Antje Jansen

Keine Tabubereiche

„Es gab schon angenehmere Momente für die Linke“, begann Klaus Ernst am Sonntagabend seine erste Bilanz des Ergebnisses der Wahlen in Schleswig-Holstein – und in dieser Frage dürfte in der Partei sogar Einigkeit herrschen: 29.868 Stimmen reichten gerade einmal für 2,2 Prozent. Erstmals ist die Linke im Westen wieder aus einem Landesparlament geflogen, und das wirft nun viele Fragen auf. Einige Antworten gab es bereits in den Stunden nach Schließung der Wahllokale, andere werden noch gefunden werden müssen.

Man habe das Wahlziel eindeutig verfehlt, sagt Ernst, das Ergebnis sei enttäuschend. Ähnlich äußerte sich Bundesgeschäftsführerin Caren Lay, die von einer „ganz bitteren Enttäuschung“ sprach. „Die permanente Selbstbeschäftigung muss enden“, forderte Lay und gab ihrer Erwartung Ausdruck, „dass alle diesen Warnschuss gehört haben“. Auch der Linkenvorsitzende hat noch am Sonntag die Konflikte in der Partei für das schlechte Abschneiden mitverantwortlich gemacht: „Wir haben uns in den letzten Monaten, eigentlich in den letzten zwei Jahren, viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt“, erklärt der Gewerkschafter – und kritisiert jene „in der Mannschaftsaufstellung“, die auf das „eigene Tor statt auf das gegnerische schießen“. Wen genau Ernst damit meint, sagt er nicht, aber es sind wohl auch solche Vorwürfe, die das Klima in der Linken auf ungemütlicher Temperatur halten.

“Wenn es danach ginge, wären die Grünen und vor allem die FDP schon längst weg”. Die Grünen, so Ernst, seien seit 1990 sieben Mal beziehungsweise die Liberalen sogar 19 Mal aus den Parlamenten geflogen. (aus der Leipziger Volkszeitung)

Der Parteichef versuchte zugleich Hoffnung für die Wahl am kommenden Sonntag zu machen: In Nordrhein-Westfalen gebe es eine andere Situation, der Landesverband dort sei „auch intern sehr gut aufgestellt“, was man durchaus so verstehen musste, dass dies für die Linken im Norden nicht gilt. Dort zeigte man sich selbstkritisch: Spitzenkandidatin Antje Jansen sagte, „wir waren nicht aggressiv genug“; in einem engagierten Wahlkampf sei es nicht ausreichend gelungen, zum Beispiel den Versprechen der SPD etwas entgegenzusetzen. Bundestagsfraktionsvize Cornelia Möhring forderte am Wahlabend, „es muss alles schnell aufgearbeitet und analysiert werden. Es darf keine Tabubereiche geben.“

Dass die Niederlage im Norden auf die Diskussionen ums Spitzenpersonal geschoben werden können, glaubt Möhring nicht. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir unsere klassischen Themen relaunchen“, wird die Bundestagsabgeordnete im Neuen Deutschland zitiert. Auch müsse man „mit Blick auf die Listenaufstellung (…) fragen, ob wirklich die Besten ins Rennen geschickt worden sind“. Dem Vernehmen nach wurden auf der Wahlparty in Kiel am Sonntag bereits Forderungen nach einer außerordentlichen Landesmitgliederversammlung laut. „Dafür werden bereits die nötigen Unterschriften gesammelt“, wird ein Genosse zitiert. Unter anderem die Kreisverbände Lübeck und Kiel würden Druck machen. Ein regulärer Parteitag ist erst für den 30. September angesetzt.

Der Freitag: Piraten ersetzen die Linke als Protestpartei – hier
Hamburger Abendblatt: Linke als Protestpartei abgelöst – hier

Nun wird man zunächst auch die Ergebnisse genauer anschauen. Überdurchschnittliche, wenn man davon in diesem Prozentbereich noch sprechen kann, schnitt die Linke unter Erwerbslosen, Arbeitern und – das könnte als Hoffnungsschimmer interpretiert werden – unter den 25- bis 34-Jährigen ab. Am Ergebnis änderte es freilich nichts. Für Benjamin Hoff und Horst Kahrs kommt die Wahlniederlage im Norden auch „nicht überraschend. Der Einzug in den Landtag gelang 2009 nur im Sog der am gleichen Tag stattfindenden Bundestagswahlen und war ein Resultat des bundespolitischen Rückenwindes für die Partei.“ Es sei zudem in der kurzen Legislaturperiode nicht gelungen, „personell und thematisch landespolitisches Profil zu entwickeln und so die Abhängigkeit von den politischen Stimmungen für die Bundespartei abzuschwächen“. Hinzu gekommen seien Probleme einer „schwachen und von (Ab-)Spaltungen bedrohten Parteistruktur“ sowie der weitgehend prekären kommunalen Verankerung.

