Die Linke Sachsen-Anhalts hat eine neue Landesvorsitzende: Birke Bull, die bereits seit 2002 stellvertretende Landesvorsitzende der PDS bzw. der Linken war, wurde am Sonnabend zur neuen Landesvorsitzenden gewählt. Die Wahl auf einem außerordentlichen Parteitag war nötig geworden, weil der bisherige Landeschef Matthias Höhn in Göttingen zum Bundesgeschäftsführer gewählt worden war. Bull hatte keine Gegenkandidaten, aber nicht nur dadurch erklären sich die 89,2 Prozent Zustimmung. Die 48-jährige Hallenserin gehört seit 1999 dem Landesvorstand an, sie ist seit 1994 Landtagsabgeordnete, seit 1999 Fraktionsvize – besser kann man in der Landespolitik nicht verankert sein. Am Rande des Parteitags erklärte sie, die Linke habe die Öffentlichkeit mit Personalquerelen gelangweilt, jetzt müsse wieder Politik gemacht werden. Der neuen Parteiführung stellte sie ein gutes Zeugnis aus. Bull will die Basis stärker einbeziehen, die Partei attraktiver für junge Leute und für Frauen machen. Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn forderte, die Linke müsse gesellschaftliche Richtungsentscheidungen thematisieren und die Alltagstauglichkeit ihrer politischen Angebote deutlich machen. Ein Richtungswechsel ist in der Politik des Landesverbandes Sachsen-Anhalt nicht zu erwarten – Birke Bull steht in einer Linie mit den zum Reformerflügeln zählenden bisherigen Frontleuten wie Petra Sitte, Roland Claus, Rosemarie Hein, Wulf Gallert und Matthias Höhn. (wh, Foto: Linke Sachsen-Anhalt)
Wulf Gallert
Bull folgt Höhn
Der nächste Übertritt
Vor ein paar Tagen im Saarland, nun in Sachsen-Anhalt: Erneut will eine Landtagsabgeordnete der Linken ihre Fraktion verlassen – diesmal sogar in Richtung CDU. Wie die Mitteldeutsche Zeitung berichtet, ist der Übertritt von Edwina Koch-Kupfer schon länger geplant, die aus Halberstadt stammende Lehrerin sei mit dem Führungsstil der Linksfraktion unzufrieden gewesen. Deren Vorsitzender Wulf Gallert soll erst am Wochenende von den Plänen der parteilosen Abgeordneten erfahren und in einem Gespräch am Montag noch versucht haben, die 50-Jährige von ihrem Wechsel abzubringen. Koch-Kupfer, die seit 2009 2011 im Magdeburger Landtag sitzt, war bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion und hatte sich zuletzt vor allem um Fragen der Lehrerausbildung und des Sitzenbleibens befasst.
UPDATE 16.30 Uhr: Inzwischen hat sich auch Wulff Gallert gemeldet. Der Linksfraktionsvorsitzende hat den Wechsel von Koch-Kupfer – was keine Überraschung ist – scharf kritisiert und sie aufgefordert, das Mandat zurückzugeben. “Frau Koch-Kupfer ist auf der Landesliste der Linken ausdrücklich für den Bereich der Bildungspolitik gewählt worden, den sie in ihrer aktiven Arbeit in der Fraktion im letzten Jahr auch vertreten hat. Gerade in diesem Fachbereich stehen sich die Positionen der Wahlprogramme der Linken und der CDU genauso wie ihr Agieren im Landtag von Sachsen-Anhalt diametral gegenüber.” Zudem kommt der Schritt von Koch-Kupfer für die Linke offenbar “völlig überraschend”. Die Politikerin habe “in der Vergangenheit ihrerseits keinerlei substanzielle Probleme gegenüber der Fraktion oder dem Fraktionsvorstand erkennen lassen”, heißt es.
