Wohnst du noch, oder … ? Die Linksfraktion hat sich bei der Regierung erkundigt, wie sich die Zahl der Sozialwohnungen entwickelt. Die Antwort: Seit 2002 gibt es bundesweit rund ein Drittel weniger Wohnungen mit Mietpreis- und Belegungsbindung, ihre Gesamtzahl sank auf knapp 1,7 Millionen. Die Linken-Abgeordnete spricht gegenüber den Ruhr-Nachrichten von von einem „gewaltigen politischen Versagen“. Ohne sozialen Wohnungsbau würden „die Mieten ohne Ende“ steigen. Daher müsse es „eine Neuauflage“ des sozialen Wohnungsbaus geben. Das sehen auch viele Bundesbürger so: Anfang Juli votierten in einer Umfrage 59 Prozent für staatliche Maßnahmen gegen steigende Mietpreise. Besonders Geringverdiener erwarteten ein Eingreifen, 68 Prozent der Bürger mit Hauptschulabschluss seien dafür. Eine Studie des Pestel-Instituts in Hannover hatte ergeben, dass in den zehn deutschen Großstädten, die den größten Wohnungsmangel haben, mehr als 100.000 Mietwohnungen fehlen. Bis 2017 könne die Lücke in Deutschland auf über 400.000 Wohnungen anwachsen. Das Institut sprach sich „für den Neubau von Sozialwohnungen aus, denn sonst wird das Wohnen für immer mehr Menschen unbezahlbar – insbesondere für Rentner, Familien und Beschäftigte mit geringem Einkommen“. (tos, Foto: Basvolve06, CC BY-SA 3.0)
Caren Lay
Wohnst du noch?
Keine Tabubereiche
„Es gab schon angenehmere Momente für die Linke“, begann Klaus Ernst am Sonntagabend seine erste Bilanz des Ergebnisses der Wahlen in Schleswig-Holstein – und in dieser Frage dürfte in der Partei sogar Einigkeit herrschen: 29.868 Stimmen reichten gerade einmal für 2,2 Prozent. Erstmals ist die Linke im Westen wieder aus einem Landesparlament geflogen, und das wirft nun viele Fragen auf. Einige Antworten gab es bereits in den Stunden nach Schließung der Wahllokale, andere werden noch gefunden werden müssen.
Man habe das Wahlziel eindeutig verfehlt, sagt Ernst, das Ergebnis sei enttäuschend. Ähnlich äußerte sich Bundesgeschäftsführerin Caren Lay, die von einer „ganz bitteren Enttäuschung“ sprach. „Die permanente Selbstbeschäftigung muss enden“, forderte Lay und gab ihrer Erwartung Ausdruck, „dass alle diesen Warnschuss gehört haben“. Auch der Linkenvorsitzende hat noch am Sonntag die Konflikte in der Partei für das schlechte Abschneiden mitverantwortlich gemacht: „Wir haben uns in den letzten Monaten, eigentlich in den letzten zwei Jahren, viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt“, erklärt der Gewerkschafter – und kritisiert jene „in der Mannschaftsaufstellung“, die auf das „eigene Tor statt auf das gegnerische schießen“. Wen genau Ernst damit meint, sagt er nicht, aber es sind wohl auch solche Vorwürfe, die das Klima in der Linken auf ungemütlicher Temperatur halten.
