Klaus Barthel

Krisenpolitik mit Geranien

Schwarz-Gelb gegen Rot-Grün, so sieht das jedenfalls in den Nachrichten aus: Am Mittwoch soll es bei einem Gespräch im Kanzleramt um die Bedingungen gehen, unter denen SPD und Grüne dem Fiskalpakt (Gesetzentwurf der Bundesregierung) zustimmen. Im Zentrum der Debatte steht eine Finanztransaktionssteuer, beziehungsweise die Frage, wie ehrlich die Zusagen von Union und Liberalen sind, sich für diese und vor allem bis wann auf europäischer Ebene einzusetzen. Mit großen Gesten der Empörung konnten sich in den vergangenen Tagen vor allem die Sozialdemokraten als hartnäckige Verhandler gerieren, nachdem es am Wochenende Berichte gegeben hatte, denen zufolge die Regierung das Projekt einer Börsensteuer ohnehin nicht mehr bis zum Ende der Legislatur vorantreiben werde. Unter dem Strich haben alle politisch Beteiligten etwas davon: Der Streit lenkt vom wesentlichen ab, und das ist nicht die Abgabe auf Transaktionen an den Geldmärkten, sondern der Fiskalpakt in Verbindung mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus.

Die Linkspartei hat in der Diskussion ein Problem: Erstens, weil sie ein weiteres Mal bei der parteipolitischen Debatte über eine Forderung, die sie sehr früh, jedenfalls früher als andere erhoben hatte, nur noch als Randnotiz vorkommt. Und zweitens, weil es nicht so leicht in die medialen Diskurse einzuspeisen ist, dass man zwar für die Finanztransaktionssteuer sein kann, zugleich aber klarmachen muss, dass diese mit der Lösung der Eurokrise nichts oder jedenfalls nur sehr wenig zu tun hat. Katja Kipping hat nun in der Passauer Neuen Presse gefordert, „dass die Börsensteuer von den Fiskalpaktverhandlungen abgekoppelt wird“, damit die Abgabe, für die es „eine Allparteienmehrheit“ gebe, endlich eingeführt und nicht zerredet werde. Genau darauf setzen aber ein Teil von SPD und Grünen, die in der taktischen Bredouille sind: Würden sie dem Fiskalpakt die Zustimmung verweigern, müssten sie fürchten, in der veröffentlichten Meinung als verantwortungslos dazustehen, denn die offizielle Erzählung lautet: Ohne Fiskalpakt geht Europa unter.

Seit Tagen kritisieren Linken-Politiker, SPD und Grünen würden sich bei der Finanztransaktionssteuer auf eine „unverbindliche Goodwill-Veranstaltung“ einlassen, der Verhandler für die Linksfraktion, Richard Pitterle, spricht von einer “Verhandlungsshow”. Die Parlamentarische Geschäftsführerin Dagmar Enkelmann sagt, „die Regierung ergeht sich in Ausflüchten und Ausreden, SPD und Grüne fordern Zeitpläne und Zusagen ein, von denen sie wissen, dass sie für die Bundesregierung weitgehend unverbindlich bleiben. Die zentralen Probleme sind bisher ungelöst“. Axel Troost, Finanzexperte und neuer Parteivize der Linken, verweist darauf, dass beim Thema Börsenabgabe „SPD, Grüne und Linke mit ihren Forderungen an einem Strang“ ziehen – aber: „Die Finanztransaktionssteuer ist traditionell ein Instrument zur Finanzierung globaler Angelegenheiten, sprich Entwickungshilfe und weltweitem Umwelt- und Klimaschutz“, so Troost. „Der Bundestag darf sich nicht aus seiner Verantwortung gegenüber dem Rest der Welt stehlen, weil die Gelder aus der Steuer nun für die Eurokrise gebraucht werden.“

Damit ist die nicht einfache Positionen der Linkspartei umrissen: Welche Aufmerksamkeit kann sie gegen SPD und Grüne im Fiskalpakt-Streit mit ihren alternativen Forderungen behaupten, wie weit muss sie dabei im Interesse der parteipolitischen Konkurrenz und wie weit darf sie dabei im Interesse gemeinsamer Politikziele auf Abgrenzung setzen? Und schließlich: Wie gelingt es ihr, etwa durch den Anstoß einer Diskussion über die Verwendung der Einnahmen aus einer Börsenabgabe, den medialen Zusammenhang zwischen Finanztransaktionssteuer und Fiskalpakt aufzulösen – um gegen letzteren die politische Handlungsfähigkeit zu stärken.