UPDATE 17 Uhr: Zumindest die CDU freut sich. Fraktionschef André Schröder erklärte: „Grundlage eines Beschlusses der CDU-Landtagsfraktion, zur Aufnahme der Abgeordneten, bildet die Satzung der CDU-Fraktion, die es auch parteilosen Abgeordneten erlaubt, mit Rede und Stimmrecht mitzuwirken. Ungeachtet der persönlichen Gründe vermögen unsere Arbeit und unsere Ziele als Fraktion offenbar zu überzeugen. Frau Koch-Kupfer wäre mit ihrem Sachverstand bei uns willkommen.“ (vk)
„Eine echte Alternative“
„Mir wurde gerade berichtet, dass die Nominierung einstimmig war; das ist wunderbar, das war mir sehr wichtig. Ich hoffe, dass ich jetzt auch bei der CDU und der CSU einige Stimmen bekommen kann.“ Beate Klarsfeld, Kandidatin der Linken für die Bundesversammlung am 18. März 2012, unmittelbar nach ihrer Nominierung
“Wir haben uns im Parteivorstand (…) in einer sehr kritischen, selbstkritischen Diskussion gegeneinander, miteinander gesagt, dass bestimmte Dinge ein bisschen besser hätten laufen können. Aber wir sind letztendlich einstimmig zu einer Entscheidung gekommen, und zwar zu der Entscheidung, dass wir Beate Klarsfeld bitten, auf unseren Vorschlag für das Amt der Bundespräsidentin zu kandidieren.“ Linken-Chefin Gesine Lötzsch am Montag auf einer Pressekonferenz
“Die Tatsache, dass der Beschluss zu ihrer Nominierung im Parteivorstand einstimmig gefasst wurde, hat mich sehr gefreut.” Knut Korschewsky, Landesvorsitzender der Linken in Thüringen in einer Erklärung
„Beate Klarsfeld steht für eine Staatsräson, die aus Verantwortung vor der deutschen Geschichte handelt. Sie hat im Gegensatz zu anderen niemals einen Zweifel an der Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit der deutschen Verbrechen gelassen. Sie hat ohne zu zögern daran erinnert, dass Deutschland eine besondere Verantwortung für Israel und die Verteidigung des Existenzrechts des jüdischen Staates hat – übrigens genau so, wie es im Parteiprogramm der Linken formuliert ist, um da jedem Zweifel sofort zu begegnen.“ Linken-Vorsitzender Klaus Ernst auf derselben Pressekonferenz
“Eine Linkskandidatin ist die Links-Kandidatin nicht. Sie steht für den Kampf gegen alte und neue Nazis. Ihre Haltung zu Israel wird bei Teilen der Linken Widerspruch auslösen. (…) Die Garantie der staatlichen Existenz Israels ist laut Bundeskanzlerin Angela Merkel Staatsräson. Die Linke hat sich mit ihrer Entscheidung ein kleines bisschen regierungsfähiger gemacht, und ihre Kandidatin ein ganz schönes bisschen wählbarer auch für Nicht-Linke.” Aus einem Kommentar von Manfred Bleskin auf ntv.de
„Ohne seriöse Gegenkandidatur wäre die Bundesversammlung zu einer Farce geworden. Deshalb ist es richtig, dass die Linkspartei, die mal wieder demonstrativ außen vor gelassen wurde, sich durchgerungen hat, trotzdem mitzuspielen. Es gibt auch im rot-grünen Lager manche, die an dem designierten Bundespräsidenten zweifeln. Sie haben nun die Möglichkeit, abzuwägen und sich zu entscheiden. Es wäre ein Zeichen von Souveränität und der oft beschworenen Überparteilichkeit, wenn auch Sozialdemokraten und Grüne Klarsfeld nicht als bloße Agitpropkandidatin der Linkspartei sehen würden. So weit das Positive. Andererseits wirkt Klarsfeld als Kandidatin etwas retro. Produktiver für die Debatte wäre eine Kandidatur gewesen, die mehr für die Kritik am sozialen Auseinanderdriften steht.“ Aus einem Kommentar von Stefan Reinecke in der Tageszeitung
„Diese Kandidatur ist ein starkes Zeichen für Freiheit und Demokratie, sie ist ein authentisches Zeichen gegen Neonazismus und Geschichtsrelativismus.“ Matthias Höhn, Landesvorsitzender der Linken in Sachsen-Anhalt in einer Erklärung
“Ich freue mich außerordentlich, dass Frau Klarsfeld ihre Bereitschaft zur Kandidatur bekundet und die Linke sie als ihre Kandidatin nominiert hat. Es würde mich freuen, wenn sie auch aus den Reihen anderer Parteien Zuspruch findet.” Berlins Linkenchef Klaus Lederer laut einer Nachrichtenagentur
“Mir imponiert ihre Haltung, dass man nie aufgeben dürfe.” Kerstin Kaiser, Vorsitzende der Linksfraktion in brandenburg laut Nachrichtenagentur
“Ich hoffe auf ein gutes Ergebnis in der Bundesversammlung für sie.” Stefan Ludwig, Linkenchef in Brandenburg laut dpa
