Klaus Wowereit

Wowereits Rentenplan ist eine Mogelpackung

Matthias W. Birkwald

Matthias W. Birkwald

03.08.2012 – PRESSEMITTEILUNG – Matthias W. Birkwald

“Die Rentenpläne der SPD sind eine Mogelpackung: Mit 8,50 Euro Mindestlohn lässt sich nach 40 Jahren Berufstätigkeit keine armutsfreie Rente erreichen. Wer Altersarmut vermeiden will, braucht beides: gute Löhne und ein gutes Rentenniveau”, kommentiert Matthias W. Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE, die Aussage des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, dass wer nach 40 Jahren keine ausreichende Rente habe, wohl zu geringe Löhne erhalten habe und die SPD daher einen Mindestlohn von 8,50 Euro fordere.

Die ganze Pressemitteilung


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Zehn Prozent

Die Berliner Linkspartei klebt in den Umfragen fest: zehn, elf Prozent – wirkliche Veränderungen hat es seit der Wahl im Herbst 2011 nicht gegeben. Dabei macht es die Konkurrenz der Partei ja eigentlich nicht allzu schwer, wieder an Boden zu gewinnen. Dass dieser derzeit trotzdem außer Reichweite liegt, zeigt einmal mehr, wie schwer es für die Linke ist, verlorenes Terrain wieder gut zu machen. Einer Umfrage für die Berliner Zeitung zufolge hat die CDU erstmals seit Jahren die Sozialdemokraten überholt. Was Klaus Wowereit mit seinem Flughafenfiasko einbüßt, kommt in der Popularität eher einem Frank Henkel zugute. Interessant ist auch, dass die SPD auch mit einem linken Landeschef nicht punkten kann: Ein Jan Stöß, sagt Forsa-Mann Manfred Güllner, „holt auch keinen Wähler zurück“. Und die, welche den Sozialdemokraten die Zustimmung verweigern, verlassen die Wahlbühne offenbar ganz. Die Berliner SPD, so Güllner, verliere seit langer Zeit unter Arbeitern und in der Mittelschicht immer mehr Wähler – die dann zu Wahlverweigerern würden. Die Rolle in der Opposition, die Unterstützung des Protestes in der Stillen Straße, die Versuche, auf der Seite der Anwohner das Riesenproblem Flughafen zu beackern, die neue Präsenz von Themen wie Re-Kommunalisierung, die Kritik an der Teilausschreibung der S-Bahn, der Personalabbau in den Bezirken usw. – all das hat der Linken bisher keinen Zuwachs an Zustimmung verschafft. Vielleicht liegt es auch daran, dass es die Linke mitunter eher mit Themen in die Öffentlichkeit schafft, die nur kleinere Wählergruppen betreffen (Club-Offensive, Kiffen). Was nicht heißt, dass die Partei zu den „harten Fragen“ keine Antworten hat – aber Stadtgespräch sind zum Beispiel „die Initiativen der Linken für den Berliner Doppelhaushalt 2013/2014“ ja nun auch nicht gerade. (tos)

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Wowereits Hammer

Man hätte das ja durchaus einmal gern über einen längeren Zeitraum beobachtet: Die knappe linke Mehrheit der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus pressiert den rot-schwarz regierenden Bürgermeister, von links dazu auch gedrängt von der Linksfraktion, die mit ihren politischen Forderungen so auch ein bisschen Einfluss auf die Agenda des Senats erobern kann. Beim Thema Mindestlohn hat sich jetzt gezeigt: Klaus Wowereit setzt sich (wieder einmal) gegen den Willen seiner eigenen Partei durch, die Fraktion ist mit ihrem Mindestlohn-Beschluss gescheitert. Im neuen Programm zur staatlichen Förderung von Langzeitarbeitslosen, dass der Senat am Dienstag auf den Weg brachte, wird die Stunde mit 7,50 Euro bezahlt – statt mit den 8,50 Euro, für welche die SPD-Fraktion votiert hatte. Fraktionschef Raed Saleh hat seine Niederlage eingestanden, die Linksfraktion spricht von einem Armutszeugnis, Wowereit und der Senat hätten gezeigt, „wo der Hammer hängt“, wird die Abgeordnete Elke Breitenbach zitiert. Der Bürgermeister geht auch davon aus, dass die SPD-Fraktion dem Modell von „BerlinArbeit“ im Juni bei der Abstimmung über den Landeshaushalt noch zustimmt. Wowereit forderte indirekt von der SPD-Fraktion, ihren Widerstand zum 7,50-Lohn-Euro aufzugeben: „Wir gehen davon aus, dass das Parlament das so genehmigt.“