Weiter heißt es in der Wahlnachtanalyse: „Wichtige personelle und strategische Fragen wurden frühzeitig auf die Zeit nach der Wahl in Schleswig-Holstein vertagt, prägten aber die öffentliche Berichterstattung über die Partei über Monate hinweg. Dabei gelang es wiederum nicht, die offenen Personalfragen mit inhaltlichen Positionen und Themen zu verbinden. Daher konnten die Differenzen nicht als Unterschiede in einer pluralen linken Partei wahrgenommen werden, die nach den besten Lösungen für gesellschaftliche Probleme und nach den erfolgversprechendsten strategischen Wegen für die Verbesserung der Lebenslage ihrer Anhänger_innen sucht, sondern nur als Gerangel zwischen Personen, die nicht mit einander können.“

Auch die Landessprecher der Linken in Bayern haben sich bereits zum Wahlausgang erklärt: „Bei aller Enttäuschung“, so Eva Bulling-Schröter, „das Ergebnis ist für die Linke besser als die Umfragen“. Und Xaver Merk sieht das Ergebnis „zwei Irrtümern der Wählerinnen und Wähler geschuldet. Irrtum 1 ist, mit einer sozialdemokratisch geführten Landesregierung werde es sozial gerecht zugehen in Schleswig-Holstein, und Irrtum 2 ist, dass die Piraten eine ernsthafte politische Alternative bieten – sie sind lediglich ein Auffangbecken für Protestwähler, die von der bisherigen Landespolitik enttäuscht wurden“.

Das Forum demokratischer Sozialismus hat sich am Sonntag in einem Brief an die Wahlkämpfer im Norden gewandt und sich für das Engagegemnt in einer schwierigen Lage bedankt: “Ihr habt in einer für unsere Partei schweren Situation versucht, gegen den Bundestrend ein achtbares Ergebnis zu erzielen. Das dies nicht gelungen ist, ist für uns alle bitter – so, wie wir alle in Schleswig-Holstein eine Niederlage erlitten haben.  Ihr konntet nicht wettmachen, was die Probleme der Partei derzeit insgesamt ausmacht.” Das Engagement im Wahlkampf sei “nicht umsonst” gewesen. “Es ist die Basis dafür, dass unsere Partei auch wieder bessere Zeiten erleben kann.” (vk, tos)

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Dröhnendes Schweigen

Parteitage mitten im Wahlkampf sollen wohl vor allem der Mobilisierung dienen, weshalb über das Delegiertentreffen der Linken in Schleswig-Holstein vorab auch nicht allzu viel zu sagen ist: Die Nordgenossen haben am Sonntag im Kieler Restaurant Legienhof ein paar organisatorische Dinge zu erledigen, für die Beratung von Anträgen sind 30 Minuten geplant – auf der Website findet man bisher keinen. Und so wird sich die Aufmerksamkeit wohl abermals auf zwei Dinge richten: die schlechten Umfragewerte und die Personaldebatte. Eine solche nicht zu führen, beherrscht die Partei bekanntlich hervorragend. Die Spitzenkandidatin der Linken im Norden will da keine Ausnahme machen: „Personaldebatten lenken im Wahlkampf von unseren Inhalten ab, deshalb müssen wir sie beenden“, wird Antje Jansen in der Bild am Sonntag zitiert – um dann zu sagen: „Die Partei sollte zu diesem Zweck schleunigst ein Signal geben, welche Kandidaten für ihre Führung zur Verfügung stehen werden. Ich persönlich plädiere für die Kandidatur von Oskar Lafontaine, der als Gesicht der West-Linken auch unserem Wahlkampf hilft.“