“Ich sehe in der Nominierung dieser mutigen Frau vor allem auch ein Signal gegen die Kriminalisierung antifaschistischen Engagements. Vertreter von Grünen und Sozialdemokraten, mit denen ich gemeinsam nicht nur auf der Straße gegen Neonazis aktiv bin, haben jetzt in der Bundesversammlung eine Wahl. (…) Wenn ich die Thüringer Programme von SPD und Bündnis 90/ Grüne richtig in Erinnerung habe, dürften Frau Klarsfeld die Stimmen der SPD und Grünen Vertreter, neben den Unseren, in der Bundesversammlung sicher sein.” Sandro Witt, stellvertretender Landeschef der Linken in Thüringen in einer Erklärung
“Nein, Beate Klarsfeld ist keine Kandidatin mit Parteibuch. Und auch wenn sie sich heute sehr positiv über die Bedeutung sozialer Themen und des Antifaschismus in der LINKEN geäußert hat, dürfte sie für meine Partei nicht immer nur bequem sein. Aber darum geht es auch gar nicht, das brauchen wir gar nicht. Beate Klarsfeld steht mit ihrem ganzen Leben für ein anderes, besseres, antifaschistisches, aufklärerisches Deutschland.” Aus einer Erklärung von Michael Leutert, Bundestagsabgeordneter der Linken
„Wir stehen an der Seite der Wählerinnen und Wähler, die sich eine Politik wünschen, die sich an den Sorgen der Menschen orientiert und nicht nach den Bedürfnissen von Unternehmen richtet. Deswegen war es für uns auch eine logische Folge, eine eigene Kandidatin zu nominieren, die gegen die neoliberale Allianz für eine soziale Politik steht.“ Ulrich Maurer, Vizechef der Linksfraktion im Bundestag in einem Interview
„Wir stellen Beate Klarsfeld nicht als eine Kandidatin der Linkspartei, der Linken auf. Wir stellen Beate Klarsfeld als eine Kandidatin auf, die von uns vorgeschlagen wird, die nicht in jedem Punkt mit uns übereinstimmt, aber die mit ihrer Persönlichkeit eine echte Alternative zu Herrn Gauck darstellt.“ Klaus Ernst auf besagter Pressekonferenz des Linken-Vorstandes
„Ob Klarsfeld nun regelrecht Wahlkampf machen will, ließ sie vorerst offen. Sie wolle sich erst mit der Linken in Berlin abstimmen, sagte sie. Zugleich hob sie aber hervor, dass sie als ,moralische Person‘ und als ,Nicht-Politikerin‘ antrete. Sie wolle sich auch nicht zu Themen wie der Euro-Krise äußern, denn sie sei keine Wirtschaftsfachfrau.“ Aus einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP vom Montag
„Frau Klarsfeld steht in überzeugender Weise für die Menschenrechte ein, sie setzte und setzt immer wieder klare und unmissverständliche Zeichen gegen eine Renaissance des Faschismus in Europa. Schließlich – und auch das ist gegenwärtig von großer Bedeutung – ist Beate Klarsfeld eine überzeugte Europäerin.“ Wulff Gallert, Vorsitzender der Linksfraktion in Sachsen-Anhalt, in einer Erklärung
„Sie ist eine Kandidatin aus Versehen. Eine Kandidatin des Zufalls, der Verlegenheit.“ Timo Stein in einem Kommentar auf Cicero online
„Die Linken, die sich von den anderen Parteien bei der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten ausgegrenzt fühlten, haben die Chance, sich eindrucksvoll in Szene zu setzen, nicht genutzt. (…)Es wurde bei allem Hickhack eine sehr präsentable Kandidatin gefunden. Beate Klarsfeld, eine Frau, die schon gegen Nazis gekämpft hat, als dies noch keinen gesellschaftlichen Beifall fand, hätte jedoch ein würdigeres Verfahren verdient gehabt.“ Aus einem Kommentar der Märkischen Oderzeitung
“Offensichtlich hat die Linkspartei nicht die Kraft gefunden, über ihren Schatten zu springen und mit einer Unterstützung von Joachim Gauck ihre Fehler aus 2010 zu korrigieren.” SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann laut einer Nachrichtenagentur
“Die SPD scheint über ihren Ärger, dass sie nun mit einem Präsidentenkandidaten leben muss, den sie nie wirklich wollte, demokratische Tugenden vergessen und die Grundrechenarten verlernt zu haben.” Linksfraktionsvize Ulrich Maurer in einer Reaktion auf Oppermann
Schwarz-Rot in Schwaan
Am Sonntag wird in Schwaan im Landkreis Rostock ein neuer Bürgermeister gewählt – und weil die Parteilose Kandidatin Wiebke Eckart gemeinsam von CDU und Linken ins Rennen geschickt wird, ist nun allenthalben von einer „außergewöhnlichen Koalition“ oder gar einem bisher nie dagewesenen Vorgang die Rede. Ganz so neu ist dieses andere Schwarz-Rot aber keineswegs. Ob in Berliner Bezirken, bei der Verteilung von Beigeordneten in ostdeutschen Stadträten oder anlässlich von Bündnissen vor Bürgermeisterwahlen: CDU und PDS, später die Linke, haben immer mal wieder kooperiert. Begleitet wird das meist mit dem Hinweis darauf, dass auf kommunaler Ebene nun einmal ein anderer Wind weht.
