Kapitalismuskritik

Welttreffen am Sankt-Immer-Tag. Neuerscheinungen zum Konflikt zwischen Marx und Bakunin provozieren eine neue Debatte um linke Geschichte

Das schweizerische St-Imier (früher: Sankt Immer) war im August 2012 Treffpunkt für Libertäre und AktivistInnen verschiedener anarchistischer Bewegungen. Das »Welttreffen des Anarchismus« hatte einen Anlass: das Jubiläum der Gründung der Antiautoritären Internationalen 1872. »140 Jahre nach dem Kongress von St-Imier ist die Ausbeutung und Entfremdung der Arbeiterinnen und Arbeiter noch ebenso brutal. Die marxistische Illusion ist angesichts der kommunistischen Diktaturen dahingeschmolzen. Der Kapitalismus lebt von Krise zu Krise, gesellschaftliche Krise, politische Krise, zu denen heute noch die ökologische Krise hinzukommt.« 1

1872 war der Höhepunkt eines jahrelangen Konflikts zwischen Karl Marx und Michael Bakunin bzw. den von ihnen vertretenen politischen Strömungen. Wenige Tage vor dem Gründungstreffen in St-Imier wurde der russische Anarchist zusammen mit James Guillaume auf dem Kongress der Ersten Internationalen in Den Haag ausgeschlossen.

Zum Verhältnis von »Marxismus« und »Anarchismus« und dem Konflikt zwischen den beiden bärtigen Männern sind gleich mehrere Bücher erschienen, die vieles in neuem Licht erscheinen lassen und deutlich machen, dass es schon lange an der Zeit ist, die gemeinsame Geschichte gemeinsam aufzuarbeiten. Der Konflikt ist nicht einfach darauf zu reduzieren, dass zwei Egomanen aufeinandertrafen.

Der Karin-Kramer-Verlag hat bereits 1995 damit begonnen, Bakunin im Rahmen einer Werkausgabe neu zu würdigen. 2004 ist der erste Teil zum Konflikt zwischen Marx und Bakunin erschienen, der die Zeit bis 1870 behandelt. Die zwei neuen Bände schließen zeitlich daran an und tragen Dokumente und Materialien bis zum Ausschluss von Bakunin und James Guillaume zusammen sowie die im Anschluss gegründete »antiautoritäre Internationale« in St-Imier 1872 – Anlass für das diesjährige Treffen im Berner Jura. Was war geschehen?

Konstituierung der Klasse als politische Partei

Im September 1871 wurden die Befugnisse des Generalrats der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) erweitert. Zur Konferenz in London wurden nicht alle stimmberechtigten Sektionen eingeladen, was Marx und Engels ermöglichte, ihren politischen Stiefel durchzuziehen. So wurde etwa die Satzung geändert. Es wurde beschlossen, dass die »Konstituierung der Arbeiterklasse als politische Partei unerlässlich ist für den Triumph der sozialen Revolution und ihres Endzieles – der Abschaffung der Klassen«. Eine Formulierung, die für reichlich Konfliktstoff sorgen musste. Einen Konflikt, den Marx und Engels mit ihrem Vorgehen provozierten und ohne faule Tricks nicht gewinnen konnten.

Nachdem mehrere Sektionen der Internationalen die Beschlüsse aus London nicht akzeptierten, wurde 1872 eine Konferenz in Den Haag einberufen, auf der Marx und Engels zum einen genügend Stimmen sammeln mussten, um die in London durchgesetzten Beschlüsse zu verteidigen; zum anderen mussten sie diejenigen Sektionen delegitimieren, die sich eher den Prinzipien Bakunins verpflichtet fühlten. Das sollte durch Diffamierung und persönliche Verunglimpfung Bakunins geschehen. Die Organisierung der Mehrheit war noch relativ einfach, u.a. durch die Erschleichung von Mandaten, aber nicht weniger skandalös. Einige Delegierte reisten aus Protest erst gar nicht an.