Jansen kann als Beispiel für eine allgemeine Stimmung in der Partei herhalten: Weil es gebetsmühlenartig behauptet wird, fürchten die Linken, eine öffentliche Diskussion über die Frage, wer auf Gesine Lötzsch und Klaus Ernst folgt, könnte die ohnehin nicht besonders guten Chancen bei den anstehenden Wahlen verringern. Weil die Zustimmung für die Partei im Keller ist, wünscht man sich zugleich Oskar Lafontaine an die Parteispitze – besser gesagt: dessen Kandidatur, wobei einige offen aussprechen und viele insgeheim glauben, es könnte der Partei helfen, wenn der Saarländer sich noch vor den Mai-Wahlen erklärt. Doch der ehemalige SPD-Vorsitzende bleibt bisher bei seiner betonharten Auffassung, erst nach den Wahlen über sein weiteres Engagement zu entscheiden – und ist so die große unbekannte Konstante, von der alle anderen Rechnungen in der Linken abhängen. Lafontaine strahlt eine Art politischen Magnetismus aus, der alle anderen (personellen) Möglichkeiten zu absorbieren scheint.

Das ist, unter dem Strich, ein äußerst misslicher Zustand für die Partei. Dass die viel beschworenen Inhalte der Partei nicht wahrgenommen haben, liegt inzwischen vor allem daran, dass alle, auch die Linken selbst, nicht wissen wollen, was sie schon wissen – nämlich dass die Partei sowohl auf Landes- wie auf Bundesebene einen Vorrat an politischen Forderungen bereithält, der sich deutlich von denen anderer Parteien unterscheidet, in dem es zuvörderst um die Vertretung der sozial Ausgegrenzten, um Umverteilungspolitik und die Vergrößerung der Teilhabemöglichkeiten geht. Sondern was sie nicht wissen dürfen, weil es angeblich im Wahlkampf schadet: Wer geht ins Rennen um den nächsten Parteivorsitz?

Derzeit schadet vor allem zweierlei der Linken: Erstens, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, diese Frage könne entweder aus Mangel an fähigem Personal oder deshalb nicht beantwortet werden, weil eine mächtige Figur in der Partei an die Beantwortung auf eine Weise herangeht, die von ganz eigenen taktischen Interessen geprägt sei. Warum wartet Lafontaine? Will er verhindern, dass schlechte Wahlergebnisse in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein auf seine Kandidatur negativ abfärben? Will er erst sehen, ob die Linke im Westen noch ausreichend Zustimmung findet, ohne die ein Rückfall in Richtung Regionalpartei Ost drohen könnte – in welcher der Saarländer vielleicht keine Rolle spielen will? Glaubt er, der die Personalisierung als Form erfolgreichen Politikmachens beherrscht wie wenige, etwa wirklich, Personaldebatten schaden im Wahlkampf?

Mag sein, dass es in Wahrheit ganz andere Ursachen gibt, doch das öffentliche Raunen müssen sich auch jene zurechnen, die es durch Nichts-Sagen lauter werden lassen. Das dröhnende Schweigen nämlich schadet der Linken noch aus einem zweiten Grund: In Zeiten, in denen – ob nun berechtigt oder nicht – die Piraten auch deshalb hoch im Kurs stehen, weil sie eine Art Gegenmodell zum „etablierten Parteienbetrieb“ darstellen, verhält sich die Linke wie es die SPD mit ihrer überstrapazierten K-Frage und die FDP bei der Ablösung Guido Westerwelles vorgemacht haben: Ein paar mächtige Männer konkurrieren hinter verschlossenen Türen um Plätze in der ersten Reihe.

Das verbreitete Unbehagen an der Parteiendemokratie ist vor allem eine Unzufriedenheit mit den Mechanismen eines Betriebs, dessen Regeln, Verfahrensweisen, dessen ganze Kultur aus einer Zeit stammt, in der Begriffe wie Transparenz und demokratische Beteiligungsformen noch einen anderen Stellenwert hatten. Heute ist die Erwartung vieler, auch der nicht in Parteien Organisierten, als „Politikbürger“ wahrgenommen und einbezogen zu werden, viel größer. Die Piraten bieten dem zurzeit eine Projektionsfläche – und Parteien, die sich im Gegensatz dazu verhalten wie in den 1980er Jahren werden auch zu einer solchen, allerdings negativ besetzten. Natürlich sind die Piraten bisher auch nur ein Versprechen und natürlich verlangt Politik im Sinne eigener Effizienz mitunter nach Möglichkeiten, machtpolitische Absprachen im kleinen Kreis zu treffen. Aber das ändert nichts daran, dass die Linkspartei auf diese Weise zusätzlich unter Druck gerät.