So nun auch in Mecklenburg-Vorpommern: „Es geht um eine gute Kommunalpolitik und weniger um die individuellen Unterschiede zwischen zwei Parteien“, zitiert eine Nachrichtenagentur die 46-Jährige Kandidatin: “Man kann Parteien nicht mehr wirklich auseinanderhalten. Sie unterscheiden sich kaum”, sagte sie der Schweriner Volkszeitung. Die Wahlleiterin zeigt sich bei ndr.de auch nicht gerade überrascht. CDU und Linke seien „die beiden größten Fraktionen in der Stadtvertretung. Die arbeiten dort auch gut zusammen“. Und der Landesgeschäftsführer der Linken, Kay Spieß, meint sogar, „auf der kommunalen Ebene gibt es keine klaren Parteigrenzen“. Ursprünglich war Eckart von der CDU nominiert worden, hatte sich dann aber auch um Unterstützung bei anderen Parteien bemüht. Während die Grünen aber offenbar auf die Unterstützung eines Einzelbewerber setzen und die SPD mit einem eigenen Kandidaten antritt, stieg die Linke auf den Zug mit auf.
Zugegeben: Im Licht gerade der jüngsten Debatten über die Beobachtung der Linken und den so genannten Linksextremismus mag der Widerspruch zwischen den Äußerungen der Bundes-CDU und dem Agieren von kommunalen Parteiverbänden umso deutlicher sein. Gerade erst hat CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe die Linke als “Gefahr für die Demokratie” bezeichnet. Zwischen der Verteufelung der Linken und der Zusammenarbeit mit ihr klafft ein Graben der Heuchelei, darauf verweist gern auch die SPD, die freilich ebenso bizarre Kontaktschwierigkeiten gegenüber der Linken an den Tag zu legen imstande ist. “Im Osten nichts Neues”, schlagzeilte einmal die Süddeutsche über Kooperationen zwischen CDU und Linke. Denn in Wahrheit glimmt der gegenseitige Zorn schon seit längerem nicht mehr so heiß. Im Sommer 2008 etwa hatte der damalige Linken-Vorsitzende Lothar Bisky für möglich gehalten, dass man sogar auf Landesebene irgendwann mit der CDU kooperieren könnte – jedenfalls um in „Notsituationen (…) zwei, drei Sachen durchzusetzen“. Bereits zuvor hatte Sachsen-Anhalts Fraktionschef Wulf Gallert erklärt, ein Bündnis mit der CDU im Land sei „in acht bis zehn Jahren“ möglich. Und der damalige CDU-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer hatte sich auch auf eine Weise positiv über die Linke geäußert, die man als nüchterne Haltung interpretieren konnte, auch wenn damit nicht gleich große politische Hingabe verbunden war. (tos)
Mietvertrag bleibt
Nachdem das Wahlkreisbüro des Linksfraktionschefs von Sachsen-Anhalt, Wulf Gallert, bereits in der Silvesternacht angegriffen worden war, gab es wenige Tage später eine erneute Attacke: Wie das Neue Deutschland berichtet, wurden die Räume im Magdeburger Süden, in denen auch die Linksabgeordnete Eva von Angern ein Büro hat, am Wochenende erneut attackiert – diesmal mit Steinen, beim ersten Mal mit Betonplatten. Der jüngste Angriff erfolgte nur kurz nach dem Naziaufmarsch in Magdeburg, dem sich 10 000 Gegendemonstranten entgegengestellt hatten. Zeitgleich mit der Attacke auf Gallerts Büro wurde auch ein Bürgerbüro der Linken in Bad Salzelmen demoliert. An Gallerts Büro hinterließen die Täter Aufkleber mit Hitler-Porträts und Reichskriegsflaggen – eine offene Drohung von Neonazis also.