Die 7,50-Euro-SPD argumentiert, auf diese Weise könnten mehr Plätze im Programm „BerlinArbeit“ geschaffen werden – und manövriert sich damit in einen Widerspruch. Denn anderswo fordern die Sozialdemokraten ebenfalls einen Mindestlohn von 8,50 Euro, etwa in Hamburg. Die Tageszeitung zitiert Wowereit mit den Worten, man müsse zwischen normalen Arbeitsplätzen, für die der Mindestlohn gelte, und Beschäftigungsmaßnahmen unterscheiden: Die 7,50 Euro seien „nicht gegen den gesetzlichen Mindestlohn gerichtet.“ Was aber ist ein Beschäftigungsprogramm, in dem eine Lohngrenze gilt die unterhalb der für andere Jobs geforderten liegt, dann – außer eine Form des staatlichen Dumpings? Wenn für Bürgerarbeit 7,50 Euro für maximal 30 Stunden gezahlt wird, der Mindestlohn im Vergabegesetz aber auf 8,50 Euro steigen soll, hätte man einen Zwei-Klassen-Mindestlohn, der mit der alten neoliberalen Begründung abgestützt würde, nach der auf dem ersten Arbeitsmarkt mehr gezahlt werden müsse.

Die Diskussion um den Mindestlohn wird unterdessen durch eine neue Studie angetrieben: Nach Berechnungen des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen sind fast ein Viertel der Beschäftigten im Niedriglohnsektor tätig – und verdienen damit weniger als 9,15 Euro brutto pro Stunde. Ihre Zahl sei zwischen 1995 und 2010 um mehr als 2,3 Millionen gestiegen, berichtet das Handelsblatt unter Berufung auf die Expertise. Im Schnitt lag das Einkommen im Jahr 2010 bei 6,68 Euro im Westen und 6,52 Euro im Osten. „Mehr als 4,1 Millionen erhielten weniger als sieben Euro, gut 2,5 Millionen weniger als sechs Euro und knapp 1,4 Millionen sogar nicht einmal fünf Euro pro Stunde. Knapp jeder Zweite der niedrig bezahlten Menschen arbeite dabei voll und nicht Teilzeit. So gebe es nach den Berechnungen des Instituts allein fast 800.000 Vollzeit-Beschäftigte, die weniger als sechs Euro kassieren können. Sie kämen damit auf einen Monatslohn, der unter 1000 Euro brutto lag“, so das Handelsblatt. (vk)

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Alarmierte Wähler

In Berlin verhandeln SPD und CDU zielstrebig über den Koalitionsvertrag, und Alternativen zu Rot-Schwarz scheint es nicht mehr zu geben – da geht eine Initiative an die Öffentlichkeit, die das nicht einfach hinnehmen will. „Berlin geht anders“ ist ein Aufruf, der darauf hinweist, dass bei der Abgeordnetenhauswahl drei Viertel der Sitze an Parteien gingen, die im weiteren Sinne zum linken Spektrum gehören: SPD, Grüne, Linke, Piraten – also alle außer der CDU. Doch ausgerechnet die könnte im nächsten Senat sitzen, was für die Initiative zeigt, dass Klaus Wowereit „Berlin nicht verstanden hat“. Der Sprecher der Initiative, Sven Selbert, bezeichnet sich selbst als „alarmierten Berliner Wähler“ und hat seit dem 20. Oktober rund 1.000 Unterschriften vor allem im Internet, zum Teil aber auch auf der Straße gesammelt. Das Ziel ist ambitioniert: 50.000 Namen sollen am Ende die Forderung unterstützen, die rot-schwarzen Gespräche abzubrechen und einen Senat links von der CDU zu bilden. Selbert hofft, durch entsprechenden Druck zumindest ein paar unzufriedene SPD-Abgeordnete dazu zu bringen, dass sie bei der Wahl des regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit ihre Stimme verweigern.