Dazu gehört auch, nicht mit den offenbar schwierigen Bemühungen nachzulassen, parteiübergreifende Kooperation gegen das Spardiktat zu suchen. Für den linken Flügel der Grünen hat Hans-Christian Ströbele in der Tageszeitung erklärt, warum seine Partei seiner Meinung nach mit Nein stimmen soll. Die Berliner Zeitung berichtet am Mittwoch über Forderungenvom linken Flügel der Sozialdemokraten, die SPD-Spitze solle die Bedingungen für eine Zustimmung „deutlich nachschärfen“. Dazu wird es mehrere Anträge zum kleinen Parteitag am Samstag geben. Zu einem Antrag der Jusos, der klar die Ablehnung des Fiskalpaktes fordert, hat die Antragskommission kein Votum abgegeben – es werde voraussichtliche einen Initiativantrags des SPD-Vorstandes zu der Frage geben. Der Vorsitzende des Arbeitnehmerflügels Klaus Barthel sagte der Berliner Zeitung, „so wie das jetzt vorgesehen ist, kann man dem nicht zustimmen, seine Partei könne nicht zufrieden sein, wenn „der Misthaufen mit roten Geranien bepflanzt wird“.

Dass es am Ende trotzdem so kommt, ist zwar wahrscheinlich. Aber wäre es deshalb auch sinnvoll, mit dem Hinweis darauf jene in SPD und Grünen zu kritisieren, die sich gegen die Steinmeiers und Trittins vielleicht nicht durchsetzen können? Die nicht einfache Aufgabe für die Linke wäre es, einerseits auf ihren radikaleren Forderungen zur Lösung der Eurokrise zu beharren und zugleich dort unterstützend laut zu werden, wo sich Chancen auftun, auch kleinere Verschiebungen in der Hegemonie zu erreichen. Das Problem des Anti-Fiskalpakt-Lagers in der Gesellschaft ist zurzeit weniger, dass es zu klein ist, sondern vor allem, dass es über die Vereinzelung von Parteiströmungen, großen Teilen der Gewerkschaften (siehe unter anderem diesen Aufruf hier) und sozialen Bewegungen (etwa bei Attac) hinaus nicht zur politischen Praxis fähig ist. In den kommenden Tagen werden wahrscheinlich die entscheidenden Weichen in der deutschen Fiskalpakt-(und-ESM-)Debatte gestellt. Es hätte nicht geschadet, wenn am Mittwoch Zehntausende vor dem Kanzleramt ihre Meinung dazu gesagt hätten. Dann würde es in den Nachrichten auch nicht so aussehen, als ob das nur eine Angelegenheit zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb oder eine Frage der Finanztransaktionssteuer wäre. (tos, Foto: InAweofGod’sCreation, CC BY 2.0)

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Aufrufen vs. abstimmen

„Farbe bekennen“, fordert seit einigen Tagen ein Aufruf und will Aufmerksamkeit auf die „entwürdigende Hartz-IV-Praxis“ lenken. Der Appell, der inzwischen von über 350 Menschen unterzeichnet wurde, will erreichen, das gegenwärtige Regime von Zwang, Schikane und Sanktionen für die Bezieher des Arbeitslosengeldes II „abzuschaffen und die berufliche Förderung in den Mittelpunkt zu stellen“. 2011 wurden insgesamt 912.377 Strafen verhängt, so viel wie nie zuvor. Bis zu 40 Prozent davon werden später von Gerichten wieder kassiert. Es geht hier nicht nur um die schrittweise Kürzung des Regelsatzes oder der Zahlungen für Unterkunft und Heizung, sondern auch um Würde und Autonomie der Betroffenen, und um Propaganda. Denn mit den „Missbrauchsstatistiken“ wird seit langem Politik gemacht. Die Sanktionen sind elementarer Bestandteil des Drohsystems Hartz, das nicht nur auf Erwerbslose, sondern mehr noch auf Beschäftigte zielt: Die Angst, selbst von der „entwürdigenden Hartz-IV-Praxis“ betroffen zu sein, fördert Duckmäusertum im Betrieb, die Bereitschaft für geringen zu arbeiten, und spaltet die Lohnabhängigen.