Es ist also nicht die Personaldebatte, die der Linken gerade wie ein Knüppel zwischen den Beinen liegt, sondern die Art, wie die Partei sie führt. Das stößt auch intern immer mehr auf Kritik, was – da diese Kritik selbstverständlich öffentlich geübt wird, den für die Linke wenig hilfreichen Eindruck verstärkt: „Wir kritisieren, dass das Verfahren so intransparent geführt wird“, wird jetzt die Bundessprecherin der Linksjugend, Josephine Michalke, mit Blick auf die Personaldebatte zitiert. „Nicht einmal die eigene Mitgliedschaft weiß, wer kandidiert. Dadurch zieht sich die ganze Diskussion in die Länge.“ Der Bundestagsabgeordnete Jan van Aken wünscht sich „eine öffentliche Debatte. Ein solcher Streit ist produktiv“. Und der Linkenvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, Steffen Bockhahn, meint, „Basisdemokratie stelle ich mir anders vor, als dass jemand nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen eine Pressekonferenz gibt und dort erklärt, wer die Parteiführung bildet“.

Es kann die Wahlkämpfer an Rhein und Ruhr und jene im Norden nicht beruhigen, dass auch andere Parteien die gleichen Probleme haben. Die Grünen zum Beispiel, die sich eben noch auf Wolke sieben befanden, sind auch wieder in der Realität angekommen und prompt drückt sich das auch in einer schärferen Personaldebatte aus. Mit dem basisdemokratischen Instrument der Urwahl ihrer Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2013 hat die Grünen-Spitze nur kurz gewedelt – dass es den Claudia Roths und Jürgen Trittins eine Herzensangelegenheit wäre, glaubte niemand. Da musste die Basis erst selbst aktiv werden: Ein Lokalpolitiker warf seinen Hut in den Ring, „damit die Mitglieder eine Wahl haben“. Bei der Linken ist es zurzeit noch anders herum, mit dem Rückzug von Gesine Lötzsch ist die Zahl der Kandidaten sogar noch geschrumpft. Und man fragt sich langsam, warum es in dieser Partei niemanden wie Werner Winkler gibt. (tos)

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Soziale Freibeuter

Die Bilanz der Saarwahl ist noch nicht zu Ende debattiert, da muss die Linke schon in den Endspurt zum nächsten Urnengang schalten: In Schleswig-Holstein haben die Genossen unter dem Eindruck des Erfolgs der Piraten ihre Wahlkampfpläne vorgestellt. „Wir sind die wirklichen, die sozialen Freibeuter in Schleswig-Holstein und in der Bundesrepublik“, wird der Kandidat auf Listenplatz 2 und Wahlkampfmanager Uli Schippels zitiert. Die Partei müsse im Lichte der saarländischen Ergebnisse dennoch davon ausgehen, dass die Piraten der Linken am 6. Mai Stimmen wegnehmen. Bisher sitzt die Partei mit sechs Abgeordneten im Kieler Landtag, Umfragen hatten sie jedoch zuletzt stets unter fünf Prozent gesehen. Landeschefin Jannine Menger-Hamilton zeigte sich dennoch optimistisch – das Ergebnis im Saarland sei eine gute Vorlage für den Wahlkampf im Norden. Der wird rund 300.000 kosten.

Das Wahlprogramm der Nord-Linken steht unter dem Motto „Frei leben – sozial wählen“; ein Zehn-Punkte-Kurzprogramm listet Kernforderungen wie die nach drei kostenfreien Kita-Jahren, mehr Lehrerstellen und einer öffentlichen Finanzierung der Schülerbeförderung über alle Klassen hinweg. Eine Nachrichtenagentur spricht von Forderungen, „die viel Geld kosten würden“, Schippels rechnet für den linken Katalog mit Mehrausgaben von 470 Millionen Euro. Diese seien aber bezahlbar: Die Partei will dazu bei den Abgeordnetendiäten, den Gehältern der Staatssekretäre sowie den Zuschüsse an die Kirchen kürzen, auf die umstrittene Fehmarnbelt-Querung verzichten und setzt auf eine – allerdings von der Bundespolitik abhängige – Vermögensteuer zur Gegenfinanzierung. Kürzungen im sozialen und Bildungsbereich seien angesichts der Minderausgaben der amtierenden Landesregierung im Jahr 2011 nicht nötig.