Selbst wenn das gelingt, dürfte es Wowereits Pläne nicht in Gefahr bringen – zu groß ist die rot-schwarze Mehrheit. SPD und CDU handeln derzeit so manches aus, was der bisher mitregierenden Linkspartei nicht gefallen kann. Beispielsweise soll der auf Betreiben der Linken eingeführte Öffentliche Beschäftigungssektor für Langzeitarbeitslose eingestellt werden; stattdessen will man auf das von der Bundesregierung installierte Programm Bürgerarbeit setzen, bei dem die Einkommen wesentlich niedriger liegen. Auch das per Volksentscheid bekräftigte Unterrichtsfach Ethik könnte wackeln. Denn angefeuert von der gescheiterten Initiative Pro Reli will die CDU Ethik und Religion zu zwei gleichberechtigten Wahlfächern machen. Derzeit ist Ethikunterricht für alle Schüler in Berlin verpflichtend, Religion ist ein freiwilliges Zusatzfach. Die Linksabgeordnete Regina Kittler appellierte an die SPD, den Ethikunterricht nicht in den Verhandlungen mit der CDU zu opfern. (wh)

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Wolf schaltet sich ein

Am Dienstagabend sendet der RBB das Berlin-Duell zwischen Klaus Wowereit und dem vor allem in Reinickendorf bekannten Lokalpolitiker Frank Henkel. Ein weiteres Gespräch des SPD-Bürgermeisters mit der nur vorübergehend in der Hauptstadt aktiven Renate Künast folgt am Donnerstag. Die Linke, die seit einigen Jahren in der rot-roten Regierung sitzt, darf nicht mitreden, was für einigen Streit sorgte (mehr hier und hier). Zuschalten wird sich die Partei aber trotzdem – und das ist dem Tagesspiegel sogar einen Fernsehtipp wert: Spitzenkandidat und Wirtschaftssenator Harald Wolf sowie Gregor Gysi kommentieren via Livestream aus dem Karl-Liebknecht-Haus das TV-Gespräch. Und auch am Donnerstag wird man sich im Netz in den rot-grünen Plausch einklinken. Mit einer ähnlichen Aktion hatte auch schon die Nordost-Linke auf die Tatsache reagiert, dass öffentlich-rechtliche Landesanstalten die Partei offenbar nicht in ihren so genannte Spitzenrunden sehen wollen. (vk)

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Und die SPD-Linke?

Vor ein paar Tagen kam eine kleine Serie von Texten ins Rollen, deren Tenor man auf den Satz bringen könnte: Die SPD-Linke hat nichts zu melden. Die Frankfurter Allgemeine sah den Flügel „ins Kiesbett gerutscht“, die Tageszeitung schrieb, er spiele „im Kanzlerkandidaten-Spiel der Partei schlicht keine Rolle“. Und beim Spiegel, der sich seit Wochen um eine Nominierung von Peer Steinbrück verdient macht, frohlockte man: „Lange haben seine Gegner die Diskussion belächelt, weil sie für offensichtlich hielten, wie schräg das alles ist. Jetzt ist ihnen das Lachen vergangen.“ Nun könnte man sagen, als linker Sozialdemokrat hat man schon länger nichts zu Lachen. Oder gleich überhaupt nicht, weil es sich dabei um eine Art politische Unmöglichkeitsform handelt – siehe Agenda 2010 und andere zeithistorische Beweise fürs große Einknicken. Die Sache ist aber vielleicht doch etwas komplizierter. Jedenfalls bemüht sich die SPD-Linke seit ein paar Tagen mit Kräften, den Eindruck zu zerstreuen, die Debatte um Kurs und Personal der Regierungs-Sozialdemokratie anno 2013 sei schon ausgemachte Sache. Das Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern und der mutmaßliche Ausgang in Berlin in zwei Wochen kommen dem Flügel dabei zu Hilfe. Ein Text auf freitag.de

 