Die Rufschädigung war etwas schwieriger zu bewerkstelligen. Im Vorfeld hatten sich Marx und Engels zudem intensiv in Spanien (bei Paul Lafargue), der Schweiz (bei Nikolaj Utin) und Russland (bei Nikolaj Daniel’son, dem späteren Übersetzer des marxschen Kapitals ins Russische) um Dokumente bemüht, mit denen sie Bakunin schaden konnten.

Am nachhaltigsten war der Ausschluss von Bakunin und Guillaume im Rahmen der Verfolgung einer scheinbar von Bakunin angeführten Geheimgesellschaft. Obwohl keine Beweise vorlagen, legten Marx und Engels im Auftrag der Konferenz zwei Jahre später einen Bericht »über das Treiben Bakunins und der Allianz der sozialistischen Demokratie« vor. Die nachträgliche Begründung des Ausschlusses ist eines der schlimmsten marxschen Pamphlete. Bakunin nahm die Diffamierungen noch zur Kenntnis, aber auch zum Anlass sich zurückzuziehen. 1876 starb er. Im selben Jahr wurde die Internationale aufgelöst, nachdem der Hauptsitz nach einem Beschluss in Den Haag zuvor nach New York verlegt worden war, um ihn der Verschwörung um Bakunin zu entziehen.

Marx’ intriganter Feldzug gegen Bakunin

Nachdem »die Minderheit« in Den Haag die Vorhaben des Generalrats nichts abwenden konnte und selbst die Versuche Guillaumes, entgegen Bakunins Willen, eine Spaltung zu verhindern, nicht fruchteten, fuhren einige Delegierte wenige Tage später Richtung Schweiz. Bereits im August erzielten die Mitglieder der spanischen und der Juraföderation (in der sich u.a. auch die Genfer Flüchtlinge aus der Pariser Kommune organisierten) eine Einigung darüber, dass es einen internationalen Gegenkongress zu dem in Den Haag geben sollte.

Der Kongress von St-Imier erklärte, dass »er alle Beschlüsse des Haagener Kongresses absolut zurückweist und die Machtbefugnisse des von diesem ernannten neuen Generalrats auf keine Weise anerkennt«. Der Gründungskongress bestand aus 13 Delegierten; sechs Jahre später hörte die Antiautoritäre Internationale de facto bereits auf zu existieren.

Es ist frustrierend, dass selbst neuere Marx-Biografien kein Interesse zeigen, das Bild geradezurücken. Das gilt auch für die unlängst erschienene, großartige Engels-Biografie von Tristram Hunt, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte, sich mit diesem Kapitel der Geschichte genauer zu beschäftigen. Schließlich zeigt der sechste Band der Bakunin-Werkausgabe, dass es vor allem Engels war, der – wohl aufgrund seines militärischen Verständnisses von Revolution – die Konfrontation mit dem Anarchisten zuspitzte.

Schwelender Konflikt zwischen den Traditionen

Für eine kritische Auseinandersetzung mit der Internationalen, Marx und der Geschichte der »feindlichen Brüder« Marxismus und Anarchismus sind die beiden Bände deshalb unerlässlich. Leider ist unklar, warum der sechste Band im Rahmen der Bakunin-Werkausgabe erschienen sind. Nur ein Bruchteil der über 1.000 Seiten enthält Texte von Bakunin. Die Einleitung bringt in vielen Formulierungen zudem eine symptomatische Kränkung vieler AnarchistInnen zum Ausdruck, die zeigt, wie groß das politische Interesse ist, Bakunin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Dem Einführungsband gelingt es deshalb kaum, die historischen Auseinandersetzungen einerseits von dem Streit um theoretische Fragen andererseits zu trennen – etwa zum Erbrecht, wo es um das Eigentumsverständnis geht, oder die Frage von Partei und Staat. Historisch hat »Partei« nicht den eingeschränkten Sinn einer auf Wahlen und das Parlament ausgerichteten Organisation. Partei war ein Synonym für politische Organisierung überhaupt. 2 Der Herausgeber vereindeutigt deshalb mit einem gegenwärtigen Parteienverständnis den Konflikt innerhalb der Internationalen zu einem zwischen politisch-parlamentarischem oder sozialrevolutionärem Sozialismus.

Vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse, vor allem nach 1917, scheint das nur zu plausibel. Allerdings fehlen bei dieser Deutung die Analyse und Gewichtung späterer Entwicklungen und anderer (auch länderspezifischer) Einflussfaktoren. Die Kommentierung der Ereignisse der 1870er Jahre ist im schlechteren Sinne Philologie und weniger sozialhistorische Arbeit.

So bleibt eine Analyse aus, inwieweit etwa Technikeuphorie, Bürokratismus und Fortschrittsgläubigkeit innerhalb der sozialistischen Bewegung auf Marx’ Theorie zurückzuführen sind (wo Ansätze durchaus zu finden sind) oder die bürgerliche Ideologie bzw. die Herausbildung bürokratischer Organisierung und moderner Staatlichkeit maßgeblich waren. Nicht ohne Grund gab Lenin in »Staat und Revolution« die Parole aus: »Unser nächstes Ziel ist, die gesamte Volkswirtschaft nach dem Vorbild der Post zu organisieren.«

Die schon lange notwendige Diskussion über das Verhältnis von Marxismus und Anarchismus wird in zwei von Philippe Kellermann herausgegebenen Büchern geführt. In einem weiteren sehr wertvollen Band arbeitet Hendrik Wallat die linke Bolschewismuskritik sehr fundiert und gut lesbar auf. Eine längst überfällige Arbeit, die vielen Interessierten die Wühlarbeit durch meterweise Literatur erspart bzw. erleichtert. Eine Arbeit, die hoffentlich auch dazu beiträgt, dass eine gemeinsame Auseinandersetzung über die linke Geschichte ermöglicht wird. Die sich auf Marx berufende Linke hat es sich in dieser Frage oft zu einfach gemacht und sich um unbequeme Fragen herumgedrückt.

Literatur:
Michael Bakunin: Ausgewählte Schriften 6. Konflikt mit Marx, Teil 2: Texte und Briefe ab 1871. Einleitung von Wolfgang Eckhardt. Karin Kramer Verlag, Berlin 2011. 1.240 Seiten, 78 EUR.
Philippe Kellermann (Hg.): Begegnungen feindlicher Brüder. Zum Verhältnis von Anarchismus und Marxismus in der Geschichte der sozialistischen Bewegung. Unrast Verlag, Münster 2011. 193 Seiten, 14 EUR.
Philippe Kellermann (Hg.): Anarchismus, Marxismus, Emanzipation. Gespräche mit Bini Adamczak, Jochen Gester, Gerhard Hanloser, Joachim Hirsch und Hendrik Wallat. Die Buchmacherei, Berlin 2012. 165 Seiten, 10 EUR.
Hendrik Wallat: Staat oder Revolution. Aspekte und Probleme linker Bolschewismuskritik. Edition Assemblage, Münster 2012. 288 Seiten, 29,80 EUR.

Erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 574 v.17.8.2012

Anmerkungen:

  1. www.anarchisme2012.ch
  2. Staatstheorie ist nach wie vor eine Leerstelle im Anarchismus – obwohl der Staat nach wie vor der Lieblingsfeind ist. Die marxistische Diskussion ist hier viel weiter. Anarchistische Strömungen stehen sich in dieser Frage aufgrund ihrer Ressentiments gegenüber der marxschen Theorie und ihrer Theoriefeindlichkeit oft selbst im Weg.

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Moody’s Downgrade von Italien: Antizipation der Antizipation

Die Ratingagentur Moody’s hat am Freitag die Kreditwürdigkeit Italiens herabgestuft. Mit Baa2 steht das Land auf der Stufe von Kasachstan.

Mache fragen schon, ob Italien zu taumeln beginnt und – darauf haben wir alle bereits gewartet – Berlusconi bringt sich mal wieder als Retter in der Not ins SpielBorat lässt grüßen.

Wie begründete Moody’s das Downgrade?

