Sahra Wagenkencht hat ihre Dissertation an der Technischen Universität Chemnitz eingereicht. Das Thema: „Grenzen der Auswahl – Sparentscheidungen und Grundbedürfnisse in entwickelten Ländern“. Es gehe unter anderem um einen Vergleich des Sparverhaltens in den USA und Deutschland über einen längeren Zeitraum, so einer der begutachtenden Professoren, Fritz Helmedag. Der Tübinger hat in Chemnitz den Lehrstuhl für Mikroökonomie inne, was die Frankfurter Rundschau ein wenig verwundert hat: „denn eigentlich ist die Makroökonomie das Thema der stellvertretenden Partei- und Fraktionsvorsitzenden“.
Wer sich die wissenschaftliche Vita des Professors ansieht, findet freilich jede Menge Verbindungen zu den Interessen der Linken-Politikerin. Helmedag hat sich mit Produktions-, Wert- und Kapitaltheorie beschäftigt, zuletzt brachte er zusammen mit dem ebenfalls als Keynesianer geltenden Jürgen Kromphardt den Band „Nachhaltige Wege aus der Finanz- und Wirtschaftskrise“ heraus, in dem unter anderem Gustav Horn und Till van Treeck vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung „eine keynesianische Krisenerklärung“ formulieren.
Helmedag hat sich unter anderem mit Staatsschulden beschäftigt, und dabei eine Lanze für die Kreditfinazierung öffentlicher Ausgaben gebrochen – was bekanntlich auch die Linkspartei tut. Es empfehle sich ein “weniger verkrampfter Umgang mit Staatsschulden, denn sie erfüllen nicht nur eine wichtige Funktion im Wirtschaftskreislauf, sondern sie erhöhen bei vernünftigem Gebrauch auch die Wohlfahrt der Bevölkerung”, schrieb Helmedag 2010. Er ist außerdem Vertrauensdozent der parteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung und hat sich auch im neuen deutschland bereits über Staatsverschuldung und geschürte Inflationssorgen geäußert: „Hinter der Debatte um den Euro, die fast an Hysterie grenzt, steckt ein durchschaubares politisches Kalkül“, sagte der Professor in einem Interview im Juni 2010. „Ihr Ziel ist es, die angeblich über ihre Verhältnisse lebende Bevölkerung auf Einschnitte vor allem im Sozialen vorzubereiten.“ Helmedag und Wagenknecht, das berichtet die Freie Presse, hatten sich im Bundestag kennengelernt: Der Professor hatte an einer parlamentarischen Anhörung der Linksfraktion teilgenommen, man kam ins Gespräch und schließlich auch zu einer akademischen Zusammenarbeit.
Wagenknecht hatte ursprünglich einen anderen akademischen Weg begonnen, Anfang der 1990er Jahre studierte sich Philosophie und Literatur in Berlin und Groningen und schloss mit einer Arbeit über Hegel und Marx ab. Von letzterem ist es zum Thema ihrer nun eingereichten Dissertation freilich schon gar nicht mehr so weit. Die Arbeit an der Promotion hat sich angesichts der politischen Ämter der 43-Jährigen hingezogen, seit 2005 sitzt die Politikerin an dem Werk, vor einiger Zeit hieß es noch, sie wolle es an der Universität Potsdam abschließen. Nun also Chemnitz. „Wenn alles gut geht, und daran besteht kaum ein Zweifel, wird sie bald Dr . Sahra Wagenknecht heißen“, schreibt die Frankfurt Rundschau. Nach einer positiven Begutachtung stehen Wagenknecht dann noch Disputation und Rigorosum bevor. (tos, Foto: Dirk Vorderstraße, CC BY 2.0)