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Berliner Sorgen

Allmählich blickt die ganze Partei besorgt auf den Landesverband Berlin – den Genossen in der Hauptstadt droht bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 18. September ein Desaster. Die jüngste Umfrage mit acht Prozent weicht zwar krass von anderen ab, aber dennoch lässt es der Trend möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich erscheinen, dass die Linke noch unter dem schwachen Ergebnis von 2006 bleibt. Gregor Gysi forderte die Basis beim Wahlkampfauftakt auf, jetzt mit Leidenschaft zu kämpfen. Und Spitzenkandidat Harald Wolf sagte beinahe beschwörend: „Das kann es nicht gewesen sein, zehn Jahre Linke in der Regierung. Es gibt noch so viele Aufgaben.“ Da schwingt schon ein Hauch von Endzeitstimmung mit, und der Wähler könnte sich fragen, wie die Linke in 15 Jahren schaffen will, was in zehn Jahren nicht gelang.

Eine geradezu vernichtende Abrechnung von zehn Jahren Rot-Rot ist ein Beitrag in der Jungen Welt. Mathias Behnis vom Berliner Wassertisch und Benedict Ugarte Chacón von der Initiative Berliner Bankenskandal ziehen eine „Bilanz des Scheiterns“, in der so ziemlich alles vorkommt, was die Berliner und auch die Berliner Linken in den letzten zehn Jahren aufgeregt hat: Ausstieg aus dem sozialen Wohnungsbau, Wohnungsprivatisierung, Rettung der Bankgesellschaft, Sozial- und Bildungskürzungen, Ende der Lernmittelfreiheit, Wohnungsprivatisierung, Wohnungs- und Wasserprivatisierung. Fazit der Autoren: Die Linke ist im Senat harmlos, farblos, SPD-treu und damit überflüssig. Allerdings ist diese Bilanz unvollständig: Nicht in dem Sinne, wie es die Autoren in der Unterzeile andeuten – weil noch mehr Untaten fehlten. Sondern weil Voraussetzungen und Umstände von Rot-Rot fehlen. Kein Wort wird über den unglaublichen Schuldenberg verloren, den der Diepgen-Senat hinterlassen hat und der Berlin zu erdrücken droht. Kein Wort darüber, dass die SPD mit Diepgen regierte und Klaus Wowereit schon damals ein maßgeblicher Finanzpolitiker war. Das alles gehört zu einer ehrlichen, redlichen Gesamtbewertung – es macht die Ergebnisse von Rot-Rot nicht besser, aber es ordnet sie besser ein.

Zu denken muss der Berliner Linken der Umstand geben, dass sie offenbar als Alleinverantwortliche für alles Ungemach hingestellt wird. Nicht nur in der jungen Welt, die über die Rolle der SPD nicht viele Worte verliert. Auch Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt tat neulich so, als sei der Anstieg der Mieten in Berlin allein ein Resultat von zehn Jahren Regierungspolitik der Linkspartei. Die Linke schmiert ab, die Senatspartei SPD und Wowereit dagegen stehen so gut da wie lange nicht mehr. Warum? Weil man von ihnen ohnehin nicht viel erwartet hat? Weil das links- und mittebürgerliche Publikum zufrieden ist? Weil Wowereit die Macht der meisten Medien im Rücken hat? Weil sich die SPD einen Teil der Stimmen von den Grünen zurückholt?

Das muss die Linke für sich beantworten. Sorgen um das Berliner Ergebnis macht sich beispielsweise die Linke in Brandenburg, die im Herbst als einziger mitregierender Landesverband dastehen könnte, was seine Rolle in der Partei nicht vereinfachen und die Aussichten auf ein paar erfolgreiche Projekte nicht erhöhen würde. Zwar erklärte Landesvorsitzender Thomas Nord, er rechne damit, dass die Partei sowohl in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin stark genug zum Mitregieren wird, aber die Brandenburger helfen vorsichtshalber nach – mit einer Spende von 10 000 Euro, bei der Organisation von Wahlkampfveranstaltungen und beim Plakatieren. (vk)