»Italy’s near-term economic outlook has deteriorated, as manifest in both weaker growth and higher unemployment, which creates risk of failure to meet fiscal consolidation targets,« Moody’s said. »Failure to meet fiscal targets in turn could weaken market confidence further, raising the risk of a sudden stop in market funding.«

Für Moody’s gebietet das Zusammenspiel von  EU-Sparpolitik und den zu erwartenden Reaktionen auf den »Märkten« eine schlechtere Bewertung. Denn:

  • Sparprogramme schwächem das Wirtschaftswachstum
  • Das Sparziel selbst sei Grund genug für eine Herabstufung. Schließlich könnten die Märkte keine Nervosität an den Tag legen, wenn es keine Zielmarken gebe. Logisch. Werden keine Ziele genannt, können sie auch nicht gerissen werden
  • Vor diesem Hintergrund antizipiert Moody’s schließlich mit ihrem Downgrade die antizipierte Verfehlung der Sparziele durch die Märkte

Zusammengefasst: Um das Vertrauen der Finanzmärkte in Italien zu stärken, spart Rom (und viele andere EU-Länder). Aus der Sicht von Moody’s verschlechtern die Sparkurse die Kreditwürdigkeit. Weil das Finanzkapital die Meinung der Ratingagenturen schätzt (schon allein aus Angst davor, dass Einzelkapitale dementsprechend handeln), werden sie in Zukunft für frischen Kredit höhere Renditen verlangen – nicht nur von Italien. Das wird wiederum die Kosten der Staatsschulden erhöhen und die Krise weiter verschärfen.

Darf ich vorstellen: das »Duo infernale« EU-Sparpolitik und Marktlogik. Mit dem Souffleur Ratingagentur.

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Apropos Urlaub

»Kommen Angestellte aus dem Urlaub zurück, ohne die obligate Farbe sich erworben zu haben, so dürfen sie dessen versichert sein, daß Kollegen spitz fragen: »Sind Sie denn gar nicht in Urlaub gewesen?« Der Fetischismus, der in der Freizeit gedeiht, unterliegt zusätzlicher sozialer Kontrolle.« (Adorno, Freizeit, GS 10.2, S. 649)

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Isaak Il’ič Rubin: Marxforscher – Ökonom – Verbannter

»Der Menschewik Rubin revidierte Marx’ Lehre vom idealistischen bürgerlichen Standpunkt aus, beraubte den Marxismus seines revolutionären Inhalts, lenkte die Aufmerksamkeit der Ökonomen nach Schädlingsart vom Studium der Fragen der Sowjetökonomie ab und führte sie auf das Gebiet scholastischer Streitereien und Abstraktionen.« (Anmerkung des Instituts für Marxismus-Leninismus in Stalin-Werke, Bd.12, S. 332)

Ein seit zehn Jahren geplanter Band ist nun endlich erschienen: Sonderband 4 der Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge. Er ist Isaak Il’ič Rubin gewidmet, einem Marx-Forscher, der wie viele andere unter Stalin ermordet wurde. In Deutschland ist er vor allem durch seine Studien zur Marxschen Werttheorie bekannt, die erstmals 1929 erschienen. Das erst 1973 bei EVA auf Deutsch publizierte Buch hat zwei Mankos: Es wurde nicht aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt, sondern aus der englischen Übersetzung aus dem Russischen. Zudem wurde ein (in der englischen Fassung sehr wohl zu findendes) Kapitel einfach ignoriert: das zum Fetisch. Dieses Kapitel wurde dankenswerterweise 2010 von Devi Dumbadze für den Sammelband Kritik der politischen Philosophie ins Deutsche übertragen und von ihm in einem Aufsatz kommentiert. Neben einem etwas skurrilen Sammelband bei VSA ist vor allem noch A History of Economic Thought bekannt.1