Thorsten Hild, der Initiator des Aufrufs “Farbe bekennen”, hat auf diesen Blogpost geantwortet: “Anders als Tom Strohschneider halte ich daher eine “Enthaltung” der Unterzeichner/innen des Aufrufes aus der SPD bei den Anträgen über die Hartz-IV-Sanktionen im Deutschen Bundestag schon für einen gewaltigen Fortschritt – auch wenn ich mir persönlich ein klares Votum für die Abschaffung der Sanktionen gewünscht hätte.” Den ganzen Text hier

Ein von Katja Kipping (Linke) zusammengestelltes Dossier mit Fakten zu Sanktionen bei Hartz IV bzw. Leistungseinschränkungen bei der Sozialhilfe und Argumenten dagegen gibt es hier

Die Kritik daran ist alt und sie hätte zu einer über den Bereich der Sozialpolitik hinausreichenden reformpolitischen Klammer werden können, ein Thema für Mobilisierungen, welche die Idee eines gesellschaftlichen Mitte-unten-Bündnisses konkret werden lassen. Ein Versuch ist schon im Sommer 2009 mit dem Bündnis für ein Sanktionsmoratorium gemacht worden, das Hunderte Unterstützer in Politik, Wissenschaft und Bewegungen fand – und für das sich auch Abgeordnete aus SPD, Grünen und der Linkspartei stark machten. Später gab es eine Aktion von Bloggern gegen Sanktionen und eine Petition (siehe auch hier). Und nun also der Aufruf „Farbe bekennen“ – ein parteiübergreifendes Dokument des guten Willens, aber doch kaum mehr. Bis Ende April hatten über 20 Mandatsträger der SPD, elf Grüne, zwei Piraten und 29 Parlamentarier der Linken den Appell unterzeichnet – unter ihnen auch Bundestagsabgeordnete wie Klaus Barthel, der gerade zum Nachfolger von Ottmar Schreiner als AfA-Vorsitzender gewählt wurde. Als vergangene Woche im Bundestag Anträge im Parlament zur Abstimmung standen, mit denen Linke (hier) und Grüne (hier) ein Sanktionsmoratorium durchsetzen wollten, konnten sich Sozialdemokraten wie Barthel oder die Sprecherin der SPD-Linken, Hilde Mattheis, welche den einen oder beide der oben genannten Aufrufe unterzeichnet hatten, aber nicht zu mehr als einer Enthaltung durchringen.

Auch zwischen Linken und Grünen ist es mit der gemeinsamen Ablehnung der Sanktionen nicht weit her, wenn es um konkrete Anträge geht – und um die parteipolitische Symbolik von Abstimmungen im Bundestag. Der Initiative der Linken, die gefordert hatten, alle Sanktionen in der Grundsicherung ersatzlos zu streichen und eine Unterschreitung des Existenzminimums gesetzlich auszuschließen, stimmte bei den Grünen lediglich Hans-Christian Stöbele zu, eine Reihe von linken Grünen wie Wolfgang Strengmann-Kuhn und Agnes Krumwiede enthielten sich ebenfalls – und begründeten dies in einer persönlichen Erklärung damit, dass der Antrag der Linken „zu einfach“ sei und „nicht weit genug“ gehe. Die Grünen hatten in ihrem Antrag ebenfalls eine Aussetzung der Strafen und die Unantastbarkeit des Grundbedarfs für die gesellschaftliche Teilhabe gefordert, zudem solle eine Reform der Grundsicherung für Arbeitsuchende deren Mitwirkungsmöglichkeiten verbessern: etwa durch Wahlfreiheit bei Qualifizierungen, die Möglichkeit, bürgerschaftliches Engagement als „Gegenleistung“ für staatliche Hilfe anzuerkennen, oder die Einrichtung von unabhängigen Ombudsstellen für Fälle, in denen es zwischen Erwerbslosen und den Hartz-Behörden zu Konflikten kommt.

Der Antrag der Grünen fand die Zustimmung der Linken, allerdings lehnten die meisten Sozialdemokraten auch diese Initiative ab; ein paar SPD-Abgeordnete enthielten sich. Es ist eben leichter, Aufrufe zu unterschreiben, um „Farbe zu bekennen“, als im Parlament bei der namentlichen Abstimmung auch einmal entsprechend zu votieren. Der Antrag der Linken mag weiter gehen, jener der Grünen ausführlicher anschlussfähiger formuliert sein – ihnen beiden ist die Idee gleich. Doch sie wird von einigen nicht einmal verstanden: Die Sozialdemokratin Gabriele Hiller-Ohm hat am vergangenen Donnerstag bei der Debatte im Plenum behauptet, man könne die geltenden Sanktionen ohne gesetzliche Grundlage nicht aussetzen (sie einzuführen und gegen unter 25-Jährige zu verschärfen war für die SPD viel einfacher), und die Linken würden ja doch nur durch die Hintertür ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen wollen. Auf den wichtigen Unterschied zwischen einer sanktionsfreien Mindestsicherung, bei der es weiterhin eine Bedürftigkeitsprüfung gibt, und einem bedingungslosen Grundeinkommen musste die SPD-Frau, die immerhin im erweiterten Vorstand der Parlamentarischen Linken sitzt, erst von Katja Kipping aufmerksam gemacht werden. (tos)

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