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Unter dem Tisch

Die Berliner Linke spricht von einem „politischen Skandal“: Der RBB plant vor den Wahlen im September zwei TV-Duelle, in denen SPD-Amtsinhaber Klaus Wowereit gegen die Spitzenkandidaten von Grünen und CDU antreten soll. Dass Wirtschaftssenator Harald Wolf von der Linken keine Gelegenheit bekommen soll, dem sozialdemokratischen Koalitionspartner publikumswirksam die Meinung zu sagen, findet Landeschef Klaus Lederer „inakzeptabel”, die Linkspartei werde hier “einfach unter den Tisch fallen“ gelassen. Wolf würde lediglich bei einem Aufeinandertreffen aller Spitzenkandidaten der Parteien im Abgeordnetenhaus am 30. August vertreten sein – zu wenig für den Wirtschaftssenator, meint die Linke. Zumal Wowereit selbst bereits erklärt hat, er finde solche Elefantenrunden “langweilig”.

Über die Wirkung der Fernsehrunden auf den Ausgang gibt es unterschiedliche Ansichten, gerade aber „unpolitische“ Wähler erfahren durch solch ein Duell oft zum ersten Mal von den Positionen der Parteien – und das kurz vor dem Urnengang, wenn sich bei vielen die Entscheidung erst herausbildet. Pluspunkte in Sachen Sympathie, so heißt es immer wieder, könnten Politiker beim Schlagabtausch auch machen. Was für Linken-Kandidat Wolf keine Nebensache ist, der Mann gilt als etwas spröde und liegt in den Umfragen hinter den Mitbewerbern zurück. Das Argument der Linkspartei geht aber anders: Weil der RBB ein öffentlich-rechtlicher Sender ist und laut Rundfunkstaatsvertrag zur Gleichbehandlung verpflichtet ist, dürften nicht einige Akteure durch das prominentere TV-Format hervorgehoben werden. Außerdem geht es nicht eine Direktwahl des Regierenden, sondern um einen Wettstreit von Parteien und ihrer Listen. „Sollte es bei den Duellen bleiben“, so Lederer, „werden wir uns schriftlich an den Rundfunkrat wenden.“

Ob das was bringt, sei dahingestellt. Man erinnert sich an Guido Westerwelle, der sich als FDP-Spitzenkandidat 2002 sogar vor dem Bundesverfassungsgericht die Teilnahme an einer Runde mit SPD-Schröder und CSU-Stoiber erstreiten wollte – vergeblich. Vielleicht wirkt sich der Ausschluss der Linken, die in Umfragen auf dem Niveau der Wahlen von 2006 liegen, am Ende sogar positiv aus: In Baden-Württemberg veranstaltete der SWR vor der Landtagswahl ein Duell zwischen Ministerpräsident Stefan Mappus von der CDU und seinem sozialdemokratischen Herausforderer Nils Schmid. Wahlsieger wurde keiner von beiden. (tos)

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Gefährlich werden

Der Parteienforscher Oskar Niedermayer hat Klaus Wowereit schon mal zum Berliner Wahlsieger erklärt. Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast habe seiner Ansicht nach kaum Chancen, die Abstimmung am 18. September zu gewinnen. In der jüngsten Infratest-Umfrage liegen die Sozialdemokraten mit 29 Prozent klar vorn, Grüne (24) und CDU (23) teilen sich den zweiten Platz, die Linke verbessert sich auf 14 Prozent. Die frühere Sympathiewerte Künasts seien überhöht gewesen, sagt Niedermayer. Und wenn der Regierende keine „dramatischen Fehler“ mache, könne ihm „niemand gefährlich werden“. Wowereit, so Infratest, „bleibt der klare Wunschkandidat der Berliner.“ Statt des SPD-Politikers (62 Prozent) wünscht sich nur jeder Vierte (23 Prozent) die Grünen-Spitzenkandidatin ins Rote Rathaus.

Apropos gefährlich: Die Demoskopen, die im Auftrag des RBB und der Berliner Morgenpost arbeiten, haben sich auch der Frage der Inneren Sicherheit zugewandt – beziehungsweise dem, was man zum Zwecke der medialen Aufarbeitung darunter verstehen will. Einige wenige Gewalttaten im öffentlichen Nahverkehr und die Serie unaufgeklärter Brandstiftungen an Autos haben feste Plätze in den Hauptstadtzeitungen, ganz unabhängig davon, ob sie für den Alltag in der Millionenstadt wirklich bezeichnend sind oder nicht. Die oft reißerische und kampagnenartige Qualität annehmende Berichterstattung zieht nicht zum ersten Mal Umfragen nach sich: Schon im Mai wurde nach dem „Sicherheitsgefühl“ in den U- und S-Bahnen gefragt, nun wird das ganze mit den Autobränden verknüpft.