“Wenn es danach ginge, wären die Grünen und vor allem die FDP schon längst weg”. Die Grünen, so Ernst, seien seit 1990 sieben Mal beziehungsweise die Liberalen sogar 19 Mal aus den Parlamenten geflogen. (aus der Leipziger Volkszeitung)
Der Parteichef versuchte zugleich Hoffnung für die Wahl am kommenden Sonntag zu machen: In Nordrhein-Westfalen gebe es eine andere Situation, der Landesverband dort sei „auch intern sehr gut aufgestellt“, was man durchaus so verstehen musste, dass dies für die Linken im Norden nicht gilt. Dort zeigte man sich selbstkritisch: Spitzenkandidatin Antje Jansen sagte, „wir waren nicht aggressiv genug“; in einem engagierten Wahlkampf sei es nicht ausreichend gelungen, zum Beispiel den Versprechen der SPD etwas entgegenzusetzen. Bundestagsfraktionsvize Cornelia Möhring forderte am Wahlabend, „es muss alles schnell aufgearbeitet und analysiert werden. Es darf keine Tabubereiche geben.“
Dass die Niederlage im Norden auf die Diskussionen ums Spitzenpersonal geschoben werden können, glaubt Möhring nicht. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir unsere klassischen Themen relaunchen“, wird die Bundestagsabgeordnete im Neuen Deutschland zitiert. Auch müsse man „mit Blick auf die Listenaufstellung (…) fragen, ob wirklich die Besten ins Rennen geschickt worden sind“. Dem Vernehmen nach wurden auf der Wahlparty in Kiel am Sonntag bereits Forderungen nach einer außerordentlichen Landesmitgliederversammlung laut. „Dafür werden bereits die nötigen Unterschriften gesammelt“, wird ein Genosse zitiert. Unter anderem die Kreisverbände Lübeck und Kiel würden Druck machen. Ein regulärer Parteitag ist erst für den 30. September angesetzt.
Der Freitag: Piraten ersetzen die Linke als Protestpartei – hier
Hamburger Abendblatt: Linke als Protestpartei abgelöst – hier
Nun wird man zunächst auch die Ergebnisse genauer anschauen. Überdurchschnittliche, wenn man davon in diesem Prozentbereich noch sprechen kann, schnitt die Linke unter Erwerbslosen, Arbeitern und – das könnte als Hoffnungsschimmer interpretiert werden – unter den 25- bis 34-Jährigen ab. Am Ergebnis änderte es freilich nichts. Für Benjamin Hoff und Horst Kahrs kommt die Wahlniederlage im Norden auch „nicht überraschend. Der Einzug in den Landtag gelang 2009 nur im Sog der am gleichen Tag stattfindenden Bundestagswahlen und war ein Resultat des bundespolitischen Rückenwindes für die Partei.“ Es sei zudem in der kurzen Legislaturperiode nicht gelungen, „personell und thematisch landespolitisches Profil zu entwickeln und so die Abhängigkeit von den politischen Stimmungen für die Bundespartei abzuschwächen“. Hinzu gekommen seien Probleme einer „schwachen und von (Ab-)Spaltungen bedrohten Parteistruktur“ sowie der weitgehend prekären kommunalen Verankerung.
Weiter heißt es in der Wahlnachtanalyse: „Wichtige personelle und strategische Fragen wurden frühzeitig auf die Zeit nach der Wahl in Schleswig-Holstein vertagt, prägten aber die öffentliche Berichterstattung über die Partei über Monate hinweg. Dabei gelang es wiederum nicht, die offenen Personalfragen mit inhaltlichen Positionen und Themen zu verbinden. Daher konnten die Differenzen nicht als Unterschiede in einer pluralen linken Partei wahrgenommen werden, die nach den besten Lösungen für gesellschaftliche Probleme und nach den erfolgversprechendsten strategischen Wegen für die Verbesserung der Lebenslage ihrer Anhänger_innen sucht, sondern nur als Gerangel zwischen Personen, die nicht mit einander können.“
Auch die Landessprecher der Linken in Bayern haben sich bereits zum Wahlausgang erklärt: „Bei aller Enttäuschung“, so Eva Bulling-Schröter, „das Ergebnis ist für die Linke besser als die Umfragen“. Und Xaver Merk sieht das Ergebnis „zwei Irrtümern der Wählerinnen und Wähler geschuldet. Irrtum 1 ist, mit einer sozialdemokratisch geführten Landesregierung werde es sozial gerecht zugehen in Schleswig-Holstein, und Irrtum 2 ist, dass die Piraten eine ernsthafte politische Alternative bieten – sie sind lediglich ein Auffangbecken für Protestwähler, die von der bisherigen Landespolitik enttäuscht wurden“.
