Frankfurter Allgemeine

Keine Übertreibung

Man muss Heinz Fromm ein bisschen dankbar sein: Mit seinem Rückzug von der Spitze des Bundesamtes für Verfassungsschutz ist der Fall NSU vorerst wieder weit weg von jener Gefahrenzone, in der sich die Öffentlichkeit noch an den schlimmsten Dauerskandal gewöhnt. Und sein Abgang ist wohl auch tatsächlich das, was die Frankfurter Allgemeine aus ihm macht – stiller Protest gegen die eigene Behörde, der nicht einmal als ihr Präsident beizukommen ist.

Dass dieselbe Zeitung sich darüber mokiert, wenn die Opposition nun das „System Verfassungsschutz“ in Frage stellt oder, wie es mal so eben durch die extremismustheoretische FAZ-Tüte spricht, „die Linkspartei (und sicherlich auch die NPD)“ deren Abschaffung sehen wollen, kann man abtropfen lassen. Die Kritik aber, es handele sich um „eine der Übertreibungen, die den Schock über die Mordserie des NSU seit jenem November begleiten“, sollte die Linke jedoch ernst nehmen. Auch und gerade die gleichnamige Partei.

Wenn nämlich ein Jasper von Altenbockum, der hier pars pro toto für jene genannt werden kann, die immer noch glauben, der Verfassungsschutz könne irgend etwas zum „Schutz dieser Demokratie und seiner Bürger“ beitragen, das die Nachteile für eben jene Demokratie und seine Bürger überwiegt, die aus der Arbeit solch eines Geheimdienstes notwendig entstehen, wenn also ein von Altenbockum die Forderung nach Auflösung zurückweist, besteht dafür tatsächlich eine Chance. Sie mag klein sein – die Mehrheitsverhältnisse, das Grundgesetz, die Medien und so weiter.

Trotzdem: Die Verstrickung des Verfassungsschutzes in den NSU-Fall und deren öffentliche Skandalisierung haben binnen Monaten mehr zur Delegitimierung der Behörde beigetragen, als alle richtigen, schlauen Bücher und linken Flugblätter der vergangenen 20 Jahre zusammen. In der Hegemonie jenes Denkens, das es für eine Selbstverständlichkeit ansah, dass ein politischer Geheimdienst kaum parlamentarisch kontrollierbar an der Grenze zum Kriminellen agiert, ist ein mächtiger Riss entstanden.

Diesen Riss mittels politischen Forderungen in einer öffentlichen Debatte zu verbreitern ist nicht so leicht. Es kann sogar sein, dass das Bild vom guten, notwendigen Verfassungsschutz den nächsten Kratzer wieder vom Schlapphut-Amt selbst verpasst bekommt – mit Hilfe von Journalisten, die den nächsten Skandal im Skandal entdecken, oder dank Politikern, die in den inzwischen eingesetzten Untersuchungsausschüssen dieses oder jenes ans Licht bringen.

Damit aus dem wachsenden Unmut über den Verfassungsschutz ein wachsender Mut nicht nur in linken Kreisen, sondern bei ganz normalen Leuten wird, die Abschaffung der Behörde ganz selbstverständlich zu fordern, braucht es jetzt so etwas wie eine Übergangsstrategie. Etwas, das zwischen der Forderung nach Auflösung der Geheimdienste und der gegenwärtigen Lage vermittelt.

Jörg Meyer verweist im Neuen Deutschland auf das „realpolitisch derzeit Durchsetzbare – und dazu zählt die Auflösung der Verfassungsschutzämter wohl leider nicht“, weshalb es nun die „logische Forderung“ sei, „dass ein Gesetzentwurf zur Stärkung des Parlamentarischen Kontrollgremiums sowie eine deutlich verschärfte Regelung zum Einsatz von V-Leuten sofort nach der parlamentarischen Sommerpause auf die Tagesordnung“ gesetzt werden.