Dabei kommt bei den Berlinern – man kann sagen: trotz ständiger Schlagzeilen über „kriminelle ausländische Jugendliche“ und „zündelnde Linksextremisten“ – gar kein subjektives Bedrohungsgefühl auf. Nur 27 Prozent geben an, sich weniger oder überhaupt nicht sicher zu fühlen. Die Zahl liegt im bekannten Großstadt-Durchschnitt (etwa hier) und findet sich auch in Studien zur persönlichen Terror-Bedrohung (etwa hier) immer wieder. Einmal abgesehen davon, dass Fragen noch dem subjektiven Empfinden mehr noch als andere auf methodisch wackeligen Füßen stehen. Nur 16 Prozent der Berliner haben danach sehr oder große Angst davor, dass das eigene Auto bei einer Brandattacke Schaden nimmt. Aber: 51 Prozent meinen, dass eher nicht genug oder zu wenig unternommen wird, die Fälle aufzuklären.

Bei den Anhängern von SPD und Linkspartei liegen die Werte nur geringfügig unter dem Berlinweiten Schnitt, bei der CDU klar darüber und den Grünen deutlich darunter. Der rot-rote Senat hatte mit Sonderstreifen auf die „U-Bahn-Schläger“ reagiert, einen Teil dann aber zugunsten von so genannten Brandstreifen abgezogen. Die Opposition versucht seit längerem, auf der Welle zu reiten: Die Liberalen, die in Berlin allerdings keine Rolle mehr spielen, verlangten sogar, einen Teil des ÖBS-Geldes, das zur Förderung von Langzeitarbeitslosen zur Verfügung steht, für die Einstellung neuer Polizisten zu verwenden. Die Sicherheit in der Hauptstadt sei ohne Personalaufstockung nicht zu leisten. SPD-Innensenator Ehrhard Körting mühte sich vergeblich mit dem Hinweis, dass von Anfang an erklärt worden sei, dass es sich um Schwerpunkteinsätze handelt und bei Bedarf Verschiebungen selbstverständlich seien. Die Infratest-Umfrage hat den Punkt jetzt aufgegriffen: 58 Prozent gaben an, einen Abzug von Polizeibeamten aus der U-Bahn zur Aufklärung der Autobrände nicht für richtig zu halten, 28 Prozent befürworteten eine solche Entscheidung. Auch bei den Anhängern der rot-roten Senatsparteien sprach sich eine knappe Mehrheit gegen den Abzug aus, deutlicher dagegen war die Ablehnung bei den Wählern von CDU und Grünen.

Welche Rolle die „innere Sicherheit“ im Wahlkampf noch spielt, ist schwerlich vorauszusagen – ein gewalttätiger Übergriff in der U-Bahn könnte ausreichen, um das mediale Interesse und damit auch die politischen Akteure noch stärker auf diese Frage zu lenken. Die CDU, die immerhin um den zweiten Platz konkurriert und noch längst nicht völlig als Senatspartei aus dem Rennen ist, spielt die Sicherheitskarte bereits ausführlich in ihrem Wahlprogramm: „Die Berliner Polizei wird kaputt gespart“, heißt es da, es werden 250 neue Beamte, mehr Straßenpräsenz, die Ausweitung der Videoüberwachung und die Wiedereinführung der Kontaktbereichsbeamten gefordert – und es werden „insbesondere linke Krawallmacher“ und „Autonome Gewalttäter“ ins Visier genommen. Die Kennzeichnungspflicht für Polizisten, die Rot-Rot durchgesetzt hat und die seit Anfang des Jahres in Kraft ist, will die CDU wieder abschaffen.

