Buen Vivir

Sumak Kawsay

Seit einigen Jahren wird angesichts der Mehrfachkrise verstärkt über gesellschaftliche Perspektiven jenseits der kapitalistischen Wachstumslogik diskutiert – und ein Modell dabei, das Beachtung verdient hat, ist nicht Ergebnis „westlicher“ akademischer Diskussionen, sondern das indigen geprägtes Konzept vom vom „guten Leben“: Buen Vivir, die spanische Übersetzung des Begriffs sumak kawsay (Quichua) oder suma qamaña (Aymara). Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat jetzt dazu eine Analyse von Eduardo Gudynas veröffentlicht, die für die hiesige Debatte über ein Leben jenseits von kapitalistischer Erwerbsarbeit und materiellem Reichtum wichtige Denkanstöße liefern kann: Die Idee des Buen Vivir zielt vor allem auf ein grundlegend verändertes Verhältnis des Menschen zur Natur, das nicht mehr in nachhaltiger, also unter ökologischen und anderen Gesichtspunkten optimierte Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen beruht, „sondern auf ein fundamentales Umdenken, einen grundlegend neuen Umgang mit der Natur, der die Komplementarität betont und in dem der Mensch die Natur nicht mehr beherrscht und unterwirft“, wie es im Vorwort heißt.

Buen Vivir spielte zwar am Rande auch schon in der Programm-Diskussion der Linken eine Rolle, und auch in Beiträgen zu einer neuen Ökonomie des guten Lebens jenseits von Kapitalismus und Staatssozialismus wird darauf verwiesen, etwa hier bei Raul Zelik. Ein größeres Interesse scheint bisher aber zu fehlen. Das mag einerseits daran liegen, dass Buen Vivir eine Form gegenhegemonialen Denkens ist, die mit spezifischen kulturellen, regionalen Voraussetzungen verbunden ist und einen antikolonialen Charakter hat – also keine Blaupause darstellt, die sich in Europa einfach übernehmen ließe. Andererseits wurden Konzepte des Umbaus in Lateinamerika, so sie mit dem Begriff „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ identifiziert waren, sonst hierzulande bis über die Grenze der solidarischen Kritikfähigkeit hinaus gefeiert. Dafür ist das Interesse bisher in Sachen Buen Vivir eher gering – obwohl es in die Verfassungen von Bolivien und Ecuador Eingang gefunden hat. Man könne dort, schreibt die Lateinamerika-Leiterin der Luxemburg-Stiftung, Karin Gabbert, „zusehen, erfahren und lernen, was aus radikalen Ideen wird, wenn sie in konkrete Politik umgesetzt werden“.

Eduardo Gudynas beschreibt in der Broschüre der Stiftung „vor allem die indigenen Beiträge und die philosophischen Grundideen des Buen Vivir und begründet, wieso konventionelle Entwicklungstheorien und die Ideologie des Fortschritts durch das Konzept des Buen Vivir so radikal infrage gestellt werden“. Die Herausgeber wünschen sich dabei „die Offenheit, Buen Vivir als eigenständiges, relevantes, andines Konzept zu begreifen, ohne es haftbar zu machen für eigene Interessen. Im besten Fall stellt es Gewissheiten infrage und erzeugt neue Erkenntnisse.“ Wer dabei nicht nur auf Gudynas Text zurückgreifen will, findet hier weiteren Lesestoff:

Thomas Fatheuer: Buen Vivir – Eine kurze Einführung in Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur (Böll-Stiftung)

Silke Helfrich: Buen Vivir und Commons – zwei Konzepte, eine
Richtung

Buen Vivir: Schwerpunkt der Zeitschrift Informationsstelle Lateinamerika (hier)

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