Das Forum demokratischer Sozialismus hat sich am Sonntag in einem Brief an die Wahlkämpfer im Norden gewandt und sich für das Engagegemnt in einer schwierigen Lage bedankt: “Ihr habt in einer für unsere Partei schweren Situation versucht, gegen den Bundestrend ein achtbares Ergebnis zu erzielen. Das dies nicht gelungen ist, ist für uns alle bitter – so, wie wir alle in Schleswig-Holstein eine Niederlage erlitten haben. Ihr konntet nicht wettmachen, was die Probleme der Partei derzeit insgesamt ausmacht.” Das Engagement im Wahlkampf sei “nicht umsonst” gewesen. “Es ist die Basis dafür, dass unsere Partei auch wieder bessere Zeiten erleben kann.” (vk, tos)
Quotenkampf
Gesine Lötzsch ist als Parteivorsitzende zurückgetreten und ohne Amt sagt man manche Dinge unbefangener als in den Zwängen des Apparats. Die Linke sollte, meint Lötzsch und gibt es der Partei quasi als Vermächtnis mit auf den Weg, bei der Bestimmung ihrer Vorsitzenden künftig auf die bislang obligatorische Ost-West-Quote verzichten. Die Mindestquotierung für Frauen sollte bleiben, aber ansonsten gehe es darum, „wer es am besten kann“. Die Ost-West-Frage habe sich überlebt.
Das hört sich plausibel an, zumal für eine Partei, die bei der Suche nach neuem Führungspersonal in gewissen Nöten steckt. Wie schwierig es bei der Erfüllung einer Himmelsrichtungsquote (Bodo Ramelow) inzwischen ist, zeigt der Fall Sahra Wagenknecht: Sie wird (ostdeutsche Herkunft, Wahlkreis in NRW) je nach Belieben mal als Ost-, mal als Westquotenfrau bezählt. Das könnte man als pragmatisch bezeichnen, aber durchaus auch als Trick. Und was wäre mit Jan Korte (stammt aus Niedersachsen, Wahlkreis in Sachsen-Anhalt), Caren Lay (stammt aus Rheinland-Pfalz, lebte dann einige Jahre in Sachsen), Bodo Ramelow (stammt aus Hessen, lebt seit rund 20 Jahren in Thüringen) … Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Man wüsste allerdings gern, ob Lötzschs Erkenntnis ein Fazit ihrer Zeit als Vorsitzende ist, ob sie Beispiele dafür sieht, dass die (im Statut nicht enthaltene) Ost-West-Quote jemanden verhindert hat, „der es am besten kann“, oder ob es nur eine allgemeine Anmerkung ist.
Bodo Ramelow geht übrigens noch einen Schritt weiter: Er will ausdrücklich auch den Verzicht auf „eine nach Strömungslogik aufgestellte Führungsarchitektur“ – also auf eine Konstruktion wie die von Gregor Gysi vor gut zwei Jahren herbeigeführte. (wh)
Streit um Immunität
Während die diesjährigen Proteste gegen Neonazis in Dresden näher rücken, geht der Streit um die Immunität der beiden linken Abgeordneten Caren Lay und Michael Leutert weiter. Nach der heftigen Kritik aus den Reihen der Linken an der Entscheidung des Bundestagsausschusses, hat der sich nun wiederum mit einem Beschluss verteidigt: Darin wird der von Gregor Gysi in einem Schreiben erhobene Vorwurf, der Ausschuss handele willkürlich, wenn er „eine Immunitätsentscheidung zu Lasten der Abgeordneten trifft, obwohl der Wissenschaftliche Dienst als das für den Bundestag zuständige rechtliche Beratungsorgan in einem Gutachten zu dem Ergebnis gekommen ist, dass in den hier fraglichen Fällen für eine Strafverfolgung keine gesetzliche Grundlage existiert“, wurde mit den Stimmen aller Parteien außer der Linken „scharf zurückgewiesen“.