Der Sonderband 4 zu Rubin ist schon jetzt ein Highlight des Jahres 2012. Zumindest für alle, die sich für die marxsche Geld- und Werttheorie interessieren. Neben einer Würdigung von Rubins Tätigkeit am Marx-Engels-Insitut, seiner Geschichte der politischen Ökonomie, finden sich im über 200 Seiten starken Sonderband mehrere biografische Aufsätze zu Rubin.2 Auf 110 Seiten kommt Rubin selbst zu Wort. Endlich wurde der Text Studien zur Geldtheorie von Marx (von Ilka John) übersetzt und so einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Anlass des Textes war wahrscheinlich Rubins Übersetzung von Marx’ Zur Kritik der politischen Ökonomie von 1859, in der Marx etwas ausführlicher (als später im Kapital) auf Ware und Geld eingeht. 1923 im Knast begonnen arbeitete Rubin in den folgenden Jahren weiter an diesem Text. Dass der Text überhaupt überliefert wurde ist ein Glück und u.a. Rubins Frau Polina Petrovna zu verdanken, die die Manuskripte über die Jahre aufbewahrte und in der SU vergeblich für eine Rehabilitation Rubins kämpfte – das geschah erst nach 1990.

In der Ankündigung des Sonderbandes heißt es:

Der Politökonom und Marxforscher Isaak Il’ič Rubin (1886–1937) nahm eine wichtige Stellung in den ökonomischen und philosophischen Diskussionen in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre in Sowjetrussland ein. Über ihn lag jedoch der „Bann der Partei“ – er war bekennender Menschewik. Sein zweites „Vergehen“ bestand darin, dass er eine Interpretation des ersten Bandes des „Kapitals“ vorlegte, die angeblich idealistischen Charakter trug. Hier wird in Fortsetzung seiner bekannten „Studien zur Marxschen Werttheorie“ erstmals in Übersetzung sein Manuskript über die Geldtheorie von Marx veröffentlicht. Schließlich war Rubin Leiter des Kabinetts für politische Ökonomie des Marx-Engels-Instituts unter Leitung von David B. Rjazanov (1870–1938). Diese Verbindung kam Stalin gerade recht, um beide 1931 aus der wissenschaftlichen Kommunikation ausschließen zu lassen.

Bestellungen nimmt jede gute Buchhandlung entgegen. Ebenso der Argument-Verlag oder die Redaktion der Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge.

  1. Ein paar Aufsätze von Rubin finden sich hier. Lesenswert ist nach wie vor der Text Abstrakte Arbeit und Wert im Marxschen System von 1927
  2. Ludmila Vasina schrieb bereits für die Beiträge 1994 eine knappe biografische Skizze

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Marx zu Obamas Gesundheitsreform

28. Juni 2012  Allgemein, Kapitalismuskritik, Marx, USA

Für die Proteste gegen Obamas Gesundheitsreform ist diese meist Kommunismus und Faschismus in einem.

Die Gesundheitsreform von Obama ist verfassungskonform. Das hat der Oberste Gerichtshof in den USA entschieden. Karl Marx würde die Entscheidung wohl wie folgt kommentieren:

»Was könnte die kapitalistische Produktionsweise besser charakterisieren als die Notwendigkeit, ihr durch Zwangsgesetz von Staats wegen die einfachsten Reinlichkeits- und Gesundheitsvorrichtungen aufzuherrschen!« (KI, 505)

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Ein Brief an Raul Zelik

Vor ein paar Tagen ist der Schriftsteller und Politautor Raul Zelik in die Linkspartei eingetreten. Der Schritt hat eine Debatte über das Verhältnis von unabhängigen Linken und der Partei angestoßen – unter anderem bei Lafontaines Linke. Anne Roth fragt sich, wie es gelingen soll, diese Partei, in der gleich mehrere Flügel quasi mit Gewalt jede Veränderung bekämpfen, von innen zu ändern, nur weil der Vorstand gewechselt hat. Thomas Seibert sieht nach dem Göttinger Parteitag für die Linkspartei bessere Chancen, über ihr bisheriges Milieu hinaus attraktiv zu werden – will aber lieber im Rahmen der Mosaiklinken und nicht als Mitglied die Zusammenarbeit fortsetzen. Ich habe zu dieser Debatte einen weiteren Gastbeitrag  beigesteuert.

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Modernisierung statt Meuterei

»Ich kann vor allen Dingen die ganzen asozialen Leute nicht mehr hören, die immer sagen: Ja, wieso … diese Künstler … das sind doch sowieso alles Nutten, wenn sie es für Geld machen!«

So wütete im März 2012 dieses Jahres der Element-of-Crime-Sänger Sven Regener im Bayrischen Rundfunk. Eigentlich wollte der Sender nur ein kurzes Statement zum Urheberrecht einholen – und traf einen Nerv.