Für eine grün-schwarze Koalition, über die ja immer mal wieder spekuliert wird, ist das nicht gerade eine Einladung. Die Künast-Truppe geht polizeipolitisch gewissermaßen in die entgegengesetzte Richtung: Man wolle „nicht immer mehr Polizei“, aber eine andere Polizeistruktur, die bürgernahe Präsenz ermöglicht, weshalb die Grünen auch prüfen wollen, wo die Polizei „entlastet werden kann“ (wobei sich die Frage stellt, welche Aufgaben das betreffen soll und wer diese dann übernimmt). Im Wahlprogramm findet sich überdies die Forderung nach einem unabhängigen Polizeibeauftragten, der sowohl für die Bevölkerung als auch die Beamten als Beschwerdestelle dienen soll. Die Kennzeichnungspflicht wollen die Grünen nicht nur beibehalten, sondern „in der Praxis erfolgreich machen“, was immer das heißt.

Jedenfalls sind die Schnittmengen zwischen Grünen und Linkspartei in dem Punkt weit größer: Die spricht in ihrem Wahlprogramm das Sicherheitsgefühl an und behauptet, „viele Bürgerinnen und Bürger haben Angst, Opfer von Gewalt und Verbrechen zu werden“. Deshalb sei das staatliche Gewaltmonopol in den Händen einer transparenten, effektiv demokratisch kontrollierten und bürgernahen Großstadtpolizei „ein wertvolles Gut“. Die Linke will „eine angemessene Personalausstattung“ und die Wiedereinführung des Studiengangs Kriminalistik an der Humboldt Universität, sie fordert die Fortsetzung der Deeskalationsstrategie und „die Einführung einer unabhängigen Untersuchungsinstanz für die Übergriffe durch Polizistinnen oder Polizisten“, die auch eine Anlaufstation für Beamte sein soll, wenn es zu Konflikten mit Kollegen kommt.

Es ist für Linke (und Grüne) immer schon nicht einfach gewesen, die Polizei „als Freund und Helfer“ zu betrachten – weil es dafür nicht besonders viele Argumente gibt, für einen sehr kritischen und skeptischen Blick dagegen schon. Das geht bei der biografischen Erfahrung mit Polizeigewalt los und hört beim strukturellen Widerspruch zwischen der Organisationsform des Gewaltmonopols und dem Transparenz/Demokratie-Versprechen noch nicht auf. Aus einem libertären, bürgerrechtlichen Blickwinkel ist die Polizei eben vor allem Ausdruck jener die Freiheit des Einzelnen bedrohenden Tendenz des Staates – und nicht Symbol des Schutzes. Inwieweit das für eine Diskussion über Transformationsstrategien (und Bündnisoptionen) stärker eine Rolle spielen sollte, müsste einmal an anderer Stelle genauer betrachtet werden.

Ansätze für eine „alternative Polizeipolitik“ gibt es, aber gerade im rot-grünen Spektrum dient das Thema jedoch eher dazu, konservative und kleinbürgerliche Diskursräume (von anderen Parteien) zu erobern, worauf dann oft auch die jeweils linken Flügel reagieren müssen – indem sie schnell ebenfalls den Platz besetzen, meist aber ohne einen eigenständigen inhaltlichen Impuls. Ein Beispiel: Nachdem mehrere Realo-Grüne aus dem Südwesten darauf pochten, der gewachsenen Zustimmung in neuen Milieus auch ein entkrampfteres Verhältnis zu „Sicherheit und Ordnung“ folgen zu lassen (Boris Palmer hier, Winfried Kretschmann hier), beeilte sich auch Jürgen Trittin zu erklären, es sei „an der Zeit, dass Grüne auch Innenministerien in ministerieller Verantwortung führen“. Dass seine Partei sich mit der Polizei schwer täte, nannte er „ein Vorurteil“. Und der Berliner Wolfgang Wieland meint: „Das Tabu muss fallen.“