Der Ausschuss habe „in der Vergangenheit stets unter Beweis gestellt“, dass er sich allein der Aufgabe verpflichtet fühle, „die Funktionsfähigkeit des Bundestages zu wahren und seine Mitglieder vor einer Beeinträchtigung ihrer Mandatsausübung durch ungerechtfertigte Strafverfolgung zu schützen“. Dies gelte auch im Fall von Lay und Leutert, denn – und hierin besteht wohl die grundsätzliche Differenz, es stelle sich für das Gremium nicht die Frage, „ob sich die beiden Abgeordneten tatsächlich schuldig gemacht haben oder nicht. Darüber werde allein in einem gerichtlichen Verfahren entschieden“. Für den Ausschuss könne es „einzig“ darum gehen, „ob das gegen die Abgeordneten angekündigte Ermittlungsverfahren gegen immunitätsrechtliche Grundsätze verstößt“.
Welche das sind, lässt der Beschluss selbst offen. Das Immunitätsrecht, heißt es in Erläuterungen des Ausschuss-Vorsitzenden Thomas Strobl, „bezweckt vornehmlich, die Arbeits- und Funktionsfähigkeit des Bundestages sicherzustellen. Es schützt den Bundestag als Verfassungsorgan vor Übergriffen der Exekutive und Judikative“, die Bundestagsabgeordneten hätte, so der CDU-Politiker, „einen Anspruch, dass sich der Bundestag bei der Entscheidung über eine Immunitätsaufhebung nicht von sachfremden, willkürlichen Motiven leiten lässt“. Sein Fundament findet das Immunitätsrecht in Artikel 46 des Grundgesetzes, wo es unter anderem heißt: „Wegen einer mit Strafe bedrohten Handlung darf ein Abgeordneter nur mit Genehmigung des Bundestages zur Verantwortung gezogen oder verhaftet werden“. Zur „Genehmigungspraxis“ schreibt Strobl weiter: Der Bundestag pflege „in ständiger Übung die Genehmigung zur Erhebung einer Anklage, zum Erlass eines Strafbefehls oder zum Vollzug eines gerichtlichen Durchsuchungsbeschlusses nach Prüfung der jeweiligen Voraussetzungen zu erteilen“. Dies ziele auch darauf ab, Abgeordnete „nicht anders als die übrigen Bürger zu behandeln“.
Gregor Gysi und andere haben trotzdem das „falsche Signal“ beklagt, das von der Entscheidung ausgehe – zumal, als diese kurz vor den Protesten des Jahres 2012 erging. Für den Fraktionschef der Linken steht fest, der „antifaschistische Widerstand muss unterstützt werden und darf nicht strafrechtlich verfolgt werden“. Er habe deshalb erwartet, „dass der Bundestag zeigt, hier ist eine Grenze erreicht, hier machen wir nicht mit“. Doch offenbar, so Gysis Kritik, würden bestimmte Grundsätze „immer anders interpretiert“, „wenn es um die Linken geht“.
Es greifen hier eine politische und eine juristische Frage ineinander: Ziviler Ungehorsam gegen Neonazi-Aufmärsche kann (und sollte) als richtig betrachtet werden, er wird zu einem solchen aber nicht zuletzt erst dadurch, dass die Protestierenden in Kauf nehmen, für ihre politisch begründete Regelübertretung womöglich bestraft zu werden. Dies geschieht auf Basis der geltenden Gesetze und einer Rechtsprechung, die symbolisch und praktisch zu kritisieren der zivile Ungehorsam sich ja anschickt. Anders formuliert: Die Naziaufmärsche werden blockiert in dem Wissen, dass das Demonstrationsrecht den Rechtsradikalen diese Möglichkeit einräumt, weil das aber als politisch falsch angesehen wird („Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.“), versuchen Tausende, was der Staat nicht tut: die Nazi-Versammlungen zu verhindern. Ob solche Sitzblockaden wirklich als „Nötigung“ angesehen werden können und in jedem Fall rechtswidrig sind, ist umstritten. Und letztlich kommt es auf wiederum individuelle politische Umstände an, etwa wie der Staatsanwalt tickt oder der Richter. In der aktuellen Ausgabe von konkret kann man nachlesen, zu welch widersprüchlichen Entscheidungen das im Fall von Dresden-Blockierern geführt hat.