Weiterlesen zu Regener, Tatort-AutorInnen und den Piraten als Katalysatoren der aktuellen Urheberrechtsdebatte in ak 573

In Memoriam an die Kritikerin der Mainstream-Ökonomie Elinor Ostrom

Die Ökonomin Elinor Ostrom ist im Alter von 78 Jahren gestorben‎. Sie ist die bisher erste und einzige Frau, die den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt.

Sabine Nuss schrieb in ak – analyse & kritik, dass sie »auf diesem Planeten … ein Glücksfall« ist. In Memoriam an die Kritikerin der Mainstream-Ökonomie, die nur staatliche oder Marktlösungen kennen, sei deshalb nochmals an Nuss’ kritische Würdigung hingewiesen:

»Wie kriegen drei FDPler eine Glühbirne reingedreht?« Antwort: »Gar nicht. Das regelt der Markt.« Elinor Ostrom würde über diesen Witz wahrscheinlich herzlich lachen.

Weiterlesen: »Knietief in der VWL. Trotzdem kann die Linke von Elinor Ostrom lernen«.

Debt and Punishment. A critical review of David Graeber’s ›debt‹. The book is missing an analysis of capitalism

The last few years of crisis politics were a prime example of how on the one hand profits are privatized, while on the other hand losses are socialized. The deep crisis of capitalism has left in its wake a sovereign debt crisis. The answer of the political class has been fiscal consolidation. Finance capital’s claims on returns are guaranteed and collected by the state. The invisible hand of the market is joined by the visible fist of the state. Struggles over state finances will be central battlefields in the next few years.

That is no doubt the reason why the publication of David Graeber’s book Debt: The First 5,000 Years was greeted with euphoria, even by the bourgeois press. In the Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Frank Schirrmacher wrote that Graeber »opens the reader’s eyes to what’s going on right now,« and furthermore, »Graeber’s text is a revelation, since one is no longer forced to react to the system itself within the system of apparent economic rationality.« Der Spiegel opines: »his book on the nature of debt and its economic and moral basis is already regarded as an anti-capitalist standard work of the new social movements which have emerged during the world economic crisis.« This is in reference to the Occupy protests. Even the chief economist of the Deutsche Bank group reviewed Graber’s book positively in the monthly economic policy journal Wirtschaftsdienst (4/2012) with regard to the question of the future of central banking. Since May 2012, the book has been available in a German edition.

Promises Become Debts

David Graeber, anthropologist and anarchist, is a Professor at Goldsmiths College of the University of London. Until 2007, he taught Ethnology at the ivy league university Yale. For political reasons, his contract was not renewed – Graeber is a political activist. Since the protests against the World Economic Forum in New York City in 2002, he has been an important figure. The role that he has played in the Occupy movement underscores this: not only has he participated, but he has published books on the movement.

Graeber’s point of departure is the question as to why in capitalism the human appreciation of morality and justice is reduced to an economic quantity and the language of a business transaction – debt. The moral-economic double meaning of the word »debt« in many languages is striking. How have moral obligations and promises between people become an economic debt, and what does that mean for society?

For Graeber, debts constitute a promise – which is to say, a moral obligation – which also existed before capitalism and independent of money. Money makes the mutual promise between people into something impersonal and transferable: debt. Human cooperation, community, and possible forms of renegotiating promises are thus disturbed, existing relations of power and domination become cemented.

In this way, money makes it possible to »turn morality into a matter of impersonal arithmetic« with which promises can be balanced against each other. A settlement by means of debt cancellation, renegotiation, or non-commodified exchange relationships (gift giving or donation), as was still prevalent in pre-capitalist societies, is thus no longer possible.

Graeber thus concentrates upon a classical question of political economy, with which the book also begins: what is money? In the first part, Graeber correctly criticizes the theoretical mainstream of economics. Economics textbooks always begin with barter, an exchange of products without the mediation of money. Economists usually proceed from unhistorical models in which people pursue their »natural dispositions«, among others their drive to barter and exchange.