Warum aber nicht das eine tun ohne das andere zu lassen? Eine bessere Kontrolle des Verfassungsschutzes und ein strengerer Umgang mit den Spitzeln sind nicht falsch. Aber sie machen den Riss nicht breiter. Dafür sind Ideen und Konzepte nötig, die über die bloße Formel von der Auflösung hinausgehen. In Brandenburg hat es vor einiger Zeit dazu eine Debatte gegeben, in Thüringen scheiterte die Linkspartei mit einem Antrag, das Landesamt durch ein Zentrum für Demokratie zu ersetzen.

Hier könnte jetzt angeknüpft werden, zum Beispiel mit Vorschlägen, welche Funktionen des Verfassungsschutzes womöglich von anderen Institutionen übernommen werden müssten. Oder was mit dem Riesenberg an gesammelten Informationen wird, den die Schlapphüte angehäuft haben. Den Riss verbreitern helfen könnte auch eine etwas genauere Idee von sicherheitspolitischer Konversion, denn gerade eine Partei, die sich soziale Interessenvertretung auf die Fahnen schreibt, sollte sagen könnten, was mit den Tausenden Mitarbeitern von Bundesamt und Landesbehörden geschehen soll. Die Linke trifft sich doch gern mit Betriebsräten – warum nicht auch einmal mit dem Personalrat des Bundesamtes? Bringt es etwas, beim Rückbau des Verfassungsschutzes schrittweise vorzugehen und wie würde das ausehen können?

Dass jeder Geheimdienst einen eingebauten Fehler hat, der sich auch durch noch so demokratische Kontrolle nicht beheben lässt, ist das eine. „Dieses Dilemma lässt sich nur durch die Abwicklung der Ämter für Verfassungsschutz lösen“, sagt die sächsische Landtagsabgeordnete der Linken, Kerstin Köditz. Richtig, aber das andere ist, überzeugend zu vermitteln, dass und wie das Problem „nur durch eine strukturell transparent arbeitende Behörde ohne geheimdienstliche Befugnisse gelöst werden“ kann, wie es die Thüringer Linken-Abgeordnete Martina Renner angesprochen hat.

Ob es noch andere Wege gibt, wer auf diesen mitgenommen werden muss und wie man das macht – das sind die Fragen, welche die Linken, auch in der gleichnamigen Partei, jetzt beantworten müssen. Dann gilt auch eine Auflösung des Verfassungsschutzes bald nicht mehr als eine „Übertreibung“. Der Riss, wie gesagt, ist breit wie lange nicht. (tos, Foto: Wo st 01/CC BY-SA 3.0)

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Zum Beispiel Liebesfähigkeit

Heute in den Leseempfehlungen zwei Hinweise auf Das Blättchen und einmal auf die Frankfurter Allgemeine: Günter Hayn besieht sich die „Partei der Selbstzerstörung“ und schreibt über das Forum demokratischer Sozialismus, diese „Leute“ hätten „bislang über ein relativ klar strukturiertes innerparteiliches Feindbild“ verfügt. Ohne solcherlei Positionsbestimmungen, bei der über andere zugleich der eigene Standort markiert wird, lässt sich wohl in dieser Linken nicht mehr diskutieren. Weshalb man gleich auch noch den Beitrag von Jörn Schüttrumpf lesen sollte, der dem Blättchen eine Sonderausgabe wert war: “Die Linke oder: Die liebevolle Pflege selbstverschuldeter Unmündigkeit“. Dort heißt es unter anderem, „solange diejenigen, die in einem Lager stehen, es als wichtigste Aufgabe ansehen, einander zu verachten, zu denunzieren und zu bekämpfen, kann es zwar immer mal wieder vorkommen, dass eine Fraktion die Macht übernimmt (…), aber eine Gesellschaft, in der die politischen und sozialen Freiheiten für alle durchgesetzt sind, wird auf diesem Weg nicht freigesetzt werden können“.