Vor dem Hintergrund der rot-roten Diskussion im Saarland musste Spitzenkandidatin Antje Jansen am Montag in Kiel auch erklären, warum im Norden gar nicht erst ein Kooperationsangebot an die SPD gemacht wurde: Es gebe in Schleswig-Holstein keinerlei Annäherung zwischen Linken und Sozialdemokraten, letztere hätten der Schuldenbremse zugestimmt und überdies, so Schippels, könne ihre Partei „mehr bewirken, wenn wir Druck von links machen“. Eine Nachrichtenagentur zitiert Jansen mit den Worten, die Partei habe im Kieler Landtag in den letzten Jahren versucht, ihre Rolle als „Störenfried“ wahrzunehmen – aber auch einige Initiativen angestoßen, etwa gegen rechtsradikale Demonstrationen, in Sachen Atomkraft und mit der erfolgreichen Initiative für ein Verbot der Zirkustiere. (vk)

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Sechs Prozent plus x

Schafft die Linke im Norden den Wiedereinzug am 6. Mai? Sechs Prozent plus x strebt die Vorsitzende der Partei in Schleswig-Holstein, Jannine Menger-Hamilton, an. Das erscheint im Licht der letzten Umfragen ambitioniert, der saarländische Fraktionsvorsitzende Oskar Lafontaine will von einem Scheitern an der Fünfprozent-Hürde aber nichts wissen: „Wir kämpfen darum, ins Parlament einzuziehen“, sagte er dem Tagesspiegel. 100 Tage vor der Wahl stellt die Linke am Samstag in Neumünster ihre Landesliste für den Urnengang auf. Für den ersten Platz bewirbt sich die Fraktionsvorsitzende Antje Jansen, auf Platz zwei wird das Rennen schon etwas enger – hier haben neben dem früheren Fraktionschef Heinz-Werner Jezewski und Parlamentsgeschäftsführer Uli Schippels noch zwei weitere Bewerber ihre Kandidatur erklärt. Mindestens vier Bewerbungen gibt es für Platz drei der Liste, darunter Menger-Hamilton, die erstmals ein Landtagsmandat anstrebt.

Livestream vom Parteitag – hier
Neues Deutschland: Kampf um die vorderen Plätze – hier

Die 33-Jährige verweist auf das Wahlprogramm und bezieht einen gewissen Optimismus daraus, dass der Hype um die Piraten vorbei sei. Die Landesvorsitzende zeigte sich überzeugt, dass ihre Partei bei Themen wie Transparenz und Bürgerbeteiligung punkten könne. Im Zentrum aber stehen soziale Themen, die Linken wollten sich nicht „mit Massenarbeitslosigkeit und Billiglöhnen abfinden, stehen für Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, für öffentlich geförderte Beschäftigung und den gesetzlichen Mindestlohn“. Bei der Landtagswahl im September 2009 hatte die Linke sechs Prozent geholt und sechs Abgeordnete in den Kieler Landtag entsandt. Von den bisher im Landtag vertretenen Parteien, die mit dem ja zur Schuldenbremse deutlich gemacht hätten, dass sie ihren Kurs langfristig fortsetzen wollten, sei nichts zu erwarten. „Die von der Politik in Schleswig-Holstein Betroffenen haben nun die Möglichkeit den Widerstand gegen die Politik der etablierten Parteien zu stärken“, so MengerHamilton, „damit die Interessen der großen Mehrheit der Bevölkerung eine stärkere Stimme erhalten und der Macht der Banken und Konzerne eine humane, solidarische Alternative entgegengesetzt wird.“

Für die Linke wird das trotz der Abgrenzung von den andern Parteien nicht so einfach sein. Schleswig-Holstein erwartet einen stark von der Konstellation geprägten Wahlkampf, bei dem Rot-Grün sich als Lager des Wechsels inszenieren kann. Dass die Sozialdemokraten mit Verwies auf die schwierige Lage im Norden womöglich noch eine große Koalition in Hinterhand haben, ist zwar klar, ändert aber die Ausgangsposition für die Linke nicht. Die wird sich anstrengen müssen, hat Björn Radke schon vor ein paar Monaten formuliert, „wenigstens ihre politische Relevanz zu verdeutlichen. Dies nur mit einer besseren Imagekampagne anzugehen, dürfte nicht ausreichen“.