The State Invents Money

Graeber opposes all this with a historical argument. He proceeds from the assumption that credit and therefore the relationship between creditor and debtor historically precedes money. »The standard account of monetary history is precisely backwards«, namely the sequence from exchange to the discovery of money to the developed credit system. Graeber further hones his argument: money is not only a thing, but a means of making things commensurable. But exactly what is measured or compared? Graeber’s simple answer is: debt. Money and credit (that is to say, promises to pay) are for him de facto the same.

Graeber reconstructs the genesis of money from promises through various historical phases. From the time of early urban civilizations (Egypt, Mesopotamia, China) around 3000 to 800 B.C., through the Middle Ages (600-1450 A.D.) to the »Age of Great Capitalist Empires« from 1450 (to 1971).

In Graeber’s account, the state is responsible for the emergence of money, which was introduced in order to pay soldiers. The state thus at the same time also establishes the »currency« in which it collects taxes and generalizes the use of money. Simultaneously, markets arise alongside barracks and mass war production, and in turn money plays an increasingly important role in these markets. According to Graeber, state force, money/credit, and the dominance of markets are tightly interwoven.

Graeber’s account exhibits a rather vague understanding of capitalism, and in accordance with the anarchist tradition assigns a dominant role to the state. At the same time, this role is subordinated to the economy of obligation. The same is the case for other characteristics of capitalism. Monetary phenomena have existed long before factories and wage labor. However, one searches in vain in Graeber’s work for an exact determination of what capitalism is. One characteristic he offers is endless growth and the production of »an endlessly expanding volume of material goods«. Also central is the state’s promotion of an »economy of interest«; the history of capitalism is the history of »the gradual transformation of moral networks by the intrusion of the impersonal – and often vindictive – power of the state.« Against this background, it’s no wonder that Graeber concludes that markets and money will continue to exist after capitalism.

It’s not difficult to recognize that Graeber’s understanding of capitalism is not oriented toward Marx’s. However, whoever struggles against capitalist relations should nonetheless have an idea of what it is he or she is against. In the future, this must be a concern within the radical left. It is at this point that a critique of Graeber’s book should be applied.

Relations Without Classes

In principle, Graeber proceeds from the starting point of a socioeconomic relationship that generates interest – the relationship between creditor and debtor; but class relations, the relation between wage labor and capital, and the form of production are not at the center of his focus. Thus, numerous relationships that characterize capitalism become indistinct in Graeber’s account.

Various actors engage in credit relationships. Debtors can be states, wage laborers, or businesses – for different reasons. The state, because it does not collect enough revenue from taxes or because it nationalizes bank losses; wage laborers, because they don’t earn enough; businesses, in order to make as much profit as possible. The perspective of credit, however, causes them to all look the same; the reason for the credit relationship that arises appears irrelevant.

This blurring of social relations is also apparent in the categories of money, credit, and capital, which in Graeber’s conception are indistinguishable from one another. According to Marx, on the other hand, they are forms that mediate quite distinct relations. Money completes a promise to pay, it is therefore itself the »general equivalent.« Money is accepted and used by all, whether wage laborer or capitalist. It mediates commodity exchange. Labor-power is also compensated in the form of money.

If money is supposed to be credit, as Graeber thinks, that raises the question as to what »real« act of monetary payment it supposedly refers. Capital is valorized value. When money is spent as capital, it always presupposes a class relation. Money is spent with the goal of making a profit. At the same time, this relation presupposes the existence of people who, free of both means of production and of personal ties of dependency, have nothing to sell but their labor-power. When capital takes the form of a property claim such as a stock, bond, or another security, Marx refers to it as »fictitious capital«. For Graeber, it’s again merely credit. Since he ascribes no relevance to these distinctions, all cats are grey to him.

