das Forum demokratischer Sozialismus hat sich am Sonntag in einem Brief an die Wahlkämpfer im Norden gewandt und sich für das Engagegemnt in einer schwierigen Lage bedankt: “Ihr habt in einer für unsere Partei schweren Situation versucht, gegen den Bundestrend ein achtbares Ergebnis zu erzielen. Das dies nicht gelungen ist, ist für uns alle bitter – so, wie wir alle in Schleswig-Holstein eine Niederlage erlitten haben. Ihr konntet nicht wettmachen, was die Probleme der Partei derzeit insgesamt ausmacht.” Das Engagement im Wahlkampf sei “nicht umsonst” gewesen. “Es ist die Basis dafür, dass unsere Partei auch wieder bessere Zeiten erleben kann.” (vk, tos)