Immerhin hat der Magdeburger Vermieter der Linken, die TLG Immobilien GmbH, nun die nach dem Silvesterangriff ausgesprochene Kündigung des Mietvertrages zurückgenommen. Gallert begrüßte das und erklärte, er und seine Kollegin wollten dem Naziterror nicht weichen. Die Linke verlangt, dass die Polizei die Suche nach den Tätern intensiviert. (wh)
Angriffe im Wochentakt
In der Silvesternacht ist erneut ein Büro der Linken angegriffen worden – diesmal flogen die Scheiben bei Linke-Fraktionschef Wulf Gallert und der Parlamentarierin Eva von Angern in Magdeburg ein. Und auch das zum wiederholten Male. Die Abgeordnetentätigkeit im Wahlkreis sei zunächst nicht mehr in vollem Umfang möglich, heiß es bei der Linken in Sachsen-Anhalt. Die Polizei schließe ein politisches Motiv für die Tat nicht aus. „Wir fordern, dass umgehend nach den Tätern gefahndet wird und die Hintergründe des Anschlags aufgedeckt werden“, so die Partei. „Dies auch unter dem Aspekt, dass in jüngster Vergangenheit schon zahlreiche Anschläge auf die Wahlkreisbüros von Linkspolitikern in Sachsen-Anhalt verübt wurden.“
Nicht nur dort. In einigen Bundesländern ist die Zahl von Angriffen auf Linken-Büros zuletzt immer größer geworden. Im Sommer listete eine fraktionsinterne Übersicht bundesweit 116 Fälle zwischen Anfang 2010 und Mitte 2011 auf, in denen Linken-Büros mit Steinen beworfen oder verwüstet wurden, Autos in Brand gesteckt und Politiker bedroht wurden. Häufig stehen dabei offenbar Rechtsradikale hinter den Attacken. Die Linke macht aber auch eine gesellschaftliche Stimmung verantwortlich, das von der etablierten Politik mitgeschaffen wird. Zuletzt etwa durch Forderungen aus der CSU, der Linken als „Gegner der Demokratie“ den Geldhahn abzudrehen. Mit solchen Vorstößen, so Linkenchef Klaus Ernst, werde ein Klima geschaffen, „in dem sich rechte Gewaltbanden erst recht ermutigt fühlen, unsere Büros zu demolieren und unsere Mitglieder zu bedrohen“.
Der Spiegel widmet nun der Entwicklung in seiner neuen Ausgabe eine Geschichte. „Rechtsextreme greifen im Wochentakt Politiker und Büros der Linken an. Jetzt wird der Schutz fürs Spitzenpersonal verstärkt“, heißt es in dem Magazin – die Schilderung ist teils beklemmend: Da muss sich Gregor Gysi von „finsteren Gestalten“ umzingelt fühlen, da explodieren Briefkästen und brennen Autos. Am zweiten Weihnachtsfeiertag war die Scheibe des Büros des Hamburger Linken-Abgeordneten Tim Golke eingeschmissen worden. „Monatlich mindestens vier oder fünf Anschläge zählen Genossen und Polizisten zurzeit bundesweit, häufig waren es mehr“, schreibt der Spiegel. Bereits vor Monaten hatte Klaus Ernst von einer „neuen Qualität der Bedrohung“ gesprochen und „eine parlamentarische Untersuchung zur Entwicklung der rechten Angriffe auf demokratische Parteien“ gefordert. Ein halbes Jahr später beklagt Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, „ausgerechnet im Kampf gegen rechts“ würde die Linke von anderen Parteien „weiter als parlamentarisches Schmuddelkind behandelt“.
Nun werden die Sicherheitsmaßnahmen für linke Spitzenpolitiker verstärkt. Hintergrund ist offenbar, dass prominente Vertreter der Partei auf Listen von Rechtsradikalen stehen, die im Zusammenhang mit den Ermittlungen zur „Zwickauer Zelle“ gefunden wurden. Zur Erklärung der massiven und in den meisten Fällen mutmaßlich von rechts kommenden Angriffe auf Linken-Büros, verweist der Spiegel auf die antifaschistischen Aktivitäten der Partei – und flicht dies in eine Argumentation ein, bei der man sich fragt, ob nicht auch sie zu dem von Ernst angesprochenen Klima beiträgt. Viele Neonazis könnten „den Genossen offenbar nicht verzeihen, dass sie seit langem gegen ihre Aufmärsche und Propaganda mobilisieren“, schreibt das Magazin, als ob man gegenseitiges Verzeihen von „Extremisten“ an den Rändern des politischen Spektrums erwarten müsste. Als weiteren Grund dafür, dass Büros der Linken im Vergleich zu denen anderer Parteien „besonders oft und besonders schwer“ vom „rechten Hass“ getroffen werden, nennt das Magazin: „weil beide Seiten zum Teil um dieselbe Klientel konkurrieren, die Enttäuschten und Verlierer der Gesellschaft“. (tos, Foto: Linke)