Die Debatte über die Immunität von Lay und Leutert lenkt den Blick noch auf eine historische Dimension: „Die verfassungsrechtliche Festlegung der Immunität kann nur aus ihrer geschichtlichen Bedeutung verstanden werden“, schrieb der Politikwissenschaftler Karl-Heinz Rausch Mitte der sechziger Jahre. „Die Immunität diente dem Schutz des neu aufkommenden Teilmachthabers Parlament gegen die oft tendenziösen Verfolgungen der Exekutive im monarchischen Staat.“ Günter Platzdasch, einst als Eurokommunist aus der DKP geflogen, später SPD-Mitglied und noch später parteiloser Kandidat auf einer Wahlliste der Linken, hat vor einigen Wochen an ein Büchlein aus dem Jahr 1966 erinnert – ihr Titel: „Immunität als Privileg“, Autor war der linke Jurist Wilhelm R. Beyer, der seine Studie ausdrücklich als eine „gegen die Abgeordneten-Immunität“ verstand. Diese habe im Kaiserreich einen Schutz gegen „oben“ bewirkt, sich in der Weimarer Republik nach „nebenan“, also gegen konkurrierende Abgeordnete gerichtet und sei in der Bundesrepublik zu einem Immunisierungsversuch nach „unten“, gegen das Volk, geworden.
Interessanter Weise liegt die Mehrheit des Immunitätsausschusses, mit der Begründung ihres Neins zu dem Antrag auf Anhörung Lays und Leuterts sowie auf Wiederherstellung von deren Immunität gar nicht so weit davon entfernt. Union, FDP und SPD hätten so entschieden, erklärte der Ausschuss-Vorsitzende Strobl, weil „Abgeordnete keine Sonderbehandlung genießen dürften“. Das lässt angesichts der Tatsache aufhorchen, dass nach den Blockaden von 2010 unter den teilnehmenden Abgeordneten fast ausnahmslos gegen Parlamentarier der Linken ermittelt wurde, also eine Art herausgehobene Behandlung auf Seiten der Strafverfolgungsbehörden durchaus anzunehmen ist. Allerdings kann man dafür den Immunitätsausschuss nicht verantwortlich machen, auch wenn es offen bleiben mag, wie das Gremium entschieden hätte, wenn etwa Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse von der Staatsanwaltschaft wegen seiner Teilnahme an Blockaden gegen Neonazis verfolgt würde.
PS. Es wird übrigens nicht nur gegen Linken-Abgeordnete ermittelt, auch mindestens eine Grüne-Politikerin ist ins Visier der sächsischen Staatsanwaltschaft geraten. Und vor allem: noch weit über 200 andere Menschen, wie man in dem ausführlichen Bericht der Untersuchungskommission 19. Februar und dem Grundrechte-Komitee nachlesen kann. Gegen sie wurde unter anderem wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht und Landfriedensbruch ermittelt, sogar die Bildung einer kriminellen Vereinigung wurde im Zusammenhang mit den Dresden-Protesten angenommen, die berüchtigte Durchsuchung des Hauses der Begegnung ist vielen noch in Erinnerung und nicht zuletzt hat die massenhafte Funkzellenabfrage und der Einsatz von IMSI-Catchern Tausende zu Betroffenen einer staatlichen Praxis gemacht, die sich gern auf das Formale und juristisch Objektive herausredet, die aber genau dies nicht ist: unpolitisch oder unparteiisch. (tos Foto: Probesitzen 2012, Foto: Linke)
Gründlich verfehlt
Der Immunitätsausschuss des Bundestags hat am Donnerstag den Weg für ein Strafverfahren der sächsischen Justiz gegen die linken Abgeordneten Caren Lay und Michael Leutert freigemacht. In der Partei stieß das auf heftige Kritik – nicht zuletzt, da die Ermittlungen auf Grund einer NPD-Anzeige in Gang gesetzt wurden und offenbar auch die SPD-Vertreter in dem Ausschuss für die Aufhebung der Immunität stimmten, was in Kontrast zu den sozialdemokratischen Aufrufen steht, sich an den auch dieses Jahr geplanten Blockaden von Nazi-Aktionen in Dresden zu beteiligen. Linken-Chef Klaus Ernst erklärte, er sei „besonders vom Abstimmungsverhalten der SPD enttäuscht“; der Ausschuss habe „der Demokratie einen Bärendienst erwiesen“. Ernst nannte die Ausschuss-Entscheidung ein „Signal der Einschüchterung“ und forderte, „wir müssen ernsthaft darüber nachdenken, wie wir künftig sicher stellen, dass das Demonstrationsrecht friedliche Demokraten schützt und nicht rechtsextreme Verfassungsfeinde“.
Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Linksfraktion, Dagmar Enkelmann, sagte, der Immunitätsausschuss habe „die ihm vom Bundestag anvertraute Verantwortung dafür, einen wirksamen Schutz von Abgeordneten vor ungerechtfertigter politischer Verfolgung zu gewährleisten, gründlich verfehlt“. Zudem sei beiden Abgeordneten „die ausdrücklich vorgesehene Möglichkeit verweigert“ worden, „zu den Umständen und Hintergründen ihrer strafrechtlichen Verfolgung wegen der Teilnahme an einer friedlichen Blockade zur Verhinderung des Nazi-Aufmarsches in Dresden“ im Jahr 2010 Stellung zu nehmen. Enkelmann fürchtet, dass nun für die Staatsanwaltschaft der Weg frei sei, „an den beiden Bundestagsabgeordneten ein juristisches Exempel gegen praktizierte Zivilcourage im Kampf gegen Rechtsextremismus zu statuieren“. Zuvor hatte Gregor Gysi in einem Brief an den Ausschuss-Vorsitzenden Thomas Strobl (CDU) und die anderen Fraktionschefs um Unterstützung gebeten. Es sei unstrittig, dass von Lay und Leutert “nicht die geringste Gewalt angewandt wurde, sie leisteten lediglich passiven Widerstand”. Solche Aktivitäten müssten unterstützt und “keinesfalls strafrechtlich verfolgt werden”. Es sei “erforderlich, dass der zuständige Ausschuss die Immunität beider Abgeordneten wieder herstellt bzw. im Falle eines Antrages ihre Aufhebung ablehnt”.
Die Angelegenheit ist zudem juristisch höchst fragwürdig: Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags war zu dem Ergebnis gekommen, dass “nach der Nichtigerklärung des Sächsischen Versammlungsgesetzes die Einleitung eines Strafverfahrens für Taten für den Zeitraum zwischen Verkündung und Nichtigerklärung wegen der dargestellten Strafbarkeitslücke nicht möglich sein” würden. Der sächsische Verfassungsgerichtshof hatte das betreffende Gesetz im April 2011 kassiert.
Lay zeigte sich „empört“ und verwies auf eine gemeinsame Erklärung alle Fraktionen, die mit Blick auf die Mordserie der Zwickauer Zelle gefordert hatten, rechtsradikalen Gruppen uind ihrem Umfeld den gesellschaftlichen und finanziellen Boden zu entziehen. „Diese Erklärung darf keine Sonntagsrede bleiben“, so Lay. Michael Leuter nannte die Entscheidung des Ausschusses „ein verheerendes politisches Signal an alle, die sich gegen Nazis engagieren“. Er selbst werde, wie auch viele andere Abgeordneten der Linken, der SPD und der Grünen, dennoch auch in diesem Jahr in Dresden bei den Protesten dabei sein. (hier beide im Audio) Zuvor war bereits die Immunität der hessischen Linke-Abgeordneten Janine Wissler und Willi van Ooyen (hier) und des sächsischen Fraktionschef André Hahn (hier) aufgehoben worden. Auch die sächsische Grünen-Landtagsabgeordnete Eva Jähnigen soll wegen der Teilnahme an der Blockade ihre Immunität verlieren. (vk)