Vielleicht ja schon im Herbst in Berlin. Eine rot-grüne Koalition liegt im Bereich des demoskopisch Wahrscheinlichen, Wieland ist Fachpolitiker und Innensenator Körting, der das Amt seit 2001 innehat, dürfte in den Ruhestand gehen. Auf dem rechten Flügel der Sozialdemokraten hat man vor einiger Zeit einmal den Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky ins Gespräch gebracht – der zeige „klare Kante“, spreche das „bürgerlich-liberale Lager“ an und bringe „eine gewisse Härte“ mit. Diese Personalie läge auf der Traditionslinie, nach der das Thema „innere Sicherheit“ auch innerhalb des „linken Lagers“ eher „von rechts“ besetzt wird. Im Wahlprogramm geben sich die Sozialdemokraten eher moderat: „Gewalt und Angst haben in dieser Stadt keinen Platz“, die Polizei sei „freundlich, modern, bürgernah und leistungsfähig“, „statt Ängste zu schüren und Panik zu streuen, ist die Berliner Innenpolitik erfreulich unaufgeregt“, „während andere mediale Drohkulissen von islamistischem Terrorismus und linksextremen Brandstiftern aufbauen“. Da kann man einerseits aus eigener Anschauung zu einer ganz anderen, viel kritischeren Bilanz kommen. Und andererseits ist nicht gesagt, dass die SPD hier nicht doch noch im Wahlkampf ihre „Unaufgeregtheit“ ablegt. (tos, Foto: walls_of_fame, CC BY-NC-SA 2.0)

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Berliner Wasser

Das Thema Wasser hält die Berliner Landespolitik weiter auf Trab. Ein paar Wochen nach dem Volksentscheid (von der Linken aus Koalitionsdisziplin nicht unterstützt, sondern eher geduldet), der die komplette Offenlegung der Privatisierungsverträge der Berliner Wasserbetriebe erzwungen hatte, wird nun geprüft, ob diese Verträge EU-Recht verletzt haben. Die Initiative dazu geht von der Antikorruptions-Organisation Tranparency International und von der Verbraucherzentrale aus. Die haben sich an die EU gewandt, nachdem eine Juristeninitiative bei der Prüfung der offengelegten Verträge zwischen dem Land Berlin und den Investoren RWE und Veolia Hinweise auf Rechtsverstöße entdeckt hat. Dabei dreht es sich vor allem um die den Käufern garantierten Gewinne und und die fehlende Ausschreibung. Schließt sich die EU dieser Auffassung an, könnten die Neuverhandlung oder gar die Rückabwicklung der einst vom CDU/SPD-Senat ausgehandelten Verträge die Folge sein.

Damit wird – wenngleich mit anderen Mitteln – ein politisches Ziel unterstützt, das Wirtschaftssenator Harald Wolf von der Linkspartei seit geraumer Zeit verfolgt. Er will erreichen, dass das Land Berlin die veräußerten Anteile zurückkauft. Das ist einerseits eine Frage des politischen Willens, andererseits eine Frage des Preises. Kritik aus Brüssel am Zustandekommen des Vertrages könnte da helfen. Allerdings wird der Rückkauf – wenn er je zustande kommt – seine Zeit brauchen; vor der Wahl des Abgeordnetenhauses im September wird sich da kaum etwas bewegen. Denn die Mühlen der EU mahlen langsam, die Gespräche mit RWE und Veolia sind schwierig, und der Wahlkampf ist auch kein gutes Umfeld für ein solches Projekt. Im Wahlkampf geht es weniger ums komplizierte EU-Recht als vielmehr ganz bürgernah um die Wasserpreise. Und da beharken sich Wolf und Finanzsenator Nußbaum (SPD) und schieben einander die Verantwortung dafür zu, dass die Berliner Wasserpreise noch nicht gesenkt wurden.

Ob am Ende die Linke als Senatspartei noch etwas mit einer Reprivatisierung zu tun haben wird, steht in den Sternen. Nach einem kleinen Umfragezuwachs auf 14 Prozent ist eine rot-rote Mehrheit wieder denkbar, aber bis zur Wahl kann sich noch viel bewegen. Und wem Klaus Wowereit dann den Verzug gibt, weiß heute niemand. Er schlägt einerseits versöhnlichere Töne gegenüber der Linken an, versucht aber auch, die Grünen bei Laune zu halten. Dass er selbst an der Spitze bleibt, scheint für ihn schon beschlossene Sache zu sein. Jedenfalls erzählte er dieser Tage der Hauptstadtpresse, was er mit dem Landeshaushalt 2016 vorhat. (wh)

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