Wenn auf der einen Seite SPD und Grüne sowohl für einen Regierungswechsel stehen als auch eine zurzeit offenbar nicht unpopuläre „Ehrlichkeit“ vor sich hertragen, also einen Wahlkampf bereits mit Kürzungsankündigungen machen, weil eine Sparpolitik angeblich alternativlos ist, muss die Linke die Kunst beherrschen, einerseits die Zusammenhänge zwischen Schuldenbremse und politischem Handlungsspielraum, zwischen Haushaltsfixierung und Teilhabeorientierung, zwischen öffentlicher Nachfrage und regionale Wirtschaftsentwicklung zu „erklären“, gleichzeitig aber für ihre potenziellen Wähler deutlich zu machen, worin der konkrete Nutzen liegt, die Linke anzukreuzen. Dies zumal, da die Partei in er Vergangenheit zu einem beträchtlichen Teil jene Angesprochen hat, die am stärksten von den Verhältnissen betroffen sind – und die sich am ehesten auch wieder enttäuscht aus dem politischen Partizipationsgeschehen zurückziehen, wenn sich nicht sichtbar etwas ändert.

Im Prinzip ist dies eine der ständigen Herausforderungen der Linken vor allem im Westen, wo sich bisher keine große Stammwählerschaft entwickeln konnte und die Linke von vielen eher als Protestpartei betrachtet wird. Die Verstetigung von Anhängerschaft, mehr noch: der Schritt von der Delegation (Wahl) zum Selbermachen (Engagement) vollzieht sich weniger auf Landesebene als konkret vor Ort. Welche Möglichkeiten hier noch offen stehen und was das im Norden heißen könnte, sind Fragen, die auf einer neuen Debattenseite angesprochen werden. nordLINKS will „Analysen, linke Ansichten & Alternativen zu gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Problemen in Ländern, Städten und Gemeinden“ bündeln und damit einem größeren Kreis öffnen – als „unabhängiges linkes Projekt, der LINKEN wohlgesonnen, aber immer auf der Suche nach breiteren Kooperationen“. Mitgestaltet wird nordLINKS vom früheren Landessprecher Björn Radke. Eine weitere Debattenseite unter anderem zu landespolitischen Fragen findet sich auf der Website der Linken. (tos)

Update – die Ergebnisse der Wahl:

Platz 1:
Antje Jansen: 70 Stimmen (76 Prozent)

Platz 2:
Uli Schippels: 53 Stimmen
Manuela Bombosch: 7 Stimmen
Hein-Werner Jezewski: 16 Stimmen
Miro Berbig: 18 Stimmen
gewählt: Uli Schippels

Platz 3:
erster Wahlgang
(Durchgang musste wiederholt werden, weil beim ersten Mal mehr Stimmen (97) abgegeben wurden, als Delegierte (96) anwesend waren)

Seyran Papo: 36 Stimmen
Daniela Assmussen: 30 Stimmen
Jannine Menger-Hamilton: 24 Stimmen
Manuela Bombosch: 2 Stimmen

Stichwahl:
Seyran Papo: 51 Stimmen
Daniela Assmussen: 41 Stimmen
gewählt: Seyran Papo

Platz 4:
Björn Thoroe (54 Prozent)

Platz 5:
Daniela Asmussen (nach Stichwahl, 57,4 Prozent)

Platz 6:
Klaus-Dieter Brügmann (nach Stichwahl, mit 68,8 Prozent)

Platz 7: Ilka Wenzelis
Platz 8: Heinz-Werner Jeszewski
Platz 9: Mareike Bahlo
Platz 10: Rainer Konrad Bachmann
Platz 11: Elke Gronow
Platz 12: Christoph Nogacki
Platz 13: Sabine Heinze-Große
Platz 14: Jörn Niklas Revilla Parra
Platz 15: Karin Puschinski
Platz 16: Bernd Kunert

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