Cancel All Debt

The same is true for his historical observations. Graeber does not recognize what money and credit mean in pre-capitalist societies, what distinguishes them from each other. He works with trans-historical phenomena, without raising questions as to their historical-social form. This is a trait he shares with the economic mainstream that he otherwise criticizes. Graeber writes that systems of credit and accounting are as old as civilization itself. He admits that he finds it difficult to distinguish between gift-giving and credit; but this is only a problem if one discusses these forms of social intercourse independent from their respective dominant forms of production, when one does not clarify exactly what is characteristic of capitalism, what makes it capitalistic and thus what distinguishes it from other social formations.

Historically speaking, a social obligation is not the same thing as credit, and even credit is not the same thing as credit. This observation can be found in Marx’s work: »There was borrowing and lending in earlier situations as well, and usury is even the oldest of the antediluvian forms of capital. But borrowing and lending no more constitute credit than working constitutes industrial labour or free wage labour.« (Grundrisse) What does Marx mean by that? Under pre-capitalist relations, in which production was conducted to meet needs, credit was a means of impoverishment. In contrast, under capitalism, credit is a means of augmenting money – of profit maximization. Similarly, industrial labor (or factories in the case of Graeber’s book) cannot be simply identified with capitalist profit logic.

Although it is often asserted that a historical approach is able to show that something existed before capitalism, and that one can learn from history, the differences between capitalist and pre-capitalist societies are often obliterated (and not just in Graeber’s book) if one does not first clarify what is specific about capitalism, in order to use that as the starting point for delving into history – and not the other way around.1

According to Graeber, every revolution begins with debt that society can no longer repay. »Cancel the debts and redistribute the land.« This sentence by the historian of antiquity Moses Finley is the only revolutionary program, recurring throughout the centuries. And most revolutions were preceded by (excessive) debt. However, before we can think about revolution, we should agree first on what exactly is supposed to be revolutionized. Debt cancellation is indeed a correct demand, but only when the social relations that constantly bring about indebtedness are abolished as well. It seems difficult to reach an agreement with Graeber on exactly what those social relations are.

David Graeber: Debt: The First 5,000 Years, Melville House Publishing, New York 2010

Translation: communism.blogsport.eu (Thanks a lot!)

Article originally published in the May 18th, 2012 issue of the newspaper ak – analyse & kritik; an appendix is only available in German

  1. For that reason, historical research influenced by Marx controverts Graeber’s accounts of the market, credit, and money. On the imposition of the market as an imperative, see Ellen Meiksins Wood’s The Origin of Capitalism. On money, see Jacques LeGoff ‘s Your Money or Your Life: Economy and Religion in the Middle Ages. On credit, see Karl Polanyi’s Primitive, Archaic, and Modern Economies: Essays

Quengelware Graeber

Inzwischen hat David Graebers Schulden-Buch Stéphane Hessels »Empört euch!« an den Kassen der Buchläden verdrängt. In den Zeitungsredaktionen wurde es inzwischen meist nicht nur ein Mal besprochen. Im Cicero ist ebenso eine Rezension zu finden wie in Die Welt und dem Handelsblatt. Gleich mehrfach widmete sich der öffentliche Rundfunk seinem Buch  (Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk).

Eine kluge Besprechung von Tania Martini findet sich in der taz.

David Graeber hat auf seiner Europareise auch viele Interviews gegeben. Nicht nur ntv und Deutschlandradio Kultur, sondern auch scharf links dokumentiert ein Gespräch. Interessant ist eine Diskussion mit Harvey über Occupy von April. Weniger spannend hingegen verlief das Treffen bei OpenOccupy in Berlin, wo er auch zu Occupy und Repression  interviewt wurde.

Graebers Buch ist wie eine Bombe eingeschlagen – vor allem in Deutschland. Laut Graeber ist das Original seit Juli 2011 60.000 Mal verkauft worden. Von der deutschen Übersetzung gingen in der ersten Woche bereits 30.000 Exemplare über den Ladentisch.

In Marburg hat sich ein Lesekreis gegründet, der Graebers Buch diskutieren will. Worüber sich andere natürlich empören müssen, was zu einer Retourkutsche herausfordert.

Meine ak-Besprechung und der Nachtrag, sozusagen der Fußnotenapparat, laden nach wie vor zur Debatte ein.