Schließlich und drittens: Sahra Wagenknecht. Die hat ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ ein neues Kapitel hinzugefügt, welches die Frankfurter Allgemeine vorabdruckte. Es geht um Europa, die Krise und das Selbstverständnis des Kontinents: „Auf keinem der endlosen Euro-Gipfel der letzten Jahre waren die Traditionen des klassischen Humanismus und der europäischen Aufklärung und der daraus ableitbare Anspruch auf menschenwürdige Verhältnisse in Europa ein Thema. Eine Gesellschaft, die die wertvollsten Eigenschaften des Menschen – Liebesfähigkeit, Sehnsucht nach sozialen Bindungen, nach Würde und Schönheit – verkümmern lässt und seine schlechtesten – Habsucht, Egoismus, soziale Ignoranz – gnadenlos kultiviert, ist des Menschen nicht würdig. Auch deshalb ist die europäische Idee im Europa der Gegenwart tot. Wenn sie je wieder leben soll, brauchen wir den Mut zu einem europäischen Neuanfang, den Mut zu einer neuen wirtschaftlichen Ordnung und zur Wiederherstellung der Demokratie in Europa.“ (tos)

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Nicht ohne den anderen

Über die Chancen und Grenzen rot-roter Zusammenarbeit zu reden, führt derzeit meist nicht sehr weit: Sozialdemokraten nennen ein auf Landesebene rechnerisch mögliches Bündnis mit der Linken verantwortungslos, worauf diese mit „Angeboten“ reagiert, welche die SPD dann eben doch ablehnt. Mit Blick auf die Bundestagswahlen 2013 hat man sich im Willy-Brandt-Haus gleich ganz das Nachdenken über eine reformpolitische Mehrheit jenseits der CDU verboten; und dass in der Linkspartei wirklich strategisch eine solche Variante ausgelotet wird, lässt sich auch kaum sagen. Zumal diese nicht nur auf SPD und Linke beschränkt bleiben könnte, sondern auch die Grünen mit einbeziehen müsste, die derzeit lieber über ihr Spitzenpersonal streiten als über die real existierenden Möglichkeiten eines politischen Umbaus unter den Bedingungen von Schuldenbremse und Eurokrise.

Was wäre erreichbar, und was nicht? Die Debatte darüber wird seit einiger Zeit in Gesprächskreisen wach gehalten, mit mäßigen öffentlichem Echo und eingehegt von parteipolitischen Rücksichtnahmen. Rot-Rot-Grün, das hört man in Berlin immer wieder, sei als politische Option „tot“. Warum das eine unbefriedigende Position ist, haben jetzt Stefan Liebich und Frank Schwabe in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beschrieben: Die Parteiführungen von SPD und Linke, heißt es in einem rot-roten Gastbeitrag, würden „seit Jahren ignorieren (…), dass zentrale politische Ziele ohne die jeweils andere Partei nicht durchsetzbar sind. (…) Statt im Dialog nach anschlussfähigen Positionen zu suchen, die es zuhauf gibt, manövrieren sich beide in ein strategisches Dilemma, das nur den Konservativen hilft.“ Auf der Strecke bleiben, so Liebich und Schwabe, ein gesetzlicher bundesweiter Mindestlohn, eine solidarische Steuerpolitik und „Korrekturen“ in der Renten- und Arbeitsmarktpolitik, die man „trotz unterschiedlicher Auffassungen“ über die rot-grüne Bilanz der Jahre 1998 ff. durchsetzen könnte.

Die beiden Abgeordneten, die zum rot-rot-grünen Kreis der so genannten Oslo-Gruppe gehören, appellieren an ihre Vorstände, die „Ausschließeritis“ zu beenden. Dass führende Sozialdemokraten mitten in der Legislaturperiode bereits und wiederholt eine rot-rot-grüne Bundesregierung ausgeschlossen hätten, sei ein schwerer Fehler, der nur den Konservativen helfe. Die SPD sei „einmal mehr in die Falle getappt, die als CDU-Regierungsversicherung vor jeder Wahl aufgestellt wird. Der Linkspartei wird es so leicht gemacht, sich inhaltlichen Debatten mit SPD und Grünen zu entziehen und sich gegen alle anderen Parteien zu positionieren“. Stattdessen sollten „inhaltliche Auseinandersetzungen miteinander und innerhalb des rot-rot-grünen Spektrums“ geführt werden, so Liebich und Schwabe. „Debattieren wir offen, selbstbewusst und konstruktiv über die Bedingungen, die Chancen und Hindernisse gemeinsamer parlamentarischer Mehrheiten.“ (